Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 76 (17.9.1893)
- Date
- 1893-09-17
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/4886575-5439157-5441451--0818-4887317- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite LXXVI. Beilage zum Freien Blatt, Vrgan zur Abwehr des Antisemitismus. ✓ . Wir kennen die Gründe: es sind weder physiologische nöch völkerkundliche, es sind gan; geschichtliche. Ter Jude hat lange nirgends Wurzel zu fassen vermocht. Womit waren die Sprößlinge Jacob's während Jahrhunderte auf der Erde Europas zu vergleiche«? Mit taubem Gras, das mit jeder Jahreszeit die Hand des feindseligen Gäters ansrcißt; oder auch dort, wo wir ihre Anwesenheitduldeten, mit Topfpflanzen, die unablässig vom Platze gerückt wurden, mit dürftigen Stauden im Hübel, die. nicht die Freiheit hatten, im Erdboden anzuwurzeln. Fast überall stand fest, Saß der Jude bloß ein durch Tulduug zugelassener Gast auf dem Turchzug war: in manchem Sande mußte er sich alljährlich das Aufenlhaltsrccht um ein, schönes Stück Geld erkaufen. In Rom, das enie Art Aufbewahrnngsftättc für die alten. Gebräuche bildete, waren die Juden jedes Jahr nach der Fastenzeit verhalten, sich auf dem Eapitol die Ermächtigung zu einem weiteren Jahreöaufenthalt in ihrem jahrhunderteallen Ghetto feierlich zn erbitten. Und dieses Gesuch mußten sic demüthig mehrmals wiederholen: die Supplik der Ebrei wurde, nachdem sie an den capilolinischen Trevpenabsatzcn unten zurückgewiesen worden, erst auf der Höhe des gcheiliglcu clivus entgegengenommen. Sorglich abseits von ihren christlichen Rachbarn verwiesen, musitcn die Juden unter einander leben und zwei oder drei Generationen Freiheit haben diese Gewohnheit bei ihnen nicht gänzlich zu beseitigen vermocht. In manchen Gegenden sind sie übrigens durch das Gesetz oder die Sitten, die ausschließlicher als das Gesetz, beule noch zur Absonderung gezwungen. Allemal, wenn der Jude den Persuch machte, ans der Ilidcnschasl hcrauszutrcten und seinen nationalen Particularismus abznschütteln, wurde er in Güte oder mit Gewalt' wieder dahin zurückgebracht, sowie ihn heute die russische Polizei beim -tragen nimmt und wieder znrückführt. Es gebärt unsererseits viel Einfalt dazu, um uns zu wundern, daß das Bächlein Jacobs feine Gemäuer noch nicht überall mit den großen Strömen des modernen vebens vermischt hat, nachdem wir zn seiner Ableitung über und über Tämine und Wehren errichtet haben. Keine Race und keine Religion hat einen derartigen Elangeist gezeigt, wie Israel, weil keine so behandelt worden isi, wie Israel. Ter Fall ist übrigens nicht so cigcnthümlich, wie man ihil! gerne binsicllt. Andere Bckenntnißgruppcn haben aus ähnlichen! Gründen eine ähnliche Erscheinung dargeboten. Und zwar selbst; außerhalb des Tricnles, abgesehen von den .Kopten, Armeniern,! Parsis, Trusen, von Glaubcnsculten und Kirchen, welche eine Art > Rationalität bilden. Es isi dies nämlich in minderem Grade bei i fin'r allen religiösen Minderheiten der Fall, besonders bei jenen, j weiche grausame Verfolgungen erduldet haben.'So ist es in Frankj reich mit den Protestanten, ist cs anderswo mit den Katholiken; gewesen, obwohl zwischen Katholiken und Protestanten kein Race | nnler'chied bewand. Plan hat gan; richtig von einer Psychologie! der religiösen Minderheiten gesprochen: diese Art von Particulaj rismus isi einer ihrer hcrvortretendsten Züge; es bedarf, um ihn j zu verwischen, nichts (Geringeren, als eines langandaucrndcn Besitzes; der Freiheit. | Tic Geschichte liefert dafür nur allzll viele Beispiele. Ter Religionsunterschicd und die gegenseitige Unduldung genügen, um alis Menscheit desselben Blutes feindliche, eiumi-cr beiimhe fremde Stämme zu machen. Ilnd die. Spure» der alten Abgrenzungen X i'.-ic unubÜLlidje lieremcnie fnnt noch nach -1*.'» statt: ne iü liniere«! SSii'ens erst unter tz ns IX. ahgeichänt worben. > Liehe beiivieloiveii'e Mendels iohn Bartholdn „Rei>ebrie?e aus den'Fahren —1 reipsig: Mendelsioiin j!*>;:>. 2 1-j-j. . I bleiben oft nach dem Erlöschen des Hasses, der sie gezogen, in den Sitten zurück. Man sehe bei lms in Frankreich die Protestanten. Heute, wo zwischen ihnen und uns die Scheidewände der Verordnungen und die Schranken der Borurtheile gefallen sind, wo in,allen Schulen ihre Kinder hart neben den unserigen sitzen, scheinen die französischen Protestanten uns Katholiken gegenüber bisweilen eine gewisse puritanische Steifheit zu bewahren, welche nicht im französischen Temperamente liegt. Sie scheinen uns in ihren Manieren, dem Toil ihrer Sprache oder in ihrem Geisteswesen etwas gewisses Fremdes zu haben, etwas Schweizerisches, Gcnferisches, will ich mangels eines anderen Wortes sagen. Ich habe skeptische Pariser gekannt,, die zufällig unter protestantische Landsleute hineiygerathen, sich ganz unheimlich fühlten, da ihr Thr nicht an das, was man scherzhaft das Platt von Kanaan genannt hat, gewöhnt war. Und doch sind unsere Protestanten, obgleich ihrer Biele von jenseits des Rheins oder dcö Juras zu' uns gekommen oder zurückgekehrt, oft ebenso guten französischen Blutes, wie die alten katholischen Familien, und es iväre übel bcrathen, wer sich beikommen ließe, ihren Patriotismus zu beargwöhnen. Bon den Presbyterianern Irlands oder den Katholiken der Ricdcrlande bis zu den Ealvinisten Ungarns, den Waldensern Piemonts und manchen Raskolnikis Rußlands könnte inan viele ähnliche Beispiel anführen. Wenn also zwischen Christen derselben Race und desselben Landes die Berschicdenheit der Secten solchermaßen äußere Unterschiede in Sprechweise, Manieren, Wesen hervorzubringcn vermochte, wie sollte da der Jude, der Semit fremden Ursprungs, der strenge abseits der Christen gehalten worden, nicht den Stempel seiner jahrhundertelangen Absonderung bewahren? Richt daß in so' vielen Gegenden Israel auf der Tberflächc der christlichen .Nationen gleichsam stehende Lachen bildet, setzt mich in Verwunderung, sondern daß es im Gcgenthcil den Juden in so vielen Ländern gelungen ist, sich mit uns so rasch zn assimilircn. Selbst in den Gegenden, wo sich die Juden am wenigsten mit den Christen vermischten, haben ihre Sillen mehr, als man sich vor ftcllt, den. Einfluß der benachbarten Heiden erfahren. In dieser ' Hinsicht muß man vor einer oberflächlichen Beobachtung auf der Hulh sein. Will man den Juden und den Ehristen, den Semiten lind den Arier mit zwei chemischen Körpern vergleichen und einander gcgcnüberstellcn, so ist derjenige, welcher am schnellsten und tiefsten den Anderen angreift, nicht der Semit, es ist der Arier. Tie Juden haben nirgends, selbst dort nicht, wo sie, länger und zahlreicher sich aufgehältcn, ein christliches Volk entnationalisirt, wie Polen, Klcinrußland, Ungarn bezeugen. Im Gcgenthcil, in fast allen Staaten haben die Kinder Jacob'» die Einwirkung der Heiden verspürt und Sprache, Gebräuche, Tracht ihrer chrift lirfK» Rachbarn derart angenommen, daß sie oft nach Jahrhunderten Verbannung das Gepräge der von ihren Vätern bewohnten Länder bewahren. Tas trifft für die Israeliten des Nordens wie für jcyc des. Südens zu, für die deutschen ebensowohl, wie für. die portugiesischen Juden. Woher kommt thatsächlich diese-Unterscheidung zwischen Askenazim und Scphardim, diese Art von histo rischem Schisina, welches Israel in zwei ungleiche Stümpfe zer hauen hat? Hat sic nichts mit den Jacobs-Stämmen zu thun? Durchaus'nichts. Es isi eine ganz nationale, ganz geographische Unterscheidung, eher arisch als semitisch; sic ist einzig und allein auf den Stempel zurückzuführcn', welchen die Nation«! den Rachkommen Abraham'ö aufgedrückl haben. (Zoris-tzung folgt.) Man abonnirt das Freie Blatt in der Administration, Wien, I., Scilerstätte 1<< Abonncmentspreis: ganzjährig ö. W. 2 fl. 50 kr., halbjährig 1 fl. 25 kr., vierteljährig 05 kr. Herausgeber: Eruii Pietor Zenker. — Verantwortlicher Redacteur: Foiet Borwahlner. — Druck von Lh. Reißer & M. Werlhner, Wien.