Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 76 (17.9.1893)
- Date
- 1893-09-17
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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feite LXXIV. Leilage 311m Freien Blatt. (Organ zur Abwehr des Antisemitismus. des x\u&i'i!U)iiiik\ 2if zählt unter &cu dreizehn Artikeln des C>'lanbensbekennlni''cs dxs Maimonides noch die »leisten Glänbigcn. Was ift nun die Messiaslehre und wie saßt man sic bei Inden ans? Israel bat während zweitausend fahren nttck) dein Lohne David's geruien, welcher das Reich der (Gerechtigkeit und des Frmdens ans Erden bringen sollie. Ecgibt Inden, die immer ^ckoch seiner harren, die Meinen jedoch sines niiidc geworden, seine Ankunft anznrnsen. Ihre Hosinnng in allzu vN durch falsche Mesnase ge läuschl worden, sie haben;n viel geglaubt, um noch zu glauben. Sellin die Rabbiner haben ein Vächeln für die Inden von Tibcrias, weiche in Erwartung der Geburt deo Gesalbten des Herrn ihre brennende t'ampe bereit hallen — oder für die Inden wo» Lased, lvelche erwartungsvoll am Fuße deo Berges versammelt sind, auf ivelckiem der Lvrößling Jene s feinen Thron anfschlagen soll. Gar weniiw glauben mehr an den Mcfnasin Fleisch und B>nl, den Wiederbernetler des Reiches Israels, welcher die Herrschaft Iacob's über die Well begründen sollte. Es in schon lange her, daß die Lckiri'lgelebrlcn an ihm;n zweifeln begonnen haben. Tic hart -nackig glänbigcn Inden geben darob noch nicht die Hoffnung auf den Befreier auf, welcher Recht und Billigkeit ans Erden zum Liege verhelfen soll. An den Wänden gewisser Llinagogcn Galt ziens' nellen naive Malereien die prophetischen Linnbilder dar, Wo.' nild vamm, die nebcncinander weiden. Ter -Jude bat sich wie der Ehrist entschlossen, diese Ber heißungen seiner Lelier ans Linnbilder zu beschränken. Unsere >iirckienväler haben ihm doch oft genug vorgclvorfen, der Lclave des Bllchnabcns zn fein und die Bscissagniuzkn zn versinnlichen. 'Run saßt er ne 'einerseits im übersinnlichen Linne ans und wahrt ihnen dabei eine zeitliche Bedenlnng. Für ihn ist -der ans dem Xarnicl oder dem Moria angekündigte Friedenssürst, die Lonne der (Gerechtigkeit, weder ein >iönig, noch ein Eroberer, noch ein Meaiich überhaupt, sondern eine Epoche, eine neue, Israel und der Menschheit verheißene z'tzera. Fnr manche seiner Rabbiner in der Messias, ivenn schon ein lebendes Wesen, der Messias-Lieger wie der Meinas Tnlöer. der ( hristndes Icsaias, Israel selbst, Israel, die venchle der Welt, einmal verfolgt nnd.gedemüthigt, dann -wieder befreit und verherrlicht. Für die Meisten nnscrer Inden des Deeidenles in dies nur eine Linnbildgenall von der Ankunft ^der Menschheit, ein verschleiertes Traningenchl der herrlichen c-'eichicke, welche der Raee Adam's Vorbehalten sind. Der Meinas Eroberer zn Bär >ioscheba erscheint ihnen nur . mehr eine Enlarlnng des prophetischen Messiaslhnms. - Was die Rebi's Inda's in der Ferne der Zeilen erblickten, war wollt d<ts Reich der Gerechtigkeit, das Reich Ieho.vah's auf Erden: allein das Reich Iebovah's unter den Menschen, wird nicht durch einen-.ans dem Stamme Jenes hervorgegangenen Herrscher mir den Wanen in der Hand eingesetzt werden: es wird die Friedenserobernng der Wnsenschast, das natürliche Ziel der Eivi liiation sein, welche langsam ans dem We«zr' nach dem Gnten und cksechlen begriffen ist. Was Iesaias geschaut, ist wahr gewesen, und die Berheißtingen des Ainos und des Zacharias waren kein eitel Wort: doch das Jerusalem der Zukunft, zn dem die Propheten im Geilte die Böller hinanwallen sahen, wird nicht die ans dem Zions Hügel ivieder alifgebanie-Lladt ails Stein,^ sondern die Idealstadt sein, wo alle Menschenkinder als Brüder wohnen werden. Ties in nie die weitaus infiftcn zeitgenössische» Inden der Messias: und diesen Mfssias kenneii wir! Wir besitze» einen Rainen-, für ihn: seiner harren auch wir, ihn rufen auch wir mit all unseren Wünsck>en herbei. Tie arischen Manen ngnnen ihn den Fortschritt: er in ein moderner Meinas,. zn welchem die ungläubige Menge nuferer Hanplnädle einen ebenso blinden Glauben hegt, wie ehedem die Inden an die Ankunft des Befreiers, des Lohnes David's, glaubten. Dieser Glanbe kommt uns allerdings nicht nnmiltelbar von Israel: vielmehr haben wir ihn. bei ihm erweckt. Er schlummerte in seinen Büchern, er ruhte dort in latentem Zustande, bevor Diderot und Eondoreet ihn den Rationen enthüllt und in der Welt verbreitet haben. Alleln, sofort nachdem die Revolution ihn verkündigt und zuerst auf die Juden angewendet hatte, erkannten diese ihn wieder und beanspruchten ihn als ein Bermächtniß ihrer Ahnen von Israel. Sie lasen die Bibel beim dichte der Eneyklopädie, und entdeckten bei den Propheten, was die profanen Seher der Heiden ankündigten.- Bei ihnen vermischte sich das alte Glaubensdogma der Messiaslehre mit dem neuen philosophischen Dogma von' der menschlichen Pervollkommnnng. Solchergestalt fand, sich def Jude am Tage, wo er in unsere Enltnr einlrat, bereit, deren kühnste Hosfnungen zu den seinigen zu machen. Und solchergestalt schien das alte Indenthnm durch die Wissenschaft bestätigt und durch die moderne Forschung verjüngt. Die Synagoge, welche für immerdar in ihren veralteten Riten versteinert erschien, vermochte vor ihren Kindern als die Religion des Fortschrittes';n erscheinen und sich zn rühmen, um zwei- oder dreitausend Jahre den Weisen der Rationen zuvorgekoinnlen zu sein. Der Fortschritt, er ist für den modernen Israeliten der wahre Messias, jener, dessen künftige Thronbesteigniig er mit seinen Hosiannas begrüßt-i Dies ist der Glaube des Rrujudenthums, dies das Ideal der Juden. In ihrer Hast begnügen sich Biele nicht mit dem Worte: „Der Messias wird kommen", sondern sie sagen: „Der Messias kommt, der Messias ist da." Für sie stehen wir bereits ans der Schwelle der messianischen Aera. Die Revolution war die Borrede dazu, unsere Menschenrechte, deren Manifest, und das Zeichen dazu haben der Welt damals, anstatt der Trompete des Erzengels der alten Offenbarungen, die Trommeln unserer Loldaien gegeben, als beim Anmarsch unserer dreifarbigen Fahne die Kastenschranken und die Gdettoinanern znsainmcnstürzten. Die mcssianische Aera steht offen; allein in einigen sieben Jahren wird das Antlitz der Well nicht erneitert werden, und werden die Bisionen der Propheten nicht in Erfüllung gehen. Wie viele Hindernisse sind nock, zu überwinden! Wie viel Finsterniß noch zu zerstreuen! Der befreite Jude setzt seinen Ruhm hinein, daran zu arbeiten, indem er die veralteten Hierarchien angrcift, die Bornrtheile bekriegt, die -Tsscnsivsiößc der Bcrgangcnhcil znrückweist und sich es mit' einer bisweilen vermessene» Ucbcrstürznng angelegen sein läßt, den künftigen Revolutionen den Weg zn bahnen, da er allzu oft die Bewegung mit dem Fortschritt und das Riederreißen der Gegenwart mit dem Aufbancn der Znknnft verwechselt, da er allzu bereit ist, Alles, was ihn an die Bergangcnycil erinnert, als Feind zu behandeln, allzu geneigt;nm Zerstören unter dem Borwand wieder anfzubancn, der llcbcrlicfcrnug zn viel Mißtrauen und der Renernng zu viel Bcrlrauen entgegenbringt, einen vielleicht übermäßigen Glauben an dle Bcrnunft, die Wissenschaft, der Rcichthnm hegt und nicht genügend der sittlichen Bedingnngcn, der ewigen Fortsclfritlsbkdillgungen der inenschliche» Gesellschaft, eingedenk bleibt. Lo ist der Jude und der neue jüdische Geist. Das ist denn gar weil vom christlichen Geist;'bei dessen Anlipoden, scheint cs.. Bielleichl nicht so sehr, als uns vorkommt. Leit langem zählt die Vehre vom tausendjährigen Reich, die christliche Form der alten Mcssiaslcbre, unter den Ehristen wenig Anhänger. Das Ehristcnthnm hat jedoch deshalb nicht ans alle Hoffnung, ans das Reich Gottes hicnieden verzichtet. Denn auch cs hat den Kindern Adam's das Reich Gottes verheißen: und der Christ, der weiß, daß Her Messias gekommen ist, weiß auch wohl, daß sein Reich ans Erden noch nicht begründet ist und erfleht unablässig dessen Ei-richtnng. Die Jahrhunderte hindurch ist auf den Rippen der Ehristen das Gebet geblieben, das vom Berge Galiläas hcrabgckommcn: Adveniat ivjrjium tum»! Und was liegt Alles in diesem Wunsche, den uns der lebendige Messias gelehrt, besonders wenn man nach dem Fia, yolunta> tun das Sicut in coelo et in terra hinznfügt! Auf