Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 76 (17.9.1893)
- Date
- 1893-09-17
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. N,. 76 freier Wir könnten »och eine große Anzahl von Aussprüchen antisemitischer Größen über ihre Gesinnungsgenossen anstihren; doch wird wohl schon das zur Probe Mitgetheilke genügen. Air wollen zum Schluß nur noch die Worte eines der bekannteste» Judengegner wiedergeben, welcher schreibt: „Ich bin ein alter Parteigänger, aber nie habe ich inebr Erzschelmcnbande gesunden als unter den heutigen Gcschüftsanliicmtten." Man sicht, die berühmten Judenfeinde sprechen in ihrer «Gereiztheit von einander in viel schärferen Ausdrücken, als die Gegner des Antisemitismus es ihnen gegenüber zu thuln pflegen. Wir haben manchmal kaum gewagt, die betreffenden Worte ivicdcrzugcben. Aber wir glaubten, unseren Lesern diese Zeugnisse cingcmcihter Männer über die heiuigc Jndenbctzc nicht vorenthaltcn zu dürfen, da sie besicr als vieles Andere die ganze Sache beleuchten. —Es gibt ja allerlei seltsame Wege, sein täglich Brot zu verdienen, aber kein Broterwerb kann wohl niedriger und unsittlicher sein als die gcschäjlsinäßige Untergrabung der Eintracht unter den Bürgern desselben Staates. Der Menschen 'rennd kann nur mit tiefem stummer von solchen Erscheinungen steuntniß nehmen. Flugschriften.) Durch die Administratioii des „Freien Blattes" ^Wicn, >., Seilerstätte 10) können Gesinnungsgcnoffen folgende Broschüren gratis und franco beziehen: 1. Bericht der zweiten G c ii e r a I v e r s a in in l u n g des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus l*'02. 2. Stenographisches Protokoll der am 13. Selobcr 1>02 vom Verein zur Abwehr des Antisemitismus veranstalteten Protcstversammlung 3. „Tie rechtliche Stellung der Inden in Sen er re ich" von Tr. Gustav Heinrich Fall. Wien 1*02. Bcrlag des Bcrcincs zur Abwehr des Antisemitisnius. 4. Bericht der drillen Generalversammlung des Vereines za: Abwehr des Antiscuiilismus 1*03. — Umi Wcitcrverbrcitung dieser* Schri'ien unter R i ch t gesinnungsgenosscn wird gebeten! Ter Alisiiahmszilstand in Prag.) Tie Verordnung des Äc- 'amniiininisieiinins vom 12 September, mit welcher für. Prag und die politischen Bezirke Weinberge, E a r o l i n c n l h a l und S m ichow die Artikel 12 und 13 des StaatsgrundgesetzeS über die allgemeinen Rechte der Staatsbürger suspendirl wurden, bleibt natürlich auch aus die anlisciuitische Propaganda nicht ohne empfindlichen Einfuti? ^»nachü bat die Statthalterei das weitere -Erscheinen der radical t>ck,echischcn Blätter, darunter auch der antisemitischen „Reodvis- U'i't", bis aus weiteres eingestellt und dem gleichfalls.antisemitischen „ T c n l sch e n P o l k s b o l c n", einem Prager Studentenblättchen Schöncrer'icher Richtung, aufgetragen, ihre Pflichtexemplare drei Stunden vor der Ausgabe der Prcßbehörde zur» amtlichen Durchsicht vorinlHen. Bezeichnend ist es, daß das Wiener Srgan jener Partei, die ihr Programm nur mittelst Ansnahmsgesctzc gegen die, Juden durchfuhren könnte, die Verordnung deS Gcsammtministeriums eben als Ausnahmsgesetz perhorrcscirl und daß dieses sich eben wieder wüthcnd d c n l s ch n a l i o n a l geberdende Blatt als einzige Rcmcdur der böhmischen Vcrhältniffe vollständige Erfüllung der jungtschechischen Tesidericn, obenan die böhmische K.ö n i g s k r ö n u n g verlangt. , ' Tic Arbeiter uns der Antisemitismns.) Am 12. September i'ar.d ui Reich enbcrg eine socialdcmokratische Versammlung statt, ivelet-e entschieden Front gegen die christlich-socialen Best r e! ii »ij c ii machte. Kiesewetter entrollte hiebei das socialistische Programm. Es sei lächerlich, für das Elend der Gegenwart die Juden vcran.in örtlich zu machen. Auch in Ländern, wo keine Jüdcn existiren, herrsche Eiend. Tcr'Rcdner sprach gegen die Aufhebung deS Hausirhandels u.itgegen den Befähigungsnachweis. Schließlich wurde eine Resolution angenommen, an hem Programme der socialdcmokratischen Arbeiterpartei seüznhalten. Sturm siegen die Hilden.- Tie „Xürock ui Poliika“ brachte unter Kt Spitzmarke -Bure proti zidüm" einen Bericht aus st ar Ist ein, nach w-lchcm in einem nahe gelegenen Torfe ein Jude ein unsittliches Attentat verübt haben soll. Tic Bevölkerung sei darüber so aufgeregt, daß süinmtliche Juden der tagend angegriffen werden. Tas System des Gcncralisirens wird eben immer und überall nur gegen die J-ndcn augcweiidet. Tie scheußlichsten Verbrechen, die von Richtjuden verübt werden — wir erinnern an. die gewerbsmäßige Verstümmelung von Kindern in B iskup ec, an den in jüngster Zeit verübten Maffenmord in Hold mezö-Vasarhely — rufen keine Erbitterung gegen die GlaubcnSgenoffcn der Verbrecher hervor. Beansprucht aber ein Jude auch einmal sein „Recht auf die Schlechtigkeit" dann ist plötzlich das ganze Volk aufgeregt und bedroht Leben und Eigenthum' einer ganzen Gemeinde. Blatt. („'Kaust nicht bei den Juden, unseren Feinden!") Aus Mähren erhalten mir folgende Zuschrift: Die Agitationsreiscn des StampiglicnschnciderS tragen ihre Früchte. Dieser Tage fanden rn Gaya die Gemcindcwahlcn statt, wobei sich Tschechen und Deutsche als Candidaieo gcgcnüberstanden. Tie Wahlagitation trieb bei diesem Anlässe die schönsten Blüthen. Unter Anderem griffen die „Christlichsocialtschechischfreisinnigen" zu einem Agitationsmittel, wie eS nicht häßlicher in seiner Art sein kann. Sie klebten zur Nachtzeit kleine, rückwärts bereits geleimte Plakatchen an die Häuser und Gartenzäune, welche auf tiefschwarzem Grunde im hellsten Weiß ein Krcuz> einen Todtenkopf und darunter die gekrenztcn Todtengebcine als „Illustration" zeigen. Wie dieser bildliche Text zu verstehen ist, erhellt aus dem tschechischen Sprüchlein: Nekupujte od Zidü uaSieh to nephilel! welches darunter steht und zu deutsch lautet: „Kauft nicht bei den Juden, unseren Feinden!" So weit also hätte cS der tschechische Freisinn gebracht, und die Wiener .Herren werden bald zu uns in die Lehre kommen dürfen. Wehe, wenn sich deutsche GeisteSverirrung mit husitischcr Rohheit paart! (Tie Thätigkeit der Baron Hirsch - Stiftung.) Aus dem in diesem Blatte bereits des Eingehenderen besprochenen „Bericht des Curatoriunis der Baron Hirsch-Stiftung" für das Verwaltungsjahr 1802 heben wir noch hervor, waS sich auf die erfolgreiche Thätigkeit des Vereines zur Förderung der Handwerke unter den Juden in Galizien bezieht. Tie von der Israelitischen Allianz vor vier Jahren gegründete Handwerkerschulc in Krakau wurde, nach entsprechender Erweiterung und Ilmgestaltung, in die Verwaltung der Stiftung übernommen. Tie beiden Werkstätten (Schlosser- und Tischlcrmcrkstätte) wurden von 57 Zöglingen besucht, und zwar die Schlosserei von 34 und die Tischlerei von 23. Außerdem gründete die Siislung eine Schlosserwerkstättc in Rzcszow, die von 16 Zöglingen besucht wird, und eine Korbflcchterschnle in Miclec. Als Handwcrkslchrlinge sind augenblicklich in Galizien und der Bukowina (in 24 Ortschaften) 354 Zöglinge bei Handwerkern untcrgebrachl, die, wie der Bericht hcrvorhcbt, seit Anbeginn bei ihren;nmeist schweren Arbeiten ausharren. Belehrend ist auch die Eintheilung der Zöglinge nach den Fächern. Tie bei Handwerkern beschäftigten 354 Zöglinge sind im Ganzen in 37 verschiedenen HandwcrkSzweigcn thärig. Am zahlreichsten sind die Tischler (89); dann kommen Schlosser (52/, Klempner (37), Drechsler (23), Schneider (21), Gclbgicßcr I 16), Tapezierer (15), Schuhmacher gibt cs merkwürdigerweise nur 3. Tic übrigen Fächer, wie Buchdrucker, Schildermaler, Koffcrmacher, Gerber, Bürstenbinder, sind ivenig (mit 7, 5 oder 3 Lehrlingen) vertreten. Am geringsten ist die Betheiligung der Posamentircr, Messerschmiede, Glaser, KachelfabrikSlehrlinge, Kupferschmiede, Böttcher, Seiler, Kürschner und Photographen (mit je 1 Lehrling). Schon ans dieser oberflächlichen^ Zusammenstellung sieht man, wie viel es mit der Fabel von der Abneigung der Juden gegen schwere, physische Arbeit auf sich hat. Gerade die anstrengendsten Arbeiten (wie Tischlerei, Schlosserei u. s. w.) haben den meisten Zuspruch, während die weniger anstrengenden (wie Photographie, Glaserei n. s. w.) geringere Bethciligung fanden. In den verschiedenen galizischen Fachschulen sind 24 Schüler untcrgcbracht, und zwar in den Fachschulen für Holzindustrie in Zakopane und Saybnsch je 1, ferner sin den Webcschulcn in Gliniann (10), Krosno <7), Kossow (4) und Wilamowice (1). Außerdem besucht eine Schülerin die Fachschule des Francnerwerbvereines in Wien. Fügt man noch hinzu, daß die Stiftung 49 Gewcrbeschülcr (in Lemberg, Bielitz, Czernowitz, Krakau und Wien) subvcntionirt und 9 Zöglinge Pcim Ackerbau^ unterbringt (und zwar bei cineni praktischen Landwirth in Skowicrzyn und in der landwirthschaftlichen Schule in Ezernowitz), so ergibt sich, daß im Ganzen 530 Kinder aus Stiftungs- Mitteln dem Handwerk und Ackerbau zugcführt werden. Die Ausgaben der Stiftung belaufen sich im Ganzen auf etwa 137.000 fl. Davon wurden auf Volksschulen 43.000, auf Handw erkerschulcn 21.000 fl. verwendet. Tie Verwaltungskosten betragen gegen 18.000 fl. (Ein FrikdcnSWort ans Rom.) In der mit größter Spannung erwarteten und mit lebhaftestem Interesse aufgcnommcnen Encyklica des Papstes an die ungarischen Bis chöfe, die auch in jeder anderen Beziehung den Geist des Friedens athmet, findet sich auch folgende bezeichnende Stelle: „Was die fruchtbringende Thätigkeit eures .Elerns betrifft, so ist eS ein besonderes Bedürfniß, ehrwürdige Brüder, daß in dessen Leitung eure Eintracht, in dessen Unterweisung eure Sorgfalt und Liebe, in Aufrcchterhaltung der Kirchenzucht eure Festigkeit besonders hervorleuchtc. Hingegen sollen alle Geistlichen ihren Bischöfen mit voller Treue anhängen, ihre Mahnungen annehmen, ihre Pläne und Unternchmungen fördern und sich in der Ausführung ihrer heiligen Aemtcr, in den Arbeiten für das ewige Heil der Menschen, von Liebe getrieben, stets bereitwillig erweisen. Da