Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 76 (17.9.1893)
- Date
- 1893-09-17
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 76. Freie» Blatt. Seite 3. ist. Leider sind die Gewerbetreibenden keineswegs geneigt, ihre wirthschaftliche Lage als die Wirkung eines sich nothwcndig vollziehenden RaturprocesscS zu betrachten. AuS Unwissenheit, nietr noch mit Absicht, ignorircn sie diese Thatsache und erklären daS Wachsthui» der Großindustrie als einen „willkürlichen" Eingriff in ihre Sphäre. Damit ist der Bode» für den Feldzug gegen die Fabrik gegeben. Die vollständige Aufsaugung des Kleinbetriebes steht aber »och keineswegs vor der Thür. Zahlreiche Gewerbe sind noch lebensfähig, wenn sie sich modernen Productionsformcn und einer rationellen Geschäftsführung anpasicn. Allerdings ist dicS nicht möglich, ohne mannigfache neue Kenntnisse zu erwerben, de» eingctrocknctcn Fleiß etwas auflcbcn zu laste» und die licbgcwordcnc Indole»; ein wenig zu unterdrücken. Es ist bedauerlich, constatiren zu, müssen, daß alle diese schönen Dinge wenig Aussicht haben, bei unserem Kleingewerbe Eingang zu finden. Es gibt eben zwei Wege, einen Ausgleich zwischen Klein- und Großbetrieb hcrbeizuführcn: die Ausbildung des crstcrcn zur Höhe des Großbetriebes oder ein Herabdrücken des lctzicrc» anf das Rivcau des Handwerkes. In Wort und Schrift, i» Versammlungcn und Broschüren ist den Gewerbetreibende» von den ersten Autoritäten bis zum Ucbcrdruß erklärt worden, daß nnr der erste Weg den gewünschten Erfolg haben kan»; trotzdem habe» sich die meisten Handwerker für den Rückschritt entschieden. Sic hoffen, durch die Bcrschürfung des Befähigungsnachweises und anderweitige Ausbildung der staatlichen Bevormundung anf gewerblichem und industriellem (Gebiete ihre Lage zu vcrbcstcr». Diese Lösung der Frage ist vom Standpunkte der augenblicklichen Bcguemlichkcit entschieden vorzuziehen; cs erfordert ohne Zweifel geringere Anstrengung, die Knebelung der Industrie mit kräftigen Flüchen »ns die Juden zu begleiten und dem besser Sitnirtcn das Leben sauer zu »lachen, als die Hebung der eigenen Tüchtigkeit durch Fleiß und AuSdaucr zu erzielen. Gewiß spielt dieses Motiv seine Rolle in der heutigen Gcwcrbebcweguug. Wir vermögen jedoch diese große Elaste nicht so u»gü»stig zu bcurtheilen, daß wir Faulheit uud Indolen; als die alleinigen ErklärungSgründc für die Richtung der heutigen. Strömung acccpliren. Wir werden vielmehr durch zahl reiche Erscheinungen zu der Annahme gedrängt, daß der Geist der Bevormundung in weiten Kreise» fruchtbaren Boden gefunden und die Gewerbcbcwcgung wesentlich beeinflußt hat. Robert Drill. (Ein weiterer Artikel folgt.) 2liitiseinmstche Führer. Bo» Dr. SB. Pohlma n ».*> Wie ein jeder Kenner der antisemitische» KampfcSart weiß, besteht dieselbe zum großen Thcile auS Angriffen auf einzelne Personen, die in Schriften aller Art und Versammlungen mit vollem Raine» ge »annt und mit Schmu» beworfen werden. Anstatt eine so wichtige Frage wistenschastlich zu behandeln, verlegt man sich auf daS be queincre und die Leser sowie die" Hörer mehr fesselnde persönliche Gebiet. Diese Kainpfesart ist eines ernsten und anständigen ManncS nnwürdig. ES mag ja Fälle geben, wo man nnbedingt Rainen ncilncn muß, aber diese Fälle sollten die Ausnahme bilden, und nnr iu wirklichen Zwangslagen sollte man, nach vorauSgcgangcncr reiflicher Erwägung, sich zur Rcnnnng von Rainen verstehen. Wenn wir daher von anliscmilischcn Führern reden wollen, so sei vorher bemerkt, daß wir nicht etwa nach antisemitischer Weise daS Privatleben derselben in Bezug auf intercffantc Einzelheiten durchforscht haben; wir wollen auch keine Rainen nennen, sondern nur einige gerichtlich festgcstelltc Thatsachen und mehrere von. antiscniitischcn Führern veröffentlichte Schriften erwähnen, die für die Bcurthcilung der ganzen antisemitischen Bewegung von Wichtigkeit sind. 'Man darf ja zwar »icmalö die Führer einer Partei mit der Partei selbst idcntificiren, aber immerhin besteht doch ein nicht zu übersehender Zusammenhang zwischen einer Partei und ihren Häuptern, Wir wollen gern zugebcn, daß einige der antisemitischen Führer wirklich an ihre Lehren glauben. Eö hat ja immer Männer gegeben, welche falschen Idealen mit einer Treue angehangen haben, die einer beffercn Sache würdig, gewesen wäre; aber viele, viele, die unter den Judenfeinden das große Wort führen, sind Männer, die selbst ein Antisemit im täglichen Lebe» meiden würde, wenn sie nicht als Führer der Partei anerkannt würden. Der AntiscmitismnS muß manche sittliche Blöße schonend verhüllen. Während der letzten sechs Monate haben wir uns nach amtlichen Meldungen folgende Thatsachen angcmerkt: *> Aus der empfehlenSwerthen Broschüre: „Da» Jiidenlhum und seine Feinde". <Heusers Verlag.) Neuwied und Berlin, 1893. 1. Der Rcdactcur eines vielgelesencn antisemitischen Blattes wird wegen gröblicher. Beleidigung mehrerer Beamten zn zwei Monaten Gcsängniß verurthcilt. 2. Ein hervorragender antisemitischer Führer wird wegen Unter' schlagung zu zwei Jahren Gcsängniß vcrnrthcilt. U. 'Ter Vorsteher -eines großen antisemitischen Vereines' muß wegen Unterschlagung flüchten. * 4. Einer der bekanntesten antisemitischen Führer wird wegen Beleidigung zu fünf Monate» Gcsängniß vcrnrthcilt: s). Ein von de» Antisemiten oft als Gewährsmann angeführier Judenfeind wird wegen Urkundenfälschüng zu zwei Mdnate» Gesäng»iß vcrnrthcilt. Diese nicht fortzulcngncndcn Thatsachen sind als» die Ausbeute eines halben Iahrcö. Wir müssen gestehen, daß wir keine Lust verspüre», nachzuforschcn, wie viel andere gerichtliche Bestrafungen bereits früher verhängt worden sind. Diese kleine Probe genügt wohl vollständig. ES ist für die Bcurthcilung der antisemitischen Führer sehr wichtig, zu sehen, wie zwei solche Führer, die bis dahin scheinbar selbstlos einem „hohen Ideal" gedient haben, sich auf das Heftigste zu befehden beginnen, sobald der Geldpunkt in Frage kommt. Durch nichts wird deutlicher bewiesen, daß bei den meisten Leitern der" Bewegung die Geldfrage alles Andere 'überwicgt. — Bor mir liege» einige Brochürcn, die von hervorragenden Judenfeinden gegen ebenso hervorragende Judenfeinde gerichtet worden sind. Bei der Lectüre dieser Schriften enthüllt sich dem Leser der tiefe Standpunkt vieler Iudenhasscr in seiner ganze» Rackthcit. Vom ckntiscmilischcn Standpunkt ans ist cs lebhaft zn beklagen, daß ,s>nrch solche persönlichen Zwistigkeiten die verborgensten Gedanken der betreffenden Männer ans Tageslicht kommen. Wer den Antisemitismus in seinem innersten Wesen kennen lernen will, dem sei die Lectüre solcher Fehdeschriftcn angelegentlich rmpfohlen.- Im Folgenden gebe» wir einige Aussprüche, nelche von hervorragende» Antisemiten über de» heutige» Antisemitismus und seine Führer gcthan sind: 1. „Ich bedauere de» Theil unserer deutschen Jugend und unseres Mittel- und Ktcinbürgcrstaudes, welcher durch die-heutigen Partei führerschaften aus dem semisischcn stiege» in die geichäsisankiieniiiiiche Traufezu gcrathen scheint." 2. „Ter moderne A nlisemilismns - > >» t>- F a tN i kg eich ä i i > ch windet Antisemitismus — ist für mich gegenstandslos geworden. Er belügt sich selbst, um andere zu belüge» und zn beschwindeln. Er- Miiln stet) auf wie der Frosch in der Fabel und wird wie dieser platzen. Sei ihm die Erde so schwer als möglich, daß er sobald nicht wieder ans stehen kann." Die beiden obige» Anssprüche rühren von einem Manne her. der eine große Anzahl von Broschüren gegen das Indenthum vervsseNtlicht hat und dessen.Schriften sogar im Ankiscniiten Katechismus emvsohlcn werden. Ist das nicht sehr bezeichnend?!>. Ein bekannter Judenfeind, zu denen echt anlisemilischrr sinnung Tansendc bewundernd cinporschen, schreibt über e'inen anii semitischen Führer, der sogar in den Reichstag gewählt wenden ist: „Es erscheint ein Mann aus der Bildsläche. der sich selbst als llr gcrmanc und Nraricr hinstcllt und uns die fnrchlbgrsten Tinge von der Bcrjudung des deutschen Volkes erzählt. Wenn nur ie.ne Bücher lese», wisicn wir nicht, ob wir mehrseine ansichweisende Phaniasie bewundern oder die Leute bedauern sollen, die solche Märchen glaube»." . 4e A»S derselbe» Schrift: „Tieic Geschichte ist für R. R. sehr einträglich gewesen: sie hat . nur einen Fehler — aber den lheilt ste mit allen seine» Geschichten — daß sie nicht ganz wahr ist." 5. An anderen Drten schreibt derselbe Vertaner über den be treffende» Antiscinitenführcr, derselbe arbeite den Social-sten in die Hände nnd sei weiter nichts als ein Gdscha^isantiscinil. Ferner lügt er hinzu, er kenne npchrere „waschechte Antisemiten", - die 'Wucher gcschäftc betrieben. Zum Schluß gesteht er selber ein: „Ter heutige Antiscmitisnius.muß in seiner Eonsegncn-z znr Auflehnung. gegen die staatliche Drdnung nnd daö Köziigthnin führen." (>. Der ehemalige Redaetcur einer viclgelcscnen antisemitischen Zeitung schreibt, über die jetzige» Führer der antisemitische» Bewegung' „Meine Broschüre soll vor Allem jene Virtuosen der Verstellung be leuchten, die cs so meisterhaft verstehen, unter "'einem Schwall von Phrasen ihren Eharaktcr zn werdcckcn und unter dein Deckmantelder Volksfreundlichkeil ihrer Eitelkeit, nnd Selbstsucht zn fröhnen " 7. Derselbe antisemitische Schriftsteller sagt an einer anderen Stelle: „Gerade ini Erntrum der Partei habe ich die Eharatlereigenschasien, die wir als ,jüdische' bezeichnen, verdammen und bekämpsen. vereinzelt oder zusammen fast -an jedem jener Herren eonstariren müssen." 8. Ferner heißt cs ebenda: „Leider ist unser densches Volk nahe daran, eine Beute von politischen Gauklern und Agitatoren zu werden." - 4