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Freies Blatt · 1893-09-17 · 76 (17.9.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
76 (17.9.1893)
Date
1893-09-17
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seit« 2. Nr. 76. Freie, behauptet, baj; er „selbst Augenzeuge war bei der A lisch l a ch i n ii g eines ch r i ft l i rf| e n ü i n b c 4, dessen Blut d e n Inden i ii ihren v e r ni e i n t l i ch e n rituellen Zwecken dienen sollte". TaS soll sich im Jahve 187!'» kur; vor den südlichen Citent in Cstrvwo, Goubcrnenieiit Dublin in Russisch-Polen, ereignet haben. Als Hauptperson, welche die Abschlachtung veranlaßt und geleitet habe, wurde ein Rabbiner in Cstrowo, genannt Jehoschua Ben h° Raw Schlobme Leb in' Lentschua (Sdhn des Rabbi Sehlohme Vcb in Veiitidma), als BoUstrecker des Aetes die beiden Schames \ Vcil>6ienen des gedachten Rabbiners genannt^ Schließlich wurde der (s'iiindbesii-er Sckiniel Tarier beschuldigt, baß' rr das Cpfer herbei geichant habe. Tuich diese Mmheilung wurden obgrnannte vier Personen als Mit schuldige an dein Per brechen des Mordes e v 11 ä r t: es wurde dadurch gegen diese Personen eine Ehrenbeleidignng nach 4>7 St. (>'.-B. begangen. In der Bornntersuchiing hat M.iier osienbar im Bewußtsein, daß er die von ihm aus den schnödesten Moiire» erhobene, ebenso gräßliche alö völlig erdichtete Beschuldigung überhaupt nicht verantworten könne, aus die Fragendes llniei'uckiiingsnchters, ob. er bekenne, den beanständeten Brief verfaßt und die Trncklegnug demselben veranlaßt;u Haben, jedwede Antwort verweigert. Tieies Schweigen konnte aber den Beschuldigten »nisoweniger entlasten, als Herr Tr. Josef Teckert, defsen diesbezügliche Aussage > ohl unbedingten l^lanben verdient, in der Borniiici'iickiuiig mit Bestimmtheit erklärt hat, daß ihm das in A4 läge gezogene schreiben von PaulnS Meyer, als derselbe Mitte April dieses Jahres nach Wien kam, rur Brröffentlichung! übergeben worden sei. Tie beiden Mnbeichuldigten, Pfarrer Teckerit und Toll, führten tu ihrer Bertheidiguug lediglich den Umstands an, daß sie die Mit ibeilnngen des Paulus Meyer für wahr gehalten hätten, obwohl Beide in Wirklichkeit wegen des ihnen bellannten Borlebens des Paulus Mener und mit Rücksicht auf vielfache ihnen ziigekoinmcnc Warnungen vor diesem Manne mehr als genügend Grund halten, den von demselben vorgebrachten Beschuldigungen das größte Mißtrauen enlgegenznbringen. In der Borunter- . 'uchung. >'o schließt die Anklageschrift, war den Herren Paulus Meyer, Tr. Joiei Teckert und Iran; Toll hinreichende Gelegenheit geboten,;n ihrer Entlastung den Beweis der Wahrheit für die in dem tuetimuiii'teii Briefe enthaltene Beschuldigung zu erbringen. Tiefer Beireis wurde aber von ihnen nicht rin mal an ge treten oder a n g e b o t e n, geschweige denn erbrach t. Es erscheint ’oinit die Antlage nach jeder Richtung Hin begründet. lieber, den Berlaüf und das Ergebniß der BerHandlung werden wir in nächster Rümmer berichten. ^cfcil^iaung5naci?weis und Oerluandles. i. Tie ,trage der Oreorganisation des Handwerkes steht zwar schon large aus der TagesKdiiung; sie ist aber heute actuelltr denn je, weil eö einer Partei, die stets in die Bergangenheit blickt, gelungen ist, einen großen Theil der unmittelbar Betheiligten an sich zu fesieln, von der uaturgeuiäßen Reformthäiigkeit abznlenken und dem Befähigungsnachweis, beziehungsweise. seiner Berschärfung und ähnlichen Jnstrtniionen in diesen Kreisen den Ruf eines unfehlbaren.Heilmittels;n oericho.ssen Tgß sich die Feudal-Elericalen an das Kleingewerbe heraugedrangt haben, um die „.Rettung" desiselben zu nionopolisiren, wird Rieinanden Wunder nehmen, der in der Geschichte früherer Zeiten einigermaßen bewandert ist. Tiefe Herren habet« es immer ausgezeichnet verstanden, dem Bürger Himmel und Erde zu versprechen, um dafür seine Tienste zu gewinnen, daS gegebene Wort aber nur dann eingelöst,. wenn dies in ihrem eigenen Interesse lag. Aus letzterem Grunde ist es uns nicht gestattet, auch nur den leisesten Zweifel in die Aufrichtigkeit ihrer Bestrebungen um die Wiedereinführung des Zunftzwanges zu setzen. Weniger selbstverständlich dünkt uns die Thatsache, daß heute, in, unserem „aufgeklärten" Zeitalter, der kleine Mann diese Bnndesgenossenschast aeceptirt hat, in welcher nunmehr die divergenlesten Interessen und Parteien vorzufinden sind, von welchen stets die eine auf Kosten der anderen an Reichthum und Macht zugenoninien hat.. Tas Räthselhafte dieser Erscheinung schwindet allerdings sofort, wenn inan sich bemüht, die historische Entwicklung zur Erklärung heranzuzichcn. Wie ich später nachzuweisen versuchen werde, ist die Bevölkerung insbesondere durch Imponderabilien für den Befähigungsnachweis und Beschränkungen aller Art, in welche auch die Ziele des Blatt. Antisemitismus einzureihen sind, präparirt worden. Ausschlaggebend, für jenes unnatürlichste aller Eouipromisse war bei dem gänzlichen Mangel gemeinschaftlicher Interessen der beiderseitige Antagonismus gegen die moderne Entwicklung der materiellen Eultur, der Haß gegen Fabrikation und Großhandel. Dieser Gegensatz, dev nicht von gestern datirt, dessen Anfänge vielmehr in längst vergangene Zeiten hinaufreichen, charakterisirh die letztvergangenen Jahrhunderte. Er ist ein Product der stetig fortschreitenden Eentralifirung des. Betriebes, die das Wesen der Großindustrie aiiSinacht, und der socialen und wirthschaftlichen Umwälzungen, die sich daraus ergaben. So lange eS leinen anderen Reichthum gab als denjenigen, den der Besitz von Ländereien bieten konnte, war die Macht des Adels eine unbeschränkte. Besitz und Macht find jederzeit untrennbar gewesen; der Grund und Boden befand sich aber ausschließlich in de» Händen derjenigen Elassen, die einst die privilegirten waren. Erst dev aufstrebende Jndustrialisnius hat diesem goldenen Zeitalter ein Ende bereitet, indem er "einen Stand schuf, dessen Reichthum nicht auf Landbesitz basirte und an Größe mit delnjenigen der Edelleute wetteifern konnte. Ter Einfluß, den derselbe gewährte, mußte natürlich die gangbaren Begriffe von Standeshoheit allmälig erschüttern und eine rechtliche Beschränkung der früher Unbeschränkten herbeiführen. Man hat auch jederzeit den Industrialismus als „demokratisches Uebel" erkannt und sich redlich bemüht, seiner Entwicklung Hindernisse zu bereiten. Heute denkt wohl kein Mensch, der in der angenehmen Lage ist, einen gesunden Hausverstand zur Berfügung zu haben, an die Möglichkeit, den modernen Großbetrieb auS der Welt oder wenigstens ans dem Lande zu schaffen, wir müßten etwa den Prinzen Liechtenstein cruSnehmen, wenn wir seiyen Antrag nicht als frivoles Spiel betrachten wollen. Trotzdem wird der Kampf von dieser Seite keineswegs anfgegeben, in der richtigen Boraussetzung, daß bei einiger Hartnäckigkeit noch immer ein Stückchen Reaction erzielt werdeu kann. Ter Industrialismus wurde von seinen natürlichen Feinden stets mit zärtlicher Aiifinerksanikeit bedacht; es darf uns daher nicht Wunder nehmen, daß man schließlich in ihm ein ausgezeichnetes — Ablenkungsmittel für den Unwillen des Bolkcs erblickte, der sich immer mehr und mehr über die ungerechte Latifundienwirthschaft zusainnienzog. Tie Herren vom großen Landbesitz ließen demnach nichts unversucht, das Bolk auf die „Schädlichkeit" des mobilen Eapitals anfinerksani zu machen, welchem überdies das Epitheton „jüdisch" beigelegt wurde, um diesen vorgeschobenen Bissen den Begehrenden möglichst mundgerecht zu machen. Es gehört gewiß nicht -zu den schwierigsten Problemen, die Motive zu erläutern, durch welche -die Feudal-Elericalen zum Kampfe gegen den Fortschritt veranlaßt werden. Tie Reigung des Menschen zur Herrschaft ist eine tief begründete, der Wettbewerb um dieselbe wohl begreiflich. Allein die Art des Kampfes, die von den Fingerlingen geübt wird, hat kein Milcht auf objective Bcurtheilüiig. Wenn man es wagt, ein Beihetzungssystern ohnegleichen mit allen Mitteln durchzuführen, wenn man Wahrheit und Gerechtigkeit mit Füßen tritt, um gegen den Preis allgemeiner Mißachtung eiu bischen Macht ein* zntauschen, so gibt es dafür kein rücksichtsvolles Entschuldigen, sondern unbedingte Berurtheiliing. Wenn diese Partei für den Borwurf der Jinmoralikät überhaupt enipsindlich wäre, hätte sie längst ihrem gefährlichen Treiben ein Ende gemacht. Indessen hat die Agitation im letzten Teeenniiini stetig zugenominen uud durch gütige Bermittlung bürgerlicher Söldlinge zur Bundesgeuossenschaft mit einem Stande geführt, der erst die Lehren vergessen mußte, die nnS die Bergangenheit gegeben hat,' um diese widernatürliche Berbindung einzugehen, diese Mesalliance, « zu der sich die hochadeligen Herren Herabgelaffen haben. Während der eben' geschilderte Gegensatz bei der Geburtsaristokralie einen socialen Hintergrund hat, sind für das Kleingewerbe ausschließlich wirthschafiliche Motive maßgebend. Es ist längst als unwiderlegliche Thatsache erkannt, daß die llniwandlung der Hausindustrie und deS Handwerkes in die Großindustrie und den Fabriksbetrieb immer und überall mit Rothwendigkeit vor sich geht und dem Handwerker als solchen die Existenzmöglichkeit immer mehr benommen wird. Wer wollte die Härte leugnen, die darin liegt, daß ein ganzer Stand, der einst die Blüthe des Bolkcs ausniachte, durch die natürliche Entwicklung zum Riedergang verdammt ist und zweifellos im Laufe der Zeit auf ein Minimum reducirt werden wird? lind wenn wir auch wissen, daß ein Kampf, der mit jenen rohen, unbeugsamen Gesellen ansgefochten wird, die wir Raturgesetze nennen, immer zu Gunsten der letzteren ausfallen wird, müssen wir dennoch den Selbsterhaltungstrieb begreifen, der jede Elasse ebenso wie jedes Individuum beherrscht. Jeder Stand wird eben dadurch, daß ihm seine eigenen Interessen als die wichtigsten erscheinen, zu der Annahme geführt, daß er einen unersetzlichen Bestandtheil der Gesellschaft bilde uud seine Bedrohung eine Gefahr für den ganzen Staat involvire, auch wenn dies durchaus nicht der Fall

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