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Freies Blatt · 1893-09-10 · 75 (10.9.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
75 (10.9.1893)
Date
1893-09-10
Page
[Seite] (sequence 8)
Language
German
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Seite LXXII. Beilage zum Freien Blatt, Drgan zur Abwehr des Antisemitismus! Hütte sich etwa in der Philosophie der Jude des Ideals unfähig gezeigt? Allein, was dann mit Spinoza anfangen? Man mag den Vehrsäyen der „Ethik" wenig Geschmack abgewinnen, aber wie ist es möglich, diesen Beschaulichen des Absoluten in die gemeine Heerde der Materialisten einzureihen, deren Stirne zur Erde geneigt ist? Sein Auge ist nach oben gerichtet. Statt von der Materie, geht seine Allgötterlchre vom Gedanken aus, um zum Ausgehen der Natur und jedes Tinges in Gott zu gelangen. Spinoza hat doch die geistige Viebc zu Gott, amor IX-i iittelleetuali--. gelehrt? Und faßt sich seine Sittcnlchre nicht in der Berschmelzung der Tugend und der Glückseligkeit zusammen? An diesem Glücksrecept festzuhalteu, 'tfifttcn Semiten und Arier gut; wenn sie wenig Werth darauf legen, so ift es nicht deshalb, weil es ihnen zu epikuräisch verkommt. lassen wir die Werke der Juden, um zu sehen, in welcher Weise die Kunst und die Poesie den Juden dargeslcllt haben. Es bat mir Unterhaltung gewährt, ihm in der Dichtung ebensowohl wie in der Geschichte nachzugehen. Ist es wahr, daß seit Ahasverns fabclhaflen Andenkens Poeten und Romandichter nur Einen Inden, den klassischen Juden, gekannt haben, jenen kriechenden spitzbübischen, habgierigen, beschimpften Iud', der schon vor Shylock über alle Bolksbühncn ging? „Ans dein Theater muß der Jude widcr- 'wärtig sein," bemerkte ein dramatischer Schriftsteller israelitischen Ursprungs.'""» Alexander Dumas Halle bereits gesagt: „Es gilt als ausgemacht, daß ein Jude auf dem Theater immer eine komische > Figur sein muß." r"‘i Er in lhatsächlich eine An Puppenfigur gei worden, ähnlich den italienischen Masken, und ganz wie Harlekin I und Pulcinella in eincmfort zur selben Rolle verhalten. Muß der | -Jude znrücksloßcnd sein, so in dagegen die Jüdin aus der Bühne » mit aller Anmulh und Bersühruug ansgestaltct. Tie armen Arier lanen sich da allemal umgarnen: von der Esther des Affuürns bis zur polnischen Esterka Kasimir's des Großen, die Ucbcrlieferung . oder die legende verlangt es so. Glückliches Israel! Jederzeit in . ihm das Heil vom Weibe geworden. Rimml man den Roman, so; verbleibt der Jüdin, ob Engel an Reinheit oder Metze, ihre sinn- ' verwirrende Schönheit; der Jude aber hört aus, ein conventioneller ' Tnvns zu sein. Mil dem Nucingcn Balzac's oder dem Samuel Brohl Eberbuliez' wird er wieder ein lebendes Wesen: ja, — ein unerwartetes Ting —, er verwandelt sich oft in eine ideale Persönlichkeit.! So natürlich bei den aus Israel hervorgegangencn Schritt- > nellern: Heine, D Israeli, Heyse, Vindau, Fanny Zlewald, Auerbach, j Kompert: doch diese Umwandlung hat sich auch in den Werken > manches christlichen Autors, selbst in Bühncnwerken, vollzogen, wo -1 es doch am schwierigsten war, sie annehmbar zu machen. Vcsstiig ist i nicht der Einzige, der uns einen zum Tugendvorbild erhobenen Inden j vorsühren durfte. Seinem „Nathan den Weisen", dem wortreichen Klügler, mit seinem kalten Heiligenschein von Weisheit, ziehe ich den Daniel aus der „Femme de Claude“ vor, einen idealistischen; Juden, der lebenswahrer ist,, als das Pariser Maulaffcnthnm ge-! glaubt hat: ich selbst bin ihm begegnet, doch weit fort, dort hinten , im Tsteu. Ter Taniel des Alcrander Tumas ist Stammvater i eines (Geschlechtes geworden; von ihm scheint Mordecai, der 'Ren- : provhcl Taniel Tcronda's, zu stammen.' .-ie Balbert herausnudcl, hat Elliot mit sichtlicher Slimpathie drei oder vier Iudenluvcn geschildert. Allerdings schrieb Elliot unter dem Einsluste -.'ibrahim ..L: Juif an" th*Vitr<v\ Ponrag für Cie GeieUichaü für jütifdie 2tuficn, 1 » SUeranter Tumar liU: an viuuillier ,'flenn). 1 '■ Tie Bemerkung rührt. glaube icb, von E. Monn-gm licr: ..Kerivnins ' ui" larnes de l Amilftterre". Erüe Serie, (*. (Sltiot. 1 ) <*. 'tealbert: ..i{• >uitn>-s et •!'All>*uiaurne". von Lewes, und Lewes gilt als Israelit. Dies ist bestritten worden; allein, wenn Lewes Jude war, -wie hat ein Jude einer so vornehmen Frau, wie DUß Evans, eine so tiefe Neigung einzuflößen vermocht? Um dieselbe Zeit legte einer der bestallten Dichter des englischen Idealismus, Robert Browning in seinem „Rabbi Ben Ezra", ln den Mund eines Rabbiners seine erhabenen Gedanken vom Aller, das einer Morgenröthe vergleichbar ist. So wenig romanhaft der Jude scheinen mag, nicht allein Elliot hat aus ihm einen Romanhelden gemacht. Bisweilen lieferte sein Leben selbst den Stoff dazu. Ferdinand Lassalle, zum Beispiel, hat drei oder vier englische oder deutsche Romandichter angeregt. Selbst die Naturalisten haben die Wahrnehmung gemacht, daß Israel nicht im Geldmenschen ausging. Zola, der bisweilen ein Symbolist sein will, hat in „1,’Argent“ dem Bankier, dem Börsenkönig einen armseligen brustkranken Juden gegcnttbcrgestellt, der im Sterben noch von socialem Umschwung träunlt. Dieser Sigismund ist keine erfundene Figur Zola's; auch er ist einer, den ich gekannt. In Polen selbst, dem Lande, wo die Juden am tiefsten erniedrigt werden, haben Poeten und Romandichter wiederholt Inden von edlem Eharakter, die sich für hochherzige Ziele begeisterten, geschildert. To der Iaickiel des Mick.iewicz, so der Jacob Kraszcwski's, so der Meyer Ezofowic; der Elise Trzcszko. Was die Jüdinnen angeht, so ist unsere arische Galanterie oder unsere sündhafte Schwäche für ihre langbewimpcrten Sammtaugcn allezeit nachsichtig gewesen. lTb es gegen sic Antisemiten gibt, weiß ich wirklich nicht. Warum doch haben so viele Schriftsteller gleich Alexander Dumas von der Rebecca in „Ivanhoe" bis zur Rebecca in der „Femme de Claude", zur Sarah im _I>on Juan d'Antriebe“, zur „Jüdin von Toledo" Grillparzcr's und zur Fanny Hafner in „Cosmopolis", in der „Tochter der ewig Bcrfvlgten" die Anmuth und Reinheit der Frau verkörpert? Diese r'ilie gleichwohl wächst schwerlich auf denl Düngerhaufen. T och, was liegt an Erdichtetem und den leeren Schattenbildern, welche einem Poctcngehirn entsprungen? Bcrmöchte ein Jude nur im Roman Uneigcnnützigkcit zu beweisen? Gibt cs weder Beschnittene noch Getaufte unter dem Himmelszelte Iehovah's, die bewiesen hätten, daß die alte Race Iacob's trotz ihrer langen Erniedrigung nicht jedem Ideal unzugänglich gewesen? Ich könnte meinerseits in Frankreich selbst "unter den Lebenden und den Todlcn einige anführen. Was ist zum Beispiel ein Schriststcllcr wie James Tarmestetcr Anderes als ein Idealist? Und was war unter den Israeliten, die ohne das Blut ihrer Bätcr zu verleugnen, Christen geworden, ein Mann wie Gustave d'Eichthal, einer jener seltenen Greise, welche dem kühne» Ideal ihrer Jugend treu geblieben? Wir haben in der Akademie der Moralwissenschasten einen Achtzigjährigen, der allemal, wenn cs sich um Gott oder die Seele handelt, deren Sache mit der Sprache eines Propheten führt; cs ist ein Israelit, der im Talmud lesen gelernt hat. Jener levanrinische Jude Franchctti, der -in der Stunde unseres schweren Mißgeschicks ans den Anhöhen an der Seine für Frankreich starb, oder jene lothringische Jüdin, Frau Cvralie Eahen, die, nachdem sie unsere Berwundctcn gepflegt, mit unseren barmherzigen Schwestern dreimal Deutschland durchzog, um die Gefangenen - in den Festungen Allpreußcns zu trösten,'"') ein Körnchen Idealismus mußten diese doch wohl in sich tragen. nngd«,*».) Siche ÜHarime 2« liainp: ..I’aris bienfaUant". 2. ötie,F» dem (^efanten an tiefe ekle Frau hat Maxime Tu Camp iolgenkc Zeile» geschrieben: „Man hat, unk ich selb» habe er behauptet, die Araeliten besagen nur ein mangelhafter Paterlanktgeitihl: C giikin, vergib mir." — Mp. in „IVInvasi-m" voll rukovic .'salevn kie Erzählungen mit dem Titel ..Vondüme - und „Eraukenz": kie kort ungenannt gebliebene Person ist Frau Eoralie Eahen. Mau aboimirt das Freie Blatt in der. Administration, Wien, l>, Seilcrstätte 10. Abonneitientspreis: ganzjährig ö. W. 2 fl. 50 kr., halbjährig 1 fl. 25 kr., vierteljährig 05 kr. seraurgeber: Er nü Pietor Zenker. — Beranlwortlicher Redaeteur (.in zeitweiliger Abwesenheit des E. P. Zenker-: Fo>'es Porwahlner. Truck von Eh. Reißer & M. Werthuer, Wien.

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