Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 75 (10.9.1893)
- Date
- 1893-09-10
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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Beilage zum Freien Blatt, Drgan zur Aöwebr der Aiitiseniitismus. ^cite l.XXI. daS l'anö deö Ideals zu sein rühmte. Ter Jude, klagt der Deutsch- Ihümler, ist im Begriff, den angeborenen Idealismus des alten Dcntfchlnnd zu ersticken; „der Jude droht, den deutschen Charakter, die deutsche Sittlichkeit, die deutsche Treue, die deutsche Reinheit, die deutsche Redlichkeit zu verderben." ,al) UnS Welschen kommt daö einigermaßen lächerlich vor: es müßten alle diese germanischen Tugenden gar schlecht im Herzen der Deutschen verankert sein, um durch eine Handvoll Semiten auSgerissen werden zu können. Gibt eS indeß nicht Franzosen, die dasselbe von Frankreich und der französischen Seele behaupten? Dder erscheint das, waö wir bei unseren Rachbarn belächeln, bei unS ernster? Auf den veralteten Idealismus des Schwaben oder des Sachsen ist im geeinigten Deutschland der cynische Realismus deö Preußen aus der Mark gefolgt. Dies ist Thatsachc. Wer scheint euch dafür verantwortlich? Ist'S wirklich der Jude, wie die Deutsch thümler eü haben wollen? Ist'S die preußische Gewaltsamkeit, die Berliner Burcaukratic, der Militarismus der Hohcnzollcrn? Sind es die Gewalt- und Truglehren dieses Pommern v. Bismarck und die Erhebung der Macht zum Rechte? Diese Idee, ob germanisch oder römisch, stammt keinesfalls von Jacob her. Seine ganze Geschichte ist ein Protest dagegen.! Um uns die Unfähigkeit deö Semiten für den' Idealismus zu beweisen, führt man uns den Ehaldäcr, den Phvnicier, den Karthager, den Araber an. Was soll cS mit all dieser Völkerkunde, da doch seit zweitausend Jahren unsere Seelen von dem Ideale leben, daö uns die Itindcr Iuda's gebracht? Aus welcher göttlichen Hand immer die Manna auf Iuda's Zelte hcrabgelräufclt sein mag, wir sind von dieser Manna, die uns die Bcui-Isracl überkommen, genährt worden. Die Propheten von Ephraim und die Apostel von Galiläa sind in der Welt die Herolde des Idealismus gewesen. Jener Durst »ach dem Ideal, welcher dir christlichen Rationen giiält, kommt unS von ihnen. Schlaget ihr Buch, ihre Bibel auf: sic ist für ganze Böller der ewig frische Born gewesen, wo sic Straft und Hoheit schöpften. Durch die Bibel haben sich die arischen Rationen langsam mit dem semitischen Geiste durchtränkt, und ihre Seele ist dadurch aufgcrichlet, ihr Her; gestärkt worden. Wenn uns der moderne Jude des Ideales bar erscheint, so ist daran weder seine Racc noch seine Ueberlicfcrung schuld. Seine Leiden sind daran schuld. Er ist durch die Jahrhunderte künstlich verunstaltet worden. Die Unduldung lzat aus dem Bplkc, welches der Welt daö Reich Gottes gepredigt, die positivste, die, wenn mau will, alltäglichste Racc gemacht. Die Geschichte weist solche betrü bcndt Umwandlungen auf. Es ist nicht immer richtig, daß Leiden läutert und Bcrfolgung veredelt. Der Jude ist Beweis dafür. Er hat Alles seinem Glauben und seiner Ration geopfert. Er ist in seiner Weise Idealist gewesen, denn hätte er nur Ruhe und Reichthum gesucht, daun hätte 4 er längst aufgehört Jude zu sei». Er würde sich, wie Heine, gesagt haben, daß das Iudcnthum weniger eine Religion als ein Unglück ist. In diesem Sinne liefert seine Existenz den Beweis für die Unwahrheit, er habe sein ganzes Herz seinem Golde heinigcgcben. Wo fände sich eine ihrer Ucberliefcrnng, ihrem Gesetze, ihrem Gotte, das heißt mit einem Worte, ihrem Ideale getreuere Race? Welch eine Geschichte! Ihre Poeten haben sie die Passiousgcschichtc" eines Bolkcö genannt,""') und wie lange, wie schmerzensreich ist diese Passion, von Rabuchodonosor bis Antiochus, von Hadrian bis Torquemada! Ter Jude ist der prosaische Held eines Dramas von zweitausend Jahren gewesen, ein Held von wenig heldenhafter Figur, m) solcherweise drückte sich die Aittiieinilcn-Berminmlung in Berlin am 15. Zuli 1887 auS: und derart in in Teutschland die gewöhnliche Sprache einer gewissen Presse. 2o Tavid Lcvi: „II proketa o la j>as«ionc <Ii un i-opwlo”. «Turin >,1884.) nicht erpicht darauf, ein solcher zu scheine», sich kleiumacheud, sich platt ans de» Boden drückend, in« Rothsa» sich todtsrctlcnd, uin seinen Feinden zu entrinnen, mit dem Borbehalle, daß er dem Scheiterhaufen am Fuße des Schasioles trotzen wird, ränge hat er sein Ideal darin zusammengefaßt und seine Ehre darauf beschränkt, ' Jude zu bleiben, da er auf dcis Ucbrigc als überflüssigen Luxus verzichtet hatte. Er hat alle großherzigen Regungen feiner Seele, feine ganze Begeisterung so gründlich dafür aufgewendet, daß ihm für Anderes nichts mehr übria blieb. Und. solcherweise ist er durch fortwährendes Innchverkrüinmen wie cingeschrümpft. Das Leben außerhalb seines Gesetzes hat er nur mehr als ein Ge schäft betrachtet. Allein, ist diese Lebensauffassung nicht auch jene von neun Zehntel der Ehristcn? Ich meinerseits entdecke darin nichts Semitisches. Sie ist ganz englisch und ganz amerikanisch. Sic ist sogar französisch, deutsch geworden, und wir haben sic nicht vom Inders gelernt. Db Deutsche oder Franzosen, wären 'wir großherziger, wären unsere jungen Leute minder auf deii Genuß erpicht und unsere Greise minder um die. Güter dieser Welt bekümmert, lebte in unseren Seelen etwas von jenem Geiste, der von Palä stinaö Bergen über uns hingegangeu, wir brauchten uns kaum durch die Beispiele des Juden anfcchten zu lasse». Wir beließen ihn einfach in seinem Evntor oder wiesen ihn an seine Rabbiner zurück. . -- Allein, wo ist unser Ideal? Es steht geschrieben: DaS Her; des Menschen ist dort, wo sei» Schatz. Wo ist unser Schatz? Doch wohl in den Truhen drS jüdischen Bankiers? Und da ist auch unser Herz gerade so, wie daS Her; des Semiten. Wir haben weder Glaube »och Begeisterung mehr, da fkbckt das Uebcl: wir wissen nicht recht, was wir glauben, für welches Ideal wir Feuer und Flamme fein sollen. Gleich dem Fünfziger, dc'r über Alles im Lebei? hinaus ist, glaubt die moderne Welt nur mehr au den Rcichlhum. lind diesen Glauben an den Gott Dollar brauchten sich weder Europa »och Amerika von Apostel» aus Judäa predigen zu laue». Ist cs wahr indeß, was wir sagen, daß der Jude das Leben lediglich als. ein Börsengeschäft ausfaßl? Sehen wir-vom Makler, vom Bankier, vom Geldmenschcu ab: ob Jude, ob Ehrist, sein Beruf ist es nicht, ein Lehrmeister des Idealismus zu fein., Rehmen wir den höchsten Ansdruck des Lebens, die -tunst, die Poesie, die Wissenschaft. Hat der Jude mit der hämisch zuckenden Lippe überall mit seinem Spott die bleiche Blume des Ideals begeifert, welche in der Stickluft des -irämerthums dahiuwelkt? Hat diese Fleisches raee, „diese, wie alle orientalischen Raecu, stiucliche Race", wirklich die -stuust erniedrigt und das Schriflthum herabgewürdigt? - Hat Rachel beispielsweise das. französische Theater erniedrigt, die Römerinnen Eorueillc's und die Griechinnen Racine's ent würdigt? Haben die Eingebungen Beelhoven's unter den Fingern Rubinftein's und unter dem Fiedclbogen Ioachim's an ihrer Größe Einbuße erlitten? Gibt es eine ungesunde, wollüstige, entnervende Musik, ist es daun jene Meherbeer's oder jene Mendelssohns? Sollen wir etwa den „Propheten" oder die „Rcfvrmations Slnu phonie" für verderbliche, ideallccre Eomvofilionen halten? Da haben wir Antokolskh, den russischen Bildhauer, den Bildner des , Spinoza", des „Restor" der „Ehristlichen Märlhrerin"; er ist Idealist, Ideenbildner, wie M. de Bogn>- sagt: fehlt er, so geschieht es darin: er strebt zu sehr nach Vergeistigung des Fleisches und der Muskeln, er will seinen Marmorleibern allzu viel Seele eiuhauchen. Der Jude, hat mau behauptet, habe aus dem Talmud eine oberfläch lichc Borstellung von Weib und Liebe herübcrgeuommcn. Was mich betrifft, so dünkt! mir, daß bei all seinem beißenden Spott wenige Dichter die Liebe so poetisch verklärt und die Frau so , ideal aufgefaßt habe», wie.dieser große Spötter Heine. Ich meine,! bei ihm, wie bei jenen glühenden Raluren, welche im vollen Jugendfcuer vom Frost der Wirklichkeit erfaßt wurden, eine Art zurückgetrctcncn Idealismus herauszufühlcu. ' j