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Freies Blatt · 1893-09-10 · 75 (10.9.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
75 (10.9.1893)
Date
1893-09-10
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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Seite LXX. rtt - B/ilage Drgan gehabt. Tie Geschichte dA: Jüdin seit EäSe des XVIII. Jahrhunderts wäre eine merkwürdige. Ihre Verwandlung ist noch rascher und vollständiger vor sich gegangen, als jene deS Juden. Diese Töchter Judws, die vor »kurzem noch durch die Schames der Synagoge wie Rönnen hinter das düstere Stabwerk vergitterter Valerien verbannt gewesen, haben fast überall die Hauptfähigkeil Israels, die Anpassungsgabe, in höherem Grade, als ihre Gatten gezeigt und dieselbe auf Alles, unsere Litten, Idee», Künste, Moden, unser Gesellschaftsleben, in Anwendung gebracht. Bei ihnen hat sich die jüdische Biegsamkeit durch,die weibliche Schmcidigkcit verdoppelt. Im Gegensatz zu den anderen Racen und anders» Religionen, wo die Frau als die eifersüchtige Hüterin der Ucberlieferungcn und Glaubenslehren erscheint, hat die Jüdin, in Deutschland besondere, den Reuerungen von außenhcr die Thüre geöffnet. Es sieht alle, ale hätte das Judenthum, eine männliche Religion, die vor Allein um den Mann besorgt ist, einen weniger packenden Einfluß auf das Her; der Frau, als auf das Gehirn des Manilks. Die Jüdin wurde gewöhnlich nicht zum Studium des (Gesetzes zugelasscn: demgemäß waren ihr die Hände nicht mit Talmudseffeln gebunden: sie hat dies benützt, um ihrem Gatten und ihren Brüdern bei der Lösung ihrer.Bande zu helfen. . Die Jüdin in Deutschland hat sich mit dieser Mithilfe an der Befreiung ihrer Raee nicht begnügt, sie hat herzhaft an der Emaneivation ihres Geschlechtes mUgcarbcitek. Sie hat sich nicht gescheut, Reigiliigcn und Talente zu zeigen, welche die deutsche Hausfrau sich nicht gestaltete. Bon ibr gleichfalls, von- Henriette v. Vnnoo, unter Anderen, von Henriette Her;, der Freundin des Theologen Lchleiermacher, von Rahel Varnhagen von Ense hat Berlin gelernt, was ein Salon heißen will, etwas aus Frankreich Eiugcsühnes, das an den Ufern der Spree nicht heimisch;u werden vcrinochre. Das: das Beispiel der Jüdinnen das anständige Deutschland verderbt ballen sollte, will mir hiebei nicht einlcuchtcn. Die romantischen' Liebhabereien Fanim rcwald's mochten dieses Deutschland kopfscheu machen: die Kühnheiten der jüdischen Freidenkerin sind jedoch von Marlin, der deutschen Aulhorcß in der Mode, ttbcrlrosten worden. Kehren wir zu den Männern zurück, nehmen wir die aus Israel hcrvorgcgangenen Schristsieller, welche sich einen Namen gemacht haben. Hat Deutschland vergessen, daß der erste Jude, der auf Deutsch geschrieben, ein noch vom Geiste der Synagoge erfüllter Jude, Moses Mendelssohn, mitten im XVIII. Jahrhundert den Philosophen Phädou wieder zu beleben gewagt hat? Wie viele Ehriften hätten damals diesen Mulh gehabt? Wenn bei vielen seiner Stammcsgenosseu der Zweifelgeifl vorherrschte, so war es, weil sie sich von der Ucbcrlicferung Israels losgesagl, weil sie, trotz der allen Rabbiner, die profanen Bücher ausgeschlagen und von den Früchten am Baume der deutschen Wissenschaft gekostet haben. Wie die Juden Rußlands, so haben auch jene Deutschlands und Drstcrrcichs ihre radikalen Tendenzen auf der Universität, bei der von der Kirche oder vom Staate gegründeten Al'ma mator. geholt. So Auerbach, der Lohn des schwäbischen Rabbiners; ohne Tübingen und ohne Strauß hätte er zweifelsohne niemals Spinoza übersetzt. Das verhinderte ihn nicht, der ualurwahrste Schilderer des ländlichen Gebens in Deutschland zu werden. Daß unsere Bauern in Frankreich nicht ihren Auerbach gehabt haben! Ich glaube nicht, daß Deutschland viele deutschere und gesündere Schriftsteller zählt. Vielleicht möchte ich nicht ganz dasselbe von Paul Heyse feinem Halbblutjüdcn" behaupten; man kann die Kunst seiner Novellen und die glänzenden Eigenschaften seiner Poesie bewundern und zugleich den Thesenromanen und dem heidnischen Seusualisinus Henie's keinen Geschmack abgcwinucn. Allein seit Goethe aus Italien zurück, seil Goethe, der eAllcs begriffen hat, außer dem christlichen Glauben vielleicht, ist das Heideulhum wiederholt nördlich dtr Alpen imporlirt worden. zur Abwehr de» Antllemitismus. - " Denn, was das Tendeäzfchrkfnhum änbelangt, in Deutschland, iu Dlcfterreich,. in Frankreich sogar, soviele Söhne Israels eine Borliebe für politische Neuheiten und revolutionäre Streitsätze gehallt haben, so wurden' sie eben," gleichwie die vom nihiliftischrn Strom fortgerisseneir russischen Juden, nach der äußersten Demo kralle und den aufrührerischen Lehren hiugetrieben, durch das Andenken ihrer langen Unterdrückung, durch die Unduldnng der Gesetze und der Sitten, durch das Bcdürfniß mit einem Worte, ihre heute noch so oft wieder in Frage gestellte Befreiung vorzuberciten oder zu befestigen. Dcstlich wie westlich vom Rhein sind die meisten Juden, die aus ihrer Feder eine Kriegowaffc gemacht, von den Parteien ihres Landes angeworben und vom Geiste ihrer Zeit fortgerissen worden."") Alle Juden Deutschlands und Desterrcich-Ungarnö sind darum noch lange nicht Revolutionsapostel gewesen. Folgende sind verschieden, begabte Männer auf verschiedenen Gebieten: der Dichter Beer, Meycrbccr's Bruder, die Ghelto-Schildercr Bernstein und Kompcrt, der Gelehrte Ebers, der Romandichter-Egyptolog, der Erzähler Franzos: es komint mir nicht vor, als hätten diese die friedliche deutsche Gedankenarbeit erheblich gestört. 'Wenn das Schriftthum unserer Nachbarn nicht mehr die durchsichtige Bläue des aus dem Bodensee herausströinendeu Rheines zeigt, so ist nicht der Semit daran schuld. Und sind der christliche Glaube und die christliche Eultur dem Herzen der Deutschen noch theuer geblieben so müssen wir sie wohl daran erinnern, daß es im XIX. Jabrhundcrt zwei ganz anders wirksame Auflösungsmittel als den jüdischen Geist gegeben hat: das Eine ist die deutsche Bibelexegese, das Andere die deutsche Metaphysik gewesen. III. „Mcsn Freund," äußerte zu mir einer jener Männer» welche sich die sittliche Wiedcraufrichtung Frankreichs zur Aufgabe gemacht haben, „etwas Anderes liegt gegeu die Juden vor: sie erniedrigen unser nationales Ideal." Meinetwegen! Das ist eine unser würdige Beschwerde. Ich will nicht leugnen, daß sic mir manchmal begründet erscheint. Es ist in der Welt eisic Verminderung des Ideals vorhanden; oder, um nicht allzu strenge gegen unsere Zeit zu sein) eine nachthciligc Veränderung, eine Vcrunstallltng des Ideals. Besitzen wir noch eines, dann stellen wir es weniger hoch: manchmal stellen wir es so tief, daß man ihm kaum mehr einen solchen 'Namcü geben darf. Viele Dinge tragen, ohne Mitwisse» des Juden, dazii bei : die über Alles für den materiellen Fortschritt eingenommene Demokratie, die Abnahme des religiösen Glaubens und jeden Glaubens, das 'Nützlichkcitsgenie unserer Jndustriecultur, der Geschmack für das Wohlleben, der Geldcult, die Ersolgsanbctung, die Gleichgiltigkeit in der Wahl der Mittel. Auch hier möchte ich, anstatt an die Verjudung unserer Gesellschaft zu glauben, eher wiederholen, daß sie sich amerikanisirt. Das Ideal sinkt im Preise, dies ist Thatsachc; trägt der Jude dazu bei, so geschieht dies sw Folge seiner jahrhundertelangen Erniedrigung, und woher diese rührt, wissen wir ja. Welche Sorgfalt hätten wir doch darauf verwendet, ihn herabzuwürdigen, ihm die Stirne tief nach dem Schmutz, nach dein Geld herabzubeugen! Frei heraus gesagt, Vielen unter uns ist es lieber so: je niedriger der Jude, desto mehr scheint er uns an seinein Platze; wagt er, das Haupt zu erheben und nach den edlen Dingen die Hand auSzustrccken, so sind wir versucht, über Unverschämtheit zu schreie». Kann mau darum, wenn das Ideal im 'Niedergang, behaupten, der Jude sei schuld daran? Nehmen wir ein Beispiel von draußen; man sieht schärfer bei den Anderen, weil unser Auge allemal uns selbst gegenüber parteiisch ist — nehmen wir Deutschland, das sich ,9’) Carl Bock und Moritz Hartmann. zwei österreichisch-jüdische Dichter, standen solcherweise in Verbindung mit der deutschen, liberalen Bewegung von 1840 bis 1848.

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