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Freies Blatt · 1893-09-10 · 75 (10.9.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
75 (10.9.1893)
Date
1893-09-10
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seit* 4 freies Blatt. ment« lebende» Juden in dar Niederlassung-gebiet aurzuweisen. Diese Ber» fiignng dal eine Masse von Bitten von Seite der Theisten hervordernfen, welche dahin gingen, die Ausweisung der Juden wenigstens zu verschiebe,i. In Folge dessen und angesichts der im Ministerium des Innern eingelansenen diesbezüglichen Berichte wurde mit a h. Genehmigung für möglich befunden, zur Wahrung der materiellen Interessen der Juden und der einbeiniifchen Einwohner folgende Ergänzungen zum AuSweifungSerlasse Zahl 17:! beizufügen: I. Der endgiltige Termin zur Ausweisung der Juden in dar '.lfiederlassnngSgebiel wird auf den 1. Juni 1894 verschoben, wobei biS zu dieser Zeit kein Jude, der um Berschiebung seiner Ausweisung ansuchen wird, zwangsweife ausgewiesen werden darf. 2. Den Gouverneuren ivird da» Recht eingetänint, kaS Ministerium anzusuchen, denjenigen Juden, deren Handelsbeziehungen oder Geschäftsverbindungen mit den Christen im erwähnten Zeitpunkte nicht geregelt werden konnten, eine neuerliche Jahresfrist zu gewähren. 3. In außerordentlichen Fällen, den örtlichen Verhältnissen gemäß, wird den Gouverneuren anheimgestellt, daS Ministerium aiizm'ucheu, den Ausenthalt der Juden in ihren Rauon» bis zur besonderen Verfügung der Lentralregierung zu gestatte». Diese Perordnung bringe ich zur Skeuntniß und zur Amtshandlung Euer Hochwohlgeboren. Der «Gouverneur." Tie T hatsache, daß daS angeführte Circular an sämmtliche (''oiKeviieitrc im 'Innern des Reichegerichtet worden ist,, spricht deutlich dafür, daß nicht nur das Gouvernement Saratow allein, sondern auch viele andere Gouvernements daS Ministerium deS Innern um Aufhebung der Judenausweisungen angesucht haben. Und doch hat dasselbe Miiiisterium. welchesich genöthigt sah, die Ausweisung der Juden aus dem Innern deS Reiches;u verschieben, den Handel und das Gewerbe der Juden im R'jeberlassnngSgebiete einer Beschränkung unterzogen! Dieser schreiende Widerspruch bestätigt aufs Reue die oft erhobene Silage, daß im Czarenreiche die Logik wie die Gerechtigkeit mit Füßen getreten wird. Die Lage der Juden in Rußland gestaltet fiel) immer trauriger, trotz der Zurücknahme des AnSweisniigserlasses. , Arctus. Irin Brief Foerster S. Der Präsident deS „BereineS zur Abwehr des Antisemitismus" Baron A. Gundaeear v. Suttner erhielt von Geheimralh Professor Dr. Foerster auö Berlin, drin Borsitzenden der G es e 14 s ch a f t f ü r e t h i s ch e C » l l u r, solgeildrs Schreiben: Seebad Boltenhagen tMecklenburgs, den 27. August. Hochgeehrter Herr! Als Borsitzendeut der Cisenacher Zusammenkunft liegt es mir noch o!>, im 's,amen der ganzen Bersammlung unser« innigsten Dank auSzusprechen für die Stärkung und Belebung, welche unser« Berathuugeu durch die begeisternde Zuschrift vom l l. August zutheil geworden .ist. Wir wagen mit Ihnen und Ihrem hochgesinnten Verein zu hoffen, daß allen kleinen und großen Gegenwirkungen zum Trotz unfern gemeiin'ameu Bestrebungen die Zukunft gehört, wenn eS uns gelingt, in der Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit zu bleiben, selbst auf Kosten »ninittelbarer Verzögerung des Erfolges, denn das allein ist die siegreiche Fahne des neuen Denkens über den Menschen und die menseh Ilche «Gemeinschaft, daß die ethischen Forderungen absolute sind und daß leine Coiupromisse mehr gemacht werden dürfen. In größter Hochachtung Ihr ganz ergebener W. F o er st er. i 2d)ölicrrr’<? (Titllöiörttlir.) Schönerer hat so oft seinen Entschluß,!.'in Mandat mehr anzunehmen, geäußert und durch seine Schildkiiavven ausposaunen lasten, bis nun thatsächlich ganz eonerete Gerüchte über die Candidatur Schönerer'- nach Ablauf der ihn zur Erlangnug eines Mandates disqualifieirenden fünf Jahre auftauchen. Dibendrein soll es ein Wiener Bezirk, und zwar die bisher von dem antisemitischen Abgeordneten Hauck vertretene Wieden sein, von wo sich der rechtgläubigste Antisemit Linen Passierschein inS österreichische Barlameut holen will, das ihm seiner ganzen Gesinnung nach verschlossen bleiben sollte. Wie verlautet, hat sich der Mechaniker Hauck, der als einer der wenigen Schönerer treu gebliebenen Parteigänger bekannt ist, bereit erklärt, am 20. Deeember, . an welchem Tage schönerer wieder in den Bollgenuß seiner Bürgerrechte tritt, fein Mandat niedersulegen. Out IV. Bezirke sollen schon jetzt Petitionen eirenliren. welche' dann mit vielen tausend Nnterschristen Schönerer um die Annahme dieses Mandates ersuchen sollen. Die „Presse" macht zu dieier Rachricht die treffende Bemerkung: „Unsere Wiener Anti Nr. 7v. semiten haben' schon manches nette Stückchen zuwege gebracht, vorläufig' möchten wir aber doch noch die Frage offen lassen, ob sie auch bereit sind, sich ihres OesterreicherthumS vollends zu entledigen, denn wer Georg Schönerer seine Stimme gibt, manifestirt damit gewiß alles Andere eher als seine österreichische Gesinnung." — lieber unseren Wunsch erhalten wir zu der vorstehenden Nachricht von einer mit der politischen Lage deS Bezirkes wohlvertrauten Persönlichkeit folgende Information: Wer die politischen Verhältnisse im IV. Bezirke genauer kennt, der wird eine eventuelle Candidatur deS Schloßherrn von Rosenau nicht gar zu ernst aufnehmen, trotzdem auch der viel mehr antisemitisch verseuchte X. Bezirk bei einer etwaigen Wahl ein Wort, und zwar gewiß daS entscheidende mitzureden hat. Heute ist die Stimmung in Favoriten eine entschieden andere als zur Zeit des Wahlkampfes zwischen Hauck und Matscheko. Die damals bestehende deutsch-nationale Partei ist auf ein winziges Häuflein zu sammengeschmolzen, und Hauck selbst' wird bereitzu den politisch Todten gezählt. Der arme Mann hat seinem glühenden Ehrgeiz Gesundheit und einen großen Theil seines Vermögens geopfert, und er muß nun ernstlich trachten, einen Schauplatz zu verlassen, auf dem er keine ersprießliche Thätigkeit zu entfalten vermochte. WaS nun die Stimmung in den Wählerkreisen anbelangt, so sind wir in der Lage zu eonstatiren, daß selbst in antisemitischen Kreisen von einer von zahlreichen Wählern unterschriebenen Petition, wo einem Herrn Schönerer da- ReichSrathSmandat im IV. Bezirk angeboten wird, nichts bekannt ist. Allerdings wird schon jetzt ein eventueller Rücktritt Hauck'S in Erwägung gezogen, aber die allgemeine Stimmung, wir sprechen hier nur von der antisemitischen Partei im X. Bezirke, neigt sich zu Gunsten eines Candidaten, der zur Fahne des Dr. Lueger schwört. Von der in allen Farben schillernden Fahne dieses Antisemiten führerS bis zur schwarzen Fahne der Cleriealen ist nur ein winzig kleiner Schritt, und wir möchten eS heute schon alS eine Thatsache bezeichnen, daß der zukünftige Reichsrathsabgeordnete deS IV. und X. Bezirkes, falls die liberale Partei unterliegen sollte, ein Antisemit von stark eleriealer Färbung sein wird. Eine Wahl Schönere r's ist, wenn man die obwaltenden Verhältnisse scharf inS Auge faßt, gänzlich ansgeschlossen. - —>. ( (Tic Abnahme der Arincitssclder.) Der Armenrath des V. Bezirkes hat dem Magistrate ein Memorandum überreicht, in welchem er sich unter Anderem über die Ursachen der stetigen Abnahme der Aruiengelder ausspricht. Er findet dieselben in den ungünstigen Erwerbs Verhältnissen, in der wirthschaftlich schlechten Lage der breiten Schichten der Bevölkerung und zum nicht geringen Theile in den nationalen und eonfessioneilen Streitigkeiten, welche in die Bevplke rung hineingetragen und künstlich genährt werden.' Die antisemitischen Blätter nehmen zwar von der Eingabe Notiz, verschweige» aber selbstverständlich die angeführte Stelle über die schädlichen Folgen des Antisemitismus. (Proccß Paulus Mcycr—Tcckcrt.) Die Schlußverhandlung U dem Ehrenbeleidigungsproeesse, welcher gegen Paulus Messer und die Mitangeklagten Pfarrer Deck er t in WeinhauS und Herrn Franz Doll, verantwortlichen Redaeteur deS „Vaterland", von mehreren jüdischen Eiiiwohnern in Ostrowo in Rußland wegen der gegen sie erhobenen Beschuldigung deS „Ritualmordes" angestrengt wurde, findet am 15. und 16. September vor dem Wiener Landesgerichte als Schwurgericht unter dem Vorsitz deS LandeSgerichtöratheS Haller statt. Für den Angeklagten Paulus Meyer wurde alS dir ollo-Vrrtheidiger (nach der Reihenfolge des Alphabets) Hof- und Gerichtsadvoeat Dr. Samuel P o l l a k bestellt. Die Vertheidigung des Pfarrer- Deckert führt Tr. Porz er, die deS verantwortlichen RedaeteurS deS „Vaterland" Tr. Pattafi. AlS klägerischer Vertreter fungirt Dr. Josef Kopp. i (Tic Prager Straßcntaseln und die Juden.) Dr. Piodlipni, hat es zustande gebracht, auch die Angelegenheit der Prager Straßen tafeln den Juden in die Schuhe zu schieben. Während einer der ungezählten Debatten über diese Frage im Prager Stadtverordneten Collegium hatte der israelitische Stadtverordnete Jnwald einem der jungtschechischen Heißsporne ein unwilliges „Oho!" dazwischen gerufen, worauf er von dem Redner Klima die zartsinnige Antwort bekam: „Sie sind weder Fisch noch Krebs." Jnwald verwahrte sich gegen den Vorwurf Klima's und sagte: „Ich bin ein österreichischer Patriot, ich werde stets für Gleichberechtigung eintreten. Ich warne euch, auf diesem Wege weiterzugehen." Heber diese Aeußerung scheint nun Dr. Podlipny den Verstand verloren zu haben, denn er stellte die Behauptung auf, die Bewegung gegen die tschechischen Straßentafeln sei von den Juden ausgegangen. Er sei kein Antisemit, aber bei solchem Vorgänge müsse daS Blut in Wallung gerathen. Unsere Voraussetzung, daß die Jungtschechen denselben Weg wie unsere

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