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Freies Blatt · 1893-09-10 · 75 (10.9.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
75 (10.9.1893)
Date
1893-09-10
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Nr. 7f>. Sette Freier ilövte mehr sein eigene» Wort; vergebens läutete der Vorsitzende. „?t\ Vtteget hat nnS migegtiffeii", schrie der unterbrochene Redner, „ich »intz mich 'oerlheidigen!" Rach diesen Worten wurde der Tumult noch ärger »nd demselben erst dadurch ein Ende gemacht, daß der Redner, den die „Christlich.Soeialen" * nicht hören wollten, den Vernich,;n reden, a»fgab und die Rednerbiihne verließ. Arbeiter oldberg, der, als sie Ruhe wieder hergestelll war, zu Worte kam/ sagte ii. A. : Hier wird gegen die Jude» geweitert; dag aber die Inden aitch von de» Christen verfolgt worden sind, darüber hat lei» „Christlich Socialer" auch nur Ci» Wort verloren. Und was ist es mit dem Liechtenstein''scheu Schul antrage? Bezweckt der vielleicht die Hebung deS Bildungsniveaus? Und ivas ist es mil den Feudalen, welche die kleinsten Höhne zahlen? (Stürmischer Beifall bei den Sdcial Demokraten.j Abgeordneter Tr. H neger: „Der Hiechte» stein'sche Schnlantrag kümmert die „christlich sociale" Partei gar nichts, schon deswegen, .weil unsere Partei erst nach diesem '.’li,trage in» Veben getreten ist, dabdr nicht iiir etwa-?, was vor ihrem Bestände geschehen ist, ver antivorilich gemacht werten kann. Uns werden Heule in die Schuhe geschoben, die keine „Lhriillich-Socialen" lind; da könnte man schließlich auch sagen, die Luden gehöre» zu unserer Partei. Rennen Sie mir aber einen „Christlich Socialen", der schlechte '»ohne zahlt. (Rufe: Fürst SchwarzenbergN wenn der Schwarzenberg „christlich iocial" ist, dann ist'der Himmel die Hölle. 'Wüßten Sie aber Cineit ans unserer Partei, der sei» Capital mißbrauchen iviirde, dann tage ich Ihnen, daß er auS unserer Mitte ausgeschlossen iviirde". Der Vor sitzende ließ hierauf über die vorgeschlagene Reiolniioit abstimmen, die von den „Christlich Socialen" angenommen wurde. Heues auf dein Gebiete ber Judenverfolgung in Huszland. lOriginal Miltheilnng des „Freien Blattes".> i ' Petersburg, .4. September. Bereits in meinem elften Briefe aus Petersburg *) war ich in der Hage, auf Grund zuverlässiger Informationen mittheilen zu tonnen, dag die ISA'» zur „Hosnng der jüdischen Frage" eingesetzte sogenannte Pahlen'sche Eommission eine Reihe »euer drakonischer Beschrünkniigs maßregeln gegen die Inden in Rußland beschlossen hat', die in naher oder serner Ziikunst zur Anwendung gelangen solle». Bei dein gleichen Anlässe theilteu wir auch mit, das; die Pahlen'sche Eomniissio» i» erster Reihe die Beschränkung des Handels und des Gewerbes der Inden int sogenannten Riederlasinngsgebiete dein Ministercomit''> vorgeschlagen habe unter Hinweis darauf, daß diese Beschränknng im Interesse der christlichen Bevölkerung linunigänglich sei. Riiiimehr gelangt diese druckende Maßnahme ihatsächlich zur AnSsührnng. DaS russische Ministerium des Innern hat vor wenigen Tagen miltelst Geheim sch reibe ns die (Gouverneure ansgefordert, die Gerichtshöfe »nd die Hnndelskanimern im Riederlassnngsgebiete zu beanstragen, eine ganze Reihe von Artikel», Prodncten und Gewerbezweigen aus dem, l^e schästsbereiche der Juden ansznscheideu und ihnen unter Kerkerstrafc von sechs bis zehn Monaten zu nntersagen, mit dergleichen irgend welche» Handel zu treiben. Dem ((Geheimschreiben hat das Ministerium ein Berzeichniß jener Artikel n»d Prodncte beigelegt, welche ans -dem ((Geschäftsbereiche "der Inden anszuscheiden sind. Danach soll der An kauf von Getreide und Waldungen bei den Bauer» im Riederlassnngs gebiete den Inden gänzlich untersagt werden. In den Stadien des RiederlassnngSgebietes soll den Inden verboten werden, Wechselstuben, Pfandleihanstalten »nd Eonimissionsgeschäfte zu besitzen: die jüdischen HebenSmittelhandlnttge» sowie Manusaetnrwaarengeschäste solle» ans ein gewisses Percent reducirt werden. Die Indeii, welche Branntwein brennereien oder Hignenrsabriten besitzen, sollen angewiesen lverden, fortan nur ans eigenem Grund und Boden nnd in eigenen Hausern ihre Geschäfte betreiben zu dürfen. Dies sind die Hanptzüge der bereits verordneten Beschränknng deS Handels und des (Gewerbes der Juden in ihren«. (Ghetto, dem Riederlassnngsgebiete. Um die verhängnißvolle Tragweite dieser Rdaßregel für die Inden im Riederlassnngsgebiete vollauf zu begreifen, muß man bedenken, daß die Inden in Rußland eine durch nnd durch rechtlose Masse bilden, die z» keinem öffentlichen Amte Zutritt hat, die durch Jahrhunderte genöthigt war, im Handel und im Kleingewerbe ihren Hebensnnterhalt zn suchen. Die neue Beschränkung wird Tausende» von Inden vollends den Boden einer kärglichen Existenz abgraben. Will man noch »ach den Gründen forschen, welche die Pahlen'sche (Kommission niid daS Ministerinm des Innern bewogen haben, eine Unzahl russischer Unter, thanen ihrer letzten Hebensstütze zn berauben'? Daß die Behauptung ■*) Siehe . Freie» Blatt" vom 16. Juli: „Tie Juden im Lja>en,eiche." Statt. der rn'ssischen Indenverfolger, die 'Juden untergraben den Handel und schädige» die einheimische Bevölkerung, eine Mnlhe sei, das ist soeben von der Regierung selbst bestätigt worden. Diese Bestätigung fand ihre» Ausdruck in einem Regierungsacte, der i» Form eines ministeriellen Erlasses vor wenigen Tagen an die Gouverneure der außerhalb der jüdischen.Riederlassnngsgebiete liegende» Gouvernements gerichtet worden und dessen Entstehung ans folgende Thalsache znrnckzusühren ist. Im Gouvernement Saratow leben gegenwärtig gegen M)tH) Inden, deren Borfahren bei dem Regierungöanlrilte Kaiser Ricolaus I. sich dort angesiedelt hatten. Das ganze Gouveritement gehört noch jetzt zu ' den uncullivirtesten (('egenden im Ezarenreiche Die dortige Bevölkerungsteckt in totaler Unwissenheit- und hat sich vor nicht allzu langer Zeit, bei den- Ehplerascandalen in sehr unrühmlicher Weise hervorgelhan. Ziks Zeit Kaiser Rtcolans l. war diese (('egend eine vollständige Wildniß, >vo Handel, 'Gewerbe und Iudnstrie ans der denkbar niedrigsten Stufe sich befanden. Die Zulassung der Juden nach Saratow unter Ricolaus I. soll auch nnr deshalb erfolgt sei», »in Handel und Gewerbe in, jener Gegend einzubürgern und zil heben. Seitdem sind beinahe siebzig Jahre verstriche». Die-Inden haben nicht »nr im (('onvernement SaratÄv die ihnen zugedachte Mission erfüllt, sie haben auch viele Erwerbszweige ins Heben gerufen »nd Handels beziehnngen mit den benachbarteil Gouvernements angelnüpft. '- Da brach plötzlich die Periode der Indenverfolgungen heran: die Juden wurden a»S ihren alten, mühselig genug erworbenen Heimstätten aus gewiesen und in das Riederlassnngsgebiet geschickt. Zu Ehren der rnssi scheu 'Ration muß hier constatirt werden, daß die IudenauSivelsungen die Zustimmung des BolkeS niemals gefunden haben. Die russische Handbevölkernng kennt den Antisemitismus ganz und gar nicht, während die russische Kaufmannschaft dieser inhnmanen Strömung schon des halb abhold ist, weil die Förderung ihrek Handelsinteressen der unmittelbare», Hilfe'der Juden benothigt. Es ist ja eilte allgemein be tannle Thatsache, daß sogar, der eingefleischte Antisemitz nur so'lange den Antisemiten spielt, so lange dieses Spiel nicht ans seiner Tasche | bezahlt wird. D ie russische K a u fma n » schast in M o ska n j hat auch in Folge dessen'das Ministerium des Innern l an gesucht, die Inden in der Kremlstadt z >l behalten, uin den I n l eressen der rnssiichen I ndn stri e lei ne n Schaden znznfügen. Diese Petition blieb jedoch unerwidert, weil die persönliche Abneigung des, Moskauer Generalgoiivernenrs,,.Groß fürsten Serge!,, gegen die Inden mächtiger ist als seine Fürsorge »in die Interessen der russischen Industrie. Ga»; anders aber ist es mii den Iudenausweisnngen ans dem Gouvernement S'aralow, wo es leinen zweilcu Großfürsten Sergei gibt. Am l l. Jänner -d I hat der russische Minister deö Inner», Staaissecretär D urnowo.' mittelst Eircnlär, Zahl I7.'>, die Gouverneure der Eeulralgonvernements neuer dings ansgesordert, - die Answeisnng der Inden äns ihren Ranous ehestens zu vollziehen. Kanin jedoch war der , Inhalt dieses Eircnlärcs im Gouvernement Saratow bekannt worden, beschlossen sämmtlichc orthodoxe Gutsbesitzer, Fabrikanten, Kansniänner ichch c'eweibeleute des Gebietes, das Ministerium des Innern sowie der Finanzen nm Aushebung der Iudenausweisnngen zn bitten Und thalsächlich wurden' zahlreiche Petitionen, (Gesuche nnd Bittschriften den erwähnte» Ministeriell unterbreitet, i» welchen an der Hand von unleugbaren Tbaliachen nachgewiesen war, daß die A n.swei s n n g e r Inden ans dem Gouvernement Saratow den- Rn in zahlreicher ch rist l ich ev Gesd)ii ftSle>tle « nd Ha nde >shä nser Iierbei führe» würde. '- Die Ministerien entsendeten „außerordentliche kaiser liche Beamte" nach Saratow, um die Anssührnnge» der Petenten nnd der Bittsteller an Sri und Stelle zn controliren, nnd wie über wältigend, wie vernichtend für daS Silstein der Indenverfolgnngen inüsfen die Uriheile der entsendeten B;a»ile» gewesen sein, wenn' die Ministerien sich genöthigt sahen, die käistrliche (('enehmignng zur lheil weisen A-ufheblliig der Indenansweisungen anzurnsen. Die von den- Ministern Kaiser Alexanders III. vorgebrachten Gründe müssen in der That triftig genug gewesen sein, wenn der Ezar. seine Zustimmung z» dieser Anfhebnng ertheilt hat. Der diesbezügliche ministerielle Erlaß, welcher am August an die X('w»vernenre abgegangen ist, liegt nms tut Wortlaute vor, nnd sein Inhalt ist dazu geeignet, die antisemitische, Behauptung von der angeblichen Schädlichkeit der Juden für die christliche Bevölkerung zn Schanden zn mache». Der Erlaß beweist zur. Genüge, lvie ungerecht, wie grundlos, ja wie »verlogen die. Behanp tungen sind, welche die russischen Indenverfolger zur Bemäntelniig ihrer Grausamkeiten bis jetzt ausgestellt haben. Dieses hochinteressante Schriftstück lautet: „Se. Excellenz der Herr Minister deS Inneln, Staatsseereiär Dnrnowo, hat mich mittel» Cirenlär vom 26. Juli. Zahl W7!>, verständigt, daß er mn 14 Jänner d. I die tNouveriteure antgefordert hat, die in ihre» Clonverne»

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