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Freies Blatt · 1893-09-10 · 75 (10.9.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
75 (10.9.1893)
Date
1893-09-10
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite L. Freier welcher Lliininung wird er das Spielhaus verlasse», welche Rich- Nlnc^wird sein religiöses Empfinden nehmen? Nehmen wir einmal an, der Bauer, der eben gesehen, in welcher Weise die Juden Ehrisviin behandelt, der wiederhall die ausdrücklichen Hin. weise vernommen: La behandelte Juda den Herrn, einen solchen Mann verfolgten die Juden u. s. w., der die Scene mit angesehen, wo der jüdische hohe Rath eine Rotte bornirter, böswilliger Gesellen mit Judas um vas Sündengeld feilschen, und wie sie „mauschelnd" mit bewußter Berechnung das Hohe an den Strang zu liefern beschließen — nehmen wir an, der Bauer, der alles das und noch vieles dergleichen mit angesehen, begibt sich ermüdet von der siebenslnudigen Borstellung und aufgeregt nach Hause in sein Dorswinhshaus und bekommt zufällig das „Deutsche Bolksblatt", de» Warnsdorfcr „Moniteur" oder de» „Bolköfrcund" in die Hände! Waö glaubt man wohl; wird die Wirkung sein? Man wird uns fragen, wie eö dann — wen» unsere Schilderung mit dem Griffel der Wahrheit geschrieben ist — kommt, daß die - antisemitische Presse das Höritzcr Passionsspiel anfangs mit Jnveetivcn verfolgte, statt cS als ihren Zwecken förderlich zu prelegircu? Die Sache liegt sehr einfach. Sachliche Gründe waren hier für diese Leute wie immer nicht maßgeblich. Daö Höritzer Unternehmen wurde vom Deutschen Böhmerwaldbunde (!) — ich sende dieses Rufzeichen direct an die Adresse des „liberalen" BöhmcrwaldbundeS — finanzirt, durch seine Intervention die kostspielige Aufführung erst möglich gemacht, und die Folge davon war, daß der Böhincrwaldbund sich auch einen gewissen entscheidenden Einfluß lrahr^-; die Geistlichkeit und specicll die OrtSgeistlichkcit wurde dabei leincswrgo ignorirt, im Gcgentheil, der Eapln» von Höritz — ein Eislercieliserinönch von Hohenfurt — hat an der Ausbildung des musikalische» Theiles großen Anthcil genommen. Allein wir kennen die schwarzen Herren! Wo sie nicht das ausschließliche Regiment führen können, sind sie unterdrückt und über gangen. So auch anläßlich des Höritzer Passionsspieles, und daher der anfängliche Groll gegen das Unternehmen; da aber die Elcricalen selbst doch nicht gut gegen das Passionsspiel eifern konnten, lud man die angenehme Bürde auf den Packträger Bruder Antisemit, der denn auch über die „jüdische Patronanz" und „jüdische Ausschrotung" des Höritzer Passionsspieles weidlich Herzog. Der Grund mußte dazu natürlich von recht ferne hergeholt werden, aber bei aller Mühe des Suchens fand man unter allen in Höritz Beihciligten doch nur einen — gelausten Juden, den technischen Vetter. Nebenbei bemerkt, haben die Herren vergessen, daß auch das Bayreulher Bühnenspiel einen veritablen Jude» zum musikalischen Veiler hat. Die Herren Elericalen und Antisemiten scheinen indessen v.on ihrer Abneigung gegen unser PajsionSspiel abgekommen zu sein, denn die letztsonnlägigcn antisemitische» Zeitungen brachten die überraschende Mär, daß am U. September „eine eigene, für Mitglieder christlicher Vereine Wiens veranstaltete Ausführung deS rühmlichst bekannten (sw) PassiönSspieleS" stattfinden werde, für welche niemand anderer alS der sattsam bekannte antisemitische AgilaliönSvcrein „Ehristliche Familie" und an dessen Spitze Pater Valschka eine heftige Agilalion entfaltet!- Nun in der Thal, die Antisemiten und Elericalen Hütten allen Grund, sich mit dem Höritzer Passionsspiele auszusöhnen. Aber an die „jüdische Patronanz", d. h. an den „Deutschen Böhmerwaldbund" richten wir die Frage, wie er cS mit seinen angeblich „liberalen" Tendenzen zusammenreimt, ein Unternehmen zu sub ventioniren, welches den erbiltertcn EonfcssionShaß nur noch mehr schürt, ja einem offenkundigen antisemitischen Agitationsverein noch obendrein eine demonstrative Separalvorstellung zu gewähren? Bis diese Frage nicht in befriedigender Weise beantworiet ist, werden wir forlfahren das Höritzer Passionsspiel für etwas zu erklären,, was nicht die Unterstützung der Presse verdient. Ernst Victor Zenker. Mieder entgleist. Freudige Erregung herrschte noch vor Kurzem in den Drgancn der Ehristlich Socialen. Ihre erhebenden Berichte und StiniinungSbildcr gestatteten keinen Zweifel, daß der Antritt der politischen Herriduut i» Böhmen dieser Partei in angenehmer Nähe erscheine: ein Triumvhzug der Wiener Apostel Vucgcr und Geßmann wurde kühn anticipirst. Taß die wahlvcrwandtcn Deutschnationalcn an ähnlichen E'cdanken laborirten und eine Schmälerung ihres erst zu erwerbenden Besitzstandes .nicht geduldig hiniichiiicn würden, machte den guten Blatt.. Nr. 75. Leuten wenig Sorge. Eine Thcilung der Bärenhaut, die von den Dcutschualioualcn thalsächlich vorgeschlagcn wurde, wäre immerhin ein guter Anfang gewesen. Es ist nun allerdings etwas anders gekommen. Nachdem cS dem Wiener Rowdihüuptting in den Wandcrvcrsaininlungen von K a r b i tz und Warnsdorf wenigstens gelungen war, zu Worte zu kommen, brach über ihn daS finstere Schicksal herein zu R Schlitz, Bezirk Reichenbcrg. Geschehen am 4. September Der Saal» in welchem die Versammlung stattfinden sollte, 'war bis auf de» letzte» Platz gefüllt. Das Vertrauen, das der größte Thcil der Anwesenden den Ehristlich-Socialcn cntgcgcnbrachte, inanifestirte fick) darin, daß der von Letzteren vorgcschlagcne Vorsitzende so energisch abgclchnt wurde, daß in Folge der dabei entstandenen Unruhe und tuuiultuarischUl Vorgänge die Versammlung vom RrgierungSvcrtrcter gcschloficn wurde, bevor Dr. Lueger, der inmitten einer Schaar von Geistlichen saß, zu Worte gelange» konnte. Dr. Lueger, tief gekränkt über die Verkcnnung sciucr edle» Absichten, reiste sofort nach Wien ab. Dr. Gcß in a n n, der vorsicknigerweisc schon früher erkrankte, begab sich »ach Prag. Wir haben die Herren jedoch vom Anfänge an vor einem Ver siickie, ganz Dcntschböhincn mit einem Griff in de» Sack zu stecken, geivarnt und sie an den vorjährige» Mißerfolg Licchtcnstcin'ö gemahnt. Wir sind wahrlich nicht Schuld an ihrem Unglücke. Wie hart dem braven „Volksmannc" Lueger übrigens auch die früheren Siege zu stehen kamen, möge ein Bild der Warnsdorfcr Versaminlnng gebe», wo man cs durch weise Vcrthcilnng der Passierscheine ver standen haket, die unliebsameil Elemente in der Minorität zu erhalten. So konnte Lueger denn, wenn auch oft unterbrochen, seine alten Phrasen gegen die Juden und Liberalen abhaspeln. Ueber den Verlauf der Ver sammlung liegt folgender Bericht vor: Tr. Lueger sagte in feinen Ausführungen u. A.: Feudal clerical uenui inan uns. weit einer. unserer Führer Prinz Liechtenstein ist; die Social- Teuiotraten haben einen Millionär ziuu Führer — Singer heißt er, glaube ich — und wenn die Soeiat Tcmokrateu einen Millionär;nn> Führer habe» können/ könne» wir wohl auch einen Prinzen zum Führer haben. Tie Priester aber haben leine Macht, sondern die Inden: deswegen solle» die Soeiat Teinokraten, anstatt de» Jude» sörinliche Eoinplimcnte z» niaäie». was sich durchaus nicht ziemt, gegen die Juden Stellung nchmen und Antisemiten' werden. Wenn die „Christlich Socialen" und die Social Teinokraten Sämlter an Schulter stehen würden, müßte cS in Tcflcrrei.ch ganz anders werden. Tarum bitte ich Sie den Social-Temokraten gewendet), meine wenigen Worte als einen Ausrns zur Einigkeit ansznsasscn. Ter Vorsitzende, Manrerineisier Wau er, ließ nun unter Hohngclächler der Social Teinokraten dtirch die übrige Versaminlnng Tr. Lueger den Tank votire» und forderte die Aiiweiendcn ans, das Wort zn ergreifen. Aach einige» anderen Rednern bestieg Arbeiter Her»!an» die Tribüne und sagte: Wir wiilden anfgcfordert, hier zu sprechen, weil Herr Tr. Lueger angeblich nur der lauteren Wahrheit Zengniß gegeben habe. Tein Rothschild wurde verübelt, daß - er sich ein großes Vermögen gesannnelt habe; wenn jedoch Herr Tr. Lueger an Rothschild'-; Stelle gewesen wäre, Kälte er gewiß auch die Millionen eingesteckt und sicherlich nicht;u»i Wohle der Arbeiter .schast verwendet! (Rufe seitens der Social-Temokraten: l8a»; richtig!) Und wenn Rothschild kein Vermögen habe» soll, warum. haben die „Ehristlich Socialen" nichts dagegen, daß der Papst, die Erzbischöfe und die srirche über Haupt Veriiiögen habe»'? (.Abgeordneter Tr. Lueger: Ta» ist etwas ganz Anderes! Rufe bei de» Social Tcmokralen: Ta» ist nicht» Andere»! ES ist, egal, ob der Besitzer io oder so heißt!» Herr.Tr.Lueger hat gesagt, daß wir vor den Inden nicdcrkuie»; ich für meine Person wundere mich,' daß er alS Führer der „Ehristlich Socialen" so etwas Vorbringen konnte; ei» Mensch kniet nicht vor dem andern nieder, weil in jedem Mensche»« die Majestät der Natur vcrlölpert ist. (Händeklattcheu bei den Social Teinolraten.)' Wer eS mit dem Wohle der Arbeiterschaft ernst meint, wie die „Ehristlich Socialen" vorgebe», wird die VersammIuiigSsrciheit nicht beschränke» und selbst die ganze Masse deS Volkes, wenn sic erscheint, mit Freude willkommen heißen. Weil Sie schon schlecht aus die Liberalen zu sprechen sind, sei mir noch gestattet, aus ein große» Verdienst der Libtlale» hiilzuweise», auf die Rcuschnle näinlich, gegen welche Sie, meine Herren, »veil sie eine liberale Errungenschaft ist, ankämpsc» und die Sie im reaclionären Sinne umgcstallel »vissen wolle». (Zischen und lärmende Ruse de» llnninlKeS seitens der „Christlich Socialen", frenetischer Beifall der Social- Temokraten). Lueger enzgegncte, was die Schule anbelange, so seien gerade die Antisemite» für die Hebung des BildnngSniveauS (Rufe: TaS ist nicht wahr!), allein sie bestehen darauf, daß zuerst Jeder ordentlich Lesen, Schreiben und Rechne» lernt, weil die>e drei Tinge die Hauptarundlagc de» wirlhtchast lichen Lebens sind. Tic Arbeiter Lohr und Hofmanli rjpliciren hierauf linier Ausfällen auf die Religio», so daß der Vorsitzende auf Eiiischreiten de» Com misiärS Herrn S ch in i d die Redner ermahnen mußte. Während der Rede de» ArbeitcrS Hofmau» kam eS zu tnmultuöseit Scenen. Tie „Christlich-Socialen" schrie» wirr durcheinander: „Schluß! Herunter niil ihm! Wir wollen ihn nicht hören!" u. s. w., zischten, stampfte» mit den Füße», die Social-Temokraten verwahrte» sich energisch dagegen, der Lärm wurde immer größer. Niemand

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