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Freies Blatt · 1893-09-10 · 75 (10.9.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
75 (10.9.1893)
Date
1893-09-10
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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AboauemrutSprets: Ganzjährig mit Postzuseudung . . fl. t^O. Halbjährig fl. 1.25. Vierteljährig fl. —.65 Einzelne Nummern 4 kr. »es Blatt Organ zur Abwehr des Antisemitismus. Erscheint an jedem Sonntage. Redaktion und Administration: Wien I. Seiterstütte 10. Nummer 75. Wien, 10. Ltptciilbcr 1893. II. Jahrgang. --- -'- - - - -—-, i Mit der hcntigen Nummtr erhalten unsere Leser die siebzehnte Fortsetzung des Werkes: Die Jude» mid der Antisemitismus^ Jfvael' unter öen 'ZJutionen vo» Anatole <Keroy-Beaukieu > vorn frnrrzösiscHen Institut. 9ieu cintretcndc Abonnenten erhalten auf verlangen die bereits erschienenen Fortseynngeu nachgeliefert. Das Höritzer ssassionsspiel. In wenig».. Z.iBui wird u;< erste Spiclsaiso» in dein kleinen, bisher weltvergessenen Böhmerwaldöorte Höritz, der heuer eine so mächtige AttractionSkraft besaß, zn Ende sein. Die schlichten Naturkünstler, die »den ganzen Sommer über so wacker gemimt, werden die altjüdischen, faltigen Gewänder, die römische Toga und die martialischen Erzrüstnngen bei Seite legen und behaglich wieder in ihre heimische Tracht auS groben! Tuch und Leder schlüpfen, um den Pflichten ihres bürgerlichen Berufes nachzugehen. Dies Leben, das die armen Böhmerwäldler hier führen, ist aber nicht immer von jenem Sonnenglanz bestrahlt, der den fremden Besucher von Höritz vielleicht an einem festlichen Spieltage begrüßte; die deutschen Böhmerwäldler haben einen schweren, beständigen Kampf um deö Lebens karge Nothdurft, und einen nicht minder schwerenj um das eigene Volksthum zu ringen. ES ist daher in der Thal eine humane, aber auch eine nationale Rücksicht,, die unS verpflichtet, dir Höritzcr Passionsspiele so viel zu fördern alS möglich, dem menschenvergeffeoen Böhmerwaldneste den Ruf eincS Oberammergau mitzuerwirken. Jede literarische Spintisirerei, jede kritische Orthodoxie, jeder ästhetische Eigensinn wäre hier schlecht am Platze. Zu alledem hatte daS Höritzer Spiel einen ausgezeichneten Empfehlungsbrief mitbekommen in der Gestalt eines heftigen Angriffes, den die clerical-antiscmitische Preffe auf das .jüdische" Passionspiel gemacht. Ich unternahm keinesfalls mit ungünstigen Voruriheilen meine Kunstwallfahrt nach Höritz. Mit um so größerem Bedauern muß ich gestehen, daß ich unbefriedigt, verstimmt den Tempel der Volksmuse verließ, und daß ich Bedenken mit heraustrug, die, statt mit der Zeit zu erblassen, sich von Stunde zu Stunde mehrten, bis sie zuletzt stärker waren als jede Rücksicht, die ich dem schönen Unternehmen zu schulden glaubte. ES braucht wohl nicht noch einmal gesagt zu werden, daß diese Bedenken nicht kunstkritischer Natur sein konnten. DaS Höritzer PassipnSspiel mag ja auch in dieser Hinsicht noch so manche Schwäche haben, daS Textbuch steht künstlerisch entschieden weit hinter dem Oberammergauer zurück; unsere deutschböhmischen Dorfkünstlcr haben sich in ihren neuen Beruf noch nicht so hineingelebt wie ihre oberbayrischen Eollegen, weil sie ja diesen Beruf noch nicht so von den Vätern ererbt und den Kindern überliefert haben wie jenedie zeitliche Ausdehnung deS PaffionsspieleS stellt endlich selbst eine für den abgehärteten Besucher Wagner'scher Opern zu starke Zumuthung an die Geduld. Doch derlei Gebrechen sind nicht nur leicht curirt, sie müssen auch schwinden gegenüber den vielen Vorzüge», die daS Höritzcr Spiel gerade wieder auf künstlerischem Gebiete aufweisen kann. Diese technisch' vollendete, farbenprächtige und lichtvolle mise en diese Plastik in den lebenden Bildern, die dramatische Wirkung vieler Scenen und auch daS Spiel einzelner Personen, zumal de- Petrus und Judas, ist gewiß über jede kritische Nergelei erhaben. Was unS aber abstieß und waS eben höher steht als all das Genannte, daS war der Geist, der durch, daS Ganze weht. Wir wissen genau, was man vernünftigerweise von einer dramatisirten Geschichte öcs „Leiden und Sterben unseres Herr» Jesu Ehristi" zu erwarten habe. Daß sich dieselbe streng a» die evangelischen Berichte zu halten habe, ist selbstverständlich; allein wir dachten auch, daß ein volkSthümlich-künstlerijches llnternchnic» wie das Höritzer am Ende des XIX. Jahrhunderts nur den einen Zweck haben kann, durch die Mittel der Km,st' im Volke das religiöse, damit aber auch das gesammte sittliche Gefühl zu stärken, zu veredeln, zu läutern. In einer Zeit, die vo» "den wildeste» politischen, nationalen, religiösen Leidenschaften durchlob. und durchwühlt ist, in einer Zeit, die für den Frieden und sür die Liebe nur allzusehr einer- Wüste gleicht, müßte ein stilllr, vom frische» Reiz sder 'Natur gesegneter Flecken, wo die Kunst und die Re ligion der Liebe wetteifern, den Mensche» zu erbauen, wie eine er quickende Oase wirke», die allen Wanderer», aus welcher Richtung sie auch komme», gleich freundliches Willkommen bietet. Dieses' Bild paßt aber leider nicht quf Höritz. «schlankweg hcrausgejagl, das Höritzer PassionSspiel ist eher geeignet, den unversöhnlichen Glaubenshaß zu verschärfen und au Punkte zu tragen, wo er noch unbekannt ist, als ihn zu versöhnen, zu verwischen. Schon der gesammte religiöse Horizont, auf dem sich die Höritzcr Passion abspiclt, ist ein ungemein tiefer und gewiß nicht der biblische. Eine Scene deö ParadieSspielcS, der Streit der Barmherziglcit und Gerechtigkeit vor Gottes Thron nach Adams snndenfall, zeigt uns Gott Vater direct in einem Gcwisser.szwicspalt und die Oelbergscene den Gottessohn in einer Schwachheit, welcl e näher zu charnkterisiren unS schon die österreichische Preßfreiheit verbietet. Wir glauben kaum, daß der naive Beschaucr, der schlichte Sohn der Scholle durch solche Scenen, die sich ihm mit der überwältigenden Macht einer rasfinirten Bühnentechnik für zeit lcbenS Linprägen, in seinem ganzen religiös-sittlichen Habitus g, läutert und veredelt wird. Und was soll man dann erst von den eigentlichen PassionSscenen sagen? Wenn ein vom heiligsten Feuer der Ueberzeugung und deS besten WollenS erfüllter Diclstcrdie Nachtseiten unseres Lebens, der Gesellschaft zeigt und der . Well warnend einen Spiegel ihrer inneren Fäulniß vorhält, so-nennt man das: die Volksseele verpestend, den Geschmack verderbend, und die clericale Presse ist Allen voran mit einem Anathein gegen den „Realisten". Was aber ist das für ein blutrünstiger Realismus in Höritz, wo daS ganze Leiden Christi mit einer peinlichen Ausführlichkeit, die Erniedrigung des Allerhöchsten. mit einer wahrhaftigen Wollust dargestellt und auSgesponnen wird? Ta wird auch nicht eine Demüthigung, auch nicht ein Schimpf, auch nicht ein Backenschlag, ein Geißelhieb erlassen, das Publicum inuß die gaiize Passion mitleiden, daß sich daS sittliche Empfinden des ge bildeten Beschauers gegen diesen RealiSmuS schlimmster Sorte empört. Wie, fragen wir, muß ein solcher — S t u ii d c u währender — Anblick auf den ungebildeten Mann wirken? In ■t

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