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Freies Blatt · 1893-09-03 · 74 (3.9.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
74 (3.9.1893)
Date
1893-09-03
Page
[Seite] (sequence 11)
Language
German
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Nr. 74. Frei», auch der abzuhaltende norddeutsche Parteitag. Hier wollen wir einen Lentralpunkt schaffen, von dem auS wir schon jetzt jeden Wahlkreis in Angriff nehmen. Ich für meine Person lehne je»« Ehreustellung; jede leitende Stellung ab, weil ich mich dafür nicht eigne, aber ich werde von Ort;n Ort;iehen, um überall ArystallisalionSpunkte zu schaffen." Ahlwardt kündigte dann »och seine Anträge, betreffend die Subhastatione» und Pfändungen, a» und appellirte an die Frauen. Zn Neu-Stettin, sagte er, habe» Frauen vor den Wahllocalen Zettel vertheilt u»d ihren Männern gesagt: „Den hast du zu wählen!" „Wenn Alle,'.' schloß Ahlwardt, „ihre Pflicht ihn», so werde» Sie und ich »och de» herrliche» Moment erlebe», wo der letzte Jude den deulschen Staub von seinen Füßen schüttelt." Wir wiffen nicht, ob Ahlwardt schon de» Namen Franz Teak gehöre hat. Jedenfalls gcberdet er sich, als ob er ei» antisemitischer Teak wäre, »nt lehnt großmülhig eine leitende Stellung ab. Vielleicht läßt er sich aber, »» beschader aller Selbstlosigkeit, erweichen und duldet wenigste»« jene Jude» in Deutschland, die er früher, olS sie sich an Sammlungen;nr Deckung seiner Schulden belheiligte», „edle Israeliten" genannt hat. (Für Literar-Historiker-1 Der „Rector aller Deutschen" hat in einem seiner jüngste» Vorträge de» Zuhörern in Berlin für die 20 Pfennige, die jeder Einzelne zu erlegen hatte, folgende Enthüllung gemacht: 1 eift habe sich erschossen, weil er daS Elend »nd die Schmach, in welche die Feinde und die Juden das Vaterland gestürzt hätte», nicht mehr ertragen konnte. Rach dem Wctterbelichte hatte Berlin am Vorlragslage eine Temperatur von nicht mehr als 211 Grad Celsius. Tie Hitze ist abo an dieser literaturgeschichtlichen Enldeckung unschuldig. (Dir UM Liebermaun.) Die Antisemiten „deutich-socialer" Richtung, welche stöckerfrenndlich sind, haben in Berlin vollständig abgewirthschaltet, »nd ihr Anführer, der Ehrenmann der Ehrenscheine, ist nicht ohne Grund aus ' die deutsche Reichsmetropole schlecht! zu sprechen. Sowohl die Vercinsgründunge», als auch die geschäftlichen Unternehmungen der Deuisch-Socialen in Berlin gehen nach und »ach zu Grunde. Ihre dortige „GeichäsissleUe", welche unter Teilung des Agenten und EoMmiffarins Carl Sedlätzeck stand, wurde nun vom Gerichtsvollzieher unter Siegel gelegt. Die Einkünfte haben offenbar nicht hingereicht, die Localmieihe zu decken. — Einer späteren Berliner Meldung zufolge ist eine deutsch-sociale Geschäftsstelle in einer anderen Straße eröffnet worden. Sie hat jedoch ebenfalls keine Aussichten, zu prospcrirenV Ter Millionär Stöcker könnte ihr freilich bei elwaigen Zinsnöthen Helsen: er hak jetzt außer seinen sonstigen hohen Revenuen einen schönen Nebenverdienst, indem er sich aus Einladung der „EvangelischenGesellschaft" in Chicago dorthin begab, uin vier Wochen hindurch in der Ausstellung „religiöse Vorträge"' zu halten. Allein es t, gehört nicht zu den Schwäche» Slöcter's, sich selbst aus derlei unproductive Ausgaben »inzulaffen. (Förster in Bochum.) Ter von Reustcttin als würdiger Stellvertreter Ahlwardl'S in den deutsche» Reichstag entsendete Förster ist agitatorisch sehr fleißig, kürzlich bereiste er daS rheinisch wcstphälische Gebiet und hielt an vdrschiedencn Orlen-Hetzreden. In Bochum aber nahm die von Förster veranstaltete Versammlung einen Verlaus, der ihm sehr mißfiel. Sosort »ach Erössiinug des Meetingwurde von den anwesenden Social-Demokraten unter Führung des Cassirers vom Bergarbeiter-Verband, Meyer, die Forderung: „Bureauwabl" erhoben. Großer Lärm war dieAntwort. Förster sprach nun von Snbjecte», von Menagerien, ^alogischen Gärten rc, goß damit aber nur Ocl ins Feuer. Auch zwanzig;n Hilfe gerufene Polizisten konnten weiter nicht« ansange», als hie und da eine» Hauptstörer an die Luft besörder». Förster hielt auS, schnappte unaufhörlich nach Luft und wischte sich den Schweiß ab. Aber er kam nicht über die Einleitung hinaus. Der Versammlung war nichts mehr recht zu" machen. Sprach er von der „kölnischen Zeitung" und von Bismarck, dann johlte die eine Ecke, die andere, wenn er auf die „Westfälische Volkszeitnng" und das „Tageblatt" 'hinwies. Er flehte und bat; eS half nichts. Z»m Unglück kam er auch noch mit feinem Manuscript glicht zurecht, und Meyer nahm ihn manchmal minutenlang für sich zu einer PrivatuUterhaltung in Anspruch. Inzwischen wurde der Radau im Saale immer größer, und nach zweistündiger Dauer löste der überlvachende Polizcicommiffär die Lersaminlnng aus. Tic Freunde Förstcr'S sangen „Deutschland, Deutschland über AUeS" und die Social-Demokraten die Arbeiter- Marseillaise. Die „Äreuzzeitung" ertheilt Herrn Förster den freundschaftlichen Ralh, sich einen anderen Agitationsbezirk auszusuche», da für ihn i» Bochum weder Verständniß noch der Platz sei. (Ein culturgeschichtlichks Curiosum.) In einer am 2!>. August abgehaltenen Sitzung des Magistrates in München kam unter Anderm der folgende Gegenstand zur Verhandlung: Ter „Verein der Deutsch-Nationalen in Steiermark", eine Grazer Gesellschaft von „Unversäl'chten", in welcher eiu Aureliu» Polzer das große Wort führt, richtete wie a» die Vertretungen anderer deutscher Städte auch an den Münchener Magistrat das Ersuchen, sich einem Protest gegen die in Mainz geplante Errichtung einer Denkmals für Heinrich Heine anzuschließen. Bürgermeister Brunner bemerkte: Da die Zuschrift von einem Vereine ausgehe, der unter Kein Name» „Deutschnational" Bestrebungen verfolge, die nichts weniger als geeignet feie», dem deutschen Namen und der deutschen Nation Ehre zu machen, so sei der Magistrat nicht in der Lage, sich derselben anzuschließen, zumal Blatt. * Seite 7. mau eS ruhig dem Urlheile der Bevölkerung und Sladcvrrlreluug von Main; überlaffcn könne, wie sic sich zu der Eingabe stelle» werde. In dieieui Sinuc solle die milgetbeille Zuschi ist, als cu l t urge ich , chtl ich es Cur io. fim, dem städtischen Muienin eiuverleibt werbe». 2lus antisemitischen Blattern. lZu schlecht!» Unter der Ueberschrisl „Zu dumm!" bringt das „T eutsche BolkSbkan" über de» erste» in Wien tiefer Tage constatirlc» und amtlich verlantbarten Clivlcrasall eiueiL" Artikel, in welchem, mir es kurz zu sage», das Vorhandensein einer Cboleragesahr rundweg geleugnet, die behördliche» Maß »ahnien ziiin Schutze gegen die Choleiainvasio» a>S übeiflüisig, ruhe- und verkehr« störend und die Diagnose der. Aerzle, la die gesdminte Äuichaunug der heutigen medicinischen Wissenschaft über die Cholera alS — zu dumm bezeichnet werde». Das Lchandschriftstülk schmeichelt allen rohen und »iedrigen Justincten des Pöbel«, eS lullt ihn i» die erwünschte Ruhe ein, schmeichelt seiner unbezwingbare» Hinneigung zuni. Schlendrian, faßt ihn beim Geldiacke — der Fremdenverkehr, heißt es, wird durch diese Alaringerüchte gefährdet — und macht endlich die Wiffcnichast lächerlich, setzt sie herab, bekanntlich ein »ieversagendeS Mittel, Um dem ungebildeten Mob zu schmeicheln. Man denke sich die Wirkung einer solche» Artikel«, so aufreizender 'Worte in dem Momente, wo die Seuche wirklich eiubrechen und grausame Ernte unter dem Volke halten würde. Man hat »och vor Kurzem vornehin die Naie über da« barbarische Rußland gerümpft, wo cs anläßlich der Cholera zu blutigen Ausständen und rohen Angriffe» aus die Aente kam. Auch bei uns ist 'Rußland, feit der Antisemitismus Einzug gehalten hat, er sagt es ja ganz offen, daß ihm das Czarenreich vorbildlich sei, und so ist ihm auch »icku« gemein, schlecht, barbarisch genug, gleichgiltig, ob es gegen die Juhe» geht oder nicht. Wen» im Falle einer Cholerakatastrophe der Mob der Volstädie über unsere braven Acrzie hersalle» und die barmherzige» Samaritaner erschlage» würde, ,da»u würden vielleicht einige arine Teufel, die doch selbst bloß Verführte sind, gehenkt werden, die anlilemilikche» Schandblatlschreiber würde» aber wohlgefällig über die , „sittliche Fäulniß" tiefer „verjubele» Gesellschaft" perorircn Wir. haben dem „Deuffchen Volksblan" ster« den Vorwurf gemacht, daß seine KampsrSwcise „zu dumm" sei. Heule scheint sie nicht so duniiu und unüberlegt zu fein, wohl aber — zu schlecht. l„Ein echter Jude.") - Unter dieser Ueberschrisr erzählt das Bergani'schc Hetzblatt die Verurtheilttng eilte« HandelSinannes in Berlin wegen betrügerischer Mauipulatioiieu zu anderthalb Jahren Gefängnis? „Ein echter Jude?" — Iu derselbe» Weile könnte »>a» die SchandtKaic» von Biskupec, welche anliieniitische Frechheit vergeblich mit den Jude» i» Vclbindung zn bringen suchte, als „christlich sociale Selbsthilfe" hinslcllen.' Auch kannte ein „Judenblalt" jenen Jglauer, der seine ganze Habe der Kirche vermachte, ohne m,?« seiner 48, sage und schreibe achru » dvierzig, natürlichen .Hinter irgendwie zu bedenke», einen „echten Betbruder" heißen. Es soll auch eine rassinine Vermittlerin im Mädchenhandel ^eben, welche die Schwester oder Base eines antisemitischen Zeitungsspcculanlen ist, und sie bekäme, wen» mau »ach der 'Methode verfahre» wollte, die i» der Bezeichnung „Ein echter' Jude" liegt, den Titel „Eine echte Arierin". Würde man schließlich de» Mechaniker Schneider, der letzten Sonntag in einer Epistel, die da» Verganimche.Blatt brachte, die Redakteure der Salzburger und Innsbrucker Blätter gewohnheitsmäßig verleumdete,Zeinen „echten anliscmitischcn Abgeordncleu" »enueu, so dürstc» auch Steiuipeudep, Pratze Dvy rc. darüber ihre ■Jlutifemitciinnfcn rümpfen. ('•Dom Turf s „In der gelammten Sportwelt herrscht große Aufregung" berichtet der „Volksfreund", „de»» das lleberraicheude ist geschehen." Es ist zwar weder' „Zi'upan" auferstanden, noch ,,^aga' plötzlich verschieden, weder hat ei» Bookmaker eiuc« ersten Piave» Crida angesagt, »och, hat sich der Joclep Club in Wien corporaliv als Mitglied in den Thier'chutzvcrein einlragr» lassen: »ichiSdeftoweniger herrscht in der gesaminte» Sportwelt angeblich große Aufregung, weil beim letzten Budapestcr Rennen der „Patriot" des Baron Rothschild, geritten vom Jockey Hyam, der angeblich Hirsch heiße» soll, de» St. Stephans-Preis gewönne» hat. Wir wiffen .nicht, ob der „Bolksfreund" der berufene Herold der Gefühle seiner hocharisiokralischeu, feudale» Patrone ist, dir bekanntlich (und Gott sei Dank!) in der Freudenau das große Wort führen und zum Sport in viel engerer'Beziehung stehen, als die jüdische Hochfinanz. Jedenfalls muß die Aufregung in Lportkreifrn ein/ sehr große sei», wen» sich die Hinlerinänner des „Volkssreund" sogar in der Wahl ihre»-Blattes irren und ihrer Entrüstung über die „jüdische Loncurre»; gegen die englischen Jockey" statt in irgend einem Sportblait im „Volkssreund" Ausdruck geben. Warum doch die Herren nicht zugleich eine Liste der Terbusieger der letzMyJahre hinzufügen'? Ta würde mau ivohl sehr viele Patrone der christlich socialen Bewegung paradircn sehe». . A. v. I). (Pskniier unh die Cholera.) Aus verschiedenen Theilen des. Auslandes, namentlich au» Rußland, aber auch air» Galizien sowie aus dem Königreiche Ungar» treffe» Meldungen über Cholerafälle eiu. Im vorigen Jahre benützte der von Adalbert Hafsner seinerzeit gesinnte Psenner die Cholera Epidemie

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