Mannheim
Compact Memory

Freies Blatt · 1893-09-03 · 74 (3.9.1893) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
74 (3.9.1893)
Date
1893-09-03
Page
[Seite] (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/4886575-5439157-5441447--0794-4887295
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 74. Seit* 6. Freie» alle und jede Hoffnung auf endliche Klarstellung dieser Blntrhat geschwunden zu sein. ,Wkk hat recht'?) Bei der Agitation für das Schächtverbot in der Schweiz beriefen sich die Anhänger deS Verbotes auf eine Reihe katholischer Bischöfe Deutschlands. . welche einen Aufruf an das Volk erlassen hätten, worin sie die Ueberzeugung ausgesprochen, daß daS Gefühl aller guten Menschen durch die Maffenthicrfolter, wie sic beim Schächten ohne Beraubung statrsindet, verletzt werde und darum die Bestrebungen der Thierschutzvereine zur Beseitigung des Schächtens in jeder Weise unterstützt werden sollten. Das Centralcömitsi der Gegner der Antischächkinitiative fragte bei diesen geistlichen Herren sofort an und erklärte in einem der Prcsie zugestelltcn Flugblakte, folgende telegraphische Antworten erhalten zu haben: Starnberg. Erzbischof Thvma München) bat;u folgender Erklärung ermächtigt: Weber ist Anfrage an mich gelangt, noch weiß ich etwa« von der Schächüache. - M ai» z Bischof Ha ff» er erklärt, daß er niemals über dar Schächten sich auszusprechen Veranlassung gehabt habe. Ter Herr Biichof ermächtigt mich zur Miltheilung dieses genau feine Worte wiedergebendeu Dementis. Tr. Bondi. Niedermending. Bischof .Horum (Trier) hat weder den Aufruf unterzeichnet. noäi wüst sich mir der Frage besaßt! Im Aufträge: WillmS, Secrerär. Breslau Eardinal Tr. .stopp telegrapbirt von Jobanni-derg: Habe keine Erirnerung a» solchen Aufruf oder meine Unterschrift. Darauf wendeten sich die Anhänger des SchächtvcrbotcS an den Berliner Thicrschutzverein, welcher ihnen folgenden Bescheid gab: L> Zämmiliche llmer'christe» liege» im Original zur Einsicht bereit. Stt Schiveizer Sonml in Berlin soll sie einsehen. Tie gegemheilige Behauptung ist Verleumd,ina, und werden wir gegen die Urheber und Verbreiter gerichtlich vorgeben. l?cr typische Fall. Aus Rustschuk wird berichtet: In Sistowo verschwand ein achtjähriger Knabe, besten Spuren drei Tage hindurch nicht aiifgcfundcn wurde». Bald beschuldigte man die Juden, das -Kind unigcbrachk zu haben, und fünfzehn l'tiitf begaben sich in Begleitung der Eltern des verschwundenen Knaben zum Staatsanwalt, um ihn zu bitten, in den -jüdischen Häusern eine Untersuchung vornehmen zu lasten, was ihnen der Staatsanwalt abschlug. Hiedurch erbittert, begab sich die Trnppe trotz der vorgerückten Rachtstunde zum Prät'ectcn, bei welchem ihrer der nämliche Empfang wartete. Derselbe sagte ihnen wörtlich: „Euer unüberlegter Schritt ist nur erklärlich durch die schlechten Gesinnungen, -die ihr gegen einen Dheil der Bevölkerung nährt, welcher euch niemals etwas zu L'eide gcthan. Ich fordere euch auf, gleich nach Hause zu gehen, wenn ihr nicht als Störer der öffentlichen Srdnung festgcnommen werden wollt. Die Behörde' bedarf euerer Rathschlägc nicht und hat schon alle Maßregeln zur Auffindung des Kindes getroffen." Am nächsten Morgen traf in der That eine Depesche ans Kladowo ein, mit der. Meldung, daß ein achtjähriges Kind an Bord eines bulgarischen Schiffes durch die-Stadt gekommen sei: einige Stunden später ließ man dasselbe in Srsowa ' anhalten. Es war der verschwundene Knabe aus Sistowo, der cingestand, daß er davongelaufcn sei, um der schlechten Behandlung seiner Mutter zu entgehen. Tic Zlldcnvcrfolglllkg in Rußland.) Wie L'clnbcrgcr Blättern berichtet wird, hat die russische Regierung bereits Maßregeln getroffen, um fortan die Bethcilignng der Juden in Russisch-Polen an iudustricllrn Unternehmungen zu beschränken. Gleichzeitig lhcilt auch eine : Warschauer Zeitung eine Parallelactio» dortiger Polen mit, welche , das vom Grafen Stanislaus Tarnowski auf dem Krakauer Katho- | likeniage empfohlene Kampfmittel gebrauchen und durch Gründung j von „christlichen Geschäften" die Juden aus j>cm Gebiete des Detail- : Handels verdrängen wollen. Im „Weichielgouvernemcilt" herrscht also, wie cs scheint, insoweit es sich um die Verfolgung von Juden handelt, | eine herzliche llcdcreiirstimmung zwischen russischer Tbrigkeit und polni j schcn llnrerihancn. — Der Jelisawctgradcr Eorrcspondent des i „Tdesskij Weffnik" stellt die falsche Behauptung richtig, als ob j die Juden zu landwirthschafklicher Bcschüstignng unfähig wären und dieselbe nicht ausüben möchten. „In unserem Kreise," so bemerkt der Eorrespondent, „haben viele Gutsbesitzer Juden als Arb.itcr engagirt, weil cs an Arbcitshändcn mangelt Der Jude steht in nichts den anderen Arbeitern nach, übcrlrifft diese aber noch durch Accurateste und Nüchternheit." Die Polizei hat aber diese jüdischen Arbeiter aus den Dörsern gebracht. Dieser Umstand veranlaßte nach den Worte» eines anderen Eorrespondente», dcsten Brief im „Ldesskij Listok* abgedruckt ist, den Verwalter eines Gutes, sich an den Minister des Innern telegraphisch mit der Bitte zu wenden, diese jüdischen Arbeiter zu belasten, da sip sich ja nicht im Torfe ansicdeln, sondern nur temporär sich mit Feldarbeiten in der Entfernung von 3 bis 5 Werst > Blatt. beschäftigen. Dem Bittsteller wurde telegraphisch bedeutet, daß die Angelegenheit dem Gouverneur von Cherson zur Prüfung überwiesen worden ist. Aus antisemitischen Vereinen und Versammlungen. (Sönntagsarbeit.) ES verstreicht kein Sonn- und Feiertag, an welchem die Anführer der Wiener Antisemiten nicht da oder dort auftreten würde», um die sogenannte» kleinen Leute zu bcarbeiien. Letzten Sonntag sprach Lueger in Neulengbach, und dar „Vaterland" sagt zum Lobe seiner „an SarkaSmen reichen Rede", daß in derselbe» daS Wort „Jude" nicht vorkam. Wozu auch? Tie Nsulengbacher verstanden auch so die „trefflichen SarkaSmen". Man braucht ja auch »ich, den Name» deS Herr» Lueger auSzuspreche», um eine Würdigung seine« öffenilichen Wirkens selbst den untersten Schichte» verständlich zu machen. Es genügt, wcu» man von einer beliebten Wiener Frühstücksspeise, von einer Busennadel oder von ungestillten Bürgermeisterschmerzen spricht — In Wien selbst, und zwar auf der Landstraße producirte sich am Sonntag der Mechaniker Schneider. Außer alten Kunststücklein bot er auch ein neue« Er brachte die Bemühungen zur Erlangung des. allgemeinen Wahlrechte« mit der Judenhetze in Verbindung und sagte: „Tie Jude» bilde» sich ein, durch das allgemeine Wahlrecht die antisemitische Bewegung zurückzudrängen. Aber die Herren Juden werden hch sehr stark verrechne»! Ich habe in Galizien die Erfahrung gemacht, daß, wenn daS allgemeine Wahlrecht eingesührt wild, e« in diesem Lande leicht zu Unruhen gegen die Juten kommen könnie. Tenn wie dort die Bevölkerung gegen die Jude» aufgebracht ist, davon kan» sich keiner eine Idee bilde», der sich nicht die Ueberzeugung davon an Ort und Stelle verschafft hat." Warum gerade allgemeine Wahlen -da« Signal zu Judenhetze» in Galizien bilde» sollte», istnicht recht verständlich. Seine „Ueberzeugung" von der judenfeindlichen Stimmung der galiziichen Bevölkerung scheint sich Schneider bei Herrn Merunowicz geholt zu haben, der über die reichen Jude» höchst aufgebracht ist, weil sie Colonien in Palästina und Argentinien gründen, nicht etwa, um de» Opfern russischer Gewaltherrschaft ZufluchtSställen zu geipähren, sondern um von diesen beiden entgegengesetzte» Punkten au« die — Weltherrschaft zu erringen. Ist dies schon Tollheit, hat eS doch Methode! p. (Töy und Schönerer.) Herr Tötz ist seinem Gönner Schönerer dankbar; er ist n cht io wie Andere,;. B. der Ehrenmann PolonSki, die dieser gefallenen Größej cden Reipect verweigern. Zn O lte »schlag forderte Tö tz vor einiger Zeit seine Wähler aus, „unsere« Schönerer zu gedenken", und in DoberSberg erwies er jüngst dem Schloßherrn von Roienan den Gefallen, wieder einmal zu verkündigen, daß Schönerer die Absicht habe, sich vom politischen Leben zurückz„ziehen und kein Mandat mehr anzunehmen, obwohl er am 20. Tecembcr d. I. wieder in den Vollbesitz seiner politischen Rechte trete, zugleich aber die Hoffnung auszuiprechen, daß die« kein unabänderlicher Entschluß fein werde. Wir glauben, daß der Einschluß der einstigen Mandanten Schöncrer'S, ihn nicht mehr zu wählen, ein unabänderlicher sei z >bewo glauben wir auch, daß der „beste Man» der Ostmark" sich vergeblich bemühen, würde, zu einem curulischen Stuhle mit Hilfe der Favorilener Tschechen zu gelangen. lDie Wicntr Antisemiten in Rordböhmeii.) Tie antisemitischen Sendboten Lueger und Geßmann, welche, wie bereit« gemeldet, nächster Zeit eine Mission in Nordböhmen abzichalten gedenke», werden auch Reichenberg beglücken, uud an einer daselbst in der BereinShalle statlfindenden Versammlung lheilnehmcn. Lueger wird über den Punkt „Was will die christlich-sociale Partei?" ipreckie», während Geßmann da« Thema „Ter Liberalismus und die sociale Frage" behandeln wird. Wenn sich der beiden cowinis rozaxeur« der Hepp- Hepp Juternaiionalc nicht die naiionalen Herlk» Schücker uud Prade annehineu, dürfte da« Reichenbcrger Gastspiel vor erdrückend — leerem Hause slaltsiüdeii. lTie antisemitische Rcichstagsmehrheit.) Wenn es nach Ablwardl geht, i'o wird Teutschland spätestens »ach fünf Jahren eine antisemitische Mehrheit im Reichstage haben. In einer Versammlung von Berliner Radau- Anlisentllen predigte er neulich den Kampf wider die jüdische Race. Nachdem er die Zudkn aller möglichen Verbrechen geziehen, fuhr er fort: „Wir wollen eine Treunung von diesem Volke. Wo sind unsere Mitkämpfer für dieser Ziel? Tie Berliner Bewegung, die Christlich-Socialen haben wacker aus die Juden geschimpft. Ta« ist sehr billig nnd uützt nicht«. Ob die Juden bescheidener werden, wie die Christlich-Socialen es verlangen, ist ganz gleichgiltig. Wenn sie etwas erreichen wollen, können sie unglaublich bescheiden sein. Die Deutsch- Socialen, die größere Ziele habe», mllffeu wir uns zu Freunden halten, aber den Flügel, der die Bewegung für die Eonservalive» ausuützen will, muffen wir rücksichtslos bekämpfen. Tie Reformpartei ist auf dem rechten Wege, ihr müffen wir Norddeutschen die Hand reichen. Ta« Gro« der Handwerker und Bauer» hegt überall Sympathie für uns. Die antisemitische Idee ist unwiderstehlich. Bei der nächsten Wahl muß die Enffcheidung fallen, und ich bin überzeugt, daß im nächste» Reichstage die Antisemiten ganz allein die Mehrheit haben werden. Tahin müffen wir schon jetzt arbeiten, und diesem- Ziele dient

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.