Mannheim
Compact Memory

Freies Blatt · 1893-09-03 · 74 (3.9.1893) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
74 (3.9.1893)
Date
1893-09-03
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
84% known words query
IRI
…/4886575-5439157-5441447--0793-4887294
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 74, Sette ft. Freie, tiitc gerichtliche Berurtheilnng -er. .Hochwürden wegen Ehrenbeleidignng. Da verfiel der edle Priester ans die Idee, den Bauern nahezulegen, sie möchten im Wege einer CSotlccte daS nöllfige Ö'clt aufbringc», um dem Juden daS Gut abkaufen zn können. Selbst wenn der Jude, meinte der hochwürdige -Herr, dreißig lud vierzigtausend Gulden dabei profiliren sollte, wäre daS von geringerer Bedeutung angc sichlS der Thal lache, dag dann daS Dorf jndcnrein sein würde- Die Bauern traten nun anden Gutsbesitzer niil dem Ansinnen heran, ihnen daS <i'ut, daS er seinerzeit um r»L>.lHH> fl. erstanden hatte, käuflich zu überlasse». Es war aber ein vergebliches Beyiüben, diesen Inden wegzuschaise». Derselbe verlangte, um dem Pfarrer eine gebührende Rctiou zu crilieilen, mir scheinbare», Ernste keinen geri»' gcren Breie« als 1>, fl — eine Summe, welche die Bauer», so fehl' sie auch ibrcm. Seelenhirken und Schankwirtbe gefällig sein' wollte», nicht aufzutreiben vermochte». And Berzweiflung über den mißglückten Bcrsnch wird sich wobl io mancher Bauer in einem der WirthShänfcr des Herrn Pfarrers einen landesüblichen Raufch an getrunken liaben. Gcza Polontii über öic kirckcupolikifchtu Krüstru.V Herr Geza Polonni, welcher es verstanden bat, die freisinnigen Elemente ans dem Elub der UnabhängigkcitSparlei deS ungarische» Reichstages bin auSzndräiigen, ist auch von antisemitischen Schwäche» nicht' frei, doch kennt er' zu gut die Slimi»ung in Ungarn, um sich nicht ciüige Zurückbaltniig aufzucrlegen. Bpr einer Wählerverfammlnüg in Hajdu. SzoboSzlo äußerte er sich dieser Tage ilber" die kirchenvolitischen «trage» wie folgt: Er afceptire die staatliche Mairikelführnng, bin gegen spreche er sich gegfn die Reception dsr Juden aus, weil ein derartiges fpecielleS Ö'cfeti Unrichtig ivai e. er erkläre sich aber alS auf richtiger Anhänger der freie» AnSübnng der Religion. Die Juden mögen dieselben Rechte genießen wie die Ebristen, nur möchte er wünschen, daß sich die Inden de» Ebristen mehr näbern, damit endlich alle Gegensätze verschwinden. Sie mögen die Jnstirulion der Eircnm cisiyn abichaise», da dicfc daS JnSlebculreten des Gefetzes über die freie AnSübnng der Religion erschwere. Er könne sich keinen er wachsenen Meusche» vorstejllen, der unter derartigen Umiländen geneigt wäre, Jude zu werden. A»ck> sei er für die Einsübrung der obligaro rischen Eivilehe. Alle dieie kirchenpolitischen Gesetzentwürfe werde er gleich nach dem Ziisaininesttriit deS ÜreichStageS urgiren. aber in dem Sinne, daß ne nicht im.jl^egeniave seien mit den Gefepen deS ungarische» Staates. (?) Ganz überflüssigerweise zog Herr Polonni auch \ die Eonscssion deS »iöuigS in den »kreis feiner Erörterungen und « meinte, er hätte nichts dagegen, wenn der Rönig einer anderen christ [ liche» Eonscssion als der katholischen angebören würde. Allein feine j Toleranz gehe nicht so weit, auch das jüdische Religionsbekenntnis; als ein für das Staatsoberhaupt zulässiges zu erklären. Auch will er Eonfefsionslose nicht dulden und selbst Mohammedaner erscheinen zl»n vom Standpunkte der ungarischen Slaaisidee gefährlich liberale ungarische Blätter meinen, Herr Polonni werdet wie feine Anssübrnngen zeigen, nicht verlegen sein, irgend einen patriotische.» Scheiugruud zw siiiden, um die Ablehnung der kirchenpolitischen Reformen im ent scheidenden Momente zu begründen. Polonpi und sein Anhang sollen ' auch gebunden sein. In einer Tischrede zil »iecSkemer äußerte sich Abgeordneter Adam Horvath über de» Bruderzwist innerhalb der UnabhängigkeilSparlei dahin, die EötvöS Kraciion laste eS sich sehr angelegen sein, die Hand /zur Aussöhnung zu bieten, cs stehe aber ein wesentliches Hinderniß ii» Wege, iniofcrne nicht ivenigcr als li>>, sage dreiunddrcißig der mit Polonni in der Bartei gebliebenen Mitglieder nicht nur Gegner der liberalen -kirchenpolitischen Reforinen find, sondern sich auch durch Reverfc dem hohen ElernS gegenüber verpflichtet habe», gegen diese Reformen anznkämpfcn. j I Ein Mörder seiner (vamilie.1 Bor einigen Tage» wurde bei! Holdmkzo - Basarhel» in Ungarn der ä'andwlrth Martin > DioSzegi mit feiner Kran und fünf -»rindern von scincin ältesten I Sohne Klorian ermordetlieber dieses furchtbare Berbreche» erzählen Budapestcr Blätter auf Grund der Gestäudniste deS Mörders. Kol gendcs: Klorian DioSzegi war in der Rächt zu einer Tanzunter > Haltung nach .Holdmezö-Basarhel» gegangen. Bei der Tanziinterhalliing hatte er ein Mädchen, tzie Tochter eines Bürgers, zum Tanze auf gefordert. DaS ÜDfäbdien1 lehnte es ab. mit ihm zn ranzen, und der erhaltene »korb kränkte ihn so sehr, daß er den Tanzboden verließ und heimging; deshalb sonnte er nicht schlafen. Tann siel ihm'ein, daß ihm daS Mädchen vielleicht deshalb einen »korb gegeben, weil er der Sohn Martin' DioSzcgi'S fei, der sich nicht gerade deS besten Leumunds erfreue, und fr sagte sich, daß', wenn der Barer nicht wäre und die Anderen, er der -Herr deS eirea 1-0 Morgen großen Gutes seines Latcrs wäre, und daß ihn dann die Bürgermädchen nicht so ganz wegwerfend behandeln würden. Er stand auf, kleidete sich an. Slatt. nahm die -Hacke zn sich und ging' in daS DpnS feines Bakers. Er trat an daS Bett deS BaterS, und mit einem einzigen wuchtigen »>icb spaltete er demselben "den Tchädel: »oäs ein zweiter -Hieb und der Baler war lodl. Tie Kran, die Stief,nulter KlorianS. erwachte, iah, was geschehen, wollte anS dem Belte springen, aber im nächsten Augenblicke traf sie ein Arthieb und dann noch einer, und auch sie sank rodt in die Kisten zurück. Bon dem Geräusch waren die fünf »kinder halb erwacht,' und von Belt zn ty-tt ging der entsetzliche Mensch, xinen Arthieb um den andern ließ er niedersanse» aus die »köpfe seiner Geschwister, mit jedem Arthieb ein Menschenleben aus- > löschend Bei dem jüngsten »iinde, seinem kleinen Schiveslerche», der erst acht fMonäre alten Therese, waren seine »kräfte bereits so erlahint, daß gerade dieser Säugling noch lebend aufgesnndcn wurde, doch starb das stind ebenfalls -4 T künden später. Ter Rkördcr ging in seine Wohnung' zurück, warf die -Hacke in eine Ecke, -wusch sich die blutigen -Hände und begab sich wieder nach Holdmezö Basarhel», wo das ll» : geheuer sich noch bis zum'Morgengranen tanzend und trinkend unter . hielt. Bald nachher wurde Klorian TioSzegi, der mit seinem Baker und seiner Sliesmntler in stetem Unfrieden gelebt 'hatte, verhaftet, und I nach zweitägiger Haft schrill er zn einem Geständnisse.'Wenn Klorian I DioSzegi ein Jude wäre und z. B. Jacob r'öw» ..hieße, welche Be 'trachtnugen über die '„sittliche Atmosphäre", in der er sich früher i bewegt hatte, wäre» da von der antisemitischen Heupresse - angestellt worden. Sie hätte ohne Zweifel den siebenfache» M/ord, dessen Motiv! Genußsucht schlimmster Sorte war, als-„echt jüdisch" bezeichnet. zEinc autiscmitischc Grnbrcdc.f I» der Rahe Berlins hat, j wie dortige Blätter melden, ein Pfarrer vergangene» Sonntag bei einem r'eichenbcgüngnisse zur allgemeinen Entrüstung der Zuhörer eine ' antisemitische Grabrede gehalten. Es handelte sich um das Begräbniß : eines jungen Mädchens, das kürzlich znsammen mit einem'anderen Mädchen durch ein BootSnnglück bei Grünan nm das Rben^gekonnne» ist. Ten zufälligen Umstaud, daß die männlichen Begleiter dkr Mädchen bei der Rnderfahrt» die nachher zur Eollision mir einem Dampfer > sühne, jüdischen -Glänbcns waren, nützte der -Herr Pastor in überaus : gehässiger, Weise zu einer antisemitische» .Hetzpredigt ans, in welcher! er in der . Tonart der aniisrniilischen BersamnilungSredner von der l „Pestbenle am »törper der deutschen' Ration", von „jüdischer Aus- - beutnng" »iid dergleichen sprach. Taß iiuter diesen Umständen von einer Andacht bei -dem Leichenbegängnisse nicht die .Rede sein konnte, ist selbstverständlich zPtNliolvgifchfS und ZsopiltllischcS.) Wie wir seinerzeitchrrichleieii, war der aulisemitiiche Bielschreiber und bekannte Bismarckverhimmler Max Bewer. auf die krankbasle Idee verfallen, die „jüdischen »ritualmorde" ans einem mediciilischen Gesetz heraus, und war aus dem der J f ov a kh ie, zu erklären Wir .wußten Bewer's sensationelle Ent--' decknng gleich von Ansaitg an richzig zu würdige» R'nn liegt auch . daS Unheil eines KachmanneS über die absurde Schreiberei Bewer's vor. Der. „ ,e r e i f i n n i g e n Zeit» » g" wird von ärztlick»^ Teite geschrieben: „Tie Jfopathie ist nichts weiter als die bekannte -Homöo parhie Ihr Erfinder. .Hahncmanii, vertrat bekanntlich de» Satz, daß »trankhcilen durch dieselben Stoffe geheilt werde», did imstande sind, sie hervorzuruscn. Aber selbst?er verbissenste Antisemit wird' nicht behaupten könne», daß die Bäter der jüdischen Gesetzesvorfchrislen -Herrn Hahneinan», der in den Bierzigcrjahre» dieses xlachhundens in Paris starb, oder seine Vehre gekannt haben. Andererseits ist das religionS- ' gesetzliche jüdische Berbok deS BlukgenuneS fo streng, daß ein nach diesen Borschristen lebender vlude nicht einmal' fein eigenes Blut vcr- .. schluckeu darf, falls er sich beim Esien zufällig im Munde verletzt, e» Wen» daher die .Herren Antisemiten neuerdings um Agitationsstoss gegen die Juden in Berlegenheit gcralhen sind,- so sollten sie doch wenigstens etwas weniger Unsinniges, »nd Berlogeues anssuchen, alS ' - daS -Hirngespinnst deS -Herrn Bewer. Uebi.igeus ist eS durchaus kennzeichnend für den Geisteszustand der Antisemiten, daß sie auch aus -.Ulen anderen Gebieten -io hier aus uiediciuischeui- Anhänger aller Allwtibermärchen, abergläubischen Euren und. Wundermiltel sind, wo' von man sich B. ans der .Staatsbürger Zeitung' auch sonst tagtäglich überzeugen kann. Tie geistige Unzulänglichkeit, die sich winh schaftlich nicht behaupten kann und den Kehler lischt in sich selbst' sieht, äußert sich auch gut all in Gebieten in einer -Hinneignug zn' allerhand, mustischem und verworrenem Unsinn." ,?cr »illübkinnorv von .Vailtcu.v Wie aus Laute» berichtet wird, scheint' in Eleve die noch immer schwebende Untersuchung wegen des Lanieuer »i nabcnmordcs in eine neue Phase getreten -zu sein. Reuerlich ist auch die bekannte.Hauptzeugin Tora Moll, welche die kleine Reiche zuerst bemerkt halle, wieder ziim Berhör geladen worden. Wie verlautet, bewegt sich die Untersuchung diesmal in einer ganz best im inten Nicht n»g, und scheint doch noch nicht

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.