Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 74 (3.9.1893)
- Date
- 1893-09-03
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Freies wußte Täuschung und fährt fort: »Das mag der Autor (deS Programmes der Dcutschnationalen) auch eingesehen haben, deshalb hat er sein Werk auch etwas mit antisemitischem Pfeffer gewürzt : denn wie sich eine Sache ein wenig auf den Antisemitismus zuspitzt, zieht sie bei der gegenwärtigen Strömung in kleingcwcrblichen und. kleinbäuerlichen Kreiten mehr. Der Hinweis auf den jüdischen Einfluß im öffentlichen ('eben, der bekämpft werden soll, ist der Hauptködev für die'armen Fiichc, die an der Steinwcnder-Ängel hängen bleiben sollen, drum isi er ans die letzt aufgehoben worden." Auf die wirlhschaftlichcn Thesen, des Programmes näher eingehend, sagt das nordböhniische Blatt: »Beim .Schutz des bäuerlichen Besitzes' müßte vor Allem gefragt werden, wie soll er geschützt werden? So lange das nicht gesagt wird, bleibt dieser .Schutz' eine Sache, für die man keinen Stecken cintauschcn kann, .Verschärfung der Eoncursordnung.' Wer würde unter dieser Verschärfung am lneisren leiden? Doch unstreitig die mittleren teilte, 'denn sie sind bei dem heutigen Eoucurrcnz- und Existenzkämpfe am meisten der Gefahr ausgesctzt, einmal nicht zahlen zu können. Die .verschärfte Eoncursordnung' ist jedenfalls auf die jüdischen (Geschäftsleute gemünzt, allein es mache» nicht nur Juden, sondern auch Christen Bankerott. Wenn die Strafgeißcl stärker geflochten würde, dürfte sie nicht nur auf jüdische Rücken allein herniedersauscn." Es ist nicht unwesentlich. daß gerade der »Rordböhmische Bolksbote" schon wiederholt in recht bedenklicher Weise mit dem Antiscmitismlis geschielt hat. Allein auch in den rein bäuerlichen Kreisen in Slcinwcndcr's Hcimatlande scheint die neue Thar des großen Zuknnftspotitikers wenig Beifall zu sindcn. Bezeichnend in dieser Hinsicht isi das Unheil der »A l I gcincin cn B a u e r n - Zc i t u n g". Das Srgan des kürnkncrischc» Bancrnbundes schreibt: »Die deutschnationalc Partei in. Riederösicrrcich bat ein Programm ansgeheckt, welches angeblich eine osiene, klare Stellung zn den wichrigsien Tagcsfragen einnehmen solj, aber weiter nichts ist, als eine Sammlung ganz'selbstverständlicher Sätze und verschiedener Phra'en. Mit Programmen hilft man überhaupt keiner Partei auf die Beine: das Bolk will Thaicn sehen und bat die leere Großsprecherei der Abgeordneten schon lange satt. Wenn Steinwender uns nichts Besieres zu bieten hak, als cincu verhunzten Abklatsch des in einzelnen Dheilen gediegenen Winzer Programmcs, dann wird uns in Zukunft die Wahl zwischen ihm und Plener, den er >'o sehr bekämpft, nicht schwer werden. Stciuwcnder entpuppt sich als Dactrinär schlechtweg.Plcn'cr galt nns 'immer als ein ausgozcichneier, aber steifer Sraatspolitiker. Bolksinann aber ist keiner von Beiden. Und solche würden wir brauchen!" Wie nian sieht, ist auch die „Bauern Zeitung" kein sogenanntes „Iubenblatt". >(5inc „warntliüc 3tinunr,J.) Der Bischof Dr Hais in Königgrätz erließ vor Kurzem folgendes Rundschreiben: »Obgleich ich überzeugt bin, daß der g e s a in in t e ehrwürdige E l e r n s meiner £ i 0 c f f c s ich an gar. keiner gegen die bilden gerichteten feindlichen Agitation bet heiligt, sehe ich mich dcnn-och geyölhigt, meine warn ende S l i in in c 5 u erbeben, und i m Falle, d a ß I e m a n d o h n c U ed erleg u ng der Sache a n t i sc in i I i sch c S ch r i ft e n oder R o h I i» g's Broschüre: .M c i n c A n l w o r k a N d i e R a b b i»er' n '. w, die man nur vom wissenschaftlichen -Slandpnnkie aus zu bcirachren har. unter dem nicht wissen ich ältlich gebil'deken Publicum verbreiten oder loben sollte, ei ncn g o lch en a ii f d as R ach d r ü ck I ich st c zu bitten, er m ö ge d ics' u n terla sfen, wenn er sich n icht S chw icrigleiten; ilzieben will, ans denen ich ihn leider nicht befreien könnte Unter dem katholischen Elerns herrschte seit den ällesicn Zeiten ans Grund des Römerbriefcs des heiligen Paulus XI. I.X, 2.V, wo die zuküiisligc Bekehrung des jüdischen Bolkcs zu Christo dem Herrn vorbergesagr wird, der Grundsav,' daß man die unter nns lebenden Juden, die Bätcr dieser zukünftigen Christen, so viel als möglich gegen ungerechte Angriffe schützen soll. Wir Kalholiken haben aber besonders in unsercii Tagen alle Ursache,, der göttlichen Boiiehung;n danken, daß dieses überall zerstreute jüdische Bolk sich noch eikalten bat: denn wenn es dieses Bolk nicht gäbe, w würden 'cbon längsi viele gleichgilrige Christen ini Rainen einer ge wisten^anlicbiii'ilichcn Aufklärung die bewunderungswürdige Geschichte des Menschenqe'chleclnes in der Zeit des alten' Testamentes, wie auch alle vrophelischen Schriften für eine Z'ügc und einen Betrug der Priesier erklären, wodurch in den Herzen vieler Millionen gläubiger Christen der Glaube an die heilige Kirche schon im Fundamente erschüttert und .Zerstört wäre. Wir tliun daher gut daran, auch in Zuknnst die alten, gntcii (Grundsätze unserer Borfahren fesizukaltcn und werden in diesem Sinne aui das gläubige Bolk wirken." Ein Antiseiiiiieiiblatt in Biünchen gibt dem Bischof den »wohlmeinenden Rath, sich beschneiden zu lasten." Blatt. Nr. 74. (Tie Zeitungsmache des Herrn Lpitz.) Für den 28. August war in Leipa die Verhandlung über eine Ehrcnbeleidigungsklage anberaumt, die ein jüdischer Ingenieur gegen den christlich - socialen Agitator Herrn Ovitz angestrengt halte. Das Lpitz'sche Blättchen in Warnsdorf erzählte seinen ('escrn, der Ingenieur wäre Altkatholik geworden, um am folgenden Tage dem Dkufpathcn 200 fl. zu entlocken und nach Rußland durchzugehcn. An der ganzen Geschichte war auch nicht Ein wahres '^>ort. Die Verhandlung wurde auf Gerichtsbeschluß vertagt, um den jetzt in Berlin domicilirendcn Kläger als Zeugen vorznladcn. llnvcrfälschtcs TschtchcilthlIM.) Eine eben erschienene Broschüre, »Purisicirung der freisinnigen Ratioiialpartci" betitelt, gibt der jungtschechischen Partei das Rccepk, sich »ach berühmtem Muster von »ge misten unreinen Elementen" "zu purisiciren. Werdiese „unreinen Elemente" sein sollen, ist leicht zn errathen. Natürlich die »freisinnigen Juden", lieber diese heißt cs in der Broschüre: „Bis sic Andere geworden, bis sie sich selbst rcgenerirt und geändert haben werden, dann erst werden sic darüber Nachdenken köiincn, zu welcher politischen Partei in der Ration sie -gehören, dann erst mögen sic kommen und werden vielleicht in die Partei allfgcnomnicn werden können. Bis dahin aber ist in den Reihen unserer Partei für sie kein Platz, denn auch 'Jene unter ihnen, welche sich zn uns bckciinen, sind bisher ein Element, das nicht einmal mit seinen eigenen Glaubens gcnostcn in nationalen Dingen weiter kommen kann, geschweige denn sich an den schweren Kämpfen 'der Partei bethciligen könnte. . . . Am wenigsten ist für die Jude» Platz in den böhmischen politischen Vereinen und in der böhmischen Journalistik." Der nnbekanntc Pamphletist wird bei einem großen Thcil der »freisinnigen" (???) Jung tschcchen freudige Znstiminung sindcn, wenn er nicht gar in den Reihen der Parteimitglieder selbst zn suchen ist. Vielleicht glaubt man in jungtschechischcn Kreisen den Moment gekommen, den Schleier deS „Freisinns" rücksichtslos fallen zu lasten und bedarf hiezu nur noch eines Winkes der sogenannten öffentlichen Meinung. Der tschechische Ehauvinismus kann nolhwcndigerweise keinen anderen Weg gehen, als der deutsche: er dcstillirt fort an sich selbst hernm, bis zuletzt nichts mehr Übrig bleiben wird. Was hoffentlich bald geschehen möge. sPardonnirt.) Ans Znaim wird uns geschrieben: Das „Z na im er Wochenblatt" hat Gnade für Recht ergehen lasten n»d die gegen die Macher des tschechisch clcrical antisemitische» „Volks boten" cingclcitcte Ehrcnbeleidigungsklage;nriickge;ogcn. ES wird dafür wenig Dank ernten. Doch auf Dank vom Haufe Rawratil war cs ja nicht abgesehen. Es wurde nur neuerdings der Beweis erbracht, fcajf man in liberalen Kreisen nicht vcrfolguiigs- und rachsüchtig sei. Rach der empfindlichen Strafe, welche der zur Durchführung gelangte Preßproccß über die Herren Rawratil verhängt halte, bedurfte cS wahrlich keiner weiteren Genugthiinng. Man weiß cs jetzt auch außerhalb ZnaimS, daß Schimpfereien des „Bolksbotcn" einen an ständigen Forlschriltsmann nicht verletzen könne». Ein tDrgan, dcffcn Gründer, wie Zeugen bestätigten, einst vor Bcust und Giskra Kratzfüße gemacht, dann zur Förderung tschechisch-nationaler Zwecke in das dcutickie ('ager Spaltung zn bringen gesucht hat: ein Cigait, besten Macher vom Clerus leben, aber laut Zeugenaussagen inter poonln sich nachgerade auf Psaffcnfrcster hinausspicien; ein Cigan, das als „Socialrcforur" alle möglichen Beschränkungen eingesührt wistcn 'will, während sein erster Macher nur auf Grund der Gewerbefreiheit unter die Buchdrucker gehen konnte: ein Srgan, von welchem ein Zeuge versicherte, daß es aix unseren Eonimunalzuskälidcn nichts aiiSzustcllen halte, so lange cS die Hoffnung hatte, Gemcinde-Jnscratc zu erlangen — ein solches Lrgan macht cs sicherlich nicht nokhwcndig, daß man seinetwegen die Zeit mit Processen vergeude. Es wird schon der. Tag kommen, an welchem auch die hochwürdigen Hintermänner des »Bolksbokcn", die jetzt „nicht ins Jiinere blicken können", im Stande sein werden, den Werth einer solchen Publicsstik für die Inkercstcn der Kirche und ihrer Vertreter genau zn taxiren. Sb Einer vom »Volksbolen" cingei'perrl wird oder nicht, ist zum mindesten glcichgilkig, und die Pärdonnirung als Ausdruck echt liberaler, wirklich., christlicher Gesinnung ist daber nicht übel angebracht. sZlldcn hinaus!) Auf einem im Bezirke Brzcöko (Galizien) gelegenen Dorfe, besten Besitzer ein Jude ist, lebt, wie man uns berichtet, ein Pfarrer, der nebstbei auch PropinationSpächtcr ist: Mehreren Juden, welche in diesem Dorfe kümmerlich ihr Dasein fristeten, verstand cs' der hochwürdige Herr, durch sein Wirken als Kanzelredncr und im praktischen ('eben den Aufenthalt derart zu vergällen, daß sie der Srtschaft den Rücken kehrten. Wie sollte aber der jüdische Gutsbesitzer entfernt werden? Der Pfarrer ließ dem Sohne desselben, welcher als Verwalter au) dem Gute fungirt, durch einen Bediensteten einige saftige Grobheiten übermitteln, doch der Effect dieser That war nur