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Freies Blatt · 1893-09-03 · 74 (3.9.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
74 (3.9.1893)
Date
1893-09-03
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Freie» Blatt. Nr. 74. Seite 2. die Herren antisemitischen Stadtväter, sonst die Verfechter des Sparens um jeden Preis, sich bereit zeigen, einem Gesinnungsgenossen zuliebe, der den Rest seiner Realität kaum billig hergeben wird, den Gcmcindcsäckel zu öffnen, ist nach den ethischen Principicn ihrer Socialreform erklärlich. Dieselben gipfeln in der Vchrc: Alles für Antisemiten, nichts für Juden und „Juden knechte"! Man sucht durch Radau Baulinien-Aendcrungen zu vereiteln. wenn die Herren Jedliczka und Steiner den Verdacht hegen, Rothschild wolle »ach einer solche» Rcgulirung Gründe ankaufen, uni ein Spital zu errichten. Allerdings käme ein neues Krankenhaus auch aiitisemilisckk» Patienten zu statten, aber cs thnt nichlS, der Jude muß geärgert werden, Ezcschka — ja, daS ist ganz was Anderes! Auch kann cs nicht befremden, daß Dr. Lueger, der vor wenige» Monaten noch die Kandidatur des Urtcutoncn Dr. Knotz in Korueuburg niilerstützle, den materiellen Interessen eincS radiealen Bekenners des Llaventhums gegenüber so entgegenkommend ist. Die Antiscmilen aller Lander gleichen sich eben darin, daß sie ihre Alliirten auch in den Reihen ihrer nationalen Gegner suchen und, wie viele Beispiele zeigen, finden. DaS Anlisemitenthum in Wien gehl im Schlepptau der Eleriealen und der.Deutschenhasser. vLgidy über den 2lntifemitismus. In seinen „Ernsten Gedanken" spricht sich der Baker des „Einigen Eliristcnilnims" M. v. Egidy auch über den Racenantiseinitisinus in seiner vom Herren konimcnden und znm Herzen sprechenden Lehrweisc aus. Wenn mir auch die Ansichten selbst in wesentlichen Punkten niän immer weilen, geben wir dieselben doch als bedeutende Emanalion eines geläuterten Religions und Rarionalgcfühls wicdcki. Egidn ichrcibl:?ic Liebe und all deren Einrclbcstandthcile: Guthcit, Selbstlosigkeit. Treue, Gerechtigkeit, Hingebung und Dankbarkeit dürfen mir uns nicht als Eigenart eines Volkes denken. Es gibt nur eine Liebe — d i e Liebe — die Liebe als Abglanz der unser Dasein weihenden göttliche» Liebe, deren (Vimfe vom Schöpfer in unser Her; gelegt wurde. Es gibt also auch nur eine Treue: die Treue: nur eine Gerechtigkeit: die Gerechtigkeit. Der gute Rune ist treu: der schlechte Spanier ist nicht treu. SbcS nun mehr gute Runen gibt aufs Hundert wie Spanier, weiß ich nicht: ich denke, es wird so ziemlich gleich ''ein: und ich hone, cS wird nicht viel schlechter, fürchte aber auch, es wird nicht viel bester bei uns bestellt sein als in Rußland oder Spanien.. Bescheidene Selbsterkenntniß gehört auch zu den Bestandtheilen einer guten vaterländischen Gesinnung. Gewiß hat zedes Volk.seine Eigenart: das Ekgcbniß der von Gott — Andere sagen: von der Ralur — ihm gestellten Lebcnsbedingnngcn: Bodengcstaltung, Bodetzbeschanenheir, Rlima, Thier- und Pflanzenwelt und alles damit Jnsammenbängendc. Dieic Eigenart erzeugt Eigcnbcgriffe von Recht und Richtig, von ohtt und Böse. So "lange die Völker abgeschlossen von einander lebten, mögen diese Begriffe recht verschieden gewesen sein, wie sic heute noch verschieden sind zwischen Kulturvölkern und Barbaren. Tie Enlinrwclt aber hat sich, je mehr sie in Gedankenrerkehr getreten, gleichwcrthigc Begriffe ängeeignet: ' nur engherziger Hochmut!! Einreiner hat für diesen Eiitwicklnugsstaiidpiinkt der Mcnsch- Iie:l kein Berständniß. Die Bolksart macht sich innerhalb der Eullur well nur izoch durch die äußeren formen, durch Gebräuche, durch Sitten, durch Pas Wie, durch das Tcmperanicnt der Aeußerung eines an sich gleichen Empsindens geltend. Diese Acußerungsart wird allzeit und wenigstens so lange eine verschiedene bleiben, als die Erdachse so zur Sonne steht, wie henke sie gestellt ist: so lange also, als cs heißblütige und rubiger alkmende Völker gibt: so lange auch, als unsere Erdoberfläche ihre Mannigfaltigkeir der Gestaltung bcibehüll. TaS Zur Geltung dringen der Eigenart, das Sich-auslcbcn der Volksart braucht und darf aber keine Feindseligkeit gegen eine andere E genarr, gegen eine andere Bolksart cinschließen oder gar bedingen. Selbst etwas sein, aber auch Andere für ctiiias halten; sich selbst ausleben, aber auch Andere ihre Eigenart auslcben lasten. Jeder eine eigene, in sich abgeschlossene Persönlichkeit, Ricmand aber der Feind des Anderen: jedes Volk seine eigenen, in seiner Art vollendeten Einrlchiungen, keinerlei ,Feindseligkeit aber zwischen den Völkern. DaS ist der Zustand, aus den uns ernste Religiosität verweist: das ist der Siandpunkk, aui dem die McnichbeitSenrwitklnng angelangt ist. Reben dein ansgevrägiesten Persönlichkeitsbewußticin das Gefühl für Alle: nebein dem kraftvoll sich geltend niachcnden Jndividualisircn ein umfassendes llniversalisircu. Dazwischen liegt der sich alS natürliche Gruppe ergebende Begriff: Volk, Ration,' Land lStaat). Dieser Begriff soll fortan nicht Gegensätze in der Gesammtheit darstellen; er verkörpert nur die Zusammengehörigkeit der unter gleichen natürlichen oder geschaffenen Einflüssen stehenden Menschen. Unter diesem Gesichtspunkte die Völker der Erde classificiren zu wollen, erscheint mir Frevel gegen den Schöpfer, vor dem jede Art den Werth hat, den er ihr gab. Jedes Volk bildet sich sein Ideal im Rahmen seiner Bolksart, der Hellene ein' anderes wie der Engländer. Wer diesem Ideal ähnelt, überragt seine Volksgenossen und darf zu deren „Häuptern" gezählt werden; wer hinter dem Ideal zurückbleibt, auf den muß eingcwirkt werden. Dieser Einwirkung Gcheimniß ist: wir müssen Zustände schaffen, die Jeden, der sich zum deutschen Volke zählt, zu einem Ideal-Deutschen erziehen. Zum deutschen Volke zählen wird sich selbstverständlich nur, wer sich als Deutscher — ohne jede den . Deutsch-Begriff aufhcbcndc Sonderbczeichnnng — betrachtet. Einen japanischen Deutschen kann es nicht geben, so wenig cS einen holländischen Italiener gibt. Auch einen „jüdischen Mitbürger" kann eS von dem Augenblicke an für den Deutschen nicht mehr gebe», da wir unser ReligionSbcwußtscin von Glaubensvorstellungen, überlieferter Lehre und Bekenntniß unabhängig gemacht und uns i» dem Einigen Heiligungsbedürfniß fromm geeint haben. Will gegenüber dieser Einigung Jemand ausdrücklich Jude bleiben, stellt er sich selbst aus irgend einem SonderungSbedürfniß außerhalb der Gemeinsamkeit „deutsches Volk", so dürfe» auch wir ihn nicht mehr als deutschen Mitbürger ansehen; er wird wicde Gast unseres Landes, genießt als solcher den liebevollsten Schutz und eine durch nichts cingeschränkre Freiheit, sich auSzulcbcn, aber er nimmt weder theil an den Beralhungcn über des Landes Wohlfahrt und Zustände, noch dürfen wir ihn in unsere hciipatlichen und vatxrländischen Einrichtungen einglieder»*) Betrachtet sich dagegen Jemand im vollen Bewußtsein unserer Anschauungen und Anforderungen alS Deutscher, so darf er sich selbst nicht, nud so dürfen auch wir nicht ihn „Jude" nennen. Daß dieser unser Volksgenosse jede unserem Wesen fremde Gepflogenheit abstrcift, versteht sich von selbst. Unsere Pflicht ist cS, unverschuldete Eigenheiten gerecht und mild zu bcurthcilcn: Recht der Gemeinsamkeit aber ist, jedem Volksgenossen die unS anstößigen Eigenheiten abzucrzichcn. Daß dies nicht .möglich, darf man nicht sagen. Ich meine: ein gesundes, urwüchsiges Volk wird jede seinem Wesen fremde Art, von der cS für die eigene Entwicklung fürchtet, in kurzer Zeit unterdrückt, erstickt haben. Ein Volk, das sich unfähig erklärt, sich der ihm schädlich erscheinende» Eigenheiten Einzelner zu erwehren, scheidet aus aus der Reihe selbstbewußter und damit auch bald aus der Reihe selbstständiger Rationen. priest und der Antisemitismus. , Original Millheiluug des „Freie» Blatte»'.'.) Triest, Ende August. Wenn in einem volL einer Senchc heimgesuchtcn Lande ein Srt von derselben verschont lsteibt, so wird man die Ursachen dieser erfrenlichcn Ausnahme prüfen und das Resultat der Untersuchung den Maßnahmen zur Bekämpfung der Seuche anderwärts zugrunde legen. Da der Antisemitismus in allen größeren Städten EiSlcithanicnS bereits seine Dpfcr gefordert hat, muß es Wunder nehmen, daß eine so große Stadt wie Triest von dieser Seuche noch nicht ergriffen wurde. Auch hier verlohnt cS sich der Mühe, den. Ursachen näher zu trete» und zu prüfen, wie denn eigentlich das Vcrhältniß zwischen den Juden und der übrigen Bevölkerung Triests beschaffen ist, und warum hier kein Antisemitismus existirt. Die hiesigen Juden sind moralisch vollständig mit dem Rationalcharakter der Italiener verwachsen, sic sind geistig assimilirt und unterscheiden sich nur vielleicht noch durch einige phnsische Eigenheiten oder durch specisisch jüdische Rainen von den übrigen Einwohnern. Sie sind zumeist ebenso leichtlebig und flatterhaft wie die VoUblut-Tricstiner, die daS Sparen nur von den eingcwandcrten Deutschen oder Griechen her kennen, sie kümmern sich wenig um die spceiellc Dogmatik ihrer Kirche, sind fast wie alle Bewohner Triests liberal gesinnt — mit einem Worte, die Juden unserer Hafenstadt sind Triestincr und Italiener so gut wie ihre nichtjüdischcn Mitbürger. Man kann aber die Beobachtung machen, daß auch die aus anderen Theilen Scstcrreichs oder aus Deutschland kommenden Juden im Verlaufe von kaum einer Generation ganz von dem Geiste der *) Tiefe von Egidy gewiß höchst ernst gemeinte Gastfreundschaft dürste sich in praxi allerdings ganz ander« ausnehmen, als eS sich fein liebenswürdiger Idealismus auSmalr. Tie Wahl in die ösienilichen Bertretungskörper ist eben die einzige Garantie gegen ähnliche Willkürmaßregeln, wie sie das autokratische Regimen! in Rußland und daS parlamentarische in Rumänien gezeitigt haben. Änm. d. Red.

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