Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 73 (27.8.1893)
- Date
- 1893-08-27
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Freie» Blatt. Nr. 73. Seite K. (Ein russisches Culturbild.) Die antisemitischen Zeitungen, namentlich die Organe sür den „bitnimcn Kerl von Wien" und die verschiedenen Diöcesan-Blätter deS Tühring-Enltus, lobhudeln stctS Rußland, dessen Machthaber sie als Mustcrinenschen preisen, welche sich durch den „Humanitätsschwindel" nicht abhalten lassen, die „voll lichc" Eigenart der Russen ju wahren. „Humanitätsschwindel" — das ist in diesem Halle eine echt antisemitische Ausdrucksweise, und in der Thal, von Humanilätsrücksichten lassen sich die von den Antisemiten Gepriesenen nicht beirren: ihr Verfahren ist ein unuienschliches, auch wen» es sich gegen Richtjuden richtet. Ein Mitarbeiter deS „Daily Ehroniclc", der ein neues, noch nicht zur Veröffentlichung gelangtes Werl von l'eo Tolstoi im Manuskript gelesen hat, berichtet über dasselbe: Om zwölften und letzten Eapitcl deS Buches erzählt Tolstoi, daß er an« 29. September v. I in einem der Distriete reine, in deiien die Hungcrsnoth herrschte. Er bemerkte die Ankunst eines Sch» Uzuges, der einen General u»5 eine kleine Abtheilung .-Soldaten enthielt. -Sie waren auf dem Weg nach Tula begrisfeu, um einige Bauer» zu bestrascn, die cs gewagt hatten, sich der Schmälerung ihrer Rechte durch einen jungen, aber einflußreichen Grundbesitzer zu widersctzen. Tolstoi gibt die solgcndc realistische Beschreibung der Art und Weise, wie bei dieser Gelegenheit die Gerechtigkeit gchandhabt wurde — nicht, wie er sagt, als ein außerordentliches Beispiel, sondern weil cö das einzige ist, das ihm amtlich bekannt geworden ist: „Als AlleS vorbereitet war, befahl der Generalgouvcrneur» daß der erste der zwölf 'Bauern, die der Grundbesitzer als die Rädelsführer der Revolte be zeichuel baue, vorgefnhrt werde. Tiefes erste lTpfcr war ein Familien vater. ungefähr vierzig Jahre alt, dessen Rechtschaffenheit sprichwörtlich war, und der sich der Achtung seiner Mitbürger im böchsten Grade erfreute. Es wurde ihm befohlen, sich auszukleideu und feinen Putz auf der Bank einzunehmcn. Ter Bauer bat nicht um Gnade: er wußte, daß dies unnütz fein würde. Er bekreuzte sich schweigend und . legte sich hin. Zwei Polizisten eilten vor, um ihn ans seine»; Platze zu hstlleu. Ei» gelehrter MedicuS stand nahe dabei, hm im Falle der '.'io!h Hilfe zu leisten Tic beide» Berbrecher, die mit Ausführung der Sträfe beauftragt waren, spuckten sich zuerst in die Hände, knallten dann mir ihren Peilichcn und begannen ihr Werk. Es ergab sich, daß .die Bank zu klein war, und es war schwer, den gequälten, sich windende» Menschen ruhig zu halten. Der t^eneralgouverneur befahl, daß eine andere Bank gebracht werde. Unterdessen stand däS arme mißhandelte Geschöpf mit sinstcren Blicken, zuckender Unterlippe und zitleriiden nackte» Beinen da. Als die zweite Bank gebracht wurde, band man den Annen »och cinma.l darauf, und die Henker nahmen, ihr Werk wieder aus Mil jedem Augenblicke wurden die Wunden schrecklicher, dem Rücken, den Leiten und Beinen des gefolterten Wesens entströmte Blut, und »ach einem jeden Schlag stieß der Ge quälte einen Seufzer aus, den er vergebens zu ersticken versuchte. Und aus der Menge, die umherstand, erscholl das Geschluchzt der Frauen, tUihtter, Xi »der und Berwandten des Gemarterten und daS Gewinfcl derjenigen, deren eine gleiche Strafe wartete. Ter Generalgouverncur zählte an seinen Fingern' die Zahl der Schläge und rauchte kaltblütig seine Eigarette. Rachdcm mehr als fünfzig Schläge ertheilt worden, hörte der Bauer ans zu seufzen oder sich zu bewegen, und.der gelehrte Herr Toetor, der seine Tienste und seine Weisheit dem TistrietS hoipital zur Berfügung. gestellt, kam herbei, fühlte den Puls deS Ge folterten, um zu lauschen, ob das Her; noch schlüge, und benachrichtigte den Bertreter der Regierungsauioritäi, daß. das Spser bewußtlos sei und daß eine fernere Bestrafung seinem Hebe» gefährlich sein würde. Aber der Gcneralgouverneur, trunkener denn je durch die ihm ver liehene Machtvollkomnicnhcjt geworden, wurde beim Anblick von Blut wild: er befahl, mit der Strafe sortzusahren. Ter Foltcrproceß »ahm seinen Fortgang, bis der siebzigste Schlag gefallen war. Siebzig schien aus unbekannten Gründen die heilige Zahl zu sei», unter der eS eine Beleidigung der Gerechtigkeit wäre, aufzuhören. Tann nahm er seine Eigarette aus dem Munde und sagte ruhig und .gelassen: Genug! Führe den Rächsten her!" Es ist fraglich, ob ein solcher anlisemili scher Seribenk, wenn er selbst dieser „Rächstc" wäre, nach wie vor über den „HumaniräiSichwindel" io wegwerfend sich äußern würde — sehr fraglich' Aucuttiscmitifcben Pervinen und Per famnilungcn. <Eine erbauliche Predigt > Tie Wiener ..Männersabrt nach Maria zel l", welche schon in idrem Verlauke sich selbst als verwandte Parallelürömung zu ter^ Wiener Aiuiiemiren'abrt nach Salzburg deelaiirr7ha:le, nabm eine» Abschluß, an welchem uns eigentlich nichts überra'cht, als die Staue, an welcher er stattsand. Unter dem Namen einer „Predigt" hielt nämlich der bekannte Jesuit P. Abel von der Kanzel der Ho fpfarikirche zu St. Augustin herab eine anlisemilisch« Hetzrede, bei deren Anhörung sich die heimgekehrten „Pilger" wohl an so manche in einer rauchigen, bier- und suselduftende» A»lisey>itenkneipe gehörte Rede erinnert fühlen mochte». Mit einer zwar alten aber dennoch geschmacklosen Wendung, worin er den heutige» Antisemitismus mit den Türken kriegen verglich, sprang Abel mitten in sei» Thema Heule gehe der Kamps nicht gegen das Heidenthum, sondern gegen das Antichristenlhm», und an der Spitze, oder besier gesagt hinter der Spitzt, der Bewegung gegen daS Ehristenihuni iiiarschirleil'die Jude» und die geheime» Gesellschaften. Der „Prediger" begrüßte die Männerfahrt nach Mariazell, weil dadurch eine Räherrückung der christlichen Parteien erzielt worden sei/ „Ich muß e» bedauerlicherweise gestehen" fuhr er fort, „daß zwischen unseren christlichen Fraclionen ein eigenthümliches Mißtraue» besteht, da» unbedingt zum Schwinde» gebracht werde» und, dä eS keine Berechtigung hat, auch beseitigt werden muß, zum Trotze unserer semitische» Gegner, denen kein Mittel für ihre Zwecke zu schlecht ist." Ter „Prediger" dankte de» Theiluchmer» an der Wallfahrt sür ihre gute Haltung, „kenn das wäre eine große Freude gewesen sür die Judenpresse, hätte auch nur Einer Veranlassung gegeben zu einem saftigen „Reporter Atikelchen" Mil de» Worten: „Wir bleiben treu unserem christliche» Glaube» nutz lasse» »ns durch keine nichtchristliche Presic. durch keine» periönlichen Spott hiervon mehr abdringe», wie es leider vor 20 Jahren zu unserem materiellen und geistigen Schaden geschehen ist; dazu verleihe uns Gott die Kraft!" schloß P. Abel seine „Predigt", nachdem er die Anwesenden noch zur Unterstützung der christlichin (d. h. umiieinilischeiis ZeitniigSunternehmnugen ausgeforderl Hane. Davon, daß für dieie Journalistik an Crt und Stelle ioiort geianiinelt wurde, ist uns nich:s bekannt, auch wisieu wir nicht auzugebe», über welche Stelle des Evangeliums vorstehende „Predigt" in der Hofpfarrkirche gehalten wurde. (Las Salzburger Gastspiel. Das „Salzburger Vollsbiait" kommt »och einmal auf das Gastspiel der Wiener Ainisemiten in Salzburg zurück. Es eonstalirt auf Grund der Auskage eines Angenzeugen, daß bei der Production im Eur-aale laui» .'>0 Salzburger anwesend waren, und würdigt dann de» „Fest bericht" des Vergaui'ichc» Blattes einer Erörterung Tas Salzburger Blatt schreibt: Gleich die ersten vier Zeilen des erwähnten Festberichte» enthalten eine faustdicke füge. Ta heißt es nämlich: „Ter Empfang der Wiener Antisemiten in Salzburg, die an der Zahl von über 750 Körnen aiilangren, war ungeachtet der rou liberaler Seite -betriebenen -.Hetzereien ein recht herzlicher " Liese an geblichen „Hetzereien" der hiesigen liberalen sind wohl nur in der Einbildung des Berichterstatters Ehren-Bergani's vorgekonnnen. Wir wissen wenigstens, nichts davon und haben auch selbst mit keiner Zeile vorher des „großen Ereignisses" gedacht Es war uns, offen gesagt, nicht der Mühe werth, von dem selben Notiz zu nchinen Was nun den angeblich so „herzlichen Empfang" anbelangi. >o lauten unsere diessälligen Jniormaiionen ganz a»ders. Wohl baneu sich aus dem Balmhose die „Gesinnungsgenossen' Tr. T rasch. Holz trattner, Rührl, Wimmer und der von der hiesigen Winhsgenosienschasl als i7.uarlieil»acher zur Verfügung gestellle Herr Wiesenberger eingefunden, aber von den „zahlreichen Bürgern", von welchen daS „Teulsche Bolksblatt" kaselr, war absolut nichts zu üben lind dieser Umstand soll sogar von dem Allgewaltigen, Tr. ku eger, und feinem edle» Confraler Schneider sehr übel vermerkt worden sein. „Obwohl die Versammlung an einem von dem herrlichsten Wetter begünstigten Sonmagsabend stanfand", heißt es in dem erwähnte» „Festbericht", des Wiener AntiiemitenblalieS weiter, „halte dieselbe dennoch eine» Massenbesuch anrzuweisen. In ununterbrochener Reihenfolge strömten die Menschen in de» geräumigen Saal, der alsbald mir einer Kops an Kops gedrängt stehenden Menschenmenge erfüllt war. Hunderte von Personen mußten, da sie in den Saal keinen Einlaß mehr sinken konnten, abjiehen, und sie umstanden nun die i» den Saal iüdrenden. Eingänge, i» der Erwartung, von diese» Punkten aus den Verlaus der Versammlung verfolgen zu können." Ter Vergani'schc Reponer scheint sich bei seiner Belichterstattung das Wort zur Richtschnur gpiommen zu haben: „Wenn du lügst, so lüge tüchtig" — den» seine vorstehende Schildening ist in der Thar ganz wunderbar zusammengelogen. Alle Welt bei uns weiß, daß der große Enriaal — nota bei e bei Tuchen — höchstens 400 Menschen zu fassen vermag. Von einem „Kopf an Kops stehen" war gar keine Rete, denn die W^ner ballen Tuest und saßen daher gemüthlich an Tischen und ebenso die wenigen Salzburger. Und wer die Eingänge zum Eursaal kennt, der weiß auch, daß e« ganz unmöglich ist, daß an denselben „Hunderte" zu stehen vermöchten. Wie aber die „Haudene von Personen" daS Kunststück zuwege gebracht habe», „abzuziehen" und gleichzeitig die Laaleingänge zu „umstehen", daS wiffen wir wahrlich nicht. Thavache ist, daß der Saal gut zu sieben Achtel seines FassungranmeS von de» Wiener Antisemile» occupirt ivar, während man auf der Galerie, die immerhin ein paar hundert Menschen ausnehme» könnte, nur wtiiige Neugierige wahrnahm, die nicht einmal die vorderste Reihe an den Ballustrade» tüUmi. Der Herr Berichterstatter hat also gehörig ausgeschnitten, als er ieiuc obige io beredte und bewegte Schilderung zum Besten gab. Aber ei kommt noch schöner! Vergani's Lchreiberlein hat Anlage zum Tramaliker; es kehlt ihm'nicht an einer überaus reichen Phantasie, und wenn eS erst so glücklich ist, über Tv. tzueger selbst schreiben zu könne», dann geräth es in Helle Ver-