Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 73 (27.8.1893)
- Date
- 1893-08-27
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 73. Freies Blatt. herein vcrsick)ert werden, daß das, waS mir hier berichten, sich wirklich iin Jahre des Heils I £üo zn Tcinpclbnrg in Hinterponnncrn zn getragen hat. Auf dein ungefähr drei Skiloincter von hier entfernten Gute Hohenfelde dient ei» Milchmädchen, welches feit 14 Tagen bc hanptetc, daß ihr iin DämnicOicht iin SkuhstM und anch an anderen Urteil die Gestalt einer in schwärz gekleideten Tanic cnlgegcngelrelc» fei, die ihm, dein Mädchen, auf dcffc» fchlicßliche Anrede hi» mitgetheilt habe, daß sic keine Ruhe iin Grabe finden könne, »nd daß es da;» bestimmt fei, der Erscheinung solche zu verschaffen. Zn dein Zwecke müsse daS Mädchen am nächstfolgenden Sonntag in die stirchc gehen, sich dorr den letzte» PcrS desgesungenen HanptgcsangcS merke» und sich dann in der Rächt vom 10. znni^l 1. Angnst auf dein Tempel bnrgcr »cncn Stirchhofe hart am Zcplinsce zwischen 11 und l '2 Uhr cinfiiidcn, dort würSc sie, die Erscheinung, dein Mädchen alles Rölhigc initthcilc». Wer unsere Landbevölkerung kennt, der wird nicht daran zweifeln, daß diese Behauptung in derselben glänbigc Hörer und Verbreiter fand; leider niüsicn wir auch für den größte» T h c i l nnscrcr «tadtbevölkcr»ng diese T Hatsache constatiren. Daß diese Angelegenheit für daS Tagesgespräch in den lcpten Tage» ein willkoiniiicncS Object war, wollen wir nicht weiterhin dewundern, aber daß in der 'Rächt vom 10. zum 11. August um die bestiminte Zeit Hunderte von Menschen sich »ach dein neuen Siirchhofe begaben, »in der Entwicklung der Dinge zu harren, das ist den» doch ein «chlag, der unserer Zeit, die so gern mit ihrer Aufklür'iuig prunkt, direet inS O'csicht versetzt wird. Tie Chanss.-e nach dem Bahnhof wimmelte bis zum Siirchhof hin von Mensche»: der hat in seiner lllnzännnng wohl kaiini bei einem Bcgräbniß eine io große Zahl von Personen gesehen, wie sie sich jetzt zur fast initternüchtlichen stunde cingesiinden batte. Einzelne Zuschauer hatten sich, damit ihnen nichts entginge und damit sic den Geist in nächster Rähe scheu könnten, sogar in de» Zeplin gestellt. Bicllcicht ist ihnc» diese Abkühlung ganz gesund ge wesen! ES waren nicht allein Tcinvclburger, die an Drt und stelle ihre spiritistischen 'Rcignngcn befriedigen wollte»: anch die nähere und weitere llnigcgcnd hatte ihr zahlreiches Contingent gestellt. Und der Berlanf der Eomödie oder (für das kranke Mädchen) vielleicht Tragödie? Sturz nach 11 Uhr betrat die Gcistersehcri» in Begleitniig eines TicncrS der bewaffneten Macht den Siirchhof und begab sich an die vorgcschriebcne stelle am Zcplinsce. «ic hat dort eine «tundc anSgehalten, ohne daß der versprochene Besuch eiizgetrossc» wäre: auch t^eister scheinen zuweilen bei verabredeten RcndczponS wortbrüchig zu sein. Ein nervöses Zittern erschütterte zeitweilig de» - Körper der Strankc», welches sich aber! immer wieder legte, sobald ihr von be srcundctcr Hand kalte Umschmge — der «ff war ja in der Rahe — ans die «kirn gelegt wurden.! Als nach der mitternächtlichen «tnnde daS Mädchen sich eiligen «chriltes vom Siirchhof entfernt Halle, verlief sich anch bald der «chwarm der übrigen Gaffer." Ter Bericht erstattcr schließt: „Wir. wissen wirklich nicht, ob wir nnS dem Ans sprnchc des Römers: I>itli<-il>> est satiiam non sc-nWa-! oder dem jcnigcn Ulrich von HuttcnS: D Jahrhundert, cs ist eine Üust, in dir zn leben! anschlicßc» sollen." Diese «pukgeschichte iin Wahlkreise der Herrcn Ahlwardt nnd Förster — spricht Bände! sProccß Paasch.) Der Bclcidigungsproeeß des früheren deutschen Gesandte» in China, v. Brandt, gtgcn Carl Paasch nnd (.''f nosien wird, wie anS Leipzig berichtet wird, im Cctober zur Erledi gnng gelangen. Da Paasch von den Aerzten für geisteskrank erklärt worden ist, so wird nur gegen seine Mitangeklagten verhandelt werden, welche sich bei dem Druck und bei der Bcrbrcitung der beanständeten, von Paasch verfaßten Druckschrift bethciligt haben. Wo Paasch zu nächst.untcrgcbracht werden wird, ist »och nicht entschiede». lPctcr Hebel lind die Zlldtll. - Georg B l c i b t r c u erzählt in seinen «abbalhstunden Folgendes: Peter Hebel war das Stind armer Vcutc, die im Daglohn arbeiteten nnd sich kümmerlich ernährten, «ei» Pater starb sehr früh, und nnr der angestrengte» Thäligkeit Per Mutter war cS zu verdanke»,' daß der aufgeweckte Junge regelmäßig eine «chnle besuchen konnte. Derselbe war vorzüglich bcanlagt, dabei sehr fleißig »nd im Betragen »instcrhast, >vaS edle Menschen veranlaßte, ihn auf besiere «chulcn zu bringen nnd studircn zu lasse». Stnapp genug ist'S ihm oft gegangen, doch half' ihm sein heiterer «in» alle «chwicrigkcitcn zu überwinden und seine «Indien zu beenden. Li» Lahre 17f>5 wanderte er als fröhlicher «tudent mit dcui Ränzel auf dem Rücke» von Erlangen nach Hause.- «ichcr ahnte Ricmand und er wohl am wenigsten, daß anS demselben der nachmals so berühmte Stalenderniann, der treffliche Theologe, der unvergeßliche Prälat Peter Hebel, werde» sollte. Munter und guter Dinge schritt er leine «traße .fürbaß, und war auch daS Stlcingcld bei ihm rar, so verlor er doch den Humor nicht. In seinem Siopfc kreuzten sich Gedanken mannigsacher Art, er ließ die rquhej Vergangenheit im Geiste vorübcrziehen Seite f> z'nflschlötscr für die Zukunft ans. Wen» er sich so 'n dachte, inmitten ei» Pfarrhaus mit hübschem nnd «alte sich einen -idnllischeu Gartet, daS er bewohnen könne, umgeben von einer züchtige» Haus fran, gcliebkost von pausbackigen mindern, dann ward ihm das Herz zum Zerspringen voll und entnnchlert empfand er wieder Zweifel, ob er je ei» derartiges ('Mfuf erlange» werde, ob er es. verdiene? «eine Porsätze waren gut, ein Ldeal hatte er: einer Gemeinde cin-würd'iger «ccls, rger zu werden »nd seine Zukunft da anszubane», wo er Mensheu glücklich machen könne, «o wanderte Hebel dahin und stand auf cjiuujl vor L>en Thoren «eegringenS, einem damals Änspachiichcn Grenzortc. Er wollte ciutrctcn, doch eine rauhe «timmc herrschte ihn au: „Halt Lud! Zoll bezahlen!" Hebel blickte sich nnr, sah auch de» Fragenden an.sind war starr, daß er damit gcmcjnt sei» sollte. „Run, wird'D bald, verdammter Lud'. Du.'willst um den Zoll betrügen? Wart, ich will dir!" Und Fäuste ballend erhob er sich, ein großer Hnnd sprang die Treppe herunter, bereit, d'cn müden, Wanderer an znfalke». Fort waren die vorhin anfgcbaute» Z'nstschlösscr, die rauhe Wirklichkeit ließ ihm die Zukunft in einem minder schönen Bildern erscheinen: doch crmannlc er sich rasch nnd sprach: „.Ich bin kein Lude!" ,,«o, auch noch leugnen! Mit dir wolle» wir schon einig wcrdfu," sagte der einäugige Zöllner und versuchte, den vermeintlichen Luden mit Hilfe seines Hundes zu packen. Mit einer Miene, in der Wchtnuth und «chalkheit mit einander stritten, jagte Hebel: .L'aßt'S nur -gut sein, ich gehe mit." Würde er für einen Luden gehalten, so molttje er anch erleben, wie eS einem solche» ergehe» sollte. Ln seine-, alle Lustigkeit verfallend, sagte er zn seinem Widerpart: „Lch spreche, wie ihr euch sofort überzeugen sollt, allerdings Hebräisch »nd das nicht gerade schlecht. Werde, ich nun für einen Hebräer gehalten, weil ich diese! «prache gelernt habe nnd mich darin anSdrncken kann, obgleich ich kl-in L»dc bi», so ist das sehr schmeichelhaft für mich " «chelinisch sah er de» halb verduzten Zöllner an. und als dieser stehen blieb, sagte! Hebel: „Lch gehe zwar mit euch, aber Lndcnzoll bezahle ich »idttL führt mich zum Richter!" lächelnd folgte der Arrestant dein chcnzatige» llnterossieicr, und lächelnd nahm er all die «chimpfnanie» eiiigfge» die ihm von Groß nnd Ai lein zntbeil wurde» „Hcpp! heppl!" schrie die hoffnungsvolle Lugend, und „Lnd^! Lud'!" rief man ihm anS den Fenster» nach. Hebel konnte nur lachen nnd kam endlich znm Dorfrichter, der ihn des verweigerten l'eibzolles wegen uiit einer PrügelsuppD beivirlhen .und frei beherbergen wollte. Letzt hieß cS^ den >«paß in Ernst nmznkehrcn, wenn er nichi durchprügeli werde» ivölllc Er legte seine llniversitätszengnifse und seinen Reisepaß, vor nnd! blickte den Gestrengen fragend an. Dieser aber'gab sich nicht ganz gefangen, weil er sich für Einen ansgegeben habe, der er nicht war! Hebel wußte ihm aber den Meister zn zeige», und der struppige Zöllner |ninßle zugcbe», daß der Fremds bestritte» -habe, ei» Lude zn fein: Mit allerhand «chiinzifreden als Wegzehrung wurde er entlasse». . Hebfl halte nach «cegringen einen schönen Durst gebracht: dieser'war ihmvergangen und fort ging's znm anderen Thor hinaus. Auf einer Anhöhe blieb er stehen, überschaute den Drt und-sprach: „«cegringen — deiner will ich gedenken!" Und Hebel hielt Wort. Den «chauplatz sein.-r schalkhaften Erzählungen verlegte er immer »ach «eegringen Siam irgendwo eine Albcrnhkit vor, dieer zn Papier brachte, so gesc>ah dies in «cegringen, und so gilt «eegringen heilte noch als Cr:, in dem vorzugsweise die Albernheiten volle Blütbe» treibe». Diese allerdings iluliebsanic Begegnung war Ursache, daß Peter Hebel der Lnden besonders annahin, wovon seine Erzählungen beredtes Zefigniß geben. «Das «älächtvrrliol der «chwciz.l Bei der Volksabstimmung in «chwciz wurde das Perbot des «chächtcnS nach jüdischem Ritus der mi gcß hie d>0.-.'»0 gegen 11 «lii'nnicn und von 11' „ Cantonen en IO'., Cantone angenommen ^74 «chwcizer Büzgcr ent ern sich der Abstimmung. Die Antisemiten jubeln über daS Ab'" stiiliuiungSergebniß, doch haben sic, wenigstens die Christlich Loeialen, zum Lnbel» keine Ursache. 'Rach diesem Präcedcnzfalle könnte eines TägeS auch über eine "andere rituelle Frage im Wege der Polks ablliminnng entschieden werden, und cS ist n»S nicht bekannt, daß das «chweizcr Polk feine Conspctcn; bloß auf Fragen dcS jüdischen Ritus beschränkt hätte. Die Clcricalcn in der «chwciz, welche gegen das «chächtvcrbol sich erklärten, thaten cS wahrlich nicht aus Lnden . frcnndlichkcit» sondern ans wohlbcgründetcr Besorgnis; vor einem cnbaigeii Eiiigrisfe in ihre kirchliche «phärc. - Truinonl »nd BurdttUl.) Bei de» französische» Käniinerwahlen ist Drnmonl in Annens dnrchgcfallcn Ln?»on wurde Bnrdeau, aüf denen Silage Drt)mont wegen Perleuindnng zu einer drcimonat lichcn. Gefüngnißstratc , vcrnrtheilt wordr» war, irop aller Ein fcl)üchkclll.ngSittittcl dcS Anhanges der „Üibre Parole" qewähtz Die französische Sianiiner ist nicht antisemitisch verseucht.