Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 73 (27.8.1893)
- Date
- 1893-08-27
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit* 4. Freie» Blatt. Nr. 73. itiird. Dir tcrmiitabtc Annuität ist sicher die richtige Form für Grundsjckiuldcn, sowohl für Besitzschnldcn, als andere Darlehen: allein man Muß stch darüber klar sein, daß diese Annnitätsdarlehen nur möglich s i ind d u r ch d i c b c st ä n d i g e C a p i t a l i s i r u n g d e r A mortis a t i o » s q n o t c seitens des Gläubigers, deS Pfandbrief- oder ycenkenbriefinstiruies, dabcr der ganz modernen Finanzwirthschaft anaehören " j (C?itt antiftinilischcr Gcsiiiiiungskraflincnsch. i Wir erhalten ivlgende Zuschrift:! Pilsen, sen l«>. Angun. Beredrli-tie Redalion! Soiiniag. de» 13. August I. I. traf ich mit. dem PergnüzunSzage von 'lkci'e» i„ . siiif itüfiii ein, ging in das Gasthaus „zur Post" des Zoscs i d l, ivo ich 'Vit vielen fahren verkehre, und verlangte elwas zum Essen. '>erau> annvortele mir Herr Seidl. der mich versönlich kennt, in ichroner Löei'e: „,'>äi habe nichts." Als ich nun wenigstens kalte.Speise veilaugte, er iyider:e er noch iäroster: „Fäi bin seit neuester Zeit Änliscmir uud werde inem ,'udcii elwas verabreichen." Fäi laßle dies als Scherz ans Und fragte itn, ob er es einst meine, woraus ich die liebe,isivürdige Antwort erhielt: .'>ev: schanen'S aber, daß Sic forckomme» " Mil der größte» Entrüstung verest ich dao roeal. Fä! bringe abkr diesen Porgang rnr allgenieinen Xeniiiniß, damit ichianii'eniilen sich vor der i»e>i»nii».zskiiä>iigkeik des Herrn Iost's Seidl, der innachst .Hoiel C"fi' in Markt Eisenstein nbelnebiiicn wird, wodl hüten, und btballe''>»ir anßerdein noch vor, die nöibigen weiteren Schrine einzulelien Mit bfstein Sänke nzr die 'leuiiduche Autnabnie Ho>hachrend tstidwig Glaier stantkii.'.nn aus pilicn j llcücrtricbcnc Clllllsiudliälkrik. ei» deutsch liberales Mitglied der äj r o v p a u e r Geuieiudevertrekiing halte das Porgebcn der antisemitischen ^laforitär, welche bei Besevung einer Hehrerstelle einen Bewerber gegenüber qmm anderen bevorzugte,'der bei sonn gleicher S.nalisieaiion eine fast! doppelt längere Dienstzeit antzuiveiien batte, als „Broreetionswirth , nfiati" gerügt. Darüber gcricthen die Herren Antisemiten außer Rand! nlid Band, und sie warsen dein liberalen „Taktlosigkeit" vor. ' .inem solchen Borwurfe lind am allerwenigsten Diejenigen bcrnte», . welche, wie .der Heillünsiler rück von Xiiiggc, nur ein „Eonversalions lchieon" anjnfübren wisien, deren Beredsamkeit darin besteht, daß sie uf der Regel niiz >irasla»sdrneken und nicht selten mir Schimpfereien I f: nmiverfen. Bei einem „ilnversälschien", bemerkt wipig ein schlesisches j Blau, wäre das „echt deutscher Freimulh" gewesen, was bei einem [ vll .'iaU’ii .. Dakitosigkeic' sein soll. Gtwtrlismiißigr Brrstiimiuliilig von >iiuDcrn. Bei einem ^ilchensesie in Biskupee nächst Warasdi» wurde kürzlich das Treiben 1::er nnmcnschlickrn Bande entdeckt, welche die Berstümmlnng von intern gewerbsmäßig beirieb, um die unglückliche» Geschöpfe für das l . ettlerbandwert ausznnüyen. Bisher ivncden drei Männer und von! dfn Dpsern vier siInder zustande gebracht. Reviere stehen im Alter vjon > bis Islahren und bieten cineii bcklagcnswcrihen Anblick. iivei Mädchen sind Arme und Beine gebrochen, einem Mädchen ein nge ansgestochen worden Die Berstüittnllungcn wurden den aiinder» it Werkzeugen, welche vorgesunden worden sind, gewaltsam bei ' gebracht. Ein Mädchen, welches erst seil C nrrn in der l^ewalr der : 'Bande war, zeigt noch irische Wunden. ein Knabe wurde io lange j '.»jschen Schrauben und Brettchen gezwängt, bis er buckelig wurde.! j'ie. Untersuchung gegen die verhafteten llebellbäter wird bei dem 1 > Gerichtshöfe in. 'Warasdin geführt So cstt Rjuder in 'zartem Alter! verschwinden. sind anlisemiiische Hetzer bereit, Berdächrignnge» gegen ' d e bilden ansznstrenen und llnivistende durch das Märchen vom l . t>cilualmorde" ZN belbören. Die Bande von Bisknpce, welche kaum : vfreiiizclk da neben durste, zeigt, wohin verschwundene Kinder geraiben : lännen: sie sielen in eroalicn einer herzlosen Speenlation aus das i >irleid, der cRivininnchr von Bettlern 51:11t Spier, welche ihr t'v uzerb« 'zu lieben und stch bei Aiiiciictifcfrcn zahlreiche Almosenspenden zu st n l>ern suchten. Boas in Biskupee geschah, kann auch an einer gleich tbigen Eullurstätte in Ungarn oder Galizien vorkoniinen. Cillt Profksfur vcs Alllistmikisiilllv.' Anknüvsend an die neu l:flie sticeioratstede Birchow's führt die „Rordde n rsch e All giemsine 'Leitung" in einem längeren Ritartikel ans: Eine Pro s.i'nr des Anii'e'.iiilismns sei allerdings noihwendig, und Männer wie Schmoller würden stch gewiß den ans diesem Gebiete liegenden Er scheinnngen zur Aufhellung der aeiuellstcn aller wirthschasilichen und 'stx':ä!vol:l:'ctien M'aieiien widmen, wenn ste Schüler hätten, die an staatliche-und geiellschattliche E:'cheiunngen der l^egcnwari mit der Äescheldenheii des Unierrichksbcdürfligen nnd »'gl dein redlichen Streben iüidi Eikenntnlß der Wahrheit heran treten. Die großen Fragen, ob cs 's'h: sii d:ß der Staat macht und wehrlos gegenüber der fortschreitenden Zerreißung deS Mittelstandes fei, und die der wirthfchaftlichcn Concnrrenz der Fremden oder nicht vollständig national Afsimilirtcn in den Culturländcriv forderten eine unbefangene, fachkundige und wiffenfchaftlichc Untcrfirchung. Dic Ermordung der italienischen Arbeiter in Frankreich, die Bcrtrcibung der Chinesen aus der Union und Australicn seien eine mit dem Antisemitismus verwandte Er-„ schcinung. Das seien Probleme, umfassend und wichtig genug, um dic volle Energie des wisienschaftlichen Denkens hcrauszufordern. («chwcunhagcn.) Der berüchtigte „Schriftsteller" Schwennhagcn, welcher steckbrieflich verfolgt wird, hält sich, wie von antisemitischer Seite behauptet wird, „wohlgcborgcn durch 'Parteigenossen" bereits seil einiger Zeit in Berlin auf, um „dic Ergebnisse seiner rumänischen Forschungsreise actenmäßig niedcrznlcgcn." Durch diese Angabe, die jedenfalls der Wahrheit nicht entspricht, glauben, wie dic Berliner „Bolkszeitung" tresfcnd bemerkt, die Antisemiten vielleicht, dic Polizei aus eine falsche' Spur lenken zu können. Schwenilhagcn hat alle Ur sache, eine Berührung mit deutschen Behörden zu scheuen und im Ans lande zu bleiben. >Boil der berliner Polizei.» Das „Kleine Journal"! brachte vor einiger Zeit eine Berliner b'ocalnoti; unter der Aufschrift I „Ein Gewaltacr der Berliner Polizei", welche dem Blatte eine amt j lichc „Berichtigung" cintrng. Es handelte sich um dic Bcrhaftung einer Frau K u l i ck, welche mit der Bezahlung einer polizeilichen Srdnnngsstrafc im Rückstände war. Durch das rüde Bcnehincn der Wachleute gereizt, verflieg sich Frau Kulick zu einigen höhnischen Bemerkungen gegen das Polizeipräsidium, weshalb wider sie das Bei fahren wegen Widerstandes gegen dic Staatsgewalt cingelcilct wurde. D>hre Einvernahme vor dem königlich preußischen eriminaleomminäi v. Arnim ist ein hübscher Beitrag zur Culturgeschichte deS preußischen Staates. Es entspann sich, wie das Berliner Blatt nun miitheili, folgender Dialog: Herr v. Ar»,»,: Wie und Sic naä, der Redaeiio» des „.Niciiien «umi, nal" qckomiiieii'? * Frau Nn lick: Ein bekannter stkeänsaiiwail har mich dorthin gewiesen Herr v. Arniiii: Das war wohl der Fude FriedinanN'? Mil wein habe» Sie a„r der Aedaeliv» geivroche,,'? Frau X u 11 rf: '»iit Herrn X Herr v t'lriiim: 0» das ei» Jude> Frau Xu lick: Das weil? ich nichr Herr v. Arnim: Das »luüen Sie doch gerochen haben? Diesem Berichte, sagt das „ACleine Fonrual", brauchen wir wohl noch kaum elwas hiiizuzufügen. Wir habe» immer geglaubt, daß ein prenßi scher Beamter Ehre genug im Hcibe hat, um sich nicht mit der ealilinari'chen Dendenz einer „Staatsbürger-Deckung" zu ideulineire». beider haben wir uns getäuscht. Mit Bangen blicken wir der Zukunft entgegen. Wen» prenßi'chs Beamte nngestrast eine solche Sprache führen dürfen, dann haben wir ausgehört, ein Enliurvolk zu sein. Adlwardt, Bachler und Genossen zerren deutschen Geist und deutsche Bildung von ihrem hohen Piedestal hinunter in den Abgriknd ihrer gewissenlosen Heyereien, nnd mit Schauder» blicken die „Edelsten der. Ration", Herder, Messing, Goethe, Schiller, von ihrem Wolkenlhronc aur die unseligen Epigonen herab, welche in den Wogen des Schmutzes erbarmungslos untergehen. i,Plack Podgorski.s Der aiiiisemilischc Agitator Rudolf Plack P 0 d g 0 r s k i, welcher aus Berlin flüchtig geworden war nnd steckbrieflich verfolgt wurde, ist durch eine» Eriminalbeamleii in einer Sommer frische der sächsischen Schweiz verhaftet worden. Plack Podgorski, welcher sich den Bark hatte abnehmcn lasten und unter dem 'Rainen Müller lebte, wurde nach Berlin gebracht. (5inc Bcltivignng.l Das Landgericht Breslau vernrtheilte einen .Ziausmann zu -0 Mark Geldstrafe, weil er einen Gerichts- Vollzieher mehreren Bekannten gegenüber als Aittisemilcn bezeichnet harte. Dic Bezeichnung „Antisemit" wurde vom <"erichic als Beleidigung angesehen. (vjiic Lpllksttschichtc.) Die mit bedeulcndrr Mehrheit erfolgte Wahl der Herren Ahlwardt nnd Förster im Wahlkreise 'Ren Stettin Dempclbnrg schrieb Ahlwardt in seinen Berliner Bersammlungeu der „Ansgcklärlheil" und der „gesunden Bernunst" zu, welche die Bevölkerung gerade dieses Wahlkreises in besonderem Maße zieren Andere Heute sind zwar der Ansicht, daß die Bestrebungen gewister Patrone, das Bolk in seiner Dummheit zu erhalten, in eben diesem Wahlkreise die herrlichsten Früchte gcreitigk haben. Diese Ansicht scheint auch jepl selbst in den Köpfen von Anhängern Ahlwardt s aufzu däiuniern. Denn der eonservaliv antisemitischen in Reu-Stettin crschei »ende» „R orddeu l scheu Presse" wird die folgende Spukgeschichte berichtet: „'Wenn dem Hei'er folgender Zeilen Bedenken aufsteigen sollten, ob wir nicht vielleicht eine alle Geschichte ans der Zeit des sogenannten finsteren Mittelalters ausgcgrabcn, so mag ihm von vorn-