Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 73 (27.8.1893)
- Date
- 1893-08-27
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Seit, 3. Nr. 73. Frei«, Blatt. proccß statt, in welchem die Rollen vertauscht sind, Herr Cramcr als Kläger und die Macher deS als Angeklagte erscheinen. In die Bcrtheidigung wird sich, wie verlautet, daS Wiener Trifolium Lueger-Pattai-Hößlinger thcileu. Dem AgSgang des zweite» ProccffcS sieht man in den Kreisen der freisinnigen Bürgerschaft ZnaimS sehr ruhig entgegen; derselbe erscheint nach dem Ergebnisse der eben durchgeführtcn Verhandlung nicht mehr zweifelhaft. (Okstcrrcichische Resormpartci.) Die neubcgründcte „Oestcrreichischc Reformpartei", die Zumeist auS früheren Anhängern Vicdjtenstein'S besteht, hielt am 19. d. M. unter Vorsitz deS- Obmannes Anton Pa»;ner ihre zwei» Persainmlung ab. Zu derselben halten sich auch christlich-sociale Arbeiter cingesunden. Zunächst hielt Dr. Seidlcr auS Hietzing einen Vortrag über die Rothlagc des GcwcrbcstandcS und die Mittel zur Behebung desselben. Dr. Seidlcr begrüßte die Gründung deS Vereines als einen glücklichen Versuch, diese Rothlagc zu bannen, sin der ZusammenfaßuNg aller Kräfte liege eine Bürgschaft deS Erfolges Der Redner legte dar, welche Versuche die antiscmilischeu Führer zur angeblichen „Rettung" deS Klein gewcrbcS gemacht habe». Als Sündcnbock für den ganzen Jammer mußten - die Juden herhalten Da aber dieses Schlagwort auf die Tauer nicht verfing, sintemalen auch die Beschränkten cinschcn mußten, daß cS auch sehr viele ar» c Teufel und anständige Menschen unter de» Inden gebe, so begann >»>an, nicht das Iudenthum als solches, sondern den sogenannte» semitischen Geist zu bekämpfen. Später glaubte man zu finde», daß glich viele Ehrislcn von jenem semitische» Geiste erfüllt seien und nannfe sic einfach „Judenkiicchtc". Rachdcm aber die'Bevölkerung nicht so leicht-untcrscheidcn konnte, welcher Ehrist von dem einen oder dem andcrcn „Geiste" erfüllt sei, wurde ein neues Schlagwort erfunden: „Der Kampf gegen das mobile Capital". Ter Hauptkanipf der anliscniitifchc» Führer richte sich, wie dies nun . mehr die irregeführten Wähler cinzufchen beginnen, gegen jedes Wissen u»d jede Bildung, vornehmlich gegen die Schule. Diese Erkcuntniß sei geeignet, dem Bolle die Augen zu öffnen, Frcvcullicherwcise habe man das Ehristcnthum als j Kampfschild anSgcstcckt. DaS wahre Ehristenthnm, welches litjt dem der Antisemiten absolut nichts zu thnn habe, sei eine universelle, alle Menschen mit gleicher l'icbc umfassendc. Religio». Diese als christlich sgcialc Parteisachc zn bchandel», sei die, größte BlaSpheuiie und Bclcidfgnng deS EhristcnthumS. Der Redner besprach dann die Mittel zur Hebung deS.. GewerbeftandeS und führte als solche u. A. an: Freie Entwicklung deS BürgcrthnmS, Ausbau der StaatSgrundgcfctze und der Reufchule, stets fortschreitende Bildung. Fleiß und Sparsamkeit. Der künftige Abgeordnete deS Bezirkes, sagte Dr. Scidler, könne und dürfe nicht ein Prinz Liechtenstein sein, der in Folge seiner Gesinnung wie seiner sociale» Stellung z» dem Kleingewerbe in vollem Gegensätze stehe. ES müßte dies 'vielmehr ein Mann fein, der durch Wißen, 1 Bildung und Charakter hcrvorragc — ein Mann, der cS an sich selbst erfahren, waS Aruiutlf heiße. Darum slaniic er darüber, daß sich Dr. Lueger, der selbst in widrigen Bcr hältnisicn gelebt und stndirt habe, zu dinem Schleppträgcr deS Prinzen Liechtenstein erniedrigen konnte! Merkwürdig sei eS, daß gerade die hohen Herren und die katholische Geistlichkeit RicderösterreichS für die Ausbildung talentirter Kinder armer teilte nichts thnn, während die Evangelischen und Juden diesbezüglich alles Lob verdienen. Der echt christliche Geist der Gcmeinsanskcit fehle de» Cavalicrrn und reichen Klöstern. Der Redner verwies auch auf die Thatsache, daß die AuSspeisnng der Armen zumeist von Juden und „Judenkncchten" besorgt werde. Hierauf hielt Arbeiter K u n s ch a k eine längere Rede gegen die Juden und die „jüdische" Presse, wobei er wiederholt mit Zwischenrufen über daS Verhalten der antisemitischen Blätter unterbrochen wurde. Dr. Seidlcr erwiderte auf die Ausführungen Knizfchak'S unter dem Bcifalle der Versammlung und betonte, daß derselbe die christlich-sociale Unmoral klargelegt habe. Die Versammlung endete in später Rachtstunde. (Flugschriften.) Durch dis Administration des „Freien Blattes" (Wien, I., Seilerstätte 10) können Gesinnungsgenossen folgende Bro schüren gratis und franco beziehen: I. Bericht der Zweiten Generalversammlung dsS BercincS zur Abwehr des Antisemitismus 1892. 2. Stenographisches Protokoll der am 13. Oktober 1892 vom Verein zur Abwehr des Antisemitismus veranstalteten Protestversammlung. 3. „Die rechtliche Stellung der Juden in Oesterreich" von Dr. Gustav Hcinrich Fall. Wicit 1892. Verlag des Vereines zur Abwehr deS Antisemitismus. 4. Bericht der dritten Generalversammlung des Vereines zur Abwehr deS AntifeniitiSmuS 1893. — Um Wcitervcrbreitung dieser Schriften unter Nichtgesinnungsgenoffcn wird gebeten! (TaS Alter der Prager Ziidciigemeiiidc.) -Es gehört bekanntlich ZN de» meistgeleiertcn Lügcnmärcn der nalionalcii wie der intcrnalio nalrn Antisemiten, daß die Inden als die später Eiugcwanderle»^, unter allen Rationen Fremdlinge, bloße „Gästvölker" seien. Es muß a» nnd für sich natürlich ganz glcichgiltig für die rechtliche Stellung eines TheilcS dSr Bevölkerung sein, wenn dieselbe etwa um einige Deren»ien, in vielleicht um ein bis zweihundert Jahre später cingcwandert ist als die Gründer, ersten Eolonisatorcn und Eivilisatoren der betressendcu Stätte. In der That mögen sich auch die Juden an sehr vielen Srteu wirklich in dieser Lage befinden, ohne daß natürlich daraus irgend eine unerlaubte Eonscgnen; gestattet wäre. Indcß ist cS doch charakteristisch, daß auch in diesem unwesentlichen Punkte die antisemitische Theorie, wie imnier, unwahr und wenigstens in solcher Allgemeinheit irrig ist. Wie bekannt, gibt cS in Deutschland inchrcrc Judengcmeinden, die ihren Bestand nach der Localtradition bis in die vorchristliche Zeit zurücklciten. Wie wir ans dem eben erschienenen, äußerst reich!,»Uigen und trefflichen Jahrbuch c f it v d i c vsrac litis che» CultuSg eine in den Böhmens (Prag 1893, Verlag von .Jacob B. Brandeis) entnehmen, gehört auch Prag zu diesen Städten. So er wähnt die vom Rabbi Josef Hakohcn im Jahre 1558 begonnene nnd später bis 160.'» fortgesetzte Leidensgeschichte Israel Enick Habacha. daß anläßlich der im Jahre 1509 vom Kaiser Ferdinand verfügten Ans trcibung der Juden Böhmens die »ichtjüdischcn Bewohner Prags in ihrer Fürsprache um Aushebung der AnSwcisnng betonten, daß die I n d e n d i e s c S L a n d v o r Z e r st ö r u n g i h r e S T c in p c l S i» Jerusalem .bewohnten. Wenn nun auch diese Mcionng der historischen Rechtfertigung entbehrt, so geht doch daraus hervor, daß die Juden schon seit unvordenklichen Zeiten in Prag seßhaft waren, so daß die Spuren ihrer Einwanderung unter die jetzige slavisch gcrma nischc Bevölkerung „vollständig verwischt sind. In der im X V11, Jahrhundert geschriebenen Ramschach'schcn Chronik wird erwähnt, daß anläßlich eines SchanzenbancS die Grabsteine der drei jüdischen Friedhöfe, die tausendjährigen kostbaren Denkmäler der Vorzeit dem Macht geböte der Roth geopfert wurden, und noch ein Historiker wie aomet schreibt in seiner Geschichte Prags (l.. S. 73 >: „Von der Ein Wanderung der Inden in Prag und Böhme» überhaupt findet sich nirgends ein Rachwcis vor, chcil sic ohne Z w c i f c l i n sehr alter Zeit geschehen. Inden mögen zur Zeit der Marko inanen nuter anderen .Handelsleuten im La ndc gewesen sein." Wenn nun auch diese Ansichten Über das Alker der Prager Judengemeindc zu hoch gegriffen sein dürften, darüber, daß die Inden in der zweiten Hälfte des X. Jahrhunderts schon in Prag, »nd zwar in großer Zahl'Jeßhaft waren, herrscht heule kein Zwenel mehr. Rach Hajck waren sie im Jahre 995 unter Boleslaw ll. im Kampfe der Christen gegen-die Heiden ausschlaggebend für die Christen Alle diese Umstände hindern natürlich irgend welche erst neulich ans Rußland oder dem Deutschen Reiche zugereiste Bürschchen christlicher Confcssion nicht, Leute für „Fremdlinge" anszugcbcn, deren Ahnen den Boden Prags und Böhmens überhaupt vielleicht länger bewohne» als die Ahnen irgend eines tschechisch feudalen AdclSgcschlechtcs. «Abgeordneter Plener vor feinen Wählern.) Der Abgeordnete Dr. v. Plener erstattete in einer am 17. August abgehaliencn Sitzung der Egerer Handelskammer seinen Rechenschaftsbericht, bei welchem Anläße er auch die socialiftische Doctrin der Aniisemile» und ihrer conscrvativen .Hintermänner scharf charakierisrrte. .'sachdem Dr. v. Plener über die Ziele und Wege der Soetäldemokrasie ge sprachen, fuhr er fort: „Die Rcfbrniplänc der christlich socialistischen Partei sind weit unklarer uud unverständlicher als die Bestrebnngc» der arbeitenden Elaßen. Auf der einen Seite werden der Capitalbesiv, die große Industrie, der öffentliche Credit auf das Schärfste angefochre», zugleich aber auch die Aufrcchtcrhaltung des Privateigenlhnmö und des Privatbetriebes behauptet. Einmal wird fortwährend von berufs gcnosicnfchaftlicher Organisation der Gesellschaft gesprochen, allein sowohl bei der Unfallversicherung als bei den Arbeiterkainuiern waren die Vertreter dieser Partei nicht auf der Seite einer, solchen Srgani sation zu finden. Ter Mißerfolg unseres Antrages über Arbeiter kümmern in der vorigen Sitzungsperiode. deS Abgeordnetenhauses ist wesentlich auf die Einwendung und Hindernißc zurückzufnhren, die uns von sogenannter conscrvativcr Seite, welche über die Ausschuß Majorität verfügte, entgegengesetzt wurden. In ihrer Gegnerschaft gegen die moderne Entwicklung sucht diese Partei mit besonderer Befriedigung in einigen ihrer positiven Vorschläge einen principicUen Gegensatz gegen unsere bisherige Rechtsordnung, so;. B. glaubte sic iu dem.Institute von Rcntengütern eine ganz ucne RcchtSform für den bäuerlichen Besitz zu finden; ihr Vorbild jedoch, die neuen preußischen ReiNengütcr, beruht auf dem ganz capitalistischeu Princip der termi nablen Annuität, wodurch der geliehene Kaufpreis aUmälig abgezahlt