Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 73 (27.8.1893)
- Date
- 1893-08-27
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 88% known words query
- IRI
…/4886575-5439157-5441445--0773-4887275- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Frei«» Blatt. Seit» 2. Nr. 78. als Ursache dieses Niederganges bezeichnet. DaS Ministerium seinerseits hat sich beeilt, diese Denkschrift einer Commission zu übergeben, die demnächst die Ausweisung der jüdischen Schneider auS Petersburg befürworten wird. H^r weiß man jedoch genau, baß die Genossenschaft zu diesem Schritte aufgefordert worden war, und daß man bei den jüdischen Schneidern nicht Halt machen werde. Es gilt hier als Thatsache, daß in Bälde eine zlndcnauSwandernng eu masse zu erwarten stehe... Es fragt sich nur: Wohin und womit? Lr^u8. £ht e>naimcr Lretzprocetz. > Tiiginal-Mittheilung der »Freie» Blatter".) Znaim, 20. August. Drei Tage spielt? sich vor dein Znaimer Schwurgerichte ein Preßvlcceß ab, welchen die Macher des hiesigen AntisemitcnblatteS, des ..Zuaimcr Volksboten", Nawratil Pater und desien zwei Söhne, gig.'il den verantwortlichen Redactcur des liberalen » Znaimer Wochen mattes", Herrn Alfred Cramer, angestrengt hatten. Die Herren 'Nawcaiil fühlten sich namentlich dadurch beleidigt, daß sic in Artikeln des ,. Znaimer Wochenblattes", in denen ihr Gebühren beleuchtet wurde, als verkappte Tschechen bezeichnet, somit eines PersteckenspielenS iijit dem eigenen und mit dem fremden Polksthum, ferner der systentatischcn Perdrchung und Verhetzung geziehen wurden. Der Proccß tk^iloß mit der Freisprechung Alfred Cramcr's, nachdem sich der Pcrlauf d.'r Perbandlung zu einer nioralischen Berurtheilung der Kläger gcstilltet halte, '.h'icht niiisonst scheuen die Antiseuiitenführcr den Gerichts^ ''aal. denn die nicistcn Proecsie, in welche sie biS nun vcnvickelt waren, brachten Enthüllungen über ihr Porlebcn, die ihnen nichts weniger 'ahs angenehm waren, und schloffen mit schmählichen Niederlagen deo Antisemitismus. Die Herren Nawrakil wählten einen für sie paffenden Rechtsanwalt zu ihrem Pertrcter. Der Wiener Advocat Tjr. Marimiliaii Hößlinger ist in weiteren Kreisen durch eine zur Zeit des deutsch französischen Feldzuges in den ehemaligen Dianasälcn Wiens gehaltene Rede bekannt, welche ihm nicht nur an Drt und Sselle eine patriotische Zurechtweisung des Herrn Lueger eingetragen, iohdern ihn auch in eine strafgcrichtliche llutcrsuchung gebracht hatte, drz später allerdings eingestellt wurde. Bald nach jener fulminanten ■U'tSf» v.li er sich zu einem öffentlichen „Pater peceavi!" veranlaßt, l.lffvar seine nationalen »Verirrungen" ab und war dann eine geraume Weile in äußerst loyalem Sinne journalistisch thätig. In nevester Zeit sindcn wir ihn als Anhänger Schöncrcr's sich bemerkbar mache» Wiewohl aber die » Unverfälschten" auch der »palästinensischen Anschauungsweise" gegenüber wenig Anhänglichkeit zeigen und an Stelle seriellen die nordische cingeführt wiffcn wollen, trat Dr. Hößlinger jepf als der Anwalt christlich socialer' Slavcn auf — eine Vielseitige feil, ivelche ihn Herrn Lueger, der ihm einst seine Mißachtung bcknisdet, heule als gefährlichen Rivalen erscheinen laffcn dürfte. Der Verlaus her Verhandlung ipar im Wesentlichen folgender: Am ersten Verhaudlung'stagr richtete der Vorsitzende, KrciSgcrichks- Vt.istkenr Xu»',, nachdem der Angeklagte sich als. Verfaffcr der in- >:iyii»inen'Artikel bekannt und den Wahrheitsbeweis zu erbringen sich e: bbiig gemacht hatte, einen warmen Appell an beide Parteien, einen Ausgleich;it vereinbaren. Die Klüger miesen diesen gutgemeinten Ratluchiag in der denkbar schroffsten Form zurück, worauf das BcweiSv.lfahren.begann. Ter frühere Gcmeindcrakh Kerncckcr dcponirte als Zeuge, daß er vor Fahren mit Anton Nawratil sen. fwclchcr, nebenbei benierkr. früher Kaufmann war und erst nachher dank der ^'ewerbe'reiheil Buchdrucker wurde im Gemcindeausschuß gesessen sei. Tielier bade damals in einem von ihm heräuSgegcbencn Blatte die Znaimer Verwaltung so lange gelobt, dis er sich überzeugt halte, dasp seine Bemühungen, die Gemeinde zu veranlaffcn, in seinem Blatte ',u inieriren, vergebliche seien. Nawratil habe sich auch ■ jahrelang als Teisisch Liberaler gcbcrdet, Huldigungsadrcffcn an Giskra und Bcust uutfrr'erligt und, was ihn, Zeugen, am meisten befremdet hat, trotz der geschättlichen Beziehungen zum Elerus nachgerade gotteslästerliche Aeu^erungen gclhan. 'N'awratil?e». bezeichnetc diese Aussage als lenuiakr. jedoch die Zeugen Florian Seidel, Franz Sch löge! und Alois Haas bestätigten die Angaben Kerncckcr'S. Insbesondere Fra:z Schlägel -reproducirte einen Ausspruch Nawratil'S gegen den Eler'ns, der an die viclcilirtcn derben Worte deS Ritters Götz von Berlichingcn erinnert. Biel Aufsehen machte hierauf der frühere Präsident des christlich socialen Vereines und verantwortliche Red^rcieur des „Volksbolen", Conrad Ruziczka, welcher sich derzeit wegen des Verbrechens der öffentlichen Gcwaltthätigkcit in Kerkerhaft befindet, als derselbe vernommen wurde, um über die interne Redactionsgebahrung bei dem Antisemitenblatte einige Auskünfte zu crtheilen. Er beklagte sich darüber, durch einen jetzigen Mitarbeiter deS Blattes, der unter ihm Mundant in einer Kanzlei war, hinaus gedrängt worden zu sein, und sagte, daß die verhetzenden Artikel niemals seine Billigung gefunden, daß sie auch bei' dem Leserkreis des Blattes selbst Mißfallen erregt und nur den Beifall einiger Dominicaner, welche dem Blatte nahe standen, geerntet hätten. Ruziczka beschwerte sich auch über den sehr kärglichen Lohn, den er als verantwortlicher Redacteur deS DrganeS zur Förderung der christlichen Socialrrform erhalten hatte. Es wurden dann »och mehrere Mitglieder der Znaimer Feuerwehr vernommen, welche mit Bezug auf einen im Jahre 1891 erfolgten Brand die Berichterstattung deS »Volksboten" als eine verlogene erklärten. Der zweite VerhandlungStag wurde mit der Verlesung von Schriftstücken eröffnet, die von der nationalen Gesinnung Nawratil'S in früheren Fahren Zeugniß ablcgcn sollten. Als Mitglied der Brunner Handelskammer brachte, wie festgestellt wurde, Nawratil sen. 1885 den Antrag ein, der tschechischen Sprache die ihr nach dem Gesetze gebührenden Rechte rinzuräumen und in die Geschäftsordnung eine Bestimmung aufzunehmen, wonach Anträge stets in beiden Landessprachen zu überreichen seien. Unter Anderem gelangte auch ein von Dr. 8rom Unterzeichneter Wahlaufruf zur Verlesung, der die Wahl treuer Söhne deS tschechischen Volkes enipsiehlt und die Stimmenabgabe zu Gunsten Nawratil'S als eine Psiicht bezeichnet. Bei dem Zcugcnv.rhörc, welches sodann fortgesetzt wurde, erklärte der Vorstand-Stellvertreter deS Deutschen Vereines, Herr Johann Muck, der »Volksbote" habe bei vielfachen Anläffcn eine deutschfeindliche Haltung eingenommen, die Bürgerschaft zu entzweien gesucht, einzelne Mitbürger auf daS Gröblichste beschimpft und die Landbevölkerung aufgehetzt. Auf die Frage deS Dr. Hößlinger, wie sich der Zeuge zu dem nationalen und confcssionellcn Principe stelle, erwiderte dieser: »Ich habe in meinem Hause einen Tschechen und einen Israeliten; in Bezug auf Nation und Confession habe ich weder dem Einen, noch dem Anderen Schwierigkeiten gemacht." Auf eine weitere Frage des Dr. Hößlinger erklärte der Zeuge, daß daS »Znaimer Wochenblatt", welches nie in anständigem Tone angegriffen wurde, seines Erachtens endlich so schreiben mußte, daß cS auch verstanden werde, und eine gebührende Abfertigung ertheilc. In gleichem Sinne äußerte sich Herr Julius Siegniet, ivelchcr hierauf als Zeuge cinvernommen wurde. DaS bedeutsamste Moment des zweiten VcrhandlungstagcS bildete jedoch die Zeugenaussage des in ganz Mähren - hochgeachteten Bürgermeisters von Znaim, Herrn Johann Br an t n er. Auf Befragen des Vorsitzenden erklärte der Zeuge, daß daS clcrical tschechisch-antisemitische Blatt seit seinem Erscheinen die Ruhe und Eintracht der Bürgerschaft gestört, daß es jede Gelegenheit benützt habe, um zu verdächtigen und zu verhetzen, und daß gerade er in' dieser Beziehung die traurigsten Erfahrungen gemacht habe. Gelegentlich deS Einsturzes deS Räubcrkhurmcs im vorigen Jahre habe der »Volksbote" ihm, dem gänzlich Schuldlosen, die ganze Schuld an der bedauerlichen Katastrophe;ugcschricbrn, und man habe sogar lesen können, daß er, Gemcinderath Dr. Honrma und Stadtrath Dr. Fossck in die Frohnvcste gehören. Die Gutachten der Sachverständigen haben aber constatirt, daß der Eintritt jener Katastrophe unmöglich vorhergcsehen werden konnte, und die anhängig gemachte gerichtliche llntersuchung sei eingestellt worden. Am dritten VcrhandlungStagc erregte die Aussage deS Dechanten Herrn Anton Czerny lebhaftes Jntercffe. Der Herr Dechant bekannte sich als einer der Gründer deS „Volksboten", erwiderte aber auf die Frage deS Dr. Hößlinger: »Muthcn Sie dem alten Herrn 'Nawratil eine abscheuliche Beschimpfung der Geistlichkeit zu?" achselzuckend: »In das Innere kann ich nicht hincinblickcn." Den Geschworenen, unter denen sich auf Vcranlaffung der Kläger kein Znaimer Bürger befand, wurden zwei Hauptfragen vorgelegt, ivelche von denselben mit 9 gegen 8, beziehungsweise mit 8 gegen 4 Stimmen verneint wurden. Auf Grund dieses vom zahlreich anwesenden Publicum mit Bravorufen aufgcnommcnen VcrdictcS wurde der Angeklagte, wie bereits erwähnt, frcigesprochcn. Das Ergebniß des Proccffes wird von der Bevölkerung Znaims, die von dem unvergeßlichen Johann Fux es gelernt hatte, freiheitlichen Grundsätzen die Treue zu bewahren, mit großer Befriedigung - begrüßt. Besondere Sympathie erweckte die würdige Art, in welcherder Bcrthcidiger des angeklagten Redactcurs, Dr. Julius Magg auS Wien, die Sache seines Clienten vertrat. Auf die langwierigen Auslastungen Dr. Hößlinger's, der sich häufig in überaus pathetischen Redewendungen gefiel, erwiderte Dr. Magg stets mit überlegener Ruhe; er sprach streng sachlich und vermied Abweichungen vom eigentlichen Vcrhandlungsgegenstande sowie jeden Phrasenaufputz. In der November-Session des Schwurgerichtes findet ein zweiter Preß-