Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 73 (27.8.1893)
- Date
- 1893-08-27
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Freies Blatt AdonucmciilspreiS: ^>.!n„.>i»>g m,I Postjulendung . . l>. 2.5». palt’idtjrij fl. 1.25. riierleljähriz fl. — .65 Sinjelite Nummern 4 kr.! Organ zur Abwehr des Antisemitismus. Erscheint an jedem Sonntage. l ' 'JicDaclioii und Slbmiiiiftrntioit: Wien 1. Seiterstätte 10. ij Ruinmkr 73. Wien, Aitpft 1893. , II. Jahrgang. Mit der heutigen R»»»»er erhalte» unsere Vcfcr die fünfzehnte Fortsetzung deö Werkes: llic Jude» 1111b -er"üiiiiis, 3fvacl‘ unter 6eit '2'lationen- UOIl itnatofe ^'cron-Acaulieu uont fvatt^öfiMton puftitut. Neu eintrctcndc Abonnenten erhalten ans verlangen die lierciis erschienenen Fortsetzungen nachgeliefert. Die erneuerte ^udenverfc'lgung in Rußland. (Original Mitiheitmig des „Freie» Blattes'.) ' Petersburg. -i». Aiiguii Bor u»S liegen zwei im „RcgicrnngSbolen" publieirle kaiserliche Ukase, welche neuerliche Judenverfolgungen i» Rußland anordnen'und nicht verfehlen werde», das Elend unter den russischen Juden zu vergrößern. Der eine verfügt die Ausschließung der Stadt iXalta in der Mrinf auö dem den Inden cingeräunnc» RiederlassnngSgcbiete und wird somit die Ausweisung der dort lebende» Inden zur Folge haben; der andere ordnet die Aushebung der jüdischen Eonsistorien in Riga und in den kurländischen Städten an. I Die nunmehr bevorstehende Ausweisung der Juden aus Jalta " entspricht den Worten des Mohren in Schillcr's „KicSeo": „Der Mohr hat seine Schuldigkeit gcthan, der Mohr kann gehen", denn waS die Juden für die Hebung des Handels und sür die Ent Wicklung der Industrie in diesem Gebiete seit der Eroberung desselben durch Potemkin unter Katharina II. bis aus unsere Tage geleistet haben, daS ist der russischen Regierung ebenso gut bekannt, wie jedem Anderen in Rußland. Der UkaS der Kaiserin Katharina II. vom Jahre 17i)7, welcher den russischen Juden das Recht zur Ansicdlung im RoworossiSk- und im taurischen Gebiete cinräumte, war, wie daS damalige Eommerzcollegium selbst erklärt hatte, ein Act der StaalSnothwendigkeit. Die denkwürdige Sitzung des russischen RcichSrathes vom 7. Oetob'cr 17‘JO war ausschließlich der Frage der Ansiedlung; von Inden in den eroberten Gebieten gewidmet, und der ReichSrNlh genehmigte den Antrag dcS Grafen Woronzow, des Präsidenten deö EommerzcollegiumS, daß „der Rptzen des Staates eSerfordere, die Judenansicdlnng in den eroberten Gebieten mit allen Mitteln zu fördern." Ein Jahrhundert ist seit dieser Sitzung verflossen, die Juden haben während dieser Zeit die unermeßlichen Steppe» und Wüsteneien deö RoworossiSk- GcbietcS dem Handel und der Industrie gewonnen, habe» dem Staate unschätzbare Dienste geleistet,, und als Anerkennung für diese Dienste werden sie nunmehr aus Jalta anSgcwiesrn. Plan blättere nur die Annalen der Industrie und deS Handels in diesen Ländereien durch, man ziehe bloß in Betracht, waS der Jude Rafalowitsch in Rikolajew, dem Admiral Greig alle seine Pläne zur Hebung des russischen MarinewesenS entlehnt'haben soll, für de» Schiffbau und für die Flotte des Schwarze» Meeres geleistet hat, lind man wird begreifen, mit welch schnödem Undank die'russische Regierung ihre jüdischen Uulerlhanc» behandelt. Aber dieser Ukas hat noch einen bitteren Beigeschmack. . ter nicht ühcrsehcn werden darf. In der Rähe von Jalta befindet sich daS bc kannte Schloß Vivndia, der Somincrsitz des Hofes,.der allsommerlich die Stadt passirt, welche von viele» Juden bewohnt wird. Durch de» UkaS hat der Hof seine Abneigung gchen die Juden öffentlich bekundet . . . Die Inden in Rußland muffen aifo an gesichlS dieser Thatsache jede Hoffnung auf eine baldige Besserung ihrer tzage aufgebcn. Uuneialo »uni >>101011/.». roi ,i> oiitiuto! Die Aufhebung der jüdischen Eonsistorien in Riga nnd in den kurländischcn Städten ist ein Kniff, welcher die allniälige Enl sernnng dcr Juden aüö diesen ^rlschasleu bewirket soll. Bei der Ansiedlung der Juden in Kurland, welche im Jahre lf'.Kt ihr.» Anfang nahm, war angcordnel worden, daß die Juden selbst^ ständige Gemeinde» zu gründen lgiben, deren Mitglieder »>chl de» Magistralen, sonder» jüdischen Eonsistorien zu unterstehe hätten.! DieS geschah, weil Kurland eine alle Privilegjcncharta besaß, .dw den Juden uukersagle, in der Provinz ständigen Aufenthalt zu nehmen. Da aber die Sladt Riga und viele andere Städte i» Kurland die Ansiedlung von Inden nngestüm sordertcn> »in, wie sie petitionirte», „den Einwohnern Rutzen zu bringe», da sonst die Eoinmcrz ganz »icdcrgchen und der Waareniinporl cingrstelll werden würde", so beschloß inan, die Ansicdlüng'von Juden unter- Bildung selbstständiger Geincindeverwältungen zuzulasse». Mil der »uumehr erfolgten Auflösung der israelitischen Eonsistorien sind die Juden ihrer Zuständigkeit beraubt worden. Eine eigene Ge mcindcverwaltung besitzen sie nicht mehr, weil die Slädle, wo sie so lange gewirkt haben, das ZnständigkcitSrecht 'ihnen ui.it ver leihen werden/nicht verleihe» dürfen. Dies ist der Sinn der Auf Hebung der jüdische» Eonsistorien in Riga und in den kur lau»! scheu Städten. Uebrigens müssen wir hier eonslatire», daß es eine alle Prak.ik der russischen Regierung ist, die Erfahrung, die K-niunisse und die Jähigkeilen der Inden auSzunützcn. und sie nachher wie eine aas. gedrückte Eilroncnschale wegzuwcrfe» ' So hat die russische Re gierung im Jahre 1814» den jüdischen Brani tweii.breiiner» ge stattet, im Jnncrn des Reiches sich ansiedeln zu dürfen. Diese Erlaubniß erfolgte auf das Ansuchen des damalige» Gouverneurs, von. Pensa, StaatsrathcS Speranstij, der der Regi.rnng meldete, „es sei unmöglich, außer jüdischen Brannlweinbreunee» andere zu finden". In dem dirsb'cziiglicksi» Ukas von 1 s 1 heißt cS wörtlich: „Bis zur Bervollkominnnng der Russe» in der Brennerei hat die Regierung beschlossen, den jüdischen Brenneni daS Recht der.Ansicdlung in den innere» Gouvernements ein znräumcn." Rachdei» aber ' die Rnsicn dieses Geschäft .erlernl hatte», wurden die jüdischen Beeister, wie bekannt., ausgewiesen! . . Diese Taktik erinnert an die Anekdote vom Kadi, der jeden linier than,. der ihn anS seiner Geldnoth befreite, ansznhängen, besah!, damit kein Zeuge seiner ftühcrcn Armulh Vorhand.» sei Gleichzeitig mit diesen u»gerechten .und inhumanen Ber- 'fügungen solle» auch die jüdische» Handwerker in P.terslmrg d.in "nächst der BerfolgungSfucht zum Cpfer fallen. T>e Schneider gcnossenschafl in Petersburg hat nämlich dem russischen '.Utimfui nun ^dcs Innern ein Menioran-uin überreicht, worin sie ^auf den Niedergang ihres Handwerkes hinweist und die jüdischen Schnridir 2077