Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 72 (20.8.1893)
- Date
- 1893-08-20
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 85% known words query
- IRI
…/4886575-5439157-5441443--0767-4887270- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 5. Nr. 72. F r^e i e s Blatt. nud gelernt hat. Wir di'nifcn nicht so viele Referendare, Assessoren, Richter, Vandräthc nnd (geheime Rütlp: haben, die nichts ans der Universität gelernt haben als die Acnßerlichkciten »nd (^ennffc de,? StudcntcnlcbcnS. Unsere ucsitzcndcn und gebildeten Classcn sägen de» Ast ab, ans dein sic sitzen, I wenn sic einem Drittel ihrer Dohne Derartiges gestatte». Die Zukunft des Vaterlandes macht anir Sorge Unter den »tehlcrn aristokratischer GcscllschaftSclasscn stehen stets die frivolen Ausschreitungen bcjr hcraiffvachscndc» Generation, die vollends in »latcrialistischcr Zeit nnsr genießen, patent nnd schneidig auflrctcn »nd nichts arbeiten will. RichtS erbittert mehr, als ein solches Treiben. tDst hat cS in der Geschichte den Anlaß zu Umwälzungen gegeben. Richt also nm die harmlose »Xragc, ob der Student einmal mehr oder ,weniger schwänze, handclt rS sich, sondern um daS geistige nnd sittliche Rivean unserer Peainte», überhaupt, n>» die Zukunft Und weil mir die am Her nnserer Vchrer, unserer führenden Kreise dcS preußischen und dcS deutschen Staates. , cn liegt, habe ich mir gestattet, Ihnen gegenüber zum Schlnsic »ui» Her; anSznschüttcn." (lene Antisemiten Mütter, welche mit größter Raumvcrschwcndnng jedes Saufgelage deutscher Studcutc» verzeichnen und preisen, werden für diese Worte eines deutschen Professors wohl keinen Platz habe». Sic paffen eben nicht in ihr „volllichcS" Crzichungssystci». (Der KllllbtMIiord vön X(Ultcn.) Betreffs des Knabcnmordcs von Xanten liegt jetzt eine iwichligc ZcngcnanSsagc über hie Thütcrschasl vor. Der von der StaatS!anwaltschaft in Cleve zur Vernehmung als Zeuge gesuchte Hausirer Walter anS Aachen hat sich dem Gerichte in Geldern gestellt und bekundet, daß er cin^Kacht bei dem Bildhauer Wcscndrnp geschlafen nffd das; dieser ihm gegenüber gcänßert habe, er (Wesendrup) sei b|cv Dhätcr. liegen Wcscndrup war bc kanntlich bereits früher die! Untersuchung wegen der Thäterschast ein geleitet, aber wieder cingestsllt worden. s?cr AntiscillikiSIllllS! in Badrn.) On einem trefflichen, von der „Allgemeinen Zeit »mg dcS JudenthnniS" veröffentlichte» Aufsatze über den Antisemitismus in Baden von Mar Kraeiner wird anSgcfnhrt: 0» dein nicht mit llnrccht so oft gerühmten „libe taten Musterstaatc" zeigten sich bei der letzten RcichStagswahl die Antisemiten, »nd zwar znn ersten Male, ans der 'Wahlstatt. In siebe» Wahlkreisen waren Caudide te» ausgestellt, dic.eS inSgesammt aus eirea 7f>0<> Stimmen brachte»,! ein Clfolg, der die Muthmaßnngcn der Gegner bciwcitem übertrat, und welcher nicht z» nnlcrschätzen ist. Die incistcn Stininicn wurden in Müllhcim abgegeben, in deffcn Rähc der jtührcr Tr. Vogel wohnt und seit Jahr und Dag »ncrmüdlich agitatorisch wirkt: feiner! in den Kreise» Heidelberg, Sinsheim nnd Brette», in welch letzterem Cite der Antisemitismus von einem Bc amten großgezogcn worden sein soll. Die Anhänger rcerutiren sich meist anS dem Vager der Conservativcn, welche in einzelnen Wahl lreiscn sofort im ersten Wahlgaug für den Antisemitismus eintraten, wie in Vahr nnd jtrcibnrg. und deren Agitation von der eonservaliv pictistischcn (Geistlichkeit gri »blichst besorgt wurde, llntcrsucht inan in völlig objcctiver Weise bif llrsachc» dieser Bewegung in Baden, so findet man deren-Crtlürüng einzig nnd allein in der Unzufriedenheit der bäuerlichen Bevölkerung. Die wirthschaftlichcn Verhältnisse in »nscrem sonst so sehr ergiebigen Vande sind in »tolgc einiger »rchljalne nicht gerade die'glänzendsten, nnd durch den nencrdingS. noch hinzu gctrctrncn Fnlterinangcl niuchS der Verdruß ininicr mehr. Um jetzt ihre Unznfricdcnhcit kräftig äußern;n könnc», zogen sic den Anti scmitiSmnS dein SociäliSchnS bei den Wahlen vor und wählten gut antisemitisch, ohne dcShalh cnragirte Judenfeinde zn sein. Die An klagen gegen die Juden ^n Baden, wie sic in Hessen und Preußen erhoben werden, sind auch in nichts gerechtfertigt, den» wohl in feinem andern deutschen Vande haben sich die Inden so frühzeitig mit den Christen assimilirt wie bei nnS. Dä»k der liberalen Regicrnng unseres VandcS stehen den Sfnbcn auch StejatSämtcr offen, die ihnen in anderen Staaten verschlossen sind, »nd die hadischcn Beamten jüdischer Confcssion haben ihre Tüchtigkeit und Brauchbarkeit in hohem Grade erwiesen. Ich erinnere hier vor Allem an den stinanzministcr Cllstälter, dessen segensreiche Thätigkcit von juitfcrci» Vandcsfürstcn poch anerkannt wurde Großcapital nnd Großindustrie befindet sich fast ganz in den Händen der Christen. Von einer Ausbeutung des Bauernstandes kann nicht im Mindesten die Rede sein, denn sonst hätten die Antisemiten schon längst eine Gütcrschlächtcrsiste, die sic schon vor zwei Jahren hcransgebcn wollten, an die ^«ffentlichkcit gebracht. Wohl kamen auch hie nnd da (Gesetzesübertretungen von Juden vor, aber denen gegenüber stehen die christlichen Wucherer, die in manchen Gegenden, wo die Juden völlig verarmt nnd auf die Wohlthätigkcit hnmancr Menschen angewiesen sind, »»barmhcrzig gehaust hahcn, in gar keinem Verhältniß. Aber auch ans diesem (Gebiete lsäbcn die Inden wieder selbst Hand anS Werk gelegt, um die Wucherer und Betrüger, ob jüdisch oder christlich, völlig unschädlich zn mache», denn hervorragende (iarle ruhcr Juden riefe» im Verein mit gleichgesinnten Christen einen „Vandesschntzvercin gegen wucherische Ausbeutung dcS Volkes" ins Vcbcn, der sehr viele Inden zu seinen Mitglieder» zälsit nnd eine um fassende nnd fruchtbringende Thätigkcit entfallet. Außerdem besteht in »trcibnrg unter den Inden schon seit längerer Zeit ein Verein, der ähnliche Zwecke verfolgt. I» politischer Beziehung erweisen sich die Inden i» Baden heute »och der Partei dankbar, welcher sie ihre Gleichberechtigung zu verdanken haben, der nationallibcralc» Partei, die gegenüber der antisemitischen Bewegung leider eine, sehr nncntschicdcnc .Haltung cinniniiiit. CS jvill auch bei n»S wie in Preußen den Vibcralcn immer »och nicht cinlcuchtc», daß die anliseinitischc Bewegung sich in erster Vinic gegen den VibcraliSmuS wendet, nnd deshalb bedarf cS der Abwehr nicht in gutincincnde» Resolutionen, sondern in praktischer Arbeit. Mögen sich dies besonders die jüdischen liberalen Größen i» Mannheim und Karlsruhe merken, die allerdings von dem AntiscmitiSniuS nichts »er ipürcn und deshalb, so lange daS Wasser, ihnen nicht selbst an den HalS gehl, auch nichts zur Bckümpfnng thnni Die Juden auf dem Vande, die sich ohnehin größtcnthcils kümmerlich ernähren müffcn, nnd welche die antisemitische Hetze am meisten trifft, können persönlich wie finanziell nicht viel oder gar nichts zur Bekämpfung beitrage». Hier muß der intelligente Theil unserer Inden abwchrciid Vorgehen. Wir habe» hervorragende Kanzclrcdncr, anerkannte tüchtige Anwälte und— Acrzte, ferner rednerische Kräfte im Vchrer- »nd KaufmannSstandc, aber »och ivcnigc von diesen haben sich gerührt, nm gegen die Hetze anfzutretc». Hcrvorgchobcn zu werden verdient, daß die katholische Bc völkernng sich entschieden ablehnend gegen die antisemitische Bewegung verhält. Baden hat % Katholiken, Protestanten »nd 20.000 Inden. Ramhafte Crfolgc wie in Hessen nnd Sachsen wird bei nnS der AntiscmiliSniiiS nicht erringen, auch die conservativcn Antisemiten haben bei nnS keinen so großen Besitzstand, denn beiden letzten Wahle» würden inSgesaijimt einschließlich der Antisemiten nur 2l OOO eo» servativc Stimmen abgegeben. Ist also das Crgcbniß i» Baden, absolut genommen, nicht gerade erfreulich, so berechtigt cS doch nicht zur Cntmuthignng- oder Verzwcistnng, im Gegcntheil sei cS den Inden Badens ei» kräftiger Sporn zu energischer abwchrcndcr Thätigkcit. t Thi'rrsrriiiidlichcr Aiitisrmitisiiiiis.) „I» den Bergen wohnt die »trciheit!" Tic modernen Bcrgcssvhnc scheinen anderer Ansicht zu sein. Anch-'in der Schweiz spult das Gespenst dcS AntiscmitismnS, in den freien Berge» der Schweiz beginnt maii zn schwärme» für die »vvciljeit dcS UntcrdrückenS, für die »trcibeit der Verfolgung anderer Confefsionen. Im Kleinen zwar fängt man a», aber man weiß ja, wie daS gcht - mit große» (>lcwaltaetc» endet die (beschichte, liegen wärtig beschäftigt die Schweiz die leidige »trage: „»tiir oder gegen das Schächten?" Die eidgenössischen Räthc stritten lange hcrni» über . diese von Thierschutzvcrcincn in heuchlerischer Maskirnng des Anti, scmitismnS anfgrworsenc »trage. Cndlich beschloß man, eine» Artikel, der zur Ausnahme i» >ie BnndcSvcrsaffnng bestimmt ist, der Volks abftiinmnng vorznlcgcn. In den schweizerischen Organen entbrannte zunächst ei» »tcdcrkrieg, der in Anbetracht der im (Grunde genommen nichtige» Assairc lächerlich große Titncnsioncn annahi». Am 20.'.'Nignst endlich findet die Volksabstimmung in dieser »trage stall. (Gering ist die Anzahl der opjcetivcn Stimme». Um so erfreulicher ist cs, wen» mir in der „Schweizer Criminal Zeitung" — einem Blatte, welches . eine» nach allen Seile» hin rücksichtslos unparteiischen Standpunkt cittniinmt — einen Artikel lesen, der dieses Juitiativbcgchrcn der schweizcrifche» „ Thierschutzvercinc" als Tendenz indas gehörige Vicht stellt. In dem Artikel heißt es u. Ä.: „Wenn den Initianten die ° Tigere so scl,r am Herzen liege», wie kommt cS, daß - ihnen die - Menschen so glcichgiltig sind? Wen» wir antisemitische Helgen in unser BmndcSgesctzbnch einklebc» wollen, so seien cS doch solche, die die Rachwelt nicht mit dem Borwnrs hcranSzcrrt, wir Hütten das Buch damit befielt und entwürdigt' Wenn man Ucbclständc beseitigen, will, 'dann greife man nicht zuerst heuchlerisch in die rituellen O'c wohnhcitcn einer über i>2()0 Jahre alten Religion, die überdies zn - Gunsten der Thieve strenge Maßnahmen vorschrcibt."— Der Artikel schließt mit einem Citat ans dem Aufrufe, den daS „Centralem»!»'- für die Propaganda gegen die Anfnahmc dcS Schüchtvcrbotcs in die BnndcSvcrsaffnng" crlaffcn hat. CS heißt dort: „Wir wolle» nicht, daß eine Schlachtmcthodc verbäten werde, von der man nicht einmal hat beweisen können, daß. sie grausam sei! Wir wollen in der Bundes Verfassung kein SchlachthanSrcglcment haben! Wir wolle», keinen R e l i g i o n S k r.i c g. Wir wollen keinen R a c c n k a m p f. Wir wollen nicht, daß.daS BolkSrccht der Initiative zu einem Werkzeuge der . Tyrannei werde.. Deshalb stimmen mir unserseits, übereinstimmend mit der bnndeSräthlichen Botschaft, am 20. Anglist mit .Min!" Wir - wollen hoffe», daß das schweizerische Volk den „thierffen üblichen"