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Freies Blatt · 1893-08-20 · 72 (20.8.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
72 (20.8.1893)
Date
1893-08-20
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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feit* 4. sondern das; möglichst Viele sprechen und ihre Meinungen austanschcn. Sen Reden der einzelnen Sprecher war folgender Gedankengang zn entnehmen: Ter Antisemitismus als solcher habe von keinem Standpunkte eine Berechtigung, weder in religiös-moralischer Beziehung, noch in wissenschaftlicher als sogenannte nationale oder Raccnfragc und ebensowenig in ökonoinisch socialcr Hinsicht. WaS den ersten Punkt betrifft, so verbieten die Religion und Moral so entschieden den Haß gegtn die Juden, daß dieser Punkt nicht einmal besprochen zu werden brauche. Als Raccnsragc oder nationale betrachtet, beruht die Lehre des Antisemitismus aus einem historischen und natnrhistorischcn Jrrthum, um nicht zu sagen auf einer Fälschung. Richt verschiedene Raccn, sondern nur verschiedene Sprachen kommen in Betracht. Ursprünglich seien alle Böller oiigcr u»d Roniadcn gewesen. Die Eimbern und Teutonen, die «''olhcn und all die germanischen Bölkcrstämme seien eben solche Ranbvölker und Wilde gewesen als andere, als alle Böller. Die Lehre von einem Wirthsvolk lind Gastvoll, sei eine Irrlehre, zumal alle Böller nach Europa von Asien eingewandert sind. Man spreche von Semiten, warnm nicht auch von Japhetiten? WaS für ein Unterschied bestehe zwischen einem Sohne Roah's und dem anderen.? Die Anilliannng von reinen Eingebauten und unrcincn Fremdlingen sei also falsch und weiter nichts als ein Deckmantel einer althcidnischen Anfchaunng, wo die .Autochthoneick, die Eingebornen, Muster aller Lügenden gewesen, die Anderen aber Barbaren. Besonders treffend widerlegten manche Redner die antisemitischen Behauptungen in Bezug ans Moral, und wiesen ans Grund ihrer Erlebnisic» nach, daß cs kein indisches Monopol auf Ausbeutung und Uebervorthcilung gebe. DeF Antiscinitismus, betonten sic ferner, schädige dnrch gegenseitige Bcrhevnng Christen wie Juden. Es gebe übrigens, wie schließlich bervorgchoden wurde, keine antisemitische Partei, sondern nur antisemitische Führer: was die Einen in ihrem Programm alö Hauptzweck bezeichne», sei den Anderen glcichgiltig. Der Antisemitismus habe libcrhanpt keine Zukunft.. . Mehr Bildung, mehr Urthcilskraft und inel» Gerechtigkeitssinn bekunden diese Arbeiter jedenfalls, als so mancher privilcginmslüstcrnc Herr Meister." ' FlllgschristkN.) Durch die Administration des „Freien Blattes" «Wien, I., Scilcrstätte-10) könne» Gcsinnungsgcnossen folgende Bro -schüren gratis und f r a n c o beziehen: 1. Bericht der zweiten Generalversammlung dcS Bcrcincs zur Abwehr des Airti- 'emilismns 1 2, S ten og ra p h-is ch cs Protokoll der am I-» Seiobcr I>'.G vom Beicin zur Abwehr dcS Antiscinitismus veranstalteten Prolcstvcrsammlnng. l). „Die rechtliche Stellung der Inden in Sc st er reich" von Dr. Gustav Heinrich Fall. Wien 1 Bcrlag des Bcrcines zur Abwehr des Antisemitismus. 4. Bericht der dritten c n er a l v c r s a m m l u u g des Vereines zur Abwehr des Auliscmikismns Is'.'3. — Um Wcitcrvcrbrcitung dieser Schriften unter R i ch t gcsinnungsgcnosicn wird gebeten! . «(rill aller Abtrglailbt. Wie die .Bosnische Post" mitthcilt, üiftt gegenwärtig in der Gegend von Brczka ein alter Aberglaube, den man längst für begraben gehalten und der viel Achnlichkcit mit dem Blntmärchen vom jüdischen .Nitualmordc" hat. In Bosnien glaubte das Bolk in alter Zeit, daß Brücken keine Festigkeit haben, ivenn nicht in ihre Fundamente ein menschliches Wesen ciugcmaucrt wird. Bon der allen Römerbrücke in Mostar wird noch heute erzählt, daß es ein dann gelang, ihren kühnen Bogen über die Flttthcn der Rqrcnta;» wölben, nachdem in das Fundament ein Brautpaar cingemancrl ivoiden war. S ieser alte Aberglaube wird nun anläßlich eines Brücken - laues über die Save bei Brczka abermals mach. Im Volke hat sich rli'vlich die Mär verbreitet, daß ZigeunerKinder stehle»,.nm dieselben in», Zwecke der Eininaucrnng in die Brückenköpfe und Pfeiler zu i.ilan'e». Bor einigen Tagen kam cS bei Sibosica unweit von Brczka '-'gar in einer Zigeunerversolgung durch dortige Mohammedaner, weil .'tmand das Gerücht auSgesprengt hatte, die Zigeuner wären auf >i:»eeitielnahl ansgczogcn. Die Behörden wirken zwar beruhigend und '.»skiaiend ans das Bolk und führen ihm das ganze Unsinnige eines wlch.n Aberglaubens vor Augen, aber die mit lebhafter Phantasie l-egvbten alten Weiber unter dem Landvolke sind nur schwer zu befehlen M,t Revrci'sii'maßrcgeln wird da, schreibt die .Bosnische Post", nicht riet aus-,»richten sein, denn die wirklichen Urheber dcS Schaue» »läichcns dürsten kaum zu cruircn und der verdienten Strafe zu zusnhren sein. Aber die mohammedanische Geistlichkeit soll dem Aberglauben ntld leinen Verbreitern einmal energisch cutgcgcntrcteu, daS wird ganz gewiß wirken. l(5»ricö Fcrri über die Antisemiten.) Eine in der .Reuen Freien Presse" veröffentlichte Abhandlung dcS berühmten italie- »i'chcn Sociologcn Enrico Fcrri über den Antisemitismus schließt mit f'.lgendc» Bemerkungen: Ter Antisemitismus als individuelles Gefühl ist ei»- atavistische Überlieferung ans dem barbarischen und nnwisienden Blatt.- Nr. 72. Mittelalter und als eollcctive und politisch: Bewegung ein zumindest unbesonnener Mißbrauch dieses unbewußten Gefühles zu dem Zwecke der Ablenkung der öffentlichen Aufmerksamkeit von den weit humaneren und ethisch berechtigteren Idealen des Socialismns. ' Mit Hilfe der abergläubischen Borurthcilc und des religiösen Haffes, die zufolge hereditärer Fortpflanzung in den Bolksmaffcn, insbesondere auf dem Lande, tief festgewurzelt sind, glaubte man, die Protestbewegung gegen den übertriebenen Reichthum der Minderheit und daS furchtbar große Elend der Mehrheit auf eine falsche Fährte lenken zn können, indem man die Bolksmaffen gegen die „Mörder Christi" und gegen die „Monopolisten des öffentlichen Besitzes" aufrciztc. Aber dieses Ma növer, welches einem meuchlerischen Ucbcrfallc und dem hinterlistigen Legen eines Fallstrickes gleicht, droht Diejenigen in den Abgrund zu ziehen, die cs ersonnen haben. Denn im Bolksbcwußtsein vollzieht sich der Ucbcrgang von der Protestation gegen das aufgehäufte Besitzthnm weniger Juden zu der Protestkundgebung gegen die Rcichthümer aller Capitalistcn, niögen sic waS immer für einer Eonfcssion oder Rationalität angehören, auf Fchr leichte Weise. AnS "den gemachten Be trachtungcn scheint nur vor Allen, eine klare und bestimmte Schluß folgernng über die Zukunft dieser Krankheit des zeitgenössischen socialen Geistes, die man. Antisemitismus nennt, lebendig und greifbar hervor zuguellen. Die Thatsache, daß der politische Antisemitismus nichts Anderes ist als eine überlieferte Form eines säculärcn Antisemitismus — eine Art cingetrocknetcn und unschädlichen Geschwüres dcS socialen Srganismus, das plötzlich in eine ansteckende mid krebsartige, eitrige Form auSartct — könnte glauben machen, daß sich derselbe in der Folge immer mehr entwickeln würde. Meiner Ansicht nach beweist diese Thatsache jedoch bloß, wie oberflächlich das Urthcil Jener ist, die der Ansicht sind, der Antisemitismus sei nur eine künstliche und trän sitorischc Bewegung, ein Skrohfcucr, das leicht dnrch gouvcrnativc Vorkehrungen gelöscht werden könne, wie 'das, uichr oder minder rasch, mit dem Mormonismus in Amerika, dem Boulangismns in Frank reich u. s. w. geschehen ist. Ich glaube aber, daß der politische Antiscmitismns, wie jede große sociale Bewegung, ein" natürliches und wenig transitorisches Phänomen ist, eben weil er in den Wurzeln des latenten, wohl gutartigeren, aber säculärcn Antisemitismus fußt. Und ich glaube ferner, daß die bisher vorgcschlagcncn Bckümpfungsmiltel, wie»die Eheschließung zwischen Juden und Richtjudcn' wohl dazu beitragen können, die unbewußte Form des Antiscinitismus immer »uhr zu schwächen, aber ich glaube nicht, daß sic ausreichend sind gegen den politischen Antisemitismus, welcher ganz verschiedene spccisischc llr sachcu hat. Dieser letztere gleicht einem ungeheuren Brande, den die leitenden Elaffcn nnvorsichtigcrwcise entfacht haben. Durch denselben hofft man, jene andere große sociale Bewegung, die, abgesehen von jeder besonderen mehr j>bcr weniger dispntirbarcn Partcirichtnng, Socialismus hcißt, unwirksam zu machen. Der Brand hat mit einer ungeheueren Geschwindigkeit um sich gegriffen, und heute vermag man seiner mit Hilfe der gangbaren artificiöscn Rcprcssivmaßrcgcln nicht mehr Herr zu werden. Einen einzigen AuSgang halte ich für möglich: das Verschwinden der miasmatischen Strömung des politischen Anti scmitismns aus dem majestätischen und unaufhaltsam fortschreitenden Strome der socialen Rcucrungcn, der, wenn er auch nicht daS Wunder Zeichen am Abcndhimmel unseres Jahrhunderts bedeuten, doch sicherlich von der Morgcnröthc des XX. Jahrhunderts begrüßt werden wird. ((rill Mahunis an drntschc Ttlldcilttn.) An der Berliner Universität hat Profcffor Dr. Schm oller sein diesjähriges Eolleginm über Rationalökonomic mit einer Ansprache geschloffen, die gegen das Treiben eines großen Bruchthcilcs der Studenten an den deutschen Universitäten gerichtet war. Auknüpfend an die Unsitte dcS Schmänzcnö der Eollcgicn sagte er: „WaS mich schmerzt, ist die Thatsache, daß so viele Studircnde zwei bis drei Jahre überhaupt nichts thnn, nichts lernen als Bummeln und Faulenzen. Ich habe auch gar nichts da gegen, daß die Jugend sich einmal austobe, einige Tollheiten mache. Aber zwei bis drei Jahre in continua nichts thun, das wird sonst in der ganzen Welt keinem Erwachsenen gestattet, das kommt in keiner anderen Earrwre vor; das hat in keinem Erziehungssystem der Welt sonst einen Platz. Wer zwei bis drei Jahre nur faulenzt, Frühschoppen trinkt, Comment lernt, sich einem trägen Gcnußlebcn ergibt, der muß körperlich und geistig zugrunde gehen. Aus dem kann nur ausnahmsweise später noch etwas werden. Run kann man sagen, cS sind ja nur einige! Und gottlob gibt cs viele bcffcrc Elemente. Aber der Percentsatz der Faulenzer, ist doch zu groß. Er macht mir Kupimer, nicht wegen meiner, sondern, weilich an die Zukunft denke, weil ich mich frage, ob unser Bcamtenstand den großen, schweren Aufgaben gewachsen sein wird, denen wir cntgcgcngehcn, ob er überhaupt izu Charakter, Bildung und Wiffcn nicht znrückgcht. Und für diese Fragen ist das Entscheidende, was der Student auf der Universität getrieben

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