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Freies Blatt · 1893-08-20 · 72 (20.8.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
72 (20.8.1893)
Date
1893-08-20
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Freies Blatt. Seite!!. Nr. 72. t Antisemitismus, sic verstoßen entehre» cS. WaS bleibt aber von einem wie religiöser Idealismus fremd Antisemiten selbst. Haß erzeugt versuche vergeblich sind, wenn wenn derjenige Jude, der ein das arme Kind, sic mißbrauchen und Antisemitismus übrig, dein nationaler ist? Sehe» wir von ScgucstrationS Vorschlägen und von Programms!» dcS Köpfcns und Hängens nty die wohl kaum ernst zu nehmen sind, so haben wir nur den bloßen Ge schäftSantiscniitiöninö mit seiner Parole: „.Kauft nur bei Christen!" Mit der Bonkottirung der Inten boykottircn sich jedoch häufig die Gcgcnhaß, zumal wenn alle Anschluß selbst der getaufte Jude verfolgt wird, Her; für das Polt hat, wenn der jüdische Wohlthätcr nicht weniger, sondern noch mehr gcschniäht wird als der jüdische „Ausbeuter", Welch ein Rntz;n erwächst aber aus all Bolle'? Wvbrlich der Antisemitismus ist ein mißrathcncS Kind, und seine Väter, mögen sic welchen Rainen immer tragen, sind nicht bloß Rabenväter des Antisemitismus, sondern auch Rabenväter dcS Volkes. Nervopathe voyageur. Ter ewige Jude hat auf sc »er langen Erdcnfahrt alle möglichen literarischen Schicksale durch Vchaiidlnng in Versen und in Prosa erfahre» müssen, in einer mcdisinischcn Toctordisscrtatio» hatte inan ihn aber bisher wohl noch nicht -verarbeitet. Ein bevorzugter Schüler des berühmten Pariser-JrrcnarstcS und Professors Eharcot, Herr Henry Mcigc, hat ihm das, nie die „Kölnische Zeitung" berichtet, in diesen Tagen angcthan und mit einer Unverfrorenheit, die ganz tin >Ia siö'-Iu erscheint, den Rachwciö angctrcten, daß der alte jüdische ' Wanderer noch lebt, daß er in den Bereich der mcdieinischcn Faeultät gehört und periodisch und ziemlich regelmäßig in Paris gesehen wird. Tenn der AhaSvcruS der Sage, der Eartophilns d. h. (Gregor von TourS, der uralte Mensch, der nach der volkSthüinlichen Erzählung bei PontiuS PilatnS Thürhütcr wer, dem Heiland auf seinem Leidenswege einen Fanstschlag versetzte und zur Strafe wandern mußte bis an das Ende der Tage, ist de» jungen Toetor zufolge nicht etwa eine wirkliche Gestalt aus nebelgrauer Vorzeit oder ein dichterisches Wahngcbildc, sondern ein ganz prosaischer KrankcntypuS. Er ist ein ncrvculcidcndcr, armer Jüdc ans dem Tstcn Europas, der, vom Wandertriebe oder Rliscwahn besessen, dem Elend und der Krankheit in der Heimat zu entrinnen sucht, ruhelos durch die Länder irrt, endlich unfehlbar auch nach Paris gcräth und in dem großen Irrcnhausc der Salpätriärc bc den Gelehrten Heilung sucht. Ter Raine, die Elassisication für diesen TypnS, ist gefunden: Tr. Mcigc bezeichnet ihn als „nc-rvoputlre voynjreiir", und nach seinen Angaben war cS nöthig, diese KrankhcitSjorm Zn bcstimniLn, weil sic ziemlich häufig vorkommt. Kaum ist der eine Patient wieder seine Straße gezogen, so stellt sich ein anderer, ein, wie jener ein Mann in ürmlichcm Kaftan, mit langem Bart mit tiefen Runzeln und Schmerzcnösaltcn in den, verwittcrlcu Zügen, gebückt, verhungert und abgerissen, der mit der gleichen Geläufigkeit! und Unermüdlichkeit wie jener dieselbe endlose Leidens- und KrankhcitSäcschichtc immer wieder herablcicrt nnd die geduldigen Acrztc fast auS dem Gleichgewichte bringt. Int Laboratorium der Salp-'ckrurc werden die armen Teufel einer wie der andere photographirt, und cS ist merkwürdig, wie viele einander fast znin Verwechseln ähnlich sehen, nnd wie der ganze TypnS wieder dein Bilde ähnlich ist, daS uns auf alten Stichen nnd Holzschnitten von der Sagengcstalt dcö ewigen Julien anfbcwahrt wird. T icsc Achnlichkcit beschränkt sich aber nicht ans die sichtbaren Aenßerlichkcitcn, daS allgemeine Bild, sondern sic erstreckt sich aus manche besondere Züge lind Einzelheiten, die von der Sage überliefert werde». Tic französische Sage erwähnt, daß der ewige Jude, wo iniincr er wandcrtc, stets des Landes Zunge redete. So erscheint.auch sein heutiger Rachfolgcr, * namciittief) dem «Franzosen, als ein vielsprachiger Mann, denn obschon er nicift nnil Vorliebe Deutsch spracht, so ist ihm doch vielfach außerdem »och Polnisch und Russisch, niitnutcr dazu »och Englisch oder Türkisch und diese oder jene 'andere Sprache geläufig. Auch die cigcnthüinlichc Arinnth, die, wie in der sranzvsischen Sage immer mir über fünf So»S, nicht mehr nnd nicht weniger, verfügt, trifft bei den jüdischen Patienten der Salp-ckru-rc zu. Sic fechten 'sich, unterstützt von de: Gastfrcnudschast nnd Mildthätigkcit ihrer Glanbcnögcnoffcn und der eigenen Bcdürfnißlosigkcit, durch die Länder, irren stets mit leerer Tasche nmhcr und sind doch der unmittelbarsten Roth, dem Hungcrtode, durch die paar Pfennige in ibrer Tasche entrückt. Tie äußere Eharaktcristik der Züge, Müdigkeit, Kummer, Schmerz und Verzweiflung, ist bei dem heutigen Wandcr judcn dieselbe wie bei seinem bcrülnntcn Vorgänger, und eigcnlyüni licherwcisc ist auch die Uisachc der Krankheit in große» Rcrve» erschüttcrnngcn, i» Schreck oder große», Schmerz, Jener'Sbrnnsten, Blitzschlag, plötzliche» Todesfällen und dcrglciche.n zu suchen, gerade wst die französische Legende den EartophiluS durch das Granen,. dasdie Kreuzignng auf dein Ealvarienbcrgc über die anwesende Brenschheit brachte, auS dem inneren tsileichgewicht gerathen läßt. Wie der ewige Jude der französische» Sage im Gekreuzigten unr einen Zauberer sal,-, wie er seine Wunder, nur als Zauberkünste de trachtete und dann durch die Länder schweifte und allenthalben die Meister der schwarzen Knust, anssnchtc, aber stets wieder, bald mit ihren Werken unzufrieden, größere», geschickter» Meisteren an anderen Srtc» znciltc, so trügt auch der heutige Wandcrjndc die Geschichte seiner Leide» von Ctf zu Cit, von einem berühmlcn Arzte znm andern. Hat er einen neuen gesunde», so lebt die Hossnnug bei ihm ans. Sei» Zustand beginnt sich zu bessern und gibt scheinbar 'Ans sicht ans Genesung, doch »i.cht ans lange Zeit, denn der Arme ist in, Grttnde wohl unheilbar. Bald ergreift ihn die Schwcrmnth wieder, er beginnt neue Symptome seines Leidens zu entdecken, belästigt alle Acrzte, deren er habhaft werden kann, beginnt »ach neuen Zauberern der Heilkunde zu foischcn, der Wandertrieb erfaßt ihn wieder, und er ist eines TagcS verschwunden, verschollen. Vergessen wird er nicht, den» sehr bald stellt sich ein ihm seltsam ähnlicher Leidensbrndcr ei», der"^ aufs Reue die ewige Klage dieser besonderen Art dcS menschlichen Jammers den.Äcrztcn vorträgt. Es ist auf alle Fülle ein interessanter und geistreicher Versuch, den Eharcot'S strebsamer Schüler unternommen, in wissenschaftlichcr Beobachtung, unter Beifügung einer KrankhcitSgcschichte, die allgemeinen Züge der einzelne» Fälle dieses cigcnthümlichcn jüdischen RervcnIcidcnS zu einem Gesammtbilde zu vereinigen und dieses Bild der dunklen Sagcngcstait des ewigen Inden gegcnübcrznstcllc». Wohl mag in vcr - -gangcucn Tagen schon, als der Aberglaube nnd die Unduldsamkeit größer und die bürgerliche Sicherheit nncndlich viel geringer waren als heute, unter grausamer Bcdräugniß und wilder Vcrfolgnug bei dem »utcrdrücklen, gehetzten nnd gcängstigtcn Volke diese KraulheitS clscheinung sich mitunter, vielleicht häufig eingestellt, haben. Auch ist cS denkbar, daß die Gestalt« dcS ansfallcnden, verstörten Fremdlings, der unter Schmerz und Klage ruhelos durch die Länder irrte und nach Meister» der Heilkunde und der schwarzen Kunst forschte, auf die cinfachcn Gcitiüthcr, der Landbevölkerung zumal, einen tiefen, »ache, haltigen Eindruck mackste. Ter Gedanke aii irgend einen schrecklichen «Fluch, der ans dem nnglückscligcn alten Juden ryheu möchte, lag der herrschenden Gcdankenströmung am nächsten, nnd da daS Volk sich immer erinnerte, daß die. Juden den Herrn Jesus gekreuzigt hatten, und stets vergißt daß der Erlöser, die Gottesmutter und die Apostel allesainmt auch Inden gewesen, so war cS am Ende nicht unnatürlich, daß der Volksmnnd und die VoikSpocsic.den fluchbeladenen Wanderer, von dem die Alten erzählten uud den die Enkel gelegentlich nach der Beschreibung wiedcrzncrkcnncn glaubten,-' irgendwo und irgendwie in Verbindung mit der Leidensgeschichte nnd der Kreuzigung brachten. Möglich erscheint eS somit immerhin und vielleicht wahrscheinlich, daß der jüngsten einer unter den jungen Toetorcn der Meinem am Ende dcS XIX. Jahrhunderts die thatsächliche Grnndlagc der alten Sage richtig erkannt - nnd fcstgcstellt hat, und daß der unstete Wanderer, de» die Tichter fast aller Länder besungen haben, 'weiter nichts war als ein armer kranker Jude ans dem Tsten, ans Rußland oder Polen- Gin Abend i» einem Arbeiterbilvuiistsveieiiie. Wir niMtt.it folgende Zuschrift: „Man braucht keineswegs ei» Toeialdemotral fein, um cS ancrkenncnSwcrth zu finden, daß zahlreiche Personen beiderlei Geschlechtes, die von acht Uhr Früb bis sieben Uhr Abends körperlich schwer gearbeitet, nachher Stunden der Erbolnng nicht im WirthshauS, sonder» in entern BildungSvcrein suchen. Tein Veifasier dieser Zeile» war cS zufällig gegönnt, dieser Tage einmal an einem solchen Arbcitcrabcnd thcilzunchnieu. ES war in einem hiesigen Arbeiter bildnngsvcrcinc, dein nach seinen Statuten gestattet ist, Tisenisionen jeder Art in geschlossener Gesellschaft abznhalten. TaS Thema, das an jenem Abend behandelt wurde, war der AnlisemiliSinns. Wenn auch in der Tiöenssion kein neuer Gedanke ausgedrückt wurde, ist es dock> höchst erfreulich, daß die Arbeiter sich nicht durch Schtagworke, durch Vorurthcilc und Vorthcilc blenden nnd nicht dazu verleiten lassen, der Humanität und Wahrheit ins «Besicht zn schlagen. Es meldete sich eine große Zahl von Arbeitern verschiedenster Branchen znm Worte. Ter Eine brachte dieses, der Andere jenes Argument zur Sprache, es handelte sich ja nicht darum, daß Einer einen Vortrag balle,

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