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Freies Blatt · 1893-08-20 · 72 (20.8.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
72 (20.8.1893)
Date
1893-08-20
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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V Seite 2 .Tic Judenverfolgungen des Mittelalters lebe» in anderer Gestalt wieder nur. Ii.' Gegenwart büßt. was daS- Mittelalter gesündigt. Raccii und Glaubens ' bnß sine allbelaiiiile Ertrlieinilngeii in der Geschichte, mit ihnen verbindet sich deute der Neid des Üonenrrenlen, der Neid um den Besitz. Die Inden ukucii ,-IieninIs ei» ackerbautreibendes Volk, und u»ter ihnen gab eS die Handwerke, enaut beginnender Kultur sich entwickel»: Spinner, Weber, Töpfer, Schmiede, Iiegier, Schreine,. Bai'ardeitcr re. Erst mit ihrer Unterjochunz nnd mit ihrer .-!el„,,»»ng i» 'remdk ranke wandte» sie sich in ausgedchnlcrem Maße den Gewerbe» nnd dem Handel, »och spater auch den Wissenschaften zu. Frühzeitig ' wurden die Juden dinch die Ehriste» verfolgt. Vertreter einer älteren Eultirr nnd a»i-g>slatiet mit höherer Intelligenz, verbot man ihnen den Betrieb des randbaues nnd des Handwerks nnd trieb sie so dem Schacher und dem Handel in die Arme. Tie Bcrfolgnngc», denen sie ansgcsebt waren — von 11!*8 bis l:;:a gab es. itivfit Ivenig. r als 5>2 große Indenverfolgnugen in Drutichlaiid, dnr>1, die Iehi,tausende anfs Gransan.ste gemartkbt und geiödtct, Hnndkillausendc ibier Habe beraubt uiid ans ihren Wohnstätten vertrieben ivurde» — begnniiigle» den regen Z»sai»i»c»schliiß unter sich, dessen man sie heute anklagt. War neben dein Naeen- und Ncligionshaß besonder» die Geld- und Goldgier der Gnrud zn ihren Berfotgnngen, so ivarcn Geld und Gold auch wieder die einzigen Mittel, durch tvelche sie sieb vor Bersolgnngen und Unterdrückungen ,.1nin-e» konnten, ihr Streben war also erst recht darauf gerichtet, eS zu er langen Ter Nechlsznnand der Jude» war ein Ausnahmezustand. Es war ihnen verboten: l Gliindbesitz;n erwerben und Landbail zu betreiben, 2. ein Gewerbe ansznnben, -'!. waren sie für un'äbig erklärt zur Ausübung politischer Rechte, I waicn ne mit besonderen Abgaben lIudcnschutzgcld) belastet, 5. zivang man sie in desliltttittcn Stadllhcilen zu wohne», 0. gebpt man ihnen äußere Xcnnzenlien an der .'tleidnng;» tragen., 7. erließ man bcwnders sirenge Eheverbote zivi'chei, Chrinen und Juden, nian erzwang also ihre Abschließnng. Die Judenverhggnngcn stellten sich den .getzerverfolgungen würdig zur Seile. MeKrals ein Iahrtau'end ausschließlich auf den Handel und da» Geldgehtiä'k als einzig erlaubte Keschättigung angewiesen, entwickelten sich ihre Fähigkeiten, unlernntzl duich natürliche Anlagen, zu jener Höhe, die sic heule ibren äiristlichen Eonenrrenten verhaßt und gefürchtet machen. Ihre Nüchtern' beit, .Emsigkeit und Zähigkeit besähigen sie, auch da'Ersolge zu erringen^ >vo das Fehlen die>er Eigcnschaflen diese sonst unmöglich macht. Dadurch ist es ge I. 'inineu, daß an' weileil^Gebielen des Handels die Juden fast ausschließlich oder überwiegend das Geschäft in den Häuten haben. So im Biehhantel, iin Handel mir landwirthschafriiche» Erzcugninen (.Getreide, Hopfen, Wein), im Handel mit Manusaelurerzcugniffcch i» der Confectio», im .sileider und Schuh' ivaarenbaudel :e. Ferner. beherrschen sie einen großen Tbeil des- Bank und Ereditgeschäiies Endlich haben sie in den gelehiken Berufen, insbesondere in der 7 Medici», Jurisprudenz und in der Tagesschrittstellerei, in den künstlerische» Bennen uamciitlich in^der Sckian>pielk»»st, ein großes Thätigkeiisfeld sich erobert. ' 7 In dein Maße unn. wie die allgemeinen Eoneurrenzverhältnisse durch die II. bcr'iillung aller Berü'e immer ungünstiger und der Stampf um-Z Taiein immer nbivieriger wirk — und das ist die. Signatur unserer Zeit — steigt d:e Feindseligkeit gegen diejenigen, die durchschnittlich durch größere» Geschick nnd größere.Gewandtheit sich eher-zu ballen wissen oder empor koninien .und sich alS die Angehörigen einer -fremden Race und Religion darstellen. Nicht das Capital, nick» der eapilaliftiiche Enlwicklttiigtproceß erscheint de» immer mehr in.die silemme kommenden Scklichleii unserer Gesellschaft als die Ursache ihrer 'Nolb. 'enter» es ist der IudH der in der Regel als der glücklichere Eoiicnr<c»t ,ihnen gegenüberlrltt. Alle diele gegen die Juden aufgebrachten Elemente ertenkien nick'! - denn ihr Claffenstandpunkt erbält sie in der Bornirtheit — daü. wenn beule fämmiliche Juden verschwinden ivürde», an ihre Stelle sofort üve-.initte Christen träten, die da» Ausbeutungsgeichätt genau mit krinselbeu ä.ß lg >iir die Mehl zahl ihrer Eoncurrciiteu forlseyten. Sa sicht ein grcffzer Tbeil ufttrrfr Nkein bauern im Juden de» Feind, >veil .> . i: .» sind.' die voizugsweise dic-ttzcchä'lc mit ihnen machen. Handwerker . >.: >l.:n'len!ö 'eben in, Inden den Feind, weil der Handel mit Fabeiealcii, das Handwerk senigte, tznc Schub- und stleiderwaaren :e, viel'ach - Hvon Inden ist, oder weil die Handelsgeschäfte der Juden den :!• : chustlichen »tauflcnlen Ee»cnrr>»; machen. Ter Student ist A»ti . der jüdUchc Student in der Regel viel fleißiger ist wie der ehr . ii d->r bei .'ineipgelagen, beim Starkenspiel nnd äus der Mensur - - A.hiilich« «Sründe sprechen gegen die Conenrrenz der « und s! -l teanwälie Ter Beamte ist dem Juden Feind, iveil b i du b .! t ' W'ch>tlge>'chnren,. die er macht, nicht selten der Jude r,: ' :st. und r vergißt, daß der christliche Wucherer weder ei» d e : w.i»->er ,!. .h eilt-'!'. Tag länger'Nachsicht am Bersallstage habe» ii u.de. tri» großer Tl.en ' -i':i*. der C*»tciere wie der tstrnndherren sind Aiitt'entttdn. »’•■'! Inden ihre Glbuhi-z-'r sind, und die adelige» Gritndherreii ':bie Lvl'iie mit eizier -zstchegnadeteu Tochter Israels verehelichen müssen, Uiii td::e ge-'ellsch.t'liiche BerMrenrnngs-uchl. bekrieeigen;ü können, für welche - s''dude» des schlecht bewinbichaiteteil väterlichen Gutes nicht reichen. Ter ' G:iiiid'"rr r.-zi dabei den Bauer gegen den Juden auf, weil er Nr. 72. den Bauer vergesse» niachen will, daß seine, des Grundherrn, Borfahren das Bauerulegeu betriebe», wie je ei» Jude eS vermochte. Sind doch von 1(>48 bi« 1825» in Mecklenburg über 12.000 Bauernhöfe widcrrechllich i» den Tasche» der adelige» Feudalherren verschwundc», und ebenso verschwände» Tausende von Baucriihösen i» Pommern, in Preußen, in Schlesien »nd der Mark. Der größte Theil des heuligen Adelsgntcs ist ehemaliges Bauerngut. Und von den Herrlich keile» der Patrimonialgerichtsbarkeit könnten die Thürme (Ulf den Gutshösen und die alten Bauerurückeu gar ivunderbarc Licdlein erzähle» . . Ter Junker möchtc gerne die allen guten Zeiten zurückriisen, wen» er könnte. Ter Autifemilismus ist also ei» »alürliches Product »»screr im Rieder gang begriffenen Gesellschaft^ der seinen Anhang innerhalb der herrschenden Elassen gegen eine« Theil dieser Claffen, die wohlhabende» Jude», bcsitzt. Der AiitifcmiliSmnS ist daher feiner Ratnr nach rcactionär, insofern er die all-/ gemeine Rechtsgleichheit der Bürger für den jüdischen Theil. derselbe» anshebe» will, obgleich die Inden nichts Anderes ihn», als was die bürgerliche» Gesetze nnd die bürgcilichc» Einrichtungen ermöglichen »nd gestatten. Tie Social Dcmokratie, welche die allgemeiiir Rechtsgleichheit vcriheidigt, ist daher Gegnerin des AttliseinitisinnS; sic bekämpst nicht nur die AuSbeutimg von Seilen der Juden, solide» die Ansbentniig Überhaupt... Als F.sinde de? Wuchers nnd der AnSbentuug begünstigt die Social-Temok.atie alle Maßregel», die geeignet fei» könne», den Wucher nnd die Ausbeutung zu beschneide». Sic weiß aber auch, daß nicht Gesetze gegen de» Wucher »nd die Ausbeutung diese beseitigen, denn sie sind mit dein capilatistischcil Wirlhschaflsshstei» il»zcltre»»tich verbunden, soliderii daß allein die Beseitigung dieses WirihschaftstistemS jede»» Wucher und jeder 'Ausbeulung, sowohl durch den-Juden wie durch den Christen, ei» Ende mackst. Ter parlamcnlatiiche Rcchciischaslsbericht weist nach dieser wirlhschaslS politische» Darlegung auch darauf hin, daß die rcaclionärc Ratnr dcS Anti' seiniüsmus sich auch darin zeige, daß ein großer Theil seiner Anhänger und ein Theil seiner Bcrtrcler im Reichstage für de» MilitäriSinns eintreten und so Laste» dem Handwerkeruiid Bauernstand anserlcgen, die mehr als der Jude seine sociale Existenz vernichten. Ter AntiscmirisiiinS, heißt eS schließlich in der Enuncialion der socialdcinokralischen Partei, bildet für die conscrvativeii Parteien nur ein Aushängeschild, hinter dem sie ihre wahre volksseindlichc Natur ver stecke», und durch das sic den Bauer und Handwerker noch langer als Stimm vich glauben eiiifangen z» köiiiien. Sind Bauern und Handwerker beschränkt genug, den Eonselvaliven oder den Antisemiten zu folgen, sie werden schließlich nnöeitt daß sie die Geprellten sind. Rabenväter. lZuschrift eines FrenndeS der Abwehrbestrebuiigen.) Tcrselbcn Kampfiiicthodc, welche Ahlwardt gegen seinen chenialigen Lehrer Stöcker anwendcle, bediente sich auch Bcrgani gegenüber feinem (Mönncr Schönerer^ Als „Rabenvater dcS AntisciiilllSiiius" hat Ählwardt Herrn Stöcker, Bcrgani Herrn Schönerer hingcstcllt. Tiefes Schlagwort scheint auch seine Wirkung ausgcnbt zu haben, wie ja der Antiscuiitismus selbst, ob so oder anders geartet, nur von Schlag-- wörtcrn lebt. Stöcker wurde nicht in den deutschen 2rcichstag gewählt, und Schöncrcr's Aussichten, in den österreichischen Reichsrath zn fommcii, sind allen, Anscheine nach sehr gering. Es muß für einen Mann, der sich so viel Mühe gegeben hat, ein ^iind zu zeugen, wie eS der ,Antisc»iitismuS ist, tief kränkend sein, mit einem Male alö Rabenvater verschrien zu werden. Wenn das aber 'zwei Männern zu gleicher Zeit geschieht und dann andere Leute die Ehre für sich in Anspruch »ehinen, echte, wahre Bätcr dieses Kindes zn sein, inuß man da nicht ans die Meinung koinincn, daß das Kind ein — Wcchsclbalg ist'? Schönerer vertritt tzckanntlich den - nnvcrfälschtc», alleinscctigmachcnden teutonischen Standpunkt, Stöcker den rein evangelischen, den christlich-socialen. Es fällt keinem, besonnenen Menschen ein, »ationaten oder religiösen Gefühlen Idcalisnius abzusprcchcn. Allein bei den Herren Schönerer und Stöcker sind diese Gefühle so sehr verzerrt und haben so unnatürliche Auswüchse gezeigt, daß inan oft auch an Grillparzcr's Worte von der Rationalität, die zur Bestialität führe, gcniahnt wird. Seit mehr als einem Jahrzehnt haben sich Männer von großem Wissen nnd regem Rcchtsgcfnhl bemüht, darzulegcn, wie schädlich solcktc Extravaganzen und Ilcbcrtrcibnngcn dcS nationalen und religiösen Ideals sind, wie wenig der Judenhaß mit der Liebe zu Tcutschland oder mit der christlichen Rüchstcnlicbc zn thnn hat. Rach bedeutenden und edlen Menschen linternahmcn cs aber, sclbstvcrständlick). ans anderen Atolive», auch vor nichts znrückschrcckcndc Spcculantcn, den Beweis zn sühicn, daß der AntiseniitisninS mit dem nationalen oder religiösen Ideal gar nichts gemein habe. Antisemiten mit unverfälscht deutschem Programm sowie solche mit christlich-socialen Rcformplänen sind, wie wir nun belehrt werde», Rabenväter des .freies Blatt.

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