Mannheim
Compact Memory

Freies Blatt · 1893-08-20 · 72 (20.8.1893) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
72 (20.8.1893)
Date
1893-08-20
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
86% known words query
IRI
…/4886575-5439157-5441443--0759-4887262
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

/ «„»micmkntsvrri-: ©rgan zur Abwehr des Antisenutisknus. Redactio» und Adu,iuistr°liou: Sanjjählig mit PostzuIrndunL . . fl. J.M>. _ HaldjSbrig fl. l.iS. «ikrtkljährig fl. —*“ C 1 Sinielue Nummern 4 kr. Erscheint MI jcbClU S0llNtagk. I- Keiterstätte 10. diummer 72. Wien, 20. Äiignft 1893. II. Jahrgang. Mit der heutigen Nninnitr erhalte» unsere Leser die vierzehnte Fortsetzung des Werkes^ Oie Subtil lind btt Aiitisriiiitiriiiiir, gifvacf unter 6m ^Tationm von Anatote Leroy-Aeautieu vc>nr srnnz>?sistHcn Institrit. Vien ciutretcudc Abonnenten erhalten auf Verlangen die bereits erschienenen Fortsetzungen »achgclicscrt. Antisemiterei in einem (Lurhause. (Lrigiiial-Milihkilu^iig des „Freien Blatte«".) i «atibuvg, 14. Äugust Wir hatten herrliche Tages viele Fremde, aber unsere Saison ist gestern wie keine zuvor durch einen Mißlon gestört worden. Bor etwa acht Tagen hatte der sogenannte „Gerinanenbund", eine Bereinigung junger Leute zur gemeinschaftliche» Lerehrung der Kornblume mit judenfeindlichcr Tendenz, eine Besprechung über den würdigen Empfang einer Schaar von Wiener Antisemiten, welche, in Anwandlung eines zarteren Gefühles, einen AuSflug in die Berge machten. Man war bisher gewohnt, um diese Zeit wissenschaftliche Congresse, Küiistlervereinigungkii, Tcchnikerfcste im Salzburger Eurhause zu seht». Ein solcher Schlag gegen die eigenen Interessen wie der, welchen Salzburg gestern führte, ist noch nicht dagewese», denn daS Promenadcconcert, welches täglich die Zuhörer erfreute, wurde verschoben, und an dessen Stelle trat eine andere Musik, besorgt von dem Terzett Lucgcr-Muth-Schncider. Niemand erhob im Gemeindergthe seine Stimme dagegen, Niemand im „Bereine zur Hebung des Fremdenverkehres" und kein Mit glicd der Genossenschaft der Wirthe rührte sich, um seinen Gäst>n daS erhebende Schauspiel eine!r Antisemitenvcrsammlung im Eur. Hause zu ersparen. Zwar haben die Herren Wirthe eine große Empfindsamkeit entwickelt, alS ein dem Genieinderäthe angchörigcr Schriftsteller ihnen in einem Blatte die theucren Preise vvrwarf; soweit aber geht dieses Gefühl nicht, um auch Rücksicht für ihre jüdischen Gäste in der haute saison zu verlangen. DaS CurhauS, der Eenlralpunkt des Fremdenverkehres, könnte doch verschont bleiben von solchen Bersammlungen, welche überhaupt die Stadt -schädigen. Jedermann, welcher den Weg vom Bahnhose zur Stadt zurücklegte, sah Dutzende von Placaten mit den 'Namen Schneider, Math und Lueger. Ich gab meinem Befremden Ausdruck, daß in der Saisonstadt Salzburg Solches möglich sei, da bisher Antisemiten vcrsammlungen nur in Bierkellern und kleineren Gasthäusern abgchallen worden waren, doch ein sehr einflußreicher Herr der Stadt entgegnete mir: „An so etwas denken unsere Bätcr der Stadt nicht, daS - merken sie nicht." Ist das eine Entschuldigung? Wozu haben wir einen „Verein für Frcmdeninteressen", wozu eine Genossenschaft der Wirthe? Glauben die Wirthe, daß es den reichen Juden, welche alljährlich große Summe» in ihren Hotels auSgebc», nicht mit der Zeit zuviel werden wird, wenn Lueger, Schneider und E on»- sortcn im Eursalon Produetionen veranstalten vor einem Public »n, daS allerdings erst hcrbcigezogen werden muß, weil hier der Anti semitismus gemeiniglich in die unteren Schichten und nur aus nahmöweise auch in die besscrsituirlen Elassen cindringt? Der triviale Ausfall, welchen die Wirthe gegen den obenerwähnte» Schriftsteller, einen verdiente» Schulmaii», in einem hiesigen Blatte machten, änderte an der Thatsache tnr hohen Preise nichts. Die Reichsdeutschen fühlen das, und man hat eigentlich heule »och kein ständiges Saisonpublicum. „Diese Salzburger thun wirklich AlleS, um sich die Fremden vom Halse zu schaffen," sagte ein Fremder, welcher die Ankündigung der drei Borträge und die Namen der Bvrtragenden las. „Es ist," meinte er ferner, „eine Art Muster Vorstellung im Eurhause, um Deutschland zu zeigen, daß cs nicht allein Wellbeglücker wie Ahlwardt besitze. Ich möchte wisse», ob die Eurvorstehungen von Ischl, Gastcin, Jnterlakcn re. Bcr sammltuigen, welche gegen de» Frieden in der Gesellschaft gerichtet sind, mittcir im Sommer im Tempel des Fremdenverkehres dulden? Die französische Schweiz duldet keine deutjchfeindlicheit Demonstrationen, und ebcnsg hat die deutsche Schweiz jeden politischen Kamps aus.den Saisonortcn verbannt. Die Schweizer wissen, waS Gastfreundschaft ist." - Beachtet wurde diesmal die Bersammlung von dein Gros der anwesenden Fremden nicht, denn die Antisemiten kamen.erst um 8 Uhr Abends mit einem Sonderzuge an. Leider waren viele Frauen dabei; das zarte Geschlecht ist bei den öffentlichen Hinrichtungen stets in der Majorität gewesen; cs stellt auch sein Eontingenl beiden Opfermahlzcitcn unserer europäischen Menschenfresser. WaS.ist jedoch die Folge von solchen Taktlosigkeiten? Der Gemeinderath hat durch Duldnng einer gehässigen Tendenzen huldigenden Bersammlung an einer Stätte, wo nur Geselligkeit, Gleichheit und internationale Sitte herrschen sollte, den Ruf des Eurhauscs geschädigt. Der Pächter wird sich beim Publjeum nicht einschmeicheln durch solche Eurhausproductionen. Der „Verein zur Hebung vcS Freindenver krhreS" aber kann sich gratuliren: er schwieg, als man daS merk würdige Linzerthor »iederzureißcn beschloß; er schwieg;n dem Ucberfalle der Wirthe, anstatt eine große Enquete zu veranstalten und die mäßigen Preise zu publlcire», wen» Salzburg wirklich so billige Hotels besitzt; jetzt schwieg er wiederum und fand cs gajrz natürlich, daß Antisemiten im Eurhause sich breit machten, nennt man denn doch Beharrlichkeit! Die Fremden,- welche euren Bergen Bewunderung zolle», euren Denkmälern. Interesse cntgkgeubringc», sollten nicht verhöhnt werde». Die zarte Empfindung für die eigene GeschäftSchre könnte bei den Herren Gastwirlhen und Eapitalisten Salzburgs sich wohl auch »och auf die Gäste auSdehuen, und wir wollen hoffen, daß sie künftighin pro tcstiren werden, wenn der Gcmcinderalh den Eursaal zu Zwecken hergibt, welche dem geuius ,loei nicht entsprechen und bei den Ge bildeten allgemeinen Unwillen erregen. — .,1 Die deutschen social Demokraten und der Antisemitismus. In einem Berichte über die Thütigkcit dcS dciiUchcn Reichstages von 18lN) bis I8L3 kennzeichnet ine soeialdemokratifche Fraelion ihre Stellung zuin AntisciuctisiiniS wie folgt: * . -

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.