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Freies Blatt · 1893-08-13 · 71 (13.8.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
71 (13.8.1893)
Date
1893-08-13
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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Nr. 71. jjrei* zu folgen, aber angenomm'n werden muß, so folgt' daraus die Unzulässigkeit jeglicher Verhandlung. DaS Gleiche trifft bei einer zweite» gegen Paasch schwebenden I Strafsache zu, in welcher'' ein materielles Urtheil erster Instanz noch nicht ergangen ist. Um zu einem Abschluß z» gelange», bleibt daher,! wie daS „Kleine Journal", dem wir diese Milthciluiigcn entnehmen, bemerkt, in beiden Sachen nichts übrig, als in (Gemäßheit des § 203 St.-Pr. £>. die vorläufige Einstellung ,dcs Bcrfahrcns gegen Paasch zn beschließen, worauf dann gegen die Mitangeklagten in der erste» Sache wcitervcrhandclt werden wird. (Hcrtwig's Ltrafantritt.) Wie wir in Nr. 68 des „freien Blattes" gemeldet haben, tpnrdc der antisemitische Rechtsanwalt Hcrtwig in Eharlottcnbnrg, Vcrtheidigcr von Ahlwardt und Paasch, in seiner Eigenschaft als Rescrveofsicicr vom Kriegsgerichte wegen Verweigerung des Gehorsams zu drei Monaten Festungshaft vcrnrthcilt Herrn Hertwig war anläßlich sei rer stkeichstagScandidatur in Licgnitz der Vorwurf entgegengeschleudcrt svordc», er hätte in Brcölan nicht nur Spiel schulden unbeglichen gelasftn, sondern dabei auch eine kleine „Rölhi gnng" nicht gescheut. Bo» dein BezirkScominando Teltow zur, Berichterstattung .überdiese Spiqlaffaire aufgefordcrt, ließ Hcrtwig die Aufforderung unbeantwortet. Ein Gesuch des Vcrurthcilten, die Festungsstrafc in zwei durch einige Wochen Freiheit unterbrochenen Perioden ' abbüßcn zu dürfen, wur^e von Kaiser Wilhelm nicht bewilligt. Am I. August mußte Hcrtwig vor dein Bezir.kscomniando Teltow erscheinen, und dort wurlfc ihm der abschlägige Bescheid mit dem Bemerke» bckanntgcgeben, haß er binnen 24 Stunden seine Strafe in Magdeburg anzntrctc» hajbc. Am folgenden Tage traf nun der Pcr - Blatt. Seite 5. nrthciltc in Magdeburg in. stellte sich auf der Eommandantur und wnrde sofort nach dem FestnngSgcfängnis; gebracht. Wie ei» Berichterstatter versichert, hat hcrtwig eine „ganze antisemitische Bibliothek" mit ans die Festung gcnoinincn, um sich die Zeit durch eine „angenehme Vcctiire" zu vertreiben. 1 (A»tisci»ltischc Polijztiofsicirrc.) I» Berlin habe» neulich, wie dortige Blätter belichten, zwei PolizcilicntcnantS unter ami semitischen Schimpfcrciciz vier jüdische Kaufleutc auf der Straße wörtlich und thütlich insultirt; einer der Angegriffenen wnrde mit blanker Waste über den Kopf geschlagen und erheblich verletzt. Zu den AuSschrcitungen soll cö gekommen sein, weil die Kauflcntc der i» schroffer Form an sie gerichtete» Aufforderung, beiseite zn treten, nicht entsprochen haben. (Ruch eilte OrdllllygSPlirtci.) Scho» jetzt rüsten sich die Radau Antisemiten, welche bei!dcn tlreichStagöwahlcn Sachsen erobert haben, für die im iSctober stattsindenden sächsischen Landtagswahlon. Für die »och immer „Eonscrvativc" sich ncnncndcn Tivoli Antisemiten ist es bezeichnend, daß sie die Radan-Brüder in die Reihe der „SrdnnngS plUtcicn" aufnchmcn ivollcn. (Das „praktische Christtuth,»»" des Herrn v. Friesen.) I» Leipzig gelangte vor, Kurzem ein Proecß zur Verhandlung, durch welchen daS „praktischcj Ehristenlhuin" des Führers der sächsischen „Eonscrvativcn" Frcihcr(n v. Friesen glänzend beleuchtet erscheint. Ter „Generalanzci!gcr für Leipzig" berichtet darüber: Ent sctzlichc Roth muß vergangenen Winter bei einigen Zwcnkaucr Familien geherrscht haben- und eine vor der Strafkammer II geführte Verhandlung gestattete uns einen Einblick in dieselbe. Die Zicgclciarbcit hatte ansgchört, und bei) strenge Winter erhöhte die bereits vorhandene Roth in den Familien! G., H. und K. ganz beträchtlich. Uebcrall riefen die Kinder nach Arot, ohne daß die Familicnhünptcr solches beschaffen konnten, indcffcii machten sic einen ^Versuch dazu dadurch, daß sic am 24. Februar bi I. nach den zum Rittergut Rötha gehörigen Trachcnauer Teichen giiigen, um dort Schilf abzuschncidcn, aus welchem sie Abtreter zum Verkaufe Herstellen wollten. Zu diesem Zwecke mußte» die Leute erst Löcher i»S Gis hacken, um zu dem auf dem Grunde wuchernden-Schilfe zu gelange». Man bedenke: Bei strengster Kälte gehen zwei Leute in das eiskalte Master, um für wenige Pfennige Schilf zu hole»! Bei dem Schilfdicbstahlc aber wurden die Leute von dem Rcndantcn des RfttcrgntcS Rötha betroffen und ihnen die Arrc tirnng angckündigt. Während zwei entflohen, ncigcrtc sich G. mi. mit »ach Gaulis behufs RamcnSfcststcllung;» gehen, und so »ahm der Herr Rendant die jnoch dalicgendcn Kleidungsstücke G.'s an sich! Nachdem der crbärmlijch frierende Mann wiederholt um Hcrgabc des Rockes gebeten, vcjrfuchtc er endlich die gewaltsame Rücknahme, welchem Vorgehen der jRendant durch das Ziehe» eines Mcsters zu begegne» suchte. Als j bic Enlflohcncn 'und in emiger Entfernung Stehcngebliebenc» das offene Messer sahen, glaubten sic ihren Käme radr» bedroht, eilten zu dessen Hilfe herbei und bedrohten nunmehr den Rendanten mit Todtschlagc», Ersäufen und anderen liebtiche» Sachen so sehr, daß dieser dem Grundsätze von dem „mnthigen Zurückweichen" entsprach. Der K ammer Herr Freiherr v. Friese» auf Rötha stellte nunmehr wegen des Diebstahls von Teichschilf im Werthe von zwanzig Pfennigen den Strafantrag, und erzielte die V.erurtheilnng der Leute zu Gefängnißstrafen in der Dauer zwischen drei Tagen und vier Monatenwegen Tiebstahls, Widerstandes :e. Beicinigen der , Angeklagte» kamen die Bcstiminnngcn über den Rücktallsdiebstahl in Betracht, für Alle aber warf das (''ciidit das Mindcstmaf; der gesetzlich angcdrohtc» Ttrase ans. «Heinrich Heine ein Antifeinit.» Während schamlose a»li semitische Schriften, darunter eine übelriechende Broschüre: „Heinrich Heine, der Schmntzsink im dcntschcn Dichtcrwald," in geuicinster Weise de» „Jaden Heine" veruiiglinipfcn, verfiel das „Mainzer Journal" auf die Idee, ihn alö Antisemiten anznschwärzcn. Tie sreisinnigen „Mainrcr Rachvichtcn" widme» dicsenr sonderbaren Einfall eine Betrachtung, der wir auf Wunsch eines.Mainzer F»-rnndcs unseres Blattes Folgendes entnehmen: DaS „Mainzer Journal" hat eine prachtvolle Entdeckung gemacht: ^Heinrich Heine ist ein Antisemit Rachdcm die anderen schmeichelhaften Kosenamen, die cs dem großen Poeten bisher crthcilt, nicht mehr gezogen und kein Gimpel mehr aus de» Leim ging, hat cs nun das Kunststück zuwege gebracht, den „armen Heine" der Judcnschaft als Antisemiten zn dcnuneirc». Es ist nun überaus possirlich, anS den Eitaten, welche das löbliche Srga» bringt und die daö Antisemitcnthnm Heine's beweisen solle», zn er schcn, daß die Gelehrten dieses Blattes für die Satire Hcinc'ü ebenso wenig Vcrständuiß besitzen als für die Lyrik dcssclbcn. Als tlcincr Beweis hiefür sei erwähnt, daß daS drollige: ,-Schalet, schöner Götter sunkcn" und. die berühmte „Disputation" als Hauptargumcnte für den ^lntiscmitiSninS des Dichters inS Treffen geführt werden. Tiescr »encste Schachzug des „Mainzer Journals", um dem Tichter ein Plätzchen Mainzer Erde zu verweigern, wird aber ebensawenig ge lingcii - wie die früheren ohnmächtigen Wnthanübrüche. Nachdem cs cingesehen, daß eS bei den Katholiken, die den Dichter-Heine kennen nnd verstehen und die eine vornehme Denkungsart besitzen, zurück gestoßen wird nnd auch die paar Protestanten, die sich ins Schlepptau nehmen ließen, in Folge seiner Intoleranz gegen die -Lnthcr-Gcdcnl fcicr in WormS inS Privatleben zurückgctrcten sind, versucht cS nun sein Heil bei den Israeliten. Vielleicht gelingt cS ihm, auch da einige Angstmeier einzusangen, die wir ihm von Herzen gönnen, aber dem Denkmale Heine's in Main; wird dies nicht im Geringste» schaden. Warum soll cs nicht auch unter den Inden solche Käuze geben, wie sic daS „Mainzer Journal" braucht? Man lese nur den „Rabbi von Bacharach", da hat Heine Einige dieser Sorte zNascnstcr» :c.) gar ergötzlich geschildert. Wir bedauern nur, daß nicht auch noch Türken in unserer Vaterstadt residircn, vielleicht ließet^ diese sich-den Tcnkmals randidate» von dem chrcnwerthen „Mainzer Journal" verekeln, nachdem seine Hctzvcrsuche bei alle» anderen Eonfcssiöncn als total mißlnngcn zu betrachten sind. . . Wenn wir unS einen Vertreter des Anti semitiSmus zn denken haben, so fällt uns immer noch eher die Redaktion des „Mainzer Journals" als der Poel Heinrich Heine ei», nnd wenn man heutzutage in den Wald ruft, was unter der gegen wärtigcn Rcdaction aus dem „Mainzer Journal" ward, so schallt das etwas nnorthographischc, aber richtige Echo doch stets zurück nur: „Ahlwardt"! (Marquis de Mort'S.l Der Typus des antisemitischen Agitators bleibt sich überall gleich, mag derselbe an der Donau,. Spree oder Scinc sei» Unwesen treiben. Im Proteste gegen die Tocniiicntenfülscher N ort on nnd Ducrct in Paris warf der als Zeuge vernommene Marquis de M o r l-.s dein Privatbctheiligten E l> -m c n c c.a u besten Bckanntschast mit dem seit der Panama-Afsaire berüchtigten Eornelius Herz vor. Daraufhin thciltc El'-mciiecau mit, derselbe Moros habe ihn vor Jahren zur Unterstützung von Eisenbahn Unternehmungen in Tonking, deren Werth sehr zweifelhaft erschien, gewinnen wollen, und erst vor Kurzcni von Eornelius Her; sich Geld ausgcborgt. Marquis de Morös findet sich nun bewogen, -im „Figaro" solgcijdcs Be kenntniß einer schönen Antisemitenscele abznlcgen: Moräs brauchte, wie er gesteht, im Frühjahre 1801 dringend 20.000 Francs, itn’S da sic ihm Niemand borgen wollte, wendete er sich schließlich an An dricnr, ivclchcr ihm sagte: „Ein Mensch wird Ihnen daö Geld geben, Eornclins Herz, aber er wünscht, daß Drumont darum bitten komme." Mor!-S ersuchte Dr-nmont uni diese» FrcnndfchailS dienst, ivoranf dieser nnd Andrieur zn Herz ginge». Trn»ioilt planderte mit Herz länger als eine Stunde. Herz verlangte auch Truniont's Unterschrift ans dem Schuldscheine, verzichtete dann aber darauf und gab Morvs das Geld ohne weitere Garantien Mor>-.s v c r p f l l ch t c t c s i ch d a in a l s. H e r z g c g c >> ü b e r, eine o s s e n I l i ch c F n n c t i o » a » z u n c h in c n. „ Zu Beginn der Panama Afsairc wollte mir Herz," erzählt der edle Marquis ivcitcr, „die S-uittung meiner Schuld.geben. Ich nahin sie nichts an Herz erzwang mit

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