Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 71 (13.8.1893)
- Date
- 1893-08-13
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
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Beilage zum Freien Blatt, Vrgan zur Abwehr des Antisemitismus. Seite I.VI. tSbriftfii. Und diese leicht errungene Ueberlegrnhcit über die am leiste Christi abtrünnigen Christen verdankte der' Lohn Israels seinem Glauben und seinem (besetze. Die Achtung vor der Porschrist, die Gewohnheit sittlicher Zucht, die ungehinderte (Gemeinschaft zwischen Bcrnunft und (glauben, die tiefe Empfindung für das (Gesunde, Wohlabgcwogene, Maßvolle in der Thora und der Ucberlieferung Israels haben aus Mendelssohn einen Weisen gemacht, bevor ihn Messing zum Borbild für seinen „Nathan den Weisen" genommen hatte. Und da kommt einem eine Bemerkung. Ebenso wie das ideale Urbild des Christen, das Summum evangelischer Tugend, der Heilige ist — der .höchste Gipfel, den jemals unser 'äkmcs Menschengeschlecht erreicht — so könnte man sagen, daS . ideckle Urbild Israels, der zum Gipfel der Iacobsleiter cmporgesticgene Mensch sei der Weise. Israel hat solche erhabene Charaktere i» jedem Lande hervorgebracht. Will man ein anderes Beispiel, welches diesmal nicht mehr den Askenazim, de» nordischen Juden, sondern den Sephardim, jenen auS dem Lüden, nicht mehr den der Stmagoge treu gebliebenen Inden, sondern jenen Löhnen Iuda's entnommen ist, welche sich unler unserer Berührung von den Ueberliefernngen ihres Bolkes losgesagt haben, so begegnen wir dem vielleicht größten modernen Inden, einem Genie von einer ganz andere» Flügelspannung und einem viel kühneren Auffluge, allein wieder ist cs eil, Weiser, den Cinige einen Heiligen zu nennen sich getraut haben. Man versteht, daß wir Baruch Lpinoza meinen, den Cinsiedlcr von Pavilioengragl, den spanischen Jude», der in einer holländischen Kirche bcigeseyl ist. Auch hier sehen wir, was überall unler den großen Männern, die Philosophen inbegriffen, merkwürdig selten ist, einen Inden, dessen Leele auf der Höhe seines Genies steht. Man braucht * sich mit der Philosophie Lpinoza's nicht zu be freunden — ich meinesthcils gestehe, daß sie wenig nach meinem Geschmackc ist — aber es fällt schwer, den Philosophen nicht zu bewundern, nicht zu lieben. Mittellos, hilflos, opfert dieser Jude Alles für das, was ihm | als Wahrheit erscheint: fast allein unter den Denkern srincr Zeit, scheut er sich nicht, bis znm Acußersten seines Gedankens vorzudringen, und wagt cs, wie gegen sich selbst, so gegen die Anderen aufrichtig zu sein, indem er weder nach Ruhm »och Scaudal geizt. Fürsten bieten ihm Vehrkanzeln oder Gnadcngehalte an: einzig beinahe unter den Gelehrten seiner Zeit, schlägt dieser Jude Ltellen und Pensionen aus, denn ihn gelüstet ebensowenig »ach Geld als nach Aufsehen. Der fronime Gottlose, welcher Gott in allen Dingen erblickt, will sich von der Betrachtung der unendlichen Substanz nicht abziehen lassen. Das Wenige, was er zur Fristung seines rasch verfliegenden Lebens braucht, denn auch er ist von einer schwächlichen Körperbeschaffenheit, erwirbt sich dieser-Jude zu einer Zeit, wo die Arbeit der Hände gering geschäht wird, durch ein Handwerk. Cr sinnt über die Theoremen der „Cthik" und die Lchlußfvlgerungcn seines .l'im tnlns tlwolo^i« o-pvlitn ns' nach, während er Brillengläser schleift. Lein Biograph Colerus schildert ihn uns als schlicht und wohlwollend mit den einfachen Leuten; wie er sich gerne mit ihnen unterhält, wie er seine Hausleute, die guten Ban der Lpyk, durch sein Leben und seine Reden erbaut, sie zlir Frömmigkeit ermulhigt, die Kinder zum Besuche des Gottesdienstes ermahnt und ihnen die Worte des Predigers erläutert. Dieser Jude, den die Lynagoge in Baun gethan, bleibt eines der vollendetsten Musterbilder der Menschheit, einer jener Männer, die den Menschen zur Chre gereichen. Andere haben ihn vor uns mit dem znsammengeftellt, was die christliche Frömmigkeit und die antike Weisheit Erhabenstes hervorgebracht haben: der Jude scheint mir halbwegs zwischen den beiden zu stehen, zwischen der 'Demuth des Einen und dem Stolze des Anderen; seine Tugend zeigt weniger offenkundige Anstrengung und heroische Anspannung, sie ist ganz inrnschlich und natürlich. Hier wieder findet man bei den von den Bcrwünschungen des Herein getroffenen Juden etwas Gemäßigtes, Glcichabgewogenes, welches von seiner hebräischen Herkunft und Erziehung hcrzurühre» scheint. Wenn selbst seine Philosophie nichts Israelitisches hätte, wenn sie der Kabbala nicht mehr als der Thora verdankte, sein Leben und seine Weisheit kämen von Israel her. Jedenfalls ist das keine auf immer herabgekommene Race, welche in ihren schlimmsten Tagen einen Schnoza geboren hat. „In dem Buche der arabischen Märchen," hat der jüdische Dichter gesagt, „sieht man in Thiere verwandelte Prinzen, welche, kommt der richtige Tag, ihre frühere Gestalt wieder annehme» ... Lolches Schicksal ward dem Prinzen, den ich besinge. Er heißt Israel. Zauberinnen hatten ihn in einen Hund verwandelt, in einen Hund, der das Spielzeug der Gassenkinder war, einen .Hund mit hündischen Gedanken." 1G2) Der Dichter hat die Wahrheit gesagt. Während Jahrhunderte ist Israel, Prinz der Orienlländer, der ans dem Haus seines königliche» Baters Bertriebene, in ein unfläthigcs Thier 'verwandelt gewesen; er hat zu den Füßen fremder Herren kriechen inüssen unler Hunger- und Elendgebell, ein Gegenstand des Abscheus für den, der ihm begegnete. Und siehe da, nun hat er, zu in großen Aergcrniß Jener, welche ihn auf alle Zeiten der Peitsche und dem Stock verfallen glaubten, seine Meiischengcftall wieder angenommen. Sie sind gar alt, die Hexen, die sie ihm geraubt hatten; indeß sind sic nicht alle todl. Es sind dies die Unduldnng und die Ausnahmsgesetze, welche während so lange sich geweigert, in dem Juden einen Menschen;n erblicke»; in gewissen Ländern, dort hinten, nach Asien zu, bestehen die Ueberlebenden hartnäckig darauf, ihn noch wie einen Hund zu behandeln. Braucht die Fee, welche den Zauber gelöst, genannt zu werden? Solche Wunder gehören zu ihren alten Gewohnheiten, und nicht Israel allein verdankt es ihr, seine Menschengestalt wieder zurückbekommen zu haben. Bor nicht gar lange noch stand sie bei uns Franzosen in hohem Ruf; und nach unserem Beispiele luden die Bölker sie gerne zu Besuch. Heute scheint man ihrer müde; Mancher verzeiht ihr nicht, was sie für Jacob gethan hat.' Sie heißt: Freiheit; — um ganz wieder Mensch zu werden, verlangt der Jude keine andere Hilfe. Neuntes Capitel. Tas jüdische Genie. I. Gibt et noch ein national jüdisches Genie? — Wo hat man es zu suchen? — Vcrhältnißmäßig große Anzahl von jHuden, welche sich in Kunst, Wiffen'cha't und Schriftthuin"ausgezeichnet haben. II. Für welche Künste und Wissenschaften haben sie sich am Begabtesten gezeigt? — Woher scheinen diese natürlichen Fähigkeiten der Juden zu kommen? III. Entbehrt der Jude, der Semit immer der Ursprünglichkeit? — Tie alten Hebräer, der moderne Jude und die Erfindungsgabe. — Jüdische Tichter und Künstler. — Tie jüdische Musik. — Die häufigsten Vorzüge oder Fähigkeiten bei den Israeliten. — Der Eombinanonsgeist. — Ter feine Spott bei den Juden. — TaS umfassende Berständniß sür die verschiedenen nationalen Genies und die Kunst, sich dieselben anzugleichen. I. Ich habe versucht, die Physiologie und die Psychologie der Juden zu geben. Es ist dies kein leichtes Ding. Nicht alle Israeliten sind mit dem Bilde, das ich von ihnen entworfen, zufrieden gewesen. Einige haben es für ihre Pflicht erachtet, mir eine Entgegnung zukommen zu lasse».,os) (Sortierung folgt.) , H. Heine: „Prinzessin Sabbath"; Romanzero. *“) So namentlich im „Univers israelite" (September—November 1891 > der Großrabbiner Lehmann. Siehe weiter oben. Man abonnirt das Freit Blatt in der Administration, Wien, I., Seilerstätte 10. Abonnementspreis: ganzjährig ö. W. 2 fl. 50 kr., halbjährig 1 fl. 25 kr., vierteljährig 65 kr. Herausgeber.^ Ernst Victor Zenker. — Verannvottlicher Redacreur (in zeitweiliger Abwesenheit de« E. B. Zenker): Joses Vorwahlner. - Truck von Th. Reißer dt M. Werthner, Wien. - I i