Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 71 (13.8.1893)
- Date
- 1893-08-13
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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_^ Beilage zum freien Blatt, Grgan er strebt, sich mit den neuen Zeiten zu ändern. Fehler und Vorzüge schwächen sich bei ihm ab,j stumpfen sich ab, verwischen sich ullmälig nach Maßgabe, als die Atmosphäre, in welcher er lebt, sich ausrcinigt und ausweitet, ^eine Race unterliegt so schnell der Wirkung "des Milieu. Es vollzieht sich bei ihr eine Art physischer und moralischer Erneuerung zugleich. Vergessen wir nicht, daß die Hauptfähigkeit des Juden dis Geschmeidigkeit, die Anpassungsgabe ist. Wir haben es schon früher bemerkt, er findet sich mit einer unglaublichen Leichtigkeit in unsere modernen Daseinsbedingunge». Und wenn er unsere Sitten annimmt, nimmt er auch, mehr als wir glauben, unsere Jd!een und Gesinnungen an. Man sehe sich den kleinen Juden ans Rußland an, welcher in schäbigem Kaftan und der Sammtmütze zu uns kommt; behält er auch sein Lebtag seinen Accent und sein Linkisches Wesen, die Kinder, die er mitschleppt, werden in fünfzehn Jahren Franzosen, Engländer, ja selbst Amerikaner geworden sein. Die Umwandlung beginnt beim Kopfe, bei diesem jüdischen Kopfe, welcher so leicht alle seine orientalischen Ideen auöränmt, um sich mit den unserigen anzufüllen. Beim Herze», bei d§n Gesinnungen vollzieht sich die Aenderung langsamer; es ist eine i Umwandlung,, welche gewöhnlich mehrere Generationen erheischt. Gewisse Juden gemahnen uns denn auch an jene Fabelwesen, deren Kopf einer Species.und deren Brust einer anderen angehört. Bisweilen kommt eS Einem vor wie ein französischer oder deutscher Kopf auf dem Bruststück eines Levantiners. Die Berwandlung jst häufig zu rasch vor sich gegangen, um vollständig zu sein. Djese französischen und englischen Israeliten, deren Bäter aus Polen und Deutschland zu uns gekommen, haben bisweilen etwas für u»!S, was aus dem Ton fällt. Ein Blick, ein Wort, eine Geberde, und plötzlich liegt der alte jüdische Untergrund offen da. „Man,' krähe den Israeliten," äußerte zu mir ein Freund, „und man wirdj den Ghettojuden darunter finden." Allemal ist das nicht richtig. Äas wir für den Juden haltet, ist oft nur der Fremde, der Mensch auS anderem Lande, der Mensch von anderer Erziehung. Was in unserer Empfindung bei dem civilisirtcn Israeliten durchschlägt, ist nicht sowohl der Jude als der Emporkömmling; wir verwechseln diese Beiden miteinander. Emporkömmlinge! Die meisten unserer jüdischen Bekannten sind sicherlich welche; sije haben deren Schwächen und Verschrobcnheilen, die Anmaßung, den Dünkel, die Selbstgefälligkeit. Daher im. Allgemeinen ihr Mangel an Byrnehmheit und Eleganz, an gutem Geschmack. Lebensart, Takt; daher ihr im einen oder anderen Sinne übertriebenes Wesen, bald vertraulich und ungenirt, bald gesucht und überhöflich, die Schwierigkeit, mit einem Worte, für sie, das Maß des Weltmannes einzuhalten. Daher kommt auch theilweise seue Eitelkeit, welche sich in einer für sonst nicht gerade unbefangeize Menschen ganz naiven Weise zur Schau stellt und um so größer und empfindlicher ist, desto länger der Jude in seiner Eigenliebe gelitten Hai. Daher kommt auch jenes Gelüste nach Titeln, OrdenSkreuzcn lind -Bändern, Auszeichnungen jeder Art, nach welchen der Jude um so 'hungriger erscheint, desto länger er darin gefastes hat und welche er jetzt nach langer Entbehrung umso preiswüjrdiger und schmackhafter zn finden geneigt ist. Daher weiters ^enes Bedürfniß, Aufsehen zu erregen, sich -sehen zu lasse», ooii'l sich sprechen zu machen, Andere und die Seinige» zu blenden; daher jener oft schreiende Luxus, jene Borliebe für Schmuck, Pferde und Wagen, geräuschvolle Feste, für Alles, was glänzt uiibj ins Auge fällt; man merkt, der Mann ist glücklich, mit den Reichthünwrn zu prunken, die er so lange zu verhehlen gezwungen gjewesen. Daher kommt auch manchmal das rxcenlrische Wesen bei; fonft sehr gescheite» Leuten; da haben wir Disraeli in der Jugend, der sich in Sammt und Atlas kleidet, seine Finger mit Ringen überlädt und Dandy-Ansprüche macht; da haben wir Lassalle^ den socialistischen Demokraten, welcher sich zum Ritter der Gräfin Hatzfeld aufwirft und auS Eigenliebe zur Abwehr des Antisemitismus. ' Seite I.V. thörichterweise sein Leben aufs Spiel seht, um eine junge bayrische Aristokratin zu heiraten, deren Familie nichts von ihm wissen will. „Ein Engländer hat einmal gesagt, es brauche vier Generationen, um einen Gentleman hcrzustetlen. Run hat aber ein Jude selten diese vier Generationen hinter sich." So sprach ein reicher Israelit aus Warschau zu mir; die Aeußerung ist richtig. Einige zehn, höchstens hundert Familien ausgenoinmen, ist der Jude fast numer ein neuer Mensch, a solt-mmle man. Er hat sich plötzlich emporgeschwnngen, ist ein Glückssoldat. Er hat noch nicht die Muße gehabt, seinen Geschmack zn bilden,'Manieren, Lebensart und, was vielleicht das Schwierigste, Gesinnungen eines-Gentleman anzunehmen. Das beweist durchaus nicht, daß er es nicht werden kanfi; bevor man darüber entscheidet, muß man ihm zwei oder drei Generationen gutschrcibcn. Und bedarf cs selbst dessen allemal'? So selten sie uns scheinen mögen, ich habe meinerseits französische, englische, italienische, ja sogar deutsche, polnische und russische Juden gekannt, welche, was Erhabenheit der GcsinnungenMbelangt, gleich irgend welchem Ehristcn den Titel Ehrenmann verdienten. Jenen gegenüber, welche den Juden für unheilbar herabgekdmmen halten würden, dürfte es genügen, an den Rainen so vieler beschnittener oder getaufter Israeliten zu erinnern, welche dem alten Blute Jacob'S zur Ehre gereichten. Man findet deren zu allen Zeiten, im Mittelalter wie heutzutage, selbst zu jener Zeit, wo der Jude am tiefsten erniedrigt worden, in den zwei oder drei letzten Jahrhunderte». - Jede Race, jede Religion kann sich in einigen Männörn verkörpern, welche gleichsam deren höchsten Ausdruck darstellen. So ist es mit Israel gewesen, gerade als cs-das Ghetto verließ, und noch die harten Gesetze und Borurtheile aus ihm lasteten, welche es so lange niedergedrückt haben. Will man beispielsweise sehen, was der alte israelitische Grundstock in Berühr»!^ mit unserer Eivilisation hervorznbringen vermag? Ich werde einen Mann anführcn, der mir ganz besonders vcrtrctungSfähig für sein Volk und seinen Glauben scheint. Es ist dies Moses Mendelssohn, der Freund Lessing'o und Großvater des Eomponisten. Dieser« kleine Jude aus dem «Korden, welcher mehr noch durch sein Leben als seine Schriften zur Wiederaufrichtung seiner Race bcigetragen, hätte dcren^lcbendiges Sinnbild sein könne». Klein, häßlich, linkisch, mißgestaltet, hatte der Sohn Mendcl's, des Eopistcn der Thorarollen, nichts, was das Auge entzückt oder die Phantasie bethört. Als seine zukünftige Gattin, die Bankierstochter, welche sich in seine frühreife Berühmtheit verliebt hatte, ihn;nm erstenmal erblickte, fand sie ihn von der Ralur so stiefmütterlich behandelt, daß ihr der Muth gebrach, ihn zu heiraten. Der arme Philosoph verabschiedete sich bereits, als die junge Jüdin ihn zurückrief und folgende., vom Talmud eingegebene Frage an ihn richtete: „Ist es wahr, daß die Ehen im Hiinmel geschlossen werden'?" Die bejahende Antwort Mendelssohn s entschied über ihre Heirat. Und das reiche junge Mädchen, dessen Begierde nach dem Ideal groß genug war, um dem kleinen Buckligen die Hand zu reichen,'hatteden Glauben Nicht zu bereuen, daß der Himmel eine so absonderliche Berbindung halte combinircn könne». Wenn Mendelssohn von Wuchs klein war, so hatte ex eine große Seele, und war sein Körper nicht gerade, so besaß sein Herz Gerädsinn. Wir haben gesagt, bei dem Juden sei der,Charakter dem Geiste untergeordnet, und da kommt nun der erste Bertrcter des Judenthums in der modernen Gesellschaft und straft uns Lügen. Der Autor des Phädon, „der Sokrates von Berlin", war gerade größer dnxch die Seele als durch das Genie. Vergleicht man ihn mit den Berühmtesten seiner Zeitgenossen, mit unseren großen Männer», namentlich mit Voltaire, Rousseau, Diderot, mit Mirabcau, der ihn gekannt, so ist die sittliche Ucberlegcnheit nicht auf unserer Seite. Durch den Adel des Eharaktcrs, die Würde des Lebens und die Hochherzigkeit der Gesinnung beschäint dieser Jude die