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Freies Blatt · 1893-08-13 · 71 (13.8.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
71 (13.8.1893)
Date
1893-08-13
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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Seite LIY. Beilage zum Freien Blatt, Drgan zur Abwehr de». Antisemitismus. mochte, mit den Feinden feines Volkes im Rückstand zu bleiben. Die Christen waren für den Juden nicht seinesgleichen. Und das war gegenseitig richtig. Will das heißen, daß, wie wir es uns einzubilden geneigt sind, der Jude unmenschlich, gefühllos, grausam, unerbittlich ist, daß er an Stelle des Herzens einen Stein trägt? .Durchaus nicht; aus seiner Härte gegen die Feinde Israels folgt nicht, daß ex der Güte, , Zärtlichkeit, Zuneigung und Aufopferung unfähig wäre. Für den tieferen Beobachter ist der Jude vielleicht der Liebreichste der Menschen; allein er sparte seine ganze Empfindsamkeit für die Seinigen auf, für seine Familie und sein Volk. Sein nach Außen verhärtetes und gleichsam schrumpsig gewordenes Her; blieb in seinen inneren Fasern gefühlvoll. Auch der Jude war Mensch. Shakespeare hat es instinctmäßig in Shylock gefühlt. Allein der Jude war Mensch nur mit seinen Brüdern, mit jenen, welche ihn als Mensch behandelten. Den Anderen gegenüber kehrte er die Stacheln hervor, rollte er sich igelartig zur Kugel zusammen oder wasinete er sich mit kalter Unempfindlichkeit. Wie sein Stolz, so war auch seine Zärtlichkeit.-nach Innen gekehrt. Allgemein genommen, könnte man sagen, der Jude sei ein Jnn«nensch. Sein ganzes Dasein, seine Abschließung und HerabwüriLgung zwangen ihn, sich in allen Dingen auf sich selbst zurückzuzieyen. Freude >uider Schmerz, alle seine Gemüthsbewegungen waren bei ihm wie zurückgetreten. Von Allen verabscheut und verachtet, vermochte er weder sich hinzugeben, noch sein Herz zu öffnen, noch sich mitzutheilen, oder er vermochte dies nur mit den Seinigen, mit seiner „Jüdin" und seinen „Jüdchen", die, wie er, gejagt und gehetzt waren. So ist der Eber des Waldes, das wilde Thier, mit seiner Bache imd seinen Frischlingen. Für seine Frau, seine Kinder, seine Brüder, in der Schmach, sparte er Alles auf, was er Gutes und Weiches im Herzen besaß. Seine zurückgedrängte Zärtlichkeit ergoß sich ungehindert des Abends im Schoße der Familie. Die Familie ist allezeit die Zuflucht des Juden gewesen. Er hat ihre Tugenden besessen; seine Feinde selbst halben chm dieselben niemals abgefprocheu. Jederzeit hat er das so oft verlogene Lob der läudlichez Grabschriften verdient: Er war ein guter Vater, ein guter Sohn, ein guter Gatte. Vielleicht keine Race hat bis zu diesem Punkte jene Eigenschaften besessen, welche das Familienleben liebenswerth machen uu.d die, wenn auch nicht die höchsten oder glänzendsten, darum vielleicht nicht minder die solidesten und die kostbarsten sind: Mäßigkeit, Enthaltsamkeit, Geduld, Sanftmuth, Mäßigung, regelmäßiger Lebenswandel. Für alle diese Tugenden hatten'ihn die tägliche Uebung des Gesetzes, die Jahrhunderte lange Achtung für die Vorschrift seit Langem herangebildet. Der Jude hatte wenig Laster; es waren ihm jene, wovon Frau und Kind am meisten leiden, kaum bekannt, nämlich: Trunk, Spiel, Jähzorn, thalliche Mißhandlungen oder rohe Schimpsworte. Darin ist er bis in sein verpestetes Ghetto hinein Racemensch von guter Erziehung und Herkunft geblieben. In, AUgemtzinen hat der Jude einen Widerwillen gegen gewaltthätige Handlungen und heftigeJ'eidenschaften: seit so Langem kann er sich solche nicht mehr erlauben! Tann haben ihn sein Gesetz, die Zucht der Thora und des Talmud gleichfalls sich zu beherrschen gelehrt. Nicht, daß er ohne Leidenschaft wäre, allein die Leidenschaft ist nach Innen gekehrt und oft eine kalte. Bei ihm sprüht die Leidenschaft eigentlich nur aus der Lebhaftigkeit des Blickes. Im Gegensatz zu den slavischen oder germanischen Barbaren ist er ' selten der Lclave oder Spielball seiner Leidenschaft: er weiß sie im Zaume zu halten und zu lenken. Ter Jude ist das Gegentheil des Naturmenschen, des ursprünglichen Menschen, welcher, jähzornig und zügellos, ganz Außen- und ganz Justinctmensch ist. Nichts in dieser Hinsicht gleicht ihm weniger als der „Jude von Malta", jener wulhende und wilde Barabas von Marlowe. Die grausame und schamlose Bestie, welche in jedem Menschen schlummert, kommt bei ihm seltener zum Vorschein; sie ist gebändigt worden.ISI) I Für gewöhnlich ist der Jude kein Mensch der unmittelbaren Regung; er besitzt weder das Ungestüm des Südländers noch das sanguinische Aufbrausen der nordischen Raren. Wenn er als ner» vöser Mensch lebhaft empfindet, so gibt er sich doch dem plötzlichen Aufbegehren der Nerven nicht hin. Seine Leidenschaften sind nicht wie ungeduldige Rosse, welche wiehern und stampfender hat sie dressirt, er hat sie gelehrt, sich nicht aufzubäumen; mindestens hält er sie beim Zaum und läßt ihnen nicht die Zügel schieße». Bei manchen Juden allerdings — die Erscheinung ist neu — macht sich bisweilen eine Revanche der Natur geltend, gleichsain ein Ausbruch lange unterdrückter Leidenschaften; aber dies ist wieder die Ausnahme. Zum Unterschied mit den Slavcn und den Kelten ist der Jude selten „impulsiv"; er weiß abzuwarten und sich zu beherrschen. Die Jahrhunderte haben ihn daran gewöhnt; er ist so lange zu fortwährender Selbstbeobachtung und Selbstüberwachung genöthigt gewesen! Noch heute hat er die Empfindung, von feindseligen Blicken belauert zu sein. — „Sie können nicht glauben, wie sehr das ermüdet, sich immer so zu beobachten," äußerte zu mir ein Israelit; aber zumeist ist die Gewohnheit einmal angenommen. Der Jude ist Herr über sich, und diese Selbstbeherrschung befähigt ihn zu müheloser Beherrschung der Anderen. Der Jude gibt weniger dem Jnstinct als der Vernunft Gehör. Wenn das Eigenthümliche des Menschen darin besteht, ein vernünftiges Wesen zu sein, so ist der Jude am meisten Mensch unter den Menschen. Allerdings jst für ihn die Stimme der Vernunft gewöhnlich auch die Stimme des Vortheils; doch besteht darin nicht für fast alle Menschenkinder, was sie vernünftig sein nennen? Der Jude besitzt jene Ueberlegenheit, häufig seinen Portheil besser wahrzunehmen und damit sich fest daran zu hängen und sich nicht davon abbringen zu lassen. Er läßt sich nicht leicht „hcrumkricgen"; Alles ist bei ihm überlegte Berechnung und consequente Absicht. Er besitzt die Geduld und Ausdauer, welche großen und kleinen Unternehmungen das Gelingen sichern. Nichts schreckt ihn ab, nichts ermüdet ihn, nichts bringt ihn außer Fassung. Man denke an seine Willenskraft, die aus Zähigkeit und Schmcidigkeit zugleich besteht. Sein Wille ist ein fortwährend gespanuter Bogen, und er läßt die Zielscheibe nicht aus dem Auge. Welche Vortheile sind dies, um darin zu bestehen, was man den Kampf ums Dasein zu nennen beliebt! Dieser Kampf, auf dessen jüngste Entdeckung wir so stolz sind, war dem Juden tausend Jahre vor.Darwin bekannt; er ist durch Jahrhunderte lang darauf vorbereitet und durch unsere Vorfahren sorgsam dafür abgerichtet worden. Er hat in Knechtschaft und Elend Eigenschaften erworben, welche die Macht erringen und zu Reichthum führen. Sein Charakter sowohl wie sein Geist sind für den Kampf ausgerüstet worden; und in den Schlachten des modernen Lebens, welche keine Ritterturnicre sind, komme» ihm seine Fehler fast ebenso zu statten wie seine Vorzüge. So hat er Erfolg in der Welt. Der Jude ist, um uns in der Sprache des 6n «Io sivole auszudrücken, der große struggleforlifer unseres Continentes. Wenn wir aufrichtig sein wollen, so macht ihm dies die meisten Feinde. f III. So ist der Jude als Bermächtniß der Zeiten; allein dieser Jude ist an Leib und Seele ein Product der Vergangenheit, und Vielleicht einer der hervorstechendsten Eharakterzüge de» Juden ist sein Abscheu vor dem Blute. Er ist ihm nach und nach durch die Speisevorschriften eingeprägt worden. Ter orthodoxe Jude muß sich nicht allein de« Blutgenusse« enthalten, sondern die für seine Ernährung bestimmten Thiere, große wie kleine, muffen durch den dafür bestellten Schochet geschächtet werden, „Nie wird eine Jüdin", beinerkr ein Israelit <Weill, „Levilicu«", S. 60), „eine Henne oder ein« Gan« abstechen. Die Juden haben einen beeidigten Mann, welcher init diesen peinlichen Verrichtungen betraut ist." Die zahlreichen Gemeinschaften haben einen besonderen Schocher für da« Geflügel wie für da« Schlachtvieh.

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