Mannheim
Compact Memory

Freies Blatt · 1893-08-13 · 71 (13.8.1893) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
71 (13.8.1893)
Date
1893-08-13
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
86% known words query
IRI
…/4886575-5439157-5441441--0748-4887252
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 71. freie* dadurch eine große Erleichterung zu thcil. DaS neue Gesetz gestattet zwar den Inden nur, auf des» den Gutsherren und anderen Grundbesitzern gehörigen Böden sich! niederzulassen; allein diese Beschränkung ist insofern von sccundärer Bedeutung, als die Juden in Rußland sich stets nur auf „herrschaftliche», Grundbesitze" niedergclaffen haben. Mit dem obcrwähnten PetitiouSsturm ist auch der vielbemerkte Artikel dcS sonst so antisemitischen „Graschdanin", welcher die Ansiedlung der Inden in "beit Dörfern und Marktflecken des Reiches befürwortete, in Verbindung zu bringe».! Aber neben dieser erfreulichen Wendung im Geschicke der russischen Juden ist eine neuerliche inhumane Berordnung deS russischen Reichs rathcS zu verzeichnen. Diesmal fallen die jüdischen Zahnärzte der Intoleranz zum Opfer. Dieselben waren bis jetzt bezüglich der Wahl eines Wohnortes nicht gebunden und durften sich überall ansiedcln. Ter Reichsrath erließ aber die Bcrfügnng, wonach die jüdischen Zahnärzte fortan das Recht zur freien Ansiedlung im Reiche nicht genießen sollen und nur im Ricderlasiungsgebict wohnen dürfen. Durch diese Maßregel, welche voraussichtlich den Reid der Wiener „christlichen Socialreformer" Hervorrufen wird, werden »enerdingS zahlreiche jüdische Familie» brotlos geinucht. .Irx-iis. (Verein der österreichif^en Refonnpartei.) - I» Ottakring, dem Wahlbezirke deS PrinzenLiechtenstein, constituirtc sich vorige Woche ei» »euer Verein. Derselbe siahm den Rainen „Verein der österreichische» Reformpartci" an und!bcsteht zumeist aus Kleingewerbetreibenden, die mit der verhetzend e» antisemitischen Bewegung nicht länger zu thnn haben wollen. Öbniann dcS Vereines ist Schlchmachcrmcister Anton Panzner. Er begrüßte difBersammlung und forderte sic aus, im Interesse des Vereines nach Möglichkeit zu wirken. Die Partei be zwecke die Hebung und Förderung der politischen und wirthschaftlichen Jnteresicn des Volkes , sowie jbic Beseitigung des consessioiicUcn und nationalen Hasses unter alle» Mitbürgern. Sodann wurde das Programm verlesen, erläutert und mit lebhaftestem Beifall angchört. ES heißt darin: Tic Lehrer, die Iklcincn Staats-, Eonimnnal und Privatbcainte», die Bauern, die Kleingewerbetreibenden, Handwerker :c. haben unter den tristen Verhältnissen hältnissc der Angehörigen deS semitischen Bewegung benützt, genosienschaften, Anschaffung Iheilhasteren, concurrenzfähig viel z» leiden. Diese mißlichen Vcr Mittelstandes haben die Führer der anti um sie zum Anschlüsse an diese zu veranlassen, indem sie ihnen vosgaukelte», daß an ihrer traurigen Lüge einzig und allein die Juden Schuld tragen. Und die Bcthvrtcn folgen unüberlegt dem Lockrufe der gewissenlosen Agitatoren, und wenn sich ihnen auch hin und wieder Ssrupel aufdrängcn, so werden solche durch einen Redeschwall erstickt. Die antisemitischen Führer versprechen den Rothlcidenden Hilfe und Rettung, und wissen sic damit zu ködern. Mittel zur Hebung des Kleingewerbes und Kleingrundbesitzcs seien die Erweiterung der Gewerbegenossenschaften zu Credit und Erwcrbsvon Maschinen, Motoren :c. zum voren Gewerbebetriebe. Das Bol' werde schließlich doch erkennen, daß man eS absichtlich gespalten hat, um cs zum Objecte allgemeiner Ausbeutung zu machen, und dann werde cs sich gegen seine gleißncrischen I angeblichen Freunde wenden. Bezüglich der Männer ihres Vertrauens, für welche sic bei der Wah( in die Reichs-, Landes- und Gemeindevcrlrctungen mit aller Entschiedenheit cintrcten wird, verlangt die Partei, daß sie in jeder Beziehung dem Fortschritte huldigen, der Bebormundung der Schule durch die Kirche und einer Mehrbelastung dctz Volkes energisch entgegentreten sollen. Es dämmert!! („Kauft nur bei Christen!") In der Gewerbe-Enquösc sprach sich einer der Experten entschieden dagegen ans, daß die Kansleute beim Verkaufe handwerksmäßiger Erzeugnisse zur Angabe der Bezugsquellen verpflichtet werden sollen. Mit einer solchen Bestimmung, meinte er, wäre der größte ^Thcil der Wiener Kansleute kaum einverstanden. Dtr Gemeinderato Greg orig z. B. würde sich sehr bedanken, wenn er angeben misßtc, daß seine Krügen und Manschetten und ein Theil seiner Cravatten Fabricate von Heinrich Sternberg in der, Goldschmicdgasie seiest, er würde nicht nur die Kundschaft verlieren, sondern vielleicht sogar gesteinigt werden. Ein zweiter Experte stellte es in Abrede, daß jHerr Gregorig sich gegen die Parole: „Kauft nur bei Christen!1 versündige; demgegenüber bemerkt aber das „Wiener Tagblattl, das Dementi wäre zwar für den gegen wärtigen Zeitpunkt, insofern; die Firma Sternberg in Frage kommt, richtig,- hätte jedoch vor mießt allzu langer Zeit, bevor noch die genannte Firma sich veranlaßt! sah, den geschäftlichen Verkehr mit Herrn Gregorig abzubrcchen, der Wahrheit nicht entsprochen 8 l a t t.! Seite 3. (Chrenbeleidigungsproeeß gegen Paulus Weiter und Genosse». > In dem wegen der Beschuldigung eines „RitualmordcS" gegen Paulus Meyer, Pfarrer .Tr- Josef Deckert und Franz Doll, verantwort lichen Rrdactcur deS - „Vaterland", angestrengten Ehre»bclcidigungS proccß haben die in Russisch-Polen wohnhaften Kläger in der vom Landesgerichte geforderten Weise ihre Klagchcrechligung nachgcwicscn, und nach Abschluß der Voruntcrsirchung hat Dr. E. Münz, in Per trctung dcS abwesenden Dr. Josef Kopp bereits die Anklage erhoben. r Man glaubt, die Verhandlung werde im Laufe dcS MonalS-Sepkembcr stattsinden. (Cr läßt sich bitten.) Die Ankündigung der Organe Scho nerer's, daß er cntschloffcn sei, sich nicht mehr zum Abgeordneten wühlen zu lassen, wurde von Riemandcm ernst genommen. Run verlautet, daß Schönerer durch eine Kundgebung seiner Brüder im Anti scmitiSmus bewogen werden soll, von seinem angeblichen Entschlüsse abzugehen. Die „Grazer Tagespost" meldet, daß zu diesem Zwecke zweierlei Schriftstücke ausgearbeitct wurden. Daö eine, längere, ansführlich begründete, ist für Vereine und für die engsten GcsinnungS gcnosien bestimmt, das andere für weitere Kreise berechnet, und werden besonders für daS letztere seit Kurzem in Graz mit. großem Eifer Unterschriften gesammelt. Der Aufruf ist vom Abgeordneten W. PH. H a u ck (der ja bereit sein soll, sich für Schönerer zu opfern und ihm in Favoriten Platz zu machen) gezeichnet. Ratürlich wird Schönerer den brüderlichen Bitten seine deutschen Ohren nicht verschließen.' All r Wahrscheinlichkcit nach wird er die Erklärung äbgeben, er candidire nicht, sei aber, wenn er trotzdem gewählt würde, bereit, die mit einem Mandate verbundenen Lasten ans seine deutschen Schultern zu nehmen. (Reichsruthswahl.) Bei der Ersatzwahl eines Abgeordneten im Städtebezirkc Lcibnitz wurde der frühere Vertreter dieses Wahlbezirkes, Earl Morre, welcher sein Rcichsrathsmandat nicdcrgclegt hatte, nachdem er aus der Fractio» Stcinwendcr ausgetreten war, mit 6r>4 Stimmen wiedcrgcwählt. Der von der genannten Fraction candi dirtc Egon vi P ist o r blieb mit 3<>4 Stimmen in der Minorität. „Die »ln Stemmender" hüllen sich in Sack und Asche. Gerüchtweise heißt cs, Stcinwendcr selbst wäre in Folge der Ricderlagcn von Kor ncnburg, Troppau und Leibnitz mandatSmüde geworden.. ' (Antiseinitensnhrer als gemeine Verbrecher.) In Prag wurde der gewesene Easienbeamte der Speditionsfirma Schenker I. Eomp., Peter Ritter v. Mitis, der nach Dcfraudirung von 2700 fl. flüchtig wurde und dann subsistcnzloS znrückkchrte, von einem Erkcnntnißscnate dcS dortigen LandcSgcrichtcs zu drei Monaten schweren Kerkers iirib zum Adclsvcrluste vcrurtheilt. MitiS zählte zu de» Führern der deutschen Antisemiten i» Böhmen, Da die antisemitische Schandprcsse solche Dclictc der Herren Antisemitcnführer, die sich nicht dazu eignen, als ein Martyrium hingestellt zu werden, vertuscht, so^ möge hier im Anschlüsse an den Fall Milis folgende ans . reichSdcutschen Blättern zusammengestelltc kleine Liste Platz finden:. Wegen betrügerischen Bankerott» und Wechselsälschung wurden die Aniiseniitensührer, die Manusacturwaarenhäudler August und Emil An derse.n zu Altoua, vom Schwurgericht zu beziebuiigsweije 1' Jahre» Strashast verurtheilt. Wegen Betrugs uns Urkundenfälschung nrnrde der amiieinilische Großglnudbcsitzer Eidmaun au» Grog Unistadl veryaslet. Wege« Urknudensälschung wurde der antisemitische Füyrer, der Sattler Rothlsaupt in Walldors, zu drei Monaten Gekängniß vcrurtheilt. Wege» Unterschlagung wird in Magdeburg, der fliüylig geivordene Anliskinilenfnhrer, der Bnchhäudler Schwerdlner, stcckdrieslich verfolgt. Wegen betrügerischen Bankerott» und Urkunvenfälschiiug floh der antisemitische Rechtsanwalt Radtke au» Marienwerder nach Aiuerila, und hat sich jüngst -dem Staatsanwalt zu Grandeuz gestellt. Wegen Zechprellereien wurde der antisemitische Agitator Schröder au» Dresden zu sechs Monate» Gefäugniß vom Schöfsengerichl zu Laudsberg a W. verurtheilt. Wege» Vergehen» gegen die Sittlichkeit flok) der Antiseuiileusübrer Lehrer Mayd au» Oberhause» in» Ausland, »m der drohenden Verhaktnng zu entgehen. (Flugschriften.) Durch die Administration des „Freien VlattcS' (Wien, I., Scilerstätte 10) könucn GcsiniiungSgeiiosicn folgende Bro schüren gratis und franco beziehen: 1. Bericht der zweiten Generalversammlung dcS Vereines zur Abwehr des AnlisemitismnS 1802. 2. Stenographisches Protokoll der am 13. October 1802 vom ikKrein zur Abwehr des Antisemitismus veranstalteten Protestvcrsammlung. .D „Die rechtliche Stellung der Juden in Oesterreich" von Tr. Gustav-Heinrich Fall. Wien 1802. Verlag des Vereines zur Abwehr de» AntiscmitiSnlnS. 4. Bericht der dritten Gencralversammlnug des Vereine»

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.