Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 71 (13.8.1893)
- Date
- 1893-08-13
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seite L. freier Blatt. Bedauern einzuflößen schien. Bor acht Jahren warnte der Prinz vor Beschlüssen, welche zu demagogischen Zwecken ausgenützt werden könnten. Heutzutage ist ihm ein solches Thema für Volksversammlungen willkommen, und er reist selbst in diesem Artikel. Prinz Alois Liechtenstein, der im Jahre 1890 in ein intimeres Berhältniß zur Judenschaft trat, aber fast gleichzeitig seinen Uebertritt zum offenen Antisemitismus vollzog, sagte in der Nordbahndebatte: Ich bin wohl der Ansicht, daß der Staat den Bau einer Bahn von zweifelhafter Rentabilität Privaten überlasien soll. Ichbin auch der Ansicht, daß er die Verstaatlichung unrentabler Bahnen ablehncu soll: aber daß er einer rentablen Bahn, wenn das Privilegium derselbe» abgelaufen ist, die Eoncession erneuere, das halte ich für eine Anomalie und für einen Anachronismus. Ich bin auch aus praktischen Gründen für die Bcrstaatlichung. Es wird immer eine große Thatsache, welche im Verlaufe der Verhandlungen zwischen der Rordbahn und der Regierung sich deutlich hat fühlen lasten, außer Acht gelasten. Ter Hauptgctionär und Gründer der Nordbahn, welchem nach der cincir' Rechnung mehr als ein Fünftel der Acticn, nach der anderen Rechnung unter verschiedenen Namen mehr als ein Viertel der Actien. gehört, daS WclthauS Rothschild, ist zu gleicher Zeit der gewöhnliche und seit dein Einschrumpfen deS kurzlebigen Rivalen, der Länderbank, beinabe der ausschließliche Geldvermittler deS Staates in allen seinen Gcldopcrationc». Tiefe Coinciden; ist eine Thatsache, und der verehrte Eisenbahnausschuß, der bloß die wirthschaftliche und die juristische Seite der Frage behandelt hat, hat dieser Thatsache keine Rechnung getragen. Er hat, fürchre ich, daniit einen bedeutenden arithnietischen Fehler begangen. Wie immer das Nordbahnübereinkommcn lauten möge, nie' wird, meiner Ansicht nach, der Staat die Rechte, die man lhi» durch dasselbe cinräumt, frei auSüben, und der magere Gewinn, welcher dem Staate durch die Gewinntheilung zngesprochen wird, wird ihm an den Sptse« des nächsten AnlcheiiS mit doppelter Kreide angercchnct und abgezogen werden. TieS sage ich gar nicht auS Animosität gegen irgend wen, n«ch auS Antifemi tismils. Aber die Thatsache» liegen nun einmal so. Ter Truck, der auf den Staat geübt wird, ist ein augenscheinlicher; er liegt in der finanziellen Uebermacht des Welthauses, welches heute mehr den» je das Monopol der Geldvermittlung des Staates besitzt, und er liegt, ich mnß cS anerkennen, in der coulsntcn Geschäftsführung des Welkhaus cS, denen österreichischer Zweig allein jährlich an Revenuen ungefähr so viele Millionen einnimmt, als der Staat an Tcsicil zu begleichen hat. Taher behaupte ich, daß keine Regierung irgend einer Färbung das Nordbahnübereinkommen und das Tanfhohritsreckt deS- Staates wird verwenden können, solange der Staat ein Testest hat oder ein solches befürchte» muß. Aber ich habe auch politische Bedenken, politische Gründe, welche mich dahin sübrcn, zu glauben, daß die Verstaatlichung der einzig mögliche Weg in diesem Falle ist. Schon Tr. Riegcr hat uns vorgestern von Anti semilismus gesvrochen. Es ist nicht zu leugnen, daß die 'Nordbahn frage und die Agitationen,, welche sich an dieselbe geknüpft haben, vom ersten Augenblick eine stark antisemitische Färbung angenommen haben. Nun, ich bin kein Antisemit, ich gebe auch gerne zu, daß eS eine allgemein menschliche und durchaus nicht moralische Eigenthümlichkeit ist, daß Leute, welche ein Monopol besitzen, dasselbe auch »ücksichtslos auSnätze». Wir haben es ja doch vor wenigen Jahren in Amerika erlebt, wo die Israeliten wirklich gar keine Rolle spielen, daß die Bahnen im Westen der Vereinigten Staaten d:e unerhörtesten Vexationen gegen das Publicum sich zu Schulden kommen ließen und erst durch die politische Vereinigung der Bauern bezwungen wurden Allein für die große Masse deS Volkes, wenn sie c:»nial durch eine erlittene Unbill in Aufregung versetzt ist, gestalten «ich alle wirrli'chastlichen und alle politischen Fragen zu reinen Pcrsonalsragen,- und das Volk trennt niemals in seinem Geiste das nn'vm palbischr Princip von seinen, wenn auch zufälligen Vertretern, lind—ich behaupte nun, daß durch die Verstaatlichung dem Antisemitismus in der Hauptstadt und auch anderswo der beste Tbeil 'eines Bodens entzogen würde, daß dagegen durch jedes Uebereinkommcn, und mag es noch so sorgfältig a u S gearbeitet sein, dem A u t ise in it is m u S ein willkammener Feldruf gegeben wird Tie Wiener Bevölkerung wird im Falle des Ucbereinkommens dem Antisemitismus schaarenweisc zuströmen Und daS ist auch ganz natürlich, denn eine jede Bilanzausstellung der Nordbahn in jedem Jahre und jeder auch nur scheinbar hohe Tarifsatz wird ein beliebtes Thema für alle Volksversammlungen bieten. Nr. 71. pobedonoszew und die Duden in Rußland. (Original-Mittheiluiig des „Freien Blattes''.) Petersburg, Anfangs August. ES ist eine hier allgemein bekannte Thatsache, daß cher Ober- Procurator des heiligen russischen Synod, Geheimrath Constantin Petrowitsch PobedonoSzew, auf die Geschicke der Juden in Rußland während des letzten Jahrzehnts einen verhängnißvollcn Einfluß geübt hat. PobedonoSzew hat feit mehr als drei Lustrcn sein reiches, juristisches Wissen dem Popcnthum zur Verfügung gestellt, um die Orthodoxie zu», Siege über alle Andersgläubigen im Czarenreichc zu führen. Während aber PobedonoSzew in der katholischen und der protestantischen Eoufession eine Gefahr für die rechtgläubige russische Kirche erblickte, besorgte er von der jüdischen Eoufession keinen für die Orthodoxie schädlichen Einfluß. Wahrheitsgeinäß niüffen wir constatircn, daß die Juden in Rußland als ReligionSgenossenschaft auf Anregung Pobedonoszcm's selbst nicmals bekämpft worden waren. Er neigte mehr zur Anschauung deS berühmten, seither verstorbenen Metropoliten von Moskau, Filarct, welcher die mosaische Lehre als Grundlage der christlichen Moral bezeichnet hatte. Und doch hat PobedonoSzew alle Gcwaltmaßregeln gutgeheißcn, welche man gegen die Juden in Rußland während deS letzten Jahrzehnts getroffen hat. Tic famose Antwort, welche er der jüdische» Te putation ertheilte, die ihn um seine Intervention gegen die Judcnkravalle gebeten hatte, und die dahin lautete, die russische Regierung wolle, daß die Juden Russen sein sollen, erinnert an die Leidensgeschichte cincS Lehrlings bei einem trunksüchtigen Schuster. Holte der Lehrling dem Meister Branntwein, so wurde er von der Meisterin geprügelt; wollte er ihn nicht hole», so erhielt er vom Meister Schläge ohne Zahl. Als die Juden in Rußland ihre Kinder in die Schule schickten, um sie zu tüchtigen Russen heranzubildenj. da erhob man.rin wüstes Geschrei, die Juden hätten alle Lehranstalten überfüllt: nachdem aber dik Juden aus den Schulen fast gänzlich hinausgejagt und in das „Niederlassungsgebiet" verwiesen worden sind, fordert man, sie sollen Russen sein. Erst nachträglich begriffen die Juden, was PobedonoSzew unter der Aeußcrung, sic sollen Russen sein, eigentlich verstanden hat. Er wollte, daß die Juden in Rußland ebenfalls eine unwissende, jedem Fortschritt feindliche Masse bilden und in den Chorus der Verherrlichung der herrschenden Willkür einstimmcn sollen. Man gelangte endlich zur Erkenntniß, daß Pobedonosze v in den russischen Juden ein culturelles Element bekämpfte, welches in das System der „Verfinsterung der Geister" nicht cinbczogen werden konnte. Dadurch erklärt sich auch die Zustimmung, welche der „finstere Mann" der Ausweisung der Juden aus den Dörfern und Marktflecken gab, da er die Bauern von jedweder Berührung mit einem culturellen Elemente isolirt wissen wollte. Nunmehr aber scheint der Ober-Procurator des heiligen Synod seine Meinung geändert zu haben, denn das Gutachten, welches er jüngst in der Frage der Ansicdlung der Juden in den Dörfern des NiederlassungSgebicteS abgegeben hat, lautet für die Juden günstig. Sicherem Vernehmen nach hat bereits das Ministerium deS Innern, entsprechend dem Anträge der bekannten Plehwc'schen Juden-Eommission, mit Zustimmung des Obcr-Procurators deS heiligen Synod ein Gesetz ausgearbeitet, wonach den Juden im Niederlassungsgebictc gestattet werden soll, in den Dörfern und Marktflecken dieses Gebietes sich anzusiedcln, und dieses Gesetz dürfte schon demnächst vcrlautbart werden. Die Ursache der plötzlichen Aufhebung der grausamen Lex Jgnatiew vom 2. Mai 1882 ist darauf zurückzuführcn, daß daS Ministerium deS Innern sowie der russische Reichsrath während der letzten Zeit von Petitionen zahlreicher adeliger Gutsbesitzer um Wiederansiedlung der Juden in den Dörfern deS Niederlassungsgebietcs förmlich bestürmt wurden. Sämmtlichc Petenten erklären in ihren ausführlichen Denkschriften, daß die Landwirthschaft und der Handel seit der Ausweisung der Juden aus den Dörfern stark niedergegangen sind, und daß sie zur Hebung ihres Wohlstandes die unmittelbare Hilfe der Juden benöthigen. Dazu gesellte sich noch der Umstand, daß der ehemalige Domäncnminister und gegenwärtige Vorsitzende im Gesctzgcbungsdepartement, Staatsrath Lstrowskij, ein vornehm denkender und humaner Staatsmann, der die jüdischen Ackerbaucolonien im vorigen Jahre besichtigt hatte, den Juden daS beste Zeugniß ausgestellt, ihren Fleiß und ihre Tüchtigkeit gerühmt hckt. Allerdings hat sich die Regierung zu diesen Maßnahmen nicht aus Rücksicht für die Juden, sondern zur Befriedigung der christlichen Gutsbesitzer entschlossen. Aber wie dem auch sei, den Juden wird