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Freies Blatt · 1893-08-13 · 71 (13.8.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
71 (13.8.1893)
Date
1893-08-13
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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♦ Matt AdonuementSpreiS: Elan;jäh»ig mit Postzusendung . . fl. Halbjährig fl. I.L5. Bierlcljährig fl '-j.GÄ Einzelne Nummern 4 kr! Organ zur Abux'hr des ^lntiseinitismus. Aedaetion und Aümiiiistraliou: -- ' Uftien Erscheint an jedem Sonntage. l. S-ikerftütt- 10. Nummer 71. Wien, 13. -Xutjitß 1893. II. Jahrgang. Mit der heutigen Nniumer erhalte» unsere Leser die dreizehnte Fortsetzung des Werkes: Vir Jnbcii itntt brr Antifcinifisiiiiis, Afvael' itntev 6m "'Hattonen BOII Änatole Leroy Aeaulicu i'om fvaivjöfifdieit Xmftitut. Neu rintrctendc '.Hüoimciitni erhalten ans verlangen die bereits crschitnenen Fortsetzungen nachgeliescrt. Ohne Grundsätze. Der große Berliner gelehrte, dem der Antisemitismus als ei» Räthsel erscheint, hat nur zu sehr recht. Noch ist es nicht gelungen, eine Defininon zu Stande zu bringe», welche diese verderbliche Bewegung erschöpf'nd kennzeichnen würde. Als religiösen Fanatismus kann man unmöglich Bestrebungen und Ziele von Christen erklären, die durchaus unchristlich sind. Der Antisemit faßt die Nächstenliebe andesö auf, als sie der Stifter des Ehristenthnnis lehrte. Auch das Pacramcnt der Taufe hat für ihn keine Bedeutung. Erst dieser Teige »ahm ein anlisemilischcö Hetzblältchcn keinen Anstand, dem berühmten Domprcdiger Dr. Emanucl Bcilh die Worte zuzuschreiben: j,Jch mag die gewässerten Juden nicht!" und daran folgende Bemerkung zu knüpfen: „Da er selbst ein Convertit aus dem Judenthum war, so wird er wohl gewußt haben, warum er sich so abfällig äußerte." Auffällig ist es, daß ein fürsterzbischöflichcs Organ in Prag getaufte Juden ebenfalls nicht als vollwerthige Ehristen anerkenne» will. Noch weniger kann man den Antisemitismus als überspannleö Nationalgcfühl bezeichnen^ Der Antisemit besinnt sich 'einen Augenblicks mit den Feinden seines BolkeS gemeinsame Sache zu mache», sobald er dies für zweckentsprechend erachtet. Dieselbe» Leute, welche im Nachbarreiche hei jedem Anlasse „Deutschland, Deutschland über Alles!" brülle», boten den Dänen in NordschleSwig ein Wahlbündniß unter Bedingungen an, die einem Berrath am Dcutschthum sehr nahe kämen. Doch wir hohen es wahrlich nicht nölhig, in die Fremde U\i gehen, um antisemitische Schädiger ihres eigenen BolkeS zu finden. Deutsch-österreichische Antisemiten verschiedener Fractioncn^zcigten sich wiederholt bereit, ihr Deutschlhum an den Nagel zu hängen, wen» cs ihnen irgendwie hinderlich war. Sie unterstützten die Candidatur notorischer Deutschenhasser, wenn diese zugleich Judenfeinde waren. Nicht daS Wohl des deutschen Volkes wah für sie bestimmend, sondern das Wehe der Juden, denen sie durchaus ein Leid zufügen wollten. So wäre denn der! Judenhaß das leitende Motiv bei allem Thun und Lassen der Antisemiten. Das hindert sie aber-nicht, eine gewisse Sorte verkommener Juden an ihr Herz zu'drücken. Die „Deutsch-socialen Blätter", welche den RacenantisemitiSmus predigen, und nur zu deutlich zeigen, daß ihre Antipathie sich nicht auf daS alte Testament geschränkt, gewährten einem Paulus Meyer freien Spielraum und ließen ihn sein Müthchen an Antisemiten j kühlen, welche einer anderen Seele als das genannte Leipziger Blatt angehören. Auch die mische Abstammung deS verkrachten i jraufmannes Bodcck, welcher jetzt in Berliner Nadanversammlnnge» unmenschlich hart den gewesenen Hofprediger Stöcker züchtigt, ist nicht über jeden Zweifel erhaben. Der-Abscheu gegen die Semiten, den ein Antisemitenhäuptling in der Ostmark zur Schan trägt, trüb ihn keineswegs zu einem BcrzweiflungSacle,;n einem Selbstmorde, als docnmentarisch bewiesen wurde, in wie nahen Be- . Ziehungen er selbst zu der von ihm so geschmühlcn Rare stehe, lind Drnniont, der die hervorragendste» Männer Frankreichs mit Kolh bewarf, benahm sich schonungsvoll gegenüber einem Eoruelnis Herz. Nicht einmal der Judenhaß ist etwas, was als ein unausbleibliches Merkmal des Antiscmitc» fcstgcstellt werden köiinle. Der i Antisemit ist nicht unbedingt christlich, nicht unbediugt national und, wie die Erfahrung lehrt, auch nicht unbedingt judenfeindlich.! Der Antisemitismus hat gar keine gemeinsamen Grundsätze; l sei» Anhang recrulirt sich aus Malcontentc» mannigfachster Art.! Es sind dieS keineswegs immer Personen, die von Inden ein; wirkliches oder vermeintliches Unrecht erlitte» haben. Ein Ma gistratSbeamter, der beim Avancement präterirt wird; ein in eine magere Pfarre verwiesener Eoopcrator rc. — auch solche Pechvögel werden häufig Antisemiten. Dem Denker Und Menschenfreunde muß diese krankhafte Bewegung,räthselhaft erscheine». Nur Diejenigcn, denen der Anliscmitiomus eine Erwerbequelle bietet, thun so, als ob daS, was kein Verstand der Verständigen sieht, ihnen klar wäre. Sie lassen sich am allerwenigsten durch Principicn beengen und handeln Heine so und morgen anders, aber jeder; it .nach dem Spruche: .Unneln« vult.iliM-ipi, ergo docipiutur. ftt Liechtenstein einst und jetzt. Der Entwicklungsgang, welche» einzelne antisemitische Größen genommen haben, entbehrt nicht des psuchologischen Interesses.! und schon deshalb verlohnt es sich der Mühe, hie »nd da auf ihre Vergangenheit hinzuweifen. Von einer Tisza Eszlarer Busen-! nadel bis zu einem Programm d>s Hängens und Üöpfcns ist ein sehr weiter Weg. Einen -solchen hat Prinz Alois Liechtenstein - allerdings nicht zurnckgclegt; allein die Auslassungen des Auserkorenen von Hernals in de» Nada»-Versanii»lnnge» stechen grell von der Haltnng ab, welche einst der Vertreter der Hart berger Landgemeinden beobachtet hat. Am 2;! März 188;") hielt in der Nvrdbuhndcbatte des Abgeordnetenhauses Prinz Alois Liechtenstein eine Rede, deren sachlichen Werth z» prüfen für uns heute kein Anlaß vorliegt, und au die wir nur zu Nutz und Frommen vergeßlicher Aeilnngsleser erinnern wollen. Den Grollv gegen das HauS Rothschild, welchem der Prinz unlängst zu Ried in unqualificirbarcr Weise Ausdruck gab, scheint er schon damals gehegt zu haben, doch bediente er sich einer, -relativ anständige» Form. Vor acht Jahren verwahrte sich aber der Prinz dagegen, in die anliscmiuschcn Streilschaaren cingereiht zu werden, und er räumte ein, daß es eine arge Verirrung sei. Personen und Dinge' zu verquicke», und für mißliebige Einrichtnngen Einzelne und Gruppen verantwortlich;n machen und gehässig zu verfolgen. Seine heutigen Auslassungen in unterschiedlichen Versammlungen beruhen aber auf derselben Begriffsverwirrung, welche ihm damals

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