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Freies Blatt · 1893-08-06 · 70 (6.8.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
70 (6.8.1893)
Date
1893-08-06
Page
[Seite] (sequence 10)
Language
German
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Seit« 6. Freies Blatt. Nr.'.70. ' ich dcr sociale EolunibuS bi», der die neue Welt, den wahre» Znkunftsstaat entdeckt." Der Besucher erhob de» Einwand, daß die Durchführung dieser Pläne wohl doch nicht so einfach sei. Ahlwardt schüttelte den Kopf: „ES macht sich Alles von selber, ganz von selber, sobald nur der rechte Mann a» dcr Spitze steht. Daran hat'S gefehlt. Lehen Sie B i s m a r ck. Er Kat ja Mancherlei geleistet, gewiß,, aber die eigentliche slaatsinännisckze Befähigung, dcr geschärfte Blick für die Forderungen dcr Zeit ging ihm doch ab. Ganz natürlich, den» er war Junker, und die sind — Sic wissen cS bereits anö meiner berühmten Rede — fast so schlinun wie die Juden selber." Das Gespräch wurde auf Stöcker gelenkt. „Er in Jude!" meinte Ahlwardt. „Ich Habs aus gan; sicheren S.ucllcn ,cr;cigte auf ein Actcnbüudcl). In Kürze werde ich ilm entlarven. Nein semitische AbstaniniuNg. Nicht cininäl gelaust. Und das Schlimmste, .er ist geheimer Agent der Alliance isr;ii;litc. Es wird Alles klargestcllt werden. Es ist unglanblich, was dieser Mann dem Audenthum genützt hat. Aber seine Zeit ist um, ganz um, er ist fertig Wir haben alle Beweise in der Hand. Er bezieht jährlich von dcr Alliance 100.000 Mark. Nickcrt kriegt viel weniger, daher dcr .Haß zwischen Beiden. Die .HofpredigcrstcUc hat er nur niedergclcgt, uni ungehindert für die Alliance zu arbeiten. Ja, ja, wir habe» die Acten!" . . . „Böckel," so erzählte Ahlwardt weiter, „iss zweifellos Agrarier. Er hat nur einen Fehler, er leidet an O'rößenwahn, hält sich für einen bedcntendcn Menschen, hosst, was zu werden. Lächerlich! Aber ich kann ihn jetzt noch gebrauchen. Später Iniif ich ihn fallen. Solche eingebildete Menschen sind unerträglich." . . . rem Besucher wurde sodann der Ahlwardt Marsch gezeigt, ferner eine von einem „talentvollen jungen Dichter" verfaßte „Ahlwardt Hhinuc", die deuinächst im Druck erscheint und mit den Worten beginnt: „Heil dem Einzigen, Heil dem Osioßcn, dcr uns führt der Freiheit entgegen." Beim Abschiede denteie Ahlwardt auf eine Büchse tut Eorridor mit der Antichrist: „Für das Ahlwardt Denkmal." Der Besucher verstand de» Wink und legte seinen Lbolus hinein. — Mackst das <stanze nicht den Eindruck, als ob die Unterredung in einem Arrcnhause stallgesunden hätte? ilMirl Pli tllckl.1 Wie Berliner'Blätter melden, wird Earl Paasch schon am s. August aus der Arrcnstakion der „Eharitc", wohin er bebufs Bcobachtuiig seines Geisteszustandes gebracht worden ist, ent lassen und wieder nach dem llntsriuchnugsgcsängniß überführt werden. Das chiztliche Gutachten dürfte dahin lauten, daß Paasch zwar hoch gradig nervös, keineswegs aber geisteskrank sei, .so daß seine strasrcchl liche Bcranlworllichteil damit im vollen Umfange vorhanden wäre. An Folge dessen wird vielleicht der von dein früheren deutschen O'c sandten in Ehssia. Herrn v. Brandt, wider diesen antiseiniiiichcn 'Ehrabschneider angestrengte Proceß noch im August zur Erledigung gelangen. Ter .Yrtlliciicr Mliaüciimorö. Die Staatsanwaltschaft in Eleve letzt, wie ein Telegramm berichtet, das Eriiiittlnngsvcrfahrcii bezüglich des Aantcncr >inabcnuiordcs fort. Sie erließ eine Bekanntmachung, worin die Bcrnchmung eines Hausircrs Walther aus Aachen als selige iür dringend erforderlich erklärt und ersucht wird, nach dem Aufenthalte Walther's zu forschen und im Eriuittlungssallc sofort dem Gerichte in Eleve Nachricht zu geben. «Tic Päpste und dir jüdischen Aerzte.- Dr. Moriz Stern in siiel hak eine Sammlung „Urkundlicher. Beitrüge über die Stellung der Päpste zu den Anden" vcrösscntlicht. Eine Ncihc von Urkunden handelt von de» Privilegien dcr jüdischen Aerzte und beweist von neuem die Thaliachc, wie sehr sich die Auden des Mittelalters um die Pflege der Mcdicin verdient gemacht laben. Auf den Ai hall einzelner U: künden möge im '.h'achstehendcn hingewicscn werden k .K r :n.?< April l.'iTij Mitglieder des römischen Senates erllärr», daß i'i.tmiei und. dessen Holm Magister Angelus, Beide in der Chirurgie >!n fral’.at indi'che Aerzte, wegen der vielen nützliche» Dienste, die sie den unu u, n Bu'.gern toglut durch ibre ärztliche sinnst leisten, nebst ihren An .‘,«1. n. ■ n : . ii k : S'.-ue» und Abgabe sowie von der Tiagnng des Anden Zeichen.-!; ‘Oii.i’ F i ..r ■ i " H.t-'.ttck : I lA> I er Bicelänimerer Ludwig gewährt dein Magister o.!.', ■j.'i im. iAansg'nosten und Arzt des Herzogs'von Bourdon, der >etzl >iii de» Prvn Brustdes rt»niqs Atvhon« IV. von Aragon bringt und Angelegenheiten dic'es Xonigs mir dein chrpste zu verhandeln hak, auch sonst wegen 'einer ärztlich!» lste>chicklich!eil nach Rom gernien ward, mit Rücksicht aus den .stönig und den Herz, t au> ein Aabr ireies Eeleit nach Rom zur ck.urie Rom, ll Hepieniber II??. Tic päpstliche .staninicr zahlt'Goldgulden lind I" Saldi rönii'cher Münze als Reiievergniung an etnen jüdische» Arzt, irr neu Ron, nach Bieovaio zi,r ärztliche» Behandlung de« dort plötzlich -durch eine» Stur; ve,unaluckie» Caldinair Beter von Fonse,a gerusen worden war. Rom, 14. Mai 1:">04. Papst Juliu« II. bestätigt dem Rabbi Samuel Zarsati, Auden zu Rom, und seinem Sohne Rabbi Joseph die ihnen vom Papste Alexander VI. undvom Könige -Ludwig von Frankreich verliehenen Privilegien, erlaubt ihnen, ärztliche Praxis bei Christen anSznnben, sich zum Docior promoviren zu lassen, befreit sie und ihre Familien von jeder Gerichtsbarkeit und Steuer sowie vom Tragen des Jndenzeichens, gestattet ihnen häusliihe» Gottes dienst und niinmi. sic in seinen Schutz. Rom, Itz. November 15,10. Papst Clemens VII. nimmt den Juden Jsaae Zarsati wegen seiner überaus heilsamen ärztlichen Thätigkeit unter die päpstlichen Haushund Tischgenosscn ans. Rom, 11! Juni 1550. Papst Julius III. ernennt den Juden Theodorus de SacerdotibuS zu seinem Leibarzte mit jährlichem Gehalle. tAns einer rumänischen Schule.) Wir lcsc» im „Numänischcn Lloyd": An D. Ocna hat sich gelegentlich -der Prämicnverkhcilung in einer dcr dortigen zwei Primarschulen ein. unglaublicher Borfall ereignet. Der Dircctor derselben, Herr Samarian, beklagte in seiner Eingangsrede die Beriuchrung der Fremden in den' Primarschulen, wozu er auch die des rumänischeu Bürgerrechtes sich erfreuenden Armenier zählte. Darauf ließ er einen preisgekrönten ruiiiänischcii Schüler ein Gedicht rccitircn. Dcr bereits vorbereitete Knabe sagte den Titel an: „Der Nuinäuc und dcr Jude". . . . Alle Anwesenden waren über diese Wahl erstaunt. Nun begann der Knabe die Erzählung einer der Anckdotcil Spcrantza'S, in welcher ein Jude, dcr einen Schlag aufs Bein erhielt, seine Hand zu den Augen führt; der Nccitircndc ahmte Sprache und Gcberde» der dcr rumänischen Sprache unkundigen Anden nach, so daß die hiebei anwesenden Asracliten mit empörten Gefühlen znhörten, während das Gedicht den ranschciidcn Beifall des rnmänischcii Publicnms erweckte. Dcr anwesende Primär machte zu in Schluß dein Dircctor Samarian einige leise Bcinerkungen, worauf dieser das Wort mit dcr Bemerkung ergriff, daß er seine Schüler besagtes Gedicht nicht zn dem Zwecke gelehrt habe, uni Acinandc» zu verletzen, sondern weil dasselbe literarischen Werth habe. Hiebei rief einer der Anwesenden entrüstet: „DaS paßt in eine» Eircus!" Abgesehen von der llngchenerlichkeit dcr Thatsache, daß eine Schulfeicrlichkcit in solcher Weise entweiht wurde, ist cS geradezu nncrlaubt, daß ei» Lehrer seinen Antisemitismus so weit treibt, daß er bestrebt ist, feilten Schülern, worunter auch Anden sind, Haß und Berachtnng gegen einen großen Thcil dcr Landes bcvölkernng bciznbringcn. Wo bleibt die Eontrolc dcr Behörden? Herr Samarian ist freilich dcr Sohn eines getansten Anden in Bacau und mag voll Gift und Galle gegen seine chcinaligcn Glaubensgenossen sein, zn welchen auch sein Batcr Schinil Botezatul gehört hat. Aber zur Duldung oder gar Nährung des NcligionshasseS in dxr Schule und zur Bergiftung dcr reinen Gefühle unschuldiger Kinder hat er jedenfalls keine Berechtigung. , (Ans einer Sonntagspredistt.) . Die hiesige Wochenschrift „Die Neuzeit" thcilt in einem Briefe^ans Amerika mit, daß Ncvcrcnd Henr» L. Phillips, Ncctor dcr bischöflichen Kirche in Philadelphia, sich in einer Sonnlagspredigt wie folgt anSsprach: „-Nehmt den Anden zuni Muster! Warnm ist cs, daß er ein so kleines Pcrccnt zur Berbrcchcrclassc stellt, daß vor dem Nichtcrstuhlc, im Gefängnisse, im Arincnhausc er so selten gcfnildcn wird? Warnm ist cS, ..daß die Höhlen" des Lasters und dcr Sünde, die in dieser Stadt und allen großen Städten blühen, so selten fregucntirt werde» von Leuten jenes Bolkcs! Es ist, wie ich glaube, aus dem Grunde, daß dcr häusliche Herd der Auden das edelste Urbild jenes, lieblichen und zarten Heim lcbcns bietet, dessen- Einflüsse die Kleinen bilden und ihre Herze» formen für Ncchtschaffenheik, für das Edle und das Erhabene . . . Wer von uns kan» leugnen, daß dcr Audc bckanut ist wegen seiner Liebe und Anhänglichkeit zni» (Gesetze und seiner, Achtung für daS selbe? Formt euer häusliches Lebe» »ach dem Borbilde des jüdischen." 2hi5 antisemitischen Vereinen und Versammlungen. l Hoiinlagsardeit. > Auch diesen Sonntag waren die Wiener Antisemiten agitatorisch lhätig. In krumbach sprachen Troll und Gesimann, in Statzen dorf Scheicher und Muth, in BJeilen Bergani und in Ried kein Geringerer als PrinzAloi» Liechtenstein. Ter edle Pri»; empfahl unter Anderein die Rückkehr zur — Ratnralwirlhschaft und knüpsle a» tCidensauszeichnunge» eine Reihe von tvloffcn, die wir schon an«' presigesetzlichen Gründen wiedel zugeben Ansland nehmen. Alle Sonntagsredner aber ergingen sich i» Anpreisungen des „chiisilich-iociale»" Universalinittel« zur Heilung staatlicher und geseUschastlicher Hebel. Wo sind unlerdesse» k>ie beredten und wohlunterrichtelen Fortschiitts-

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