Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 70 (6.8.1893)
- Date
- 1893-08-06
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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F Nr. 70. Freier Blatt. Zeit« f> daß die Uin Wandlung der antisemitischen in ci n fr geradezu revolutionäre Partei aller Unzufriedenen vollständig durchgcführt worden war. Wir haben hier den Entwick lungSgang vom Antisemitismus zur Social-Temokratie in der größten Klarheit uiid Reinheit, und cS scheint kann» noch nöthig, auf die (Gefahren aufmerksam zu machen, die sich hieraus ergeben. Wie cS in Hesse» geschehen ist, so kann cS auch in Pommern geschehe» und de» anderen Bezirken, die hcntc von dem Antisemitismus angcfrcsscn sind, wenn sich nicht rasch^ alle besonnenen Männer zusammcüthnii und mit allen Kräfte» dagegen wirken, daß man dem Treiben der Ahl wardt und Stöcker cntgcgcntrctc. Beide appcllircn an die.Rcid gefühlc der Massen, Beide errege» dadurch allgcnicinc Un- 'znfricdcnhcit und Beide bahnen der- Social Tcmokratic die Wege. Stöcker dachte de» Antisemitismus zu einem Schwungbrett zu machen, das ihn >yrr weiß wohin erheben sollte, jetzt, wo er sich von seine» eigenen Geschöpfen übcrrännt sicht, erkennt er sicher, welches Unheil er mit seiner Bewegung angcrichtct hat, »nd er wird sich wohl auch kaum einer Täuschung darüber hingcbc», daß er den Voiif der Bewegnng nicht mehr rücklvärts schrauben kann. Wenn er trotzdem sich an die Bewegung fcstklainmert, so thnt er das wie ein zugrunde gerichteter Spieler^ der sich auch in dem Augenblick nicht vom Spiel tische loSrcißcn kann, wo er. mit einem einzigen Einsätze sein ganzes, auf eine Karte gesetztes Berinögen verloren hat." In cincni gleiche» Gedankenkreise bewegt sich der Bennigsen »ahrstehcndc „Han »ö vc r'sche E ou ricr", welcher sich wie folgt äußert: „Acrger ist noch . nie ein Kreis politischer Männer mit Blindheit geschlagen gewesen, als jener Parteitag der Eonscrvaiivcn, ivclcher unter dem Ein drucke der ersten Wahl Ahlwardt's den eonscrvativc» Interessen am besten zn dienen glaubte, indem er den AnSschrcitnngcn des AntiscmitiSiniiS einen Freibrief ansstelltc. . . Einer ähnlichen irrigen Anfsasinng der Tinge' entsprang der wunderliche SptiinismnS, welcher Herrn v. Mantensfel die glänzenden Erfolge jenes Tivoli Pro graniins im letzten Wahlkampfe entdecken ließ, während doch in Wirt lichkcit in Sachsen eine ganze Reihe conscrvativcr Sitze an einen Antisemitismus verloren gegangen war, der sich von der Social Tcmokratic vielfach nur noch durch den 'Rainen unterscheidet. Tic Ilüglichc Ricderlage Stöckrr'S »nd der glänzende Sieg .Försters in.Ren Stettin, noch mehr aber die Kundgebungen des Antisemitisinns gelegentlich dieser.Wahl werde» nunmehr den dcrmaligcn Leitern.der conscrvativen Partei tvohl endlich die Äugen öffnen. Wird inan aber auch die richtige Vcljrc daraus zielten? Ticsc ist keine andere, als die, daß jede ihrer Absicht nnd ihrem Wese»''»ach staatScrhaltcndc Partei ans Abwege nnd schließlich inS Berdcrben geräth, wenn sic ihr Heil in einer demagogischen Agitation sucht. . . Aber cS handelt sich nin mehr als »in die conscrvativc Partei. Wenn der Richtung, welche i» Ren Stet litt ihren höchsten Triumph gefeiert hat, nicht rechtzeitig ei» Tainni aller Bcrthcidiger der bestehenden Srdnnng entgegengesetzt wird, so ist das, was 8er Social Tcmokratic bisher nicht hat gelingen ivollen, die Revol»ti o» irn ng der ländlichen Massen nur noch eine ,vragc der Zeit." Auch der mehr links stehende „Börsen -Eourier" spricht "sich i» ähnlicher Weise a»S nnd bc merkt unter Anderem: „Der Antisemitismus ist der SocialismuS der dnuimc» Kerle. Man kennt dieses geflügelte Wort. Es enthält ein Körnchen Wahrheit, denn mit demjenigen Socialisinus, der sich AntiscinitiSnins nennt, sollen die duinmcn Kerle geködert werden und werden die dnuimc» Kerle geködert. Tie Führer unter den Antiscniiten, die keine dummen Kerle sind, wissen daS ganz genau. Sic haben sich Antisemiten genannt nnd alö Anliseniitcn gcbcrdct, um in Bolksver sainnilungcn Anlauf zu haben. Sic haben die Stöckcr'sche Methode nachgeahnit und sind geschickter geworden als Stöcker, der noch zn viel vom Hofprrdiger hat, nur gan. und gar immer den Kncipento» richtig treffen und fcsthaltcn zu kön»:n. Sir gewänne» ne ne» Zn lauf, indem fit auf die Zu den schimpfte», und nachdem sie den Zn lauf gewonnen hatten, dcinaskirkcn sie sich m n d schimpften ans b i c 0 u n f c r. Tcn Zuhörern war das ganz gleichgiltig; ihnen kam ec nur darauf an, daß geschimpft wurde, und sic merltcn nicht die lciscslc Beründcrnng, als cs hieß: .liegen die Juden!, dann: .liegen die Junker und gegen die Inden!', und sie werden ebenso wenig ctivaS merken, wenn kn Knrzcm die Jude» aus der rhetorischen Phrase vc schwinden »nd nur der Schlachtruf: .Gegen die Jnnker!' übrig chkcibt. Herr Stöcker hat hier ausgezeichnet vorgearbcitct. Wenn Jemand mit so viel Beredsamkeit, wie Herr Stöcker besitzt, gegen ManimonarchismnS —- cs ist das einer der Stöcker'schen Witze — eifert, so kann er sich »ich! wundern, daß er die Menge aufwühlt gegen die Besitzende», nicht bloß jüdischen G>anbcnS, sondern gegen alle Besitzenden überhaupt. Herr Stöcker hatte das beste Muster geliefert. Wer ihm entgegenstand, der war ein ' Jude oder ein Jndcnknccht. Ta, hals nichts, da half gar nichts, er blieb ein Jude oder ein Jndcnknccht oder ein Judcnsprößling. Tics Kunststück, daS sehr leicht ist — um es nachzuahmen, braucht man bloß eine gewisse Sorglosigkeit gegenüber der Wahrheit zu hegen — haben ihm die Anderen abgclanschl; die Antisemiten, die sich Anti scmitc» nennen, haben in stürmischer Bcrsannnlung Hcrrii^Stöcker, trotzdem er erklärte, stets össentlich und privatim für Ahlwardt eingetreten zn sein, einen Judcnpatrongenannt, und sic habe» versichert,' daß alle Besitzenden Inden seien. Sic mache» nicht einmal einen Unterschied zwischen mobilem Eaviral und Grundbesitz." (Ein vrrspiitctcr'Mahnruf.)•- Tic „Rorddcntsche-Allgc .meine. Zeit«»g" veröffentlicht die Zuschrift eines „hotfangesctzencn ' altprcußischc» Eonscrvativc»", welcher den .Herren o. Mantensfel und Genossen zu Gcmüthe führt, sic möchten doch den AntiscmitisiiluS abschütteln. In dieser Zuschrift wird im Wesentlichen auSgcsührt: „ES ist zn bedauerndaß überhaupt die Bezeichnmig .AntisemitiSinnS', Jndenfcindfchast, auf conscrvativc Bestrebungen 'a»S unscrrm eigene» i.'ager heraus angcwcndet wurde, ganz abgesehen davon, daß'es sich bei conscrvativc» Forderungen weder um Judenfcindschast handelt noch um ciire solche handeln darf. Tie Stimmung ans dem conscrvativc» Parteitage (der. TivolsiBersammlung) für de» Antisemitisinns hatte die conscrvativc Presse von langer Hand vorbereitet. Tnrcks' beinahe tägliche Besprechung bev Jndcnfragc war cs der .Krcnzzcitung' ge lungeu, derselben in den Angeii der conscrvativen VeKnuelLciuc Be dcutnng bcizulcgcn, alö ob es daneben etwas Wichtiges kanm noch gäbe. Tic .Krcnzzcitung' führte die cönservakive Partei voll nnd ganz in die Bahnen Stöckcr's. Tie conscrvativc Mntei —vermag Herrn Stöcker durch Tick und Tünn nicht zu folgen. Seine Wege waren die eines politischen Agitators, nicht die eines Parteiführers. Tie Bolkslcidenschaften zn erregen, indem man nnscrc Berhältnissc als in Folgevon Bcrjudung durch und durch verfault hinstcllt indem man beispielsweise wieder nnd immer wieder unserer Rechtsprechung Parteilichkeit vorwirst — daS ist. nicht mehr conservativ, staats crhaltcnd. Eine solche Agitation in de» Boltsversammlungen, selbst wenn sic auf Thatsachcn nnd nicht aus individuellen .Anschauungen fußen würde, wirkt, je länger, je mehr in revolutionärer RiPstung Es gibt aber Tinge, die von ruhigen, überlegten Männern behandelt fein wollen, nnd die, den Bolkslcidenschaften überliefert, große «Gefahren hcranfbcschwörc». Tatz Bolk kommt' atlmälig dahin, zn glauben, daß eine solche Bersnmpfung nur durch die allcrradicalftcn, ja durch revolutionäre Mittel beseitigt werden könne. Auch die Agi tationswcisc Zköckcr's hat dic..Krc,,zzeit»ng feit langer .Zeit sich zn eigen gemacht. Tic Politik dieses Blattes ließ sich auch bis zn seinem Auftreten im Reichstage von Ahlwardt dnpiren, an dessen. Thnn sic bei allem Tadel im Einzelnen immer de» .berechtigten Kern' an erkannte. Tie bisherige .Krcnzzcitnngs' Politik gegcnüber den anki semitischen - Parteien darf fernerhin für die Partei nicht maßgebend sein, die Rcclamc für die antisemitische» Paikeicn muß anfhören. Auch mit anderen Parteien gehen wir hie und da zusammen, ohne Rück sichten zu nehme», die man als selbstmörderische bezeichne».kann. Richl - im Bunde mit antisemitischen llebcrtreibnngcn, sondern.im t^egenfave zn ihnen kann die conscrvativc Pariei gedeihen' und conscrvativc Ziele, verfolgen. Rochmals: So, wie bisher, kann cs nicht weiter gehen!" Ter Malsnruf kommt jedenfalls viel zn spät: jetzt schütteln bereits'die Radau Antisemiten ihre Tivoli Gönner ab, und diese chabe» sich solcher Angriffe zn erwehren wie — Juden und „Judenkncchte " lE'inc Nlltcrrcdllllst mit Aßlwardt.k Ein Mitarbeiter der ,,'Ji c ii c ii 'Ji icdcrschlcsis ch e n Z e i tu n g" lwite eine Unterredung mit Ahlwardt. Ter Besucher meinte, daß cs ihn längst gedrängt habe. Herrn Ahlwardt persönlich feit neu zn lerne». „Ratürlich, natürlich," entgcgnete dieser, „bin ich ein bedeutender Mensch.Vcihcr verte»n.l man mich noch immer.' Aber ich bitte Sie, wem ging Zs bester? Eolnmbns, Rewton, Messing, Bismarck, sic Alle wurden im Anfang verkannt. Aber der Tag wird kommc», uinß kommen.' Er kommt schon iaimcr näher." Bei diesen Wort.en strich Ahlwardt mit de» Fingern liebkosend über dcn' Vorbecrkranz, der seine Büste schmückte. --Ans die Frage, wie ei sich diePösnng der „Jndcnfragc" denke, erwiderte Akt ivard't: „Sefscntlich kann man'S eigentlich noch nicht lagen, aber der einzige Weg bleibt doch: .Kopf ab! 'Rach Jerusalem'gebt das Zeug ja doch nicht. Was sich bisher AnlijimiitiSmus nannte, war nur Jndcnvcrhälschclnng. Ich habe das einzige Rccept. 'R'ach fünf Jahren -wird Tcntschland judenfrci sein . . . Bin ich erst Minister, da»»' kriegen die Bauer» in Re» Stettin den Vitcr Schnaps für kn Pfennige. Ta das Berinögen der Juden an den Staat fällt, werde» alle Stenern aufgehoben. Ta auch der Adel und damit der Junker abgeschästt wird, ist die sociale »Trage im Handnindrehen gelöst. Im Handumdrehen! Tie Sache ist so einsach wie das reine Ei des Eolninbus, nur daß