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Freies Blatt · 1893-08-06 · 70 (6.8.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
70 (6.8.1893)
Date
1893-08-06
Page
[Seite] (sequence 8)
Language
German
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reite LI. Beilage zum Freien Blatt, Vrgan zur Abwehr des Antisemitismus. welches sie im Neve gefangen hall. Zwischen ihnen und den Christen ist die Partie nicht gleich; das besetz zwingt sie, im Spiel zu betrugen. Co ist dies eine Art cireiilus vitiuois, ans dem herauszukommen dir Regierungen noch nicht das Geschick oder den Mnth gehabt haben. Ser Gesetzgeber will die Christen gegen die Schliche des ^nden in Schutz nehmen; alle Cdielalvcrordnnngcn gegen dieien Vetteren khnn jedoch nichts 'als ihn zum Betrug verleiten und zur Soppclzüngigkcit abrichren. Fu den rändern selbst, wo ne emaneipirt sind, in Seutschland, Sesterreich, Flalieu, stellen die ^nden erst seil einer oder zwei Generationen ini Genuß von Freiheit und Sicherheit; Frankreich und Hollckud ansgenommen, ist dies nirgends länger her als hundert Malier. Sie Faden sind Freigelassene, Söhne von Sclaven; seit gestern erst haben sic die Freiheitsmütze gegen die gelbe Faden mütze cingelanschl. Sie sind Alle lilxuti oder liin rtini. deren junge Freiheit bäusig unsicher bleibt. Ser Freigelassene aber, welcher Rare er sein mag, braucht in unseren modernen Scmokratien, wie im alte» Ri)m, mehr als eine Generation, »m Sitten, Scnkwcise und Cmpsindnngen des freien Mannes anznnchmen. Man bedenke die Crzichnng, ivelche zwanzig Fahrhnnderlc dem Fuden gegeben und jene, welche sie zu Sreivicrlheil noch in 'unseren Tagen. erhalten. Was lernte das Kind von seinem Lmer? Und. was noch wichtiger ist als die Rathschläge und Beispiele der Familie, welche Vehren gaben thm Weit, und VebenV Waren es V ehren in Biederkeit, Freimulh, Rechlschaffcnheil und Zarlgestilü? Welche Spiele und Zerstreuungen hatte das Fudenkind'? Beinahe überall spielen die Kinder Spiele, in welchen sie Stolz. Math, Chrgesühl lernen; sicherlich sind das nicht die Spiele der Fndenkinder. Fn einigen- Gegenden dürfen diese sich ’fituirf den lärmenden Spielen ihres Alters hingcben. Man verzeiht es ihnen nicht, wenn sie tollen, ausgelassen und mnth willig und wie die Christenkinder. Ser Fnde hat nicht das Recht, .Kind zu sein, wie die anderen: seine kleinen Missethaten werden wie Berbrechen bestrast. Crst vor einem oder zwei Fahren, im Fnli lv.'i>, ist zu Biallistok in Rußland eineiu zwölfjährigen Fudenknaben,' der in einem (Zarten beim .Kirschenpflücken 'ertappt wurde, das «belicht täiowirt worden. Ser Cigenthümer, ein christlicher Arzt, ätzte dem Knaben mit Höllenstein sorgsam das Wort „Sieb" ans Russisch, Senksch und Hebräisch ans die Stirne.''") Und die Fuden,. welche an dieser, witzigen Züchtigung etwas auszusetzen hatten, wurden weil entfernt vom Srle inlernirt. Selbst in unseren Unterrichlsansialten des Seeidents ist das jüdische Kind, nachdem es Znlaß erhalten, lange ein Slichblatt gewesen. Cs war wie ein Fremder inmitten der christlichen Kinder, wie ein Basiard inmitten ehelicher Sprößlinge. '.Koch bei dem gelausten Fuden schien das Blut Faeob's ein Makel, ein organischer Sekret, für welchen die Grausamkeit seiner Kameraden den Fuden , lhcucr büßen ließ. Benjamin Sisracli, zum Beispiel, hat du Bcischandlnngen, deren Spser.seine Kindheit in Cton und .'jvtv.iiiH’ gewesen, niemals vergessen und niemals verziehen.'->'') W:: stand es, bevor die französische Revolution das Beispiel zur B^'rn.nu.z dieser. Parias gegeben hatte'? Ucberall wurden dem Fudeukn.kt sruhreilig Singe gelehrt, die sich tief in sein junges Hirn eui.zrukn!: Heuchelei, falsche Semnth, Geduld, Betrügerei, duckma::>er:>'ck": S urchlriebenheik. Wurde er von Christen oder :k -pe.-ti- ■- -alibermaßen •enrneUten .Hinfee bennfet sich in meinen .v.mfe:’.. liev V'i'en uu ';.-Vn <*srotf feinet Hinfbeit bat Tisraeli in zwei feiner eenen itfcmane l-efdine'.vu: „comarini Fleming" uns „Bivian t^ren". — Ü-i-v.i;. Bran.'eo: „PftC tt'Mameneie**, Berlin 1HTP, 2. 2 *—24. Bcoslems geschlagen oder beschimpft, wozu hätte er sich beklagt'? Für ihn gab cs weder Recht noch Gerechtigkeit. Sie verständigen Cltern bemühten sich, ihrer Nachkommenschaft diese Grundwahrheit fest einzuprägen. Ser Rabbi 'Fosna, der Later Salomon Maimnn'v, eiferte seine Söhne an, mit Vift zu kämpfe». „Keine Gewalt," ermahnte sic immer wieder der weise Mann, „Kriegslisten". SÄjnngen Brüder Salomon'ö hatten demselben eines Tages geschickt Hosenknöpfc entwendet, welche der zlikünstige Rabbinerphilosoph ihnen hinterlistig heransgcprcßt hatte. Auf die Klage Salomon's versetzte sein Later: „Warum läßt du dich erwischen, trachte ein andermal pfiffiger zu sein." 1,:o) Solcherweise lehrten im XVIII. Fahrhundcrt die Weisen Israels ihren Kindern die Wissenschaft des Vebens. Man staune nach dem Gesagten über die Niedrigkeit dieses Maimnn, eines der vollendetsten Lertrcters des Fudenthnms der Lorrcvolutionszeit: Riedrige Seele'und hoher Geist. Siesxr Rabbiner-Autodidakt sollte einer der scharfsinnigsten Metaphysikcr Sentschlands werden und dabei spitzbübisch wie ein Bettler bleiben. Cr sollte Kant widerlegen, er sollte sich mit Leichtigkeit emporschwingen in die ätherische Sphäre der reinen Fdeen und dabei forlfahreit in den Alltagssorgen des Crdenlebens dahinznkriechen. Fhm, dem Senker, sollten die Cmpsindnngen, die Fnstincte, die Beweggründe eines Schnürrotzcrs niedriger Sorte anhaften bleiben. Trotz all seiner Wissenschaft und Philosophie sollte er unter die Lerkvmiiienstcn seiner Genossen hcrabsinkcil, denn mit dem Lcrlnst seines überlieferten Glaubens hatte er den Stab verloren, auf welchen sich durch alle Crnicdrignngen hindurch die Lerachtelsten unter den alten Fuden stützten. Und der- Fall Maimnn's Jtcfjt nicht vereinzelt da. Mancher moderne Ffraelit, dessen elegante Außenseite gar sehr von der widerwärtigen Ungeschliffenheil des Cnkcls des lithauischen Schänk wirths absticht, ist, was die Moral anbelangt, unter demselben Hcrbergsschild cinlogirl. Ser Glaubenslehren seines Lolk.s beraubt, ohne die nnscrigen angenommen zu haben, wie so viele unter uns lediglich im Besitze eines schwankenden Pflichtbegrifscs, ohne, wie die. Meiste» unter uns, von seinen Lorfahren das nnbengsamc Chrgesühl überkommen zu haben, ist der cntjndetc Fnde allznhänsig jedes sittlichen Gefühles bar. lieber die Moral des Fuden wäre viel zu sagen, dort selbst, wo znm Glück für ihn und uns die Thora nicht allen Cinslnß aus die Seele Fsraels cingebüßt hat. Fede Rare schafft sich eine Moral im Zusammenhang mit ihren Saseinsbedingungcn. Wie hätte die Moral der Kinder Faeob's nicht die Rachwirknngen des Scheins verspürt, welches wir ihnen bereitet haben? Sic Moral eines Lölkes oder einer Religion liegt nicht ganz und allein in seinen (besetzen oder in ihren heiligen Büchern; sie steigt und sinkt, sie verwirrt sich oder läutert sich mit den Bedürfnissen des Vcbens. Ser Fnde hat sich natürlich eine Moral im Cinklang mit feiner Unterdrückung und Herabwürdigung geschaffen. Hier namentlich ist die säeularc Crziehung am Werke gewesen. Lon Kindesbeinen an erschien den Kindern Fuda's das Veben wie ein Krieg »ist ihrer ganzen Umgebnng, ein hinterlistiger Schlingen- und Fallcnkricg, in welchem der Fnde einzig und allein ans seine Geschicklichkeit und Fertigkeit rechnen durste. Seine Lorfahren, deren Großthalen er in der Bibel las, hatten mit Schwert und Spieß gekämpft; seine Waffen, die einzigen dir ihm zu Gebote standen, waren Kniff, Pfiff, Trug und Lerstcllung. .Fortsetzung s°,-n., 2aloinon .vtaiinnns tzebensgeschichte. Bergl. Arvüde Barine: ..lst -lnil piilonais" l.,Bovue des ,l>-nx Mundes", 15. Cctobcc l!?8ü>. Man abonnirt das Freie Blakt in der Administration, Wien,.!., Seilerstätte 10. Abonnemcntspreis: ganzjährig ö. W. 2 fl. 50 kr., halbjährig 1 fl. 25 kr., vierteljährig 05 kr. ve; iiinü Bicrcr Zenker. — Beraniwonlicher Refacteur an zeitweiliger Abwesenheit des E.^B. Zenker): Foses Borivahlner. Trink von Cb. Reifter L 'M. Werthner, Wien.

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