Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 70 (6.8.1893)
- Date
- 1893-08-06
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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reite L. Leilage zum freien Blatt, Megan zur Abwehr des Antisemitismus. Und doch, auch dieser Paria Halle seinen Stolz; keine Racc vielleicht ist stolzer gewesen, von einem unter dem Panzer der Demnth concentrirten Stolze, den nichts angriff. Da er für seine armselige Person keine Achtung beanspruchen konnte, hat sich der Jude in einen Sammelstolz gefluchtet; er ist stolz auf sein Polk, sein Gesetz, seinen Gott gewesen. Er hat niemals seinen Glauben an die Ucbcrlegenheit Israels cingebttßt. Gegenüber seinen Gebietern, christlichen oder muselmännischen, hat er die Empfindungen eines Königsohnes, der als Sclave verkauft und von rohen Herren zu niedrigen Perrichtungen vcrurthcilt worden ist. Er fügte sich der Gewalt, bewahrte jedoch in seinem Gesetze einen inneren Zufluchtsort, wo ihn die Beschimpfungen nicht zu erreichen vermochten. 157) Die Ritter, die. grossen Herren, die Mächtige» der Erde waren in seinen Augen gerade so wie die große Menge der Goim nichts als Barbaren minder edlen Blutes, ihm an Enltnr und fast auch an Race untergeordnet. Welche Bcrachtnng mochte im Herzen so eines Juden gegen die Ehristcn reisen, von deren Vaster er lebte! Gegen jene großmächtigcn, eisengepanzerten Barone, die nach dem Rath des heiligen Königs Vndwig an Ioinyille dem Inden gegenüber keine anderen Beweismittel als wuchtige Schwert- Hiebe in den Bauch kannten! Die Heiden hatten eben nur die brutale Gewalt für sich. Während Israel sich zu den anwiderndstcn Berrichlnngcn hcrgab, bewahrte es in seinem Herzen die Bcrachtnng gegen jene, welche eö dazu zwangen. Iti Gestank und Schmach der Iudciigassc, die gelbe Mütze auf dem Kopf, fühlte sich der Jude unendlich hoch über seinen unbeschnittene» Herrn. Israel allein ist adelig, Israel allein ist rein, und nichts vermag das Hans Iacob's zu beflecken oder cs zu cntadeln. Aus diesem Bewußtsein seiner Gebnrtsüberlegenheit schöpfte der Jude Kräfte zur Ertragung aller Erniedrigungen so zwar, daß nach dem Worte Vamcnnais' kein Veiden, kein Schinlpf weder seinen Stolz noch seine Niedertracht zu erschüttern vermochte. War er übrigens nicht gewiß, daß der Tag der Wiedcrvcrgeltung kommen würde? „Kleiner Dummkopf," sprach in seiner schmutzigen Schänke von Sufoviborg der Rabbi Iosua zu seinem Sohne Salomon Maimun, dein die Bewlindcrnng für die Prinzessin Radziwill die Sprache verschlage» hatte, „in der anderen Well wird nizö diese schöne Prinzessin den Ofen Heizen." Und manche Inden dachten nicht erst ans das Jenseits zu warten. Sie hofften, noch in dieser Welt die Trompete des Erzengels die Stunde des Triumphes verkünde» zu höre». Die Propheten halte» es ihncit versprochen, und Iehovah schuldete cs ihnen. Würde nicht eines Tages der Messias kommen, und Allen seinen Platz anweisen: Israel oben, dSn Goim unten, unter den Füßen Judas? Die Invenschaflen erwarteten von Generation zu Generation den rächenden Messias, befragten die Sternkunde oder die Gehcimwisscnschaft nach dem Jahr seines Kommens, und nahmen »aivgläubig alle falschen Messiasse bis zur Zeit Descartes' und Poltairc's auf, ohne daß je die Hoffnung Israels ermattet wäre. -2k gedacht," schrieb er mir, „ wenn wir, ol»ic un» a»s;tnehneii, gewisse kri tische Bemerkungen hingenommen hätten. Tann hätten Zie mir allzusehr recht gehabt! Ohne Ehre und ohne Gewissen, was bleibt dann den Stuben Übrig?" — Dieser Großrabbiner hatte nicht unrecht; ich verübte eS ihm nicht, daß er'sich gegcit gewisic meiner Beurtheilungen aufgclchnt 1)1»; dies selbst zeigt, daß sie nicht auf alle seine Glaubensgenossen anwendbar sein könnten. Einige unter ihnen, Officicrc unserer Armee, haben in ihrer Weise, mit dem Degen in der Hand, dagegen Protest eingelegt; und nach dem Zweikampf, in welchem Hauptmann Meyer gefallen, ist e« iticht inehr gestattet, das Ehrgefühl als eine den Juden sremdc Empsindung zu bezeichnen. Ich halte darum meine Bcurthei Hungen für nicht minder begründet, sür gewisse Juden wenigsten-, indem ich, tute dies geschehe», diese moralischen Mängel durch die Behandlung erklärlich mache' welche die Hilden in der Vergangenheit erlitten haben. 157) „Die Beschimpfung erreicht ihn nicht, die ihm zugefügte Ungerechtigkeit empört ihn nicht," schrieb inir der Großrabbiner und Directär des' Pariser israelitischen Seminar», tzehmann, selber, „Niemals ist der Jude trotz aller Demüthigungen, in seinen eigenen Augen herabgesetzt worden. (.,Univers israelite“, ebendaselbst) Dadurch erklärt sich, wie der Jude während Jahrhunderten unter, der Bcrachtnng gebeugt bleiben'konnte, ohne derselben z>f erliegen. Bei ihm ist-die innere Springfcder nicht gebrochen, sie isl allezeit unversehrt geblieben und bereit, ain Bcfreiungstage emporzn schnellen. Sv niedcrgebcngl der Jude sein mochte, er war zu jeder Wiederaufrichtnng bereit. _ Er erflehte sie und discontirte sie «n Voraus, indem er Iehovah anricf, wann sein Zorn aufhöre» würde, sich ans sein Bolk zu ergießen, ohne je an der schließlichcn Befreiung zu zweifeln — auch er isl ja geduldig, deni^.er isl der Ewige. Daher bei dem Inden, sobald er nicht mehr tftm einem zu schweren Gewichte niedergedrückt wird,'jene'wunderbare Fähig feit des Wicderempvrschnellens, welche ihn nach jedem Stur; immer wieder obenauf bringt. Daher bisweilen alich bei ihm jene plötzlichen Ausbrüche von lange unterdrücktem und wie zurück getretenem Stolze oder selbst eine Empfindlichkeit, die um so unangenehmer berührt, als sic unerwarteter kommt: er will stolz, sein und wird unverschämt. Hier namentlich, thnn wiruns irgend auf Gerechtigkeit etwas zu gut, fällt es uns schwer, nicht in nnö zu gehen» Diese Niedrigkeit», diese Seichtigkeit der Seele und des Ehärakters, welche dem Inden vorznwerfen wir uns noch heute für berechtigt halten, kommt ebensosehr auf unsere, als auf seine Rechnung. Sie ist unser Werk. Wir haben sie ihm ringeprägt imb gelehrt vost Barer ans Sohn. Wir haben uns den Kopf zerbrochen, wie wir ihn verächtlich machen könnten; wir habe» bewußt und sorgsam daran gearbeitet. Dazu' haben wir für ihn entehrende Trachten ansgedacht, beschimpfende Abzeichen, hcrabwürdigende Ecrcmoincn. Für den Geschmack des Ehristcn schien der Jude niemals verächtlich genug. Unsere Borfahrcn haben ihn für die 'Niedertracht hcrangcbildct, wie sik Hühnerhunde oder Dachshunde abrichteten, um in die Schlupflöcher hinein zukricchc». Damit hat wieder das semitische Blut und daFhebräii'che Gesetz nichts z» thnn. Es Iiegt da lediglich ein Fall von Bererbnng und Anpassung an das Milieu vor. Dort, wo der Jude ver hältnißmäßig Freiheit genossen, wo er das Recht gehabt hat, sicher aufzntrete», näherte er.sich in dieser Beziehung, wie in vielen anderen, dem Ehristen. So war dies ehedem bei den Inden Spaniens, so selbst bei den Sephardini, die im Abendlande Aufnahme gesunden. Wenn sic 'mehr als die Askcnazim des Dstens gelitten haben, so sind sie auch minder tief gebeugt worden. Das Ehrgefühl ist für sic nicht immer eine Ritterburg mit senkrecht abstürzenden Mauern gewesen, deren Zugbrücke ein Jude niemals pasfircn durfte. Sie sind bisweilen zum Wäffentragen zngelassc» worden, fic haben oft niit arabischen Rittern und christlichen Hidalgos verkehrt. Man trifft bei ihnen nach vier Jahrhunderten Verbannung bisweilen einen Abglanz eastilranische» Stolzes oder orientalischer Würde. Was die Inden Asiens, Afrikas, Rumäniens, Ungarns, Ruß lands anbclangt, .welche unter einer Berachtnng niedergebeugt leben, die für die Seele vielleicht' vcrhängnißvoller ist als die Dnema! dcros der Inquisition, wie und seil wie lange hätten sic, sich von dem Schmutze -der Berworfcnhcit zu reinigen vermocht, in welchem ihre christlichen und mnsclinännischen Herren sie zu verkommen gezwungen lnibc»? Es glichen diese elenden Jude» jenen furchtsamen Thiere», welche, um nicht die Aufmerksamkeit ihrer Feinde zu erregen, sich auf die Erde legen und platt gegen den Boden drücken. Was man weiters gleichfalls nicht, vergessen darf, sie haben die Er niedrignng ererbter Armuth und -schmntziger Dürftigkeit erduldet, welche unter einem nnfrcnndlichcn Himmel' Seele und Körper zugleich hcräbwürdigt. Die Gesetze selbst des christlichen Europa waren darauf berechnet, sie in diesem Zustandezu erhalten und in denselben zurück znstoßen. Heute noch i» Rußland, in Rumänien lasten diese feind seligen, jüngst crnetlcrten oder verschärften Gesetze auf mehr als der Hälfte der europäischen Jude». Sic vermögen ihr Leben kaum anders durchzubringen als durch Lift, durch Schmuggel sozusagen, indem sie auf diesem- Wege durch die Maschen des Gesetzes schlüpfen,