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Freies Blatt · 1893-08-06 · 70 (6.8.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
70 (6.8.1893)
Date
1893-08-06
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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Beilage zum Freien Blatt. Drgan zur Abwehr des Antisemitismus. Seite XI.IX. worden oder haben sich dazu hcrgegeben. Mit Recht erinnern sie nno daran, daß keine Religion für die Anzahl der Blutzeugen sich mit Israel messen könnte.'") Aber diese Art von Verkleidung in Gla.nbcnssachen ist nicht die einzige, welcher die Jacobskinder sich füge» mußten. Nicht allein bei dem Gebet vor dem Tabernakel der .'Uvdic oder dem Mihrab der Moschee hat der Jude eine Maske vornehmen inüssen, sondern auch im täglichen Vcbcn, in seinem 'Jaden, bei Ausübung seiner Gewerbe, bei seinem Verkehr mit den Goim. Das jüdische Gewissen ist nicht unversehrt aus dem Ghetto dävongekommen. Es ist durch den Stainmesgeist verkümmert und durch die Easuistik getrübt, durch die Verfolgung verdorben, durch das beiden abgeschwächt worden. Von Jedermann ziirückgestoßen, außerhalb des gemeinen Rechtes gestellt, in seinen Menicktenrechten durch die anderen Menschen verkürzt, hat sich der Jude den/n gegenüber, welche sich gegen Israel Alles erlaubten, Vieles für gestaltet geglaubt. Ter Waffen des Starken beraubt, hat er die Waffen des schwachen zu Hilfe gerufen, "ist: Trug und Falschheit. So kam es, daß durch die Jahrhunderte das Gewissen jenes Volkes, welches uns das Gewissen gcoffenbarl, gcsälscht worden ist. Viag diese moralische Verderbtheit weniger das Werk der jüdischen Schristgelehrtcn und.Kasuisten als jenes unserer Geseve und unseres Haffes gewesen sei», daran liegt wenig. Es vermag sich eben dieses solcherweise entstellte und wie ansgercnktc Gewissen nicht immer ans einmal wieder cmpvrznrichtcn. Und die Ehre! Wo hätte der Jude einen Begriff davon bekoiumcn sollen? Was Hane jenes Gefühl, welches in den Burgen des Mittelalters'unter Helm und Panzerhemd des Ritters entstanden, mit dem von Allen geschlagenen, gehöhnten, beschimpften und vernnglimpslen Inden gemein? Wie hätte sein Stolz „vor seinem Rechte die Wache beziehen" sollen, da'doch Ricmand ihm > ein Recht ziterkannle? Ter Fendalmcnsch in scincin Trutzthurm j war bei T odesstraie zum Stolze verhalten. Ter Jude, ganz im! Gegentbeil, war bei derselbe» Strafe zu Temuth und Niedrigkeit j vcrbaltcn. Ilnr um diesen Preis halte er das "eben. Ehre wäre bei ihm nur lächerlich gewesen. i Für den Inden war die Beleidigung kein Schnupf: Schimpf : war's Jude zu sein. Turch Verachlnng verbittert, hat er sich mit , Verachtung dnrchtränkl. Im Gegensav znm Ieudalbaron hat er; alle Beschimpsungen hinabschlnekcn müssen wie Wasser. Ter Jude! halte nicht das Recht, irgend etwas übclzunehmcn. Er, nicht der Ehrist, hat dir linke Backe hingehallcn, wenn man ihn ans die j rechte schlug.""' Leine Haut war harlschwielig davon geworden; Schläge und Beschimpsungen verwundeten ihn nicht mehr, er ein- * psand es nur mehr, wenn fein Eigennutz verletzt wurde. An : gewissen Tagen, namentlich am Eharsrcilag, begaben sich in gewissen Städten. Toulouse znm Beispiel-; die Vorsteher der jüdischen j Gemeinschaft feierlich auf's Eapitol, um dort öffentlich von Seiner «Gnaden dem »'rasen und dessen christlichen Vehensleuten einen Backenstreich zu cnipsangcn. Tie Vcutc vom Gesetz hießen dies vedanlisch: die .< "Iu>dli^uii'»>" > Dhrseiglmg i. Nie ist .eine Ecrc- ' - ...mn.’vi'nib;iwi :Uionntcn", ührieb mir Darüber’in einem vorn..L’niver.s i'i .-iit' <-.’iai'emK'r 1 --l'lj möfieimiditen Briefe Der (''roßrabbiuer Mettmann, ^„uem i'iai bi: oiiu I-fiiiD TaioenD „InDen,- Deren Namen aufbeiuafirt i lonrDen, bien in; ::i rbeini'cbon 2tüDten nieDergeinachl motDcn, weil fte Die j laufe »trii(fn'icien ". Bi« nach 2vanien, wo Die nnevus i i istianos am;al,lreidmen gewefeu. u'iirDin uns Die Bertlieidiger 3'raele Daran erinnern. Daß j 1 t'.'J mehrere .'DunDerrtaiHcnDe von ,'UDcn, uiibcttrcitbar Die l'iehrljeit. Das GlenD mit Der Berbannnng Dein (^lanbeiuabmU Vorgelegen haben lI»D telbft heute in Rußland leige» fid) Die meinen önDen zil Demiclben Cpfer bereit. 1511 2 eine 2ctniügelehrten ieibft Haben auf Israel jene Worte Des oeiaia« 11. •>—7i angewenDet, welche Die Ehrinen auf oeüie beziehe»: „Meinen Vcib gab ich Den 2chlage»Den bin, imD meine Wangen Den v'anrcrnufern: mein Angesicht verbarg ich nicht vor Denen. Die mich lauerten utiD ampiecn. Gott, Der ■Öerr, in mein .'reifer, Darum ward' ich nicht zu 2cha»De»: Darum hot ich mein Angesicht Dar, wie Den harteften 2tein, n»D ich weiß. Daß ich nicht zu 2cha»De» werbe." monie mehr Sinübild gewesen. Die ganze Judenschaft ist solcherweise während tausend Jahreil voll Ehristen und Moslems geohrfeigt worden. Auf dem Capitol zu Rom setzte! dex Conservator den Fuß auf den Nacken des vor ihm hingeworfenen Rabbiners. Der Jlide hat noch viele andere Beschimpfungen über sich ergehen lassen müssen. Fast überall mußte er im Fasching ben Clown oder den Possenreißer zur Belustigltiig des Pöbels machen. ^Jn Rom selbst, wo die Päpste ihm ein Asyl geschaffen hatten, wurden die Juden gezwungen, halbnackt wie die Barberi voll dein Hohngejohle und den Pöbelwitzcn des römischen Volkes begleitet, durch die Gassen zll laufen; Steinwürfe und Stockschläge trieben oft die Säumigen vorwärts. Der Jude war für die große Menge eine komische Figur; er war der Volksnarr. D« Beste, was ihn, passiren konnte, war, zllin Gespött zu werden. + Michclet hat geschrieben: „Cr ist der Jlide, der unsaubere Mensch, der Schmach-Mensch, ans den Jedermann spuckt." Uild es ist dies nicht etwa ein bildlicher Ausdruck, ich habe dies in Europa lind in Afrika de visu feststelleu können. Wie der russische Slave, der gleichfalls noch oft die üblen Nachwirkungen davon verspürt, hat auch der Jude „mit der Stirne den. Boden schlagen" inüssen. Mehr noch als der Chinese hat er während fünfzehn Iahrhlinderteil sich immer wieder sagen müssen: Sinn sin „mache dciil Herz klein." 15‘) Aus den Scheiterhanfeil oder in die Verbannling getrieben, ohne selbst mehr die Erlaubniß einen anderen Glaube» zu hcuchelit, hat er nicht einen Augenblick, gleich seinen Vätern, den Makkabäern, den Gedanken gehabt, sich zu cmpöreil und mit den Waffen in der Hand unterzugchen.'") Dazu war er zll schwach, zu zerschlagen, allzu gewöhilt sich zu krümmen. Seine Seele war ebenso wenig wie sein Mlind und Arin der Empörung fähig. Er ergab sich darein, er schwieg. Kaum, daß er in hebräischen Versen sich zu beklagen oder in Vulgärstrophen sich ansznweinen wagte, wie. die zu Trotzes im Jahre 1288 verbrannten französischen Juden. Nie war ein Meilsch in eine ähnliche Schule der Geduld und Dcmuth geschickt worden. Man crkeilnt, hieß es im Mittelalter, den Jllden au 'seinem gebückten Gange. Und wo hätte er gelernt den Kops hoch zu tragen? Zli welcher schimpflicheil oder ekelhaften Verrichtung mail ihn auch hcrabwürdigen mochte, weder sein 'Gewissen noch seine Sinne lehnten sich dagegen aus. Ekel Halle er keinen mehr; es konnte ihm nicht übel werden. Ten ansgchnngerten Hund ekelt nicht vor den >tnochen, welche er aus de», Kehricht herausscharrl. Die tiefste Erniedrigung war das Antheil 'des Judcil geworden; cs war sein!.'oo. Er glich jenen Thiercn, welche gelernt haben, sich von Aas zu nähren und von fauligen Abfällen. Er lebte vom Niedrigen, er verstand sich zu jenen Winkelgewerben, die man des Nachts verstohlcnerweise in den übelberüchtigten Stadttheilen betreibt. Der Ritter, der Geistliche, der christliche Bürger, sic mochteil sich als ein edles Geschöpf betrachten, welchem niedrige Handlungen unter sagt sind. Diese entwürdigenden Handlungen, diese gemeinen Han lirnngcn, zu welchen der Christ sich nicht erniedrige» wollte, waren häufig die einzigen, welche er diesen Hunden von Juden gestattete. Wo hätten der Pfändcrverleiher und der Trödler, wo der Tandler und der Ghettokrämer jenes wohl oder übel angebrachte Ehrgefühl hergenommen, welches einem Edelmanit gestattete, vor einem Philipp II. oder einem Ludwig XIV. aufrecht zu stehen'?"") > ") Le 1*. Huc. Einige Beispiele von WiDerstanb der Inden werden angeführt: So in zhork unter Richard röwenherz; doch solche Fälle sind selten und Satiren aus der Zeit, wo die Juden noch nicht gänzlich niedergebeugt waren. In jüngster Zeit noch, anläßlich der antisemitischen .lirawalle in Rußland, haben selbst dort, wo die Juden der Zahl nach die Stärkeren waren, nur Wenige versucht. Widerstand zu'leisten. Allerdings hätten sie keinen Pardon gefunden. 1,4j Einige Israeliten haben gesunden, daß ich mich hier ungerecht gegen Israel zeigte. Ein Großrabbiner, Herr l.'ehmann, hat sich die Mühe genommen, mir im „Univers israeUte“ (l. November 181*1) zu erwidern: „Was hätte»

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