Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 70 (6.8.1893)
- Date
- 1893-08-06
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 freies Blatt. Nr. 70 Mittel in, einem <ion(liefe zwischen Schul- und Kirchen behörden vor. znbengen Ter niederösterreichische LandeSschulrath ist eutschlossen, wen» die Abberusnng des mißliebigen Pfarrers nicht von Seite des Propstes , ersolge» sollte, dieselbe von amtswegen zu veranlassen, und er wird dabei die volle Unterstützung des Eardinals Gruscha finden. Tcinsch östcrrcichischcr KrcistnrntagH In Innsbruck fand . dieser Tage der deutsch österreichische Kreistunrtag statt. Tie Antisemiten erlitten aus demselben eine schmähliche Niederlage. Ein gewisser Hirtli eutblödete sich nicht, den Antrag }ii stellen, es seien die Pertreter der Wiener Presse auszuschließeii. Dieser Antrag wurde vom - Poi sitzenden Herr» Haag» auS Salzburg gebührend beleuchtet und liiemuf rar der Persammlniig verworfen. Auch die von antisemitischer Teile vorgeschlagene Zerlegung des Tentsch-Oesterreich umfassende» Turntreises in drei T heile wurde abgelehnt. Endlich erfolgte die von antisemilischen Agitatoren bekämpfte Wiederwahl deS Kreiskurnrathes und der vier Ausschüsse sür die allgemeine Tnrnerschafsi; Evtlshcllll Glllllai.! Pou dem verstorbenen G. d. E. Freiherr» v, Edelsheim Gimlasierzählte der „Pester Vlotyfc“ folgende hübsche Geschickne: Es war im Setober Ls74, als der Eommaiidirende in Pudapest, /vicilH'vv v. Edelsheim- <>' yula i, den Besuch der Frau v P. erhielt Ter General empsing die Tarne, welche in den höhere» ^'esellichastskieisen der ungarischen Hauptstadt eine sehr angesehene Stellung eiuiiahm, mir jener Liebenswürdigfeil und Zuvorkommenheit, welche er schöneir Frauen gegenüber jederzeit bethätigte. Frau v. P. war gekommen, um vom Eommaiidirende» (Gerechtigkeit für ihren vom S isieierseorps des -u ten Hui'areiiregiments gekränkte» und zurnckgesepten Lohn zu erbitten. Terselbe balle bei jenem Negimenl sein Einjährig Frelivilllge» Fahr abgedieut und sollte nun als Eadet-Ofsieiers Stell Vertreter, nickit aber als Z'ieiiteiiant in die Neserve übersetzt werde». Tie Tame vebaupteke, ihr Lohn habe während seines Freiwilligenjalires volikommeu entsprochen ünd sei nur deshalb vom Osfieierscorps abgel.'bnk worden,' iveil er — Jude ist. Ter General lächelte lind nie,nie: „"madige Frau, eine Mutier sieht die Angelegenheiten ihres Sohnes mit anderen Augen an i,»d nrtheilt anders als mililürische Porgeietzle. Eine Tarne von kreist, wie Sie, gnädige Frau, wird das begleiten .ich kenne natürlich den Fall Ihres Sohnes nicht Ich weiß um >'o weniger etwas davon, als das Negimenk nicht hier liegt, sondern in V. Aber ich werde sofort die Sache nntersnche», und wenn sie ii'nUidi 'o in, wie Sie mir dieselbe darstellen, dann darauf ver laii!» Sie sich, gnädige Frau.'. — wird gewiß geholfen weiden." Am nächsten Tage kam der telegraphisch nach Budapest berufene Negiments eoinmandani in Parade in das Gebäude des Steuer (i'eueraleommandos. Als der Sberst bei dem Eomniandirende» eintrat, begann dieser: ..Herr Sbersi, in Ihrem Negiiueute hak ein junger Mann, v. P, als Einchhrits Freiwilliger gedient."-„Jawohl, Ereellenz!" — „'.'um, und — wie bat er sich denn gemacht?" — „Ereellenz — g»> " - ..Wie ist. seine Führung?" — .„Ereellenz — gut." — „Hal er Strafen? liegen Klagen gegen ihn vor?" — „Ereellenz — nein." -- „Warum bat ihn daun das Negimeut nicht znm Lieutenant in der Ne'erve vorgeschlagen?" — „Ereellenz — P ift Jude, und in der S 'sieiersversaiiimlung sind Stimmen gegen ihn laut geworden, uv:! nch d:e He:reu de»» doch nicht gut einen — jüdische» Husaren S "irier vorsielleu töimen." Eine unheimliche Panse trat ein. Blutroth täUue sich das ohnehin volle «Besicht Edelsheim's. Zorusprühend und •mit dev Maßlosigkeit seines elementaren TemperaineutS schrie er auf. doi; kie Wände seines Aibeilszimmers zitterten und die im Borgeinach! P.i'rnal Adliitanken aisi Einlaß harrenden Neferenleii ein ldraueu > : .. Was? Was? Herr Oberst! Jüdischer Husaren-Sfsieier?! V:::::::e: Hergott Saeramenk noch einmal! Ich kenne keine jüdischen a. ":. .. ei'eit’o wenig als ich katholische, protestaukische oder griechisch- * ' ’ :‘ t - C fricicre kenne, ich kenne nur kaiserliche Sssieiere." ZKach dem r i Eemmantaut nach diesem surchtbare» tobenden Ausbruche t.ii.ee 4a.: s Aili.in geschöpft, fuhr er in lnhigerem, aber streng ge- U.i.re,.! Ter. tort: ..Herr Sbersi, Sie fahren sofort in Ihre Sianen muiet, i.n'.mimelii die Herren des Negiments und lasse» »oelm.aio n!e. ric Wlirdigkeit P.'s zum Sfsieier abstimme». Sie n-elden den Herren llar machen, daß man im kaiserlichen Heere niemals nacl> der Nakien oder Neligion gefragt hat. Wenn der Soldat nur ist, wie man ibu verkehrt lie>i itadellosi, dann fragt man nicht »ach seiner '.'«aiion oder Religion ' Tas ist ein Wahrworl, welches »ach dem dreißigjährigen .('kriege Zu den Tradilioneii unserer Armee gehört, und das wir heule und allezeit Hochhalten wollen. Tas werde» Sie den Herren Ihres Negsinents anseinaiiderletzen/ und dann — wird die Sisiuersrenainmlung Beschluß fassen. Sie werden mir das Nesnltat mein im T ienikwege, sondern direet .miltheilen. Guten Morgen, Herr '-beru'" Ter Sbeisi verbeugte siä> stumm und vorschrislsmüßig und verleeß das Arbeikseabinel des Eainmandirenden. Bier Tage später erhielt Letzterer die'Meldung deS NegimentSeommaiidos, irr welcher eS wörtlich hieß: „Ich melde gehorsamst, daß das Ofsicierseorps des Negiments es neuerdings abgelehnt hat, den Einjährig-Freiwillige» Wachtmeister v. P. als Kameraden in seine Reihen aufziiiiehmen." Daraus war Edelsheim nicht gefaßt. Was sollte er gegen diesen feste» Willen des OfsieierSeorps anfangen? Noch am selben Abend fuhr er nach Wien, mit am nächsten Morgen beim KriegSrninister, G. d. E. Freiherr» v. Koller, vorzuspreche». Das Ergebniß dieser Reise trat in einem der nächste» Armee-BerordiiniigSblätter sichtbar zu Tage. Ter Eonimandirende halte dein Kriegsminifter anseinandergesetzt, daß der Oberst des betresfenden Husarenregiineiits nicht nur eine incorrecle Auslegung der Beförderunasvorschrift durch sein OfsieierScorps geduldet, sondern auch gezeigt hat, daß er keine» Einfluß auf seine Offieiere besitzt. Ter Oberst wurde daher in den Ruhestand überirommeii, und die zwei rangälteske» Offieiere jeder Charge vom Rittiueister abpiärts wurden in andere Regimenter versetzt. Als der neue Oberst das NegimentScommando antrat, ordnete er eine Officiersversammluiig an, um die Herren zum dritten Male bezüglich der Würdigkeit des Einjührig-Freiwilligen Wachlmeisters v. P. zur OsfieierSbeförderung zu befragen. Es erhob sich diesmal keine Stimme irr der Persammlung, die mit gehorsamstem Schweigen die Erklärnng des Obersten entgegen - nahm, „daß also in der Oualificationsliste der Freiwillige v. P. als würdig zur Beförderung znin Lieutenant zu erkennen ist." Zwei Wochen später veröffentlichte das Berordnungsblatt die Ernennung v. P.'s zum Lieutenant in der Reserve. (8il beit dtlltschc» RcichötiMwahlcu.) Bei den Nachwahlen sür den dentsck>en Reichstag wurde in Alzey-Bingen der Freisinnige Reinhardt Schmidt gewählt. Ter bösartige. Antisemit Welker siel jämmerlich durch. Dagegen siegtc der Eaudidat der Nadauautisemite» Tr. König, in HofgeiSmar-Rinteln; dessen Gegeneaudidat, ein Herr v. Butt lar, Bekenner'des Tivoli Programmes, blieb in der Minorität. — Wie nachträglich verlautet, hat der in WorinS beim ersten Wahlgange gewühlte Nationalliberale Eommerzienrath Freiherr v. Heul folgende Erklärung abgegeben: „Ich trete ein für die Erhaltung des bestehende» Friedens zwischen Kirche und Staat, für den Schutz aller Eonsessionen, insbesondere auch werd>. ich, soweit meine schwache Kraft reicht, jeden Eingriff einer antisemitischen Bewegung in unseren fried lichen Kreis, in welchem' unsere israelitischen Mitbürger seit Generationen eine geachtete Stellung einnehmen und sich erhalten haben, mit aller Energie abznnieise» suchen. Tie Mißbräuche an der Börse, die Schänd lichteit des Wuchers gesetzlich noch schärfer zu fassen, dazu sinde» Sie »sich jederzeit bereit, aber nur eine Eonfession für diese Answüchse ver antwortlich zn machen, das widerspricht den thatsächlichen Verhältnissen und darf niemals zugegeben werde» Sehe» Sie hi», in welche Eon fession die zahlreichen amerikanischen Millionenlönige einzureihen sind, ivelche die Ansbentung in einem bei uns »»bekannten Maße betrieben haben." (NlllisklllitisNIIIS lind Social Tcniokrlttic.) Tie reichsdeutscheu Blätter aller liberalen Parteien beschäftigen sich mit dem Thema „Antisemitismus »ud Soeial-Temokratie". Aiikniipfend an die Worte Stöckers: „Wenn diese Ahlwardterei so weiter geht, bin ich überzeugt, daß dpr Kampf gegen das Jndenthuin verloren ist, und daß das A » t i s e m i t e n t h n m z »letzt j n A n t i g e r in a n e n t h n in ansarten muß" — schreibt die „Kölnische ..Leitung": „Ans der aiitisemitischeii Partei in Hesse» wurde unter der geschickten agitatorischen Einwirkung Böckel's allmülig eine antirapitalistische, in der der Unterschied zwischen dein jüdischen 'und christlichen Capital schon nicht in e h r a u s r e cl( t erhalte n iv n r d e. Tamit war die Bahn einer religiösen oder Naeenpartei verlasse», und man verband mit der Hetzerei gegen die Inden die Hetzerei gegen das Capital im Allgemeiiien. Die agitatorischen Zwecke der Böckel und Genosien brachten eS mit sich, daß man nicht nnr mit Tropfen, sondern mit Finthen demokratischen oder vielmehr demagogische» Oels nicht sparte, »nd die Berhetznng ivandte sich überhaupt gegen Alle, die gesellschaftlich oder w i r t h s ch a f l l i ch eine bessere Stellung ei »nahmen. Tie Agitation ivurde der sorial demokratischen immer ähnlicher und unterschied sich znnüchst von ihr auch nicht in der Wahllosigkeit der Mittel. Höchstens könnte man sagen, das; die Social-Temokrate» noch etwas anständiger Vorgehen, als die Böckel nnd Genosse». Tie letzte be zeichnendste Uniwandlung des Antisemitismus bestand aber darin, daß die Böckel nnd Genosse», als sie sähe», daß mit dem Anti s e in i t i's m u S a u f die Tauer doch nicht viel (Geschäfte zu machen waren, diesen schließlich ganz und gar beiseite setzten und sich ausschließlich auf die allgemeine Berhetznng warfen, die sich gegen jede» Bessergestellten und insbesondere auch gegen die Regierung und die Beamte» wandte. . -. Mit Schrecken mußte man wahrnehmen,