Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 70 (6.8.1893)
- Date
- 1893-08-06
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 70. Freie» Blatt. Seite 3. ftijtte, »ach der dumpfe», rauchgeschwängertcn WirthShansstubc rieche» --1welch craffer Abstand! Doch ei» Antisemit kqn» Alles, sobald eS sich daruni -handelt, den tödtlich gehaßte» „Indeiiliberalcn" Eines an« Zeuge zu flicken. Folglich kan» er auch (Gärtner sei», wen» cö daö Interesse der „guten Sache" erheischt. Wahrlich, wahrlich, ihr Gärtner und Blumenzüchter, die ihr ans allen Theileir der Monarchie herbeigeströmt wäret, um unter den volltönenden Phrase» der Einbcrnser deS GärtnertagcS über die sociale und materielle Hebung enrcö Standes, zu bcrathen —- ihr habt die Böcke '.zu Gärtnern gemacht, als ihr euch von Lueger und Konsorten i»S Schleppthau nehmen ließet. Fürchtet ihr nicht, daß der holde Lichtschimmer der l'ilie und 'A'arcissc verblassen wird, da Dunkelmänner vom Schlage eines Gregor!g euch ihre Meinung aufzudrängen wußten? Doch zu viel Ehre dem Matador deS RadanantiscmiliSniuS, wenn man sich überhaupt mit ihm bcschästigt und seine ebenso geistlose» wie gesinnungSrohen Worte rcproducirt, mit welchen er den Dr. Seidl er, als den Bcrtrctcr der Anti-Befähigungspartei, in der ungeziemendsten Weise unterbrach. Uns intcrcssirt vielmehr die Person des Präsidenten, welcher im Dienste eines Herrn steht, dessen 'Namen die Antisemiten aller Eoulcurs am liebsten. mit trt schreiben würden. Herr Hof-Ku»stgürtncr A. E. Rosenthal, welcher für LcrcdluugSzwcckc an Bäumen »nd Stränchcrn in den Baron Nathaniel Rothschild'schcn Gärten thätig ist, war einst ein strammer Knappe im Gefolge des Schloßhcrrn von Rosenau. Heute ist er, ungeachtet seiner Anstellung im Dienste eines Inden — wie sagen doch die Antisemiten: Non.ölet! — ein Gesinnungsgenosse dcr Liechtcnstcin und Lueger. Po» Trt zu Trt reiste der chrenwerthc Herr Rosenthal, dessen Raine wahrscheinlich dem Abgeordneten Schneider „verdächtig" Vorkommen wird, um die Pcrcinc, welche de» lOärtncrtag zn beschicke» beabsichtigten, für de»' Befähigungsnachweis zu angeln. In Hietzing, wo er Gelegenheit hatte zu erfahren, daß der dortige Gärtnervcrcin die Beschäftigung eines Gärtners vielmehr für die Ans Übung einer Kunst als eines Handwerkes halte und nicht gesonnen sei, den Gärtncrbcruf in die Zwangsjacke der Gewerbeordnung zn stecken, da soll Herr Rosenthal sehr still nud nachdenklich vor sich ge blickt und geschwiegen haben. Tenn die Zeit war »och nicht gekommen, da er als präsumtiver Präsident des Gärtncrtages seine Maske fallen lassen durfte. Daß Dr. Gcßmann, der von' der, Donanregu lirung bis zur „Phönix-" und .Südbahnfrage Alles verstehen will, ebenfalls seine Meinung über die Förderung der Interessen der Gärtner zuin Besten gab, darf an dem vielseitige» Scriptor der Universitätsbibliothek nicht Wunder nehmen. Die Annahme der Resolution, welche den BcfühignngSnachwciS befürwortet, war ja auch der eigentliche Zweck deS GärtnertagcS, neben welchem alle anderen Beschlüsse in ein Nichts zusammcnfallcn. Die Liechtenstein 'scheu Bemühungen, eine „Reform" der Gewerbeordnung hcrbeizuführcn, sollten eine Unterstützung mehr erhalten. Bedauerlich, daß die Angehörigen eines Standes, dessen Hauptzweck auf „Bercdlung" beruht, für die Bcredlung des eigenen Ich nichts Besseres zn thun wußten, als sich dem Heerbanne der Rcactionäre anzuschlicßcn. lArbkitcrversnmiIllUllgeil.) Der 30. Juli wurde von der Wiener Arbeiterschaft benützt, um in einer Reihe von Meetings Kundgebungen für daS aUgemcine Wahlrecht zu veranstalten. Tie Arbeiterführer müssen nätnrgemäß bei Besprechung der politischen Eonstcllation auch jener Partei gedenken, welche Unter dem volltönenden Schlagwortc der „christlich-socialen" Reform eine Umwälzung der Gcsellschaftszuständ^ herbeiführcn will. Die gemeinhin uiit „Antisemitismus" bczcichnctcn Tendenzen der „Ehristlich-Socialen" finden die verschiedensten Den tungen und Würdigungen. So. sagte der» Parteiführer Reumann: „Die antisemitische Agitation in Dcsterreich wird der Social-Dcmo- Iratie nur neue Anhänger.zuführen, denn die Antisemiten sind die Wcgmachcr für unsere Ideen." Dem Redner mochte» hiebei die Be mühungen der Herren Ahlwardt und Böckcl vorschwebcn, welche im Deutschen Reiche die aufgewühlten Volksmassc» nicht nur gegen die Inden, sondern auch gegen die Junker Hetzen. In einer zweiten Bcrsammlung, welche vom polnischen Arbeitervereine „Sita" einbcrnfeu worden war, sagte der Buchdrucker Kokvrian: „Der Abgeordnete Schneider war in Galizien - und ' kritisirte Hirngespinnstc, indem er einem Juden de» Betrug von Missionen andichtcte." Herr- Schneider liebt die Hirngespinnstc; seine Spürüase läßt ihn (überall Bcrdacht wittern, doch soll der ominöse £ 10 des Preßgcsctzev seine Eombinationen, namentlich militärischer 'Natur, schon oft zu Schande» gemacht haben. Der tschechische Rcdactcur Krcjci zog endlich in einer dritten Persammlung eine Parallele zwischen der politischen Reife jener Wähler, welche ihr Mandat cine^n Liechtenstein oder Schneider .anvertrauten, und der politischen Bildungsstufe einer Arbeiterin, welcher man das Wahlrecht verweigert, indem man sie für nicht reif genug erklärt. Selbst Gegner des suft'ragß uniwrsel und der Gleichstellung der Frauen werde» wohl zngebe», daß der Redner diesen dem praktischen Leben entnommene» Vergleich zur Unterstützung seines Standpunktes glücklich gewählt hat. >„. (Ans drr Gtwerbccngllvte.) Die „christlichen Socialresormcr" waren . nicht mit allen Experten ans Olalizien zufrieden. , Es '-kamen auch solche zum Worte, welche nicht im Sinne der Herren Lueger und Eben hoch sprachen. Ein Erpertc ans Kolouica, Director Hilario» Hcrasymowicz, erklärte sich gegen die obligatorische Gehilfen uich Mcistcrprüsung vom Standpunkte des Interesses der Rnthencn, welche tüchtige Handwerker seien, ohne daß sie einer Prüfung bedürfen, Eile Beispiel dafür scicir die Thonarbeiter in-- Kossyw, bei denen cS keine Meister und keine Prüfungen gebe. Diese Industrie bestehe schon seit vielen hundert Jahren in der dortigen Gegeiid- und sei henke ans der Höhe der Technik. Auch der Erpertc Stanislaus Dr. SlszcwSki aus Krosno thciltc vollständig diese Anschauung..Gehilfen und Meister sollen in entsprechend anSgcstattetcn. Schulen ihre Ausbildung genießen; daS klebrige solle man jedoch der PrariS, dem Talente und der Ausdauer, ein wenig auch dem Glücke des Einzelnen überlassen. Wenn ein Meister in seinem Fache bankrottirt oder nur keinen genügenden ErwcrbSzwcig sindct, müsse er sich einen neuen Erwerb suchen, und da käme er aus lauter Prüfnngcn nicht heraus. Mit aller Entschiedenheit erklärte sich Dr. TlSzcwSki gegen die Ausdehnung dcö Bcfälzignngs Nachweises auf ftbriksmäßigc Unternehmungen. Die Frage, welche den Befähigungsnachweis für die Inhaber einer Fabrik verlangt, habe auch schon zu komischen Antworten geführt, wie z. B, daß auch Erzherzog Albrccht einen Befähigungsnachweis für die in seinem Besitze befind lichen Fabriken liefern sollte. Ein Erpertc auS Jaworow sprach sich ans daö> Nachdrücklichste gegen cincir BcfühignngSnachwciS für Kauf teilte ans, aber mit einer drolligen Begründung. Diese „christlich sociale" Neuerung, meinte er, würde in Galizien nur den — Inden * zugute kommen. 1>. (Ein ZlikuilstStzlail.) Aus Krems wird . uns geschrieben: Trotz aller gegenthcilige» Erklärungen soll Herr Georg Schönerer in dem Momente, in welchem er wieder Las active und passive Wahl recht erlangt, sich um ein RcichsrathSmandat bemühen.' Sein alter Wahlbezirk, den gegenwärtig Herr August Dötz vertritt, gilt mit Recht als unsicher, und die Antisemiten besorgen, daß im Falle einer Mandatsnicderlcgung bei der Nachwahl nicht Schönerer, wohl aber ein „Judenliberaler" gewählt würde. Es tauchte daher der Plan äui, daß der Mechaniker Wilhelm Philipp H a n ck, der Auserkorene von. Favoriten, -dem Teutschestcn alter Tcutschen in der Tstpiark Platz mache» solle.. Wenn die Schönerer Blättchen in nächster Zeit nur die Jndcnhctzc betreiben, die Slavenhetze aber sistiren und von friedlichen Nachbarverhültnissen zwischen der deutschen laiche und der slavischc» Linde sprechen sollten,, so wird dies izur mit Rücksicht auf den hier erörterten Zukunftspla» geschehen, zu dessen Ausführung man der Stimme» der tschechischen Wähler von Favoriten bedarf. AuS demselben Grunde dürften auch alle in Diensten Schöncrer'S stehenden „Schriftleiter" den Wiener „Ehristlich-Socialen", selbst Berga,n nicht ansgenommcn, eine Schonzeit gewähren. (Psarrcr Eichhorn.) Die „Volts st im me" bringt eine Aufsehen erregende Miltheilung über den Pfarrer Eichhorn in Höflein, welcher schon von seiner Floridödorser Thätigkeit her durch seine Agitationen in Wort und Schrift, ferner -durch daS nach der Vcrurrhci lnng Schöncrer'S erlangte Rcichörathsmandat und den-Ausspruch, erwürbe keinem' Beichtenden wegen eines aii cintni Inden verübten' Diebstahls die Absolution verweigern, sattsam bekannt ist. DaS genannle Drgan der demokratischen Partei erzählt: Der nieder österreichische LandeSschulrath hat mittelst Zuschrift vom 7. Mai d. I. die Enthebung deS Pfarrers Eichhorn in Höflein a. d. Donau von feiner. Stelle als katholischer RcligionSlchrcr verlangt nud diese an daS fürst erzbischöfliche Eonsistorinin ^gestellte Forderung in ansfljhrlichec Weise begründet. Dieses Verlangen ist die Folge einer Anzeige, welche der Vater eines schulpflichtigen MüdchcnS gemacht hatte und. mit der sich Gericht, LandeSschulrath und Eonsistorium eingehend beschäftigten. Das Eonsistorinin verfügte die Einleitung einer llntorsnchnng, -die vom Domhenn Kornheisl bis in die kleinsten Details geführt wurde. Das Resultat der gepflogenen Erhebungen veranlaßtc das Eonsistorinin, an den Propst deS -Klvstcrncuburger Stiftes, welchem der streitbare Pfarrer angehört, die Aufforderung zu richten, Eichhorn von Höflein zu entfernen und als Rcligionslchrcr an Schulen überhaupt nicht mehr anzrrstcllcn. Der Propst hat aber diese Aufforderung unbeachtet gelassen zind will das Ergcbniß der noch iinmer schwebenden gerichtlichen Untcrstzchrnig abwartcn. . In diesem Staduim befindet sich die Asfäirc gegenivartig. In clericalcn Kreisen, die dem Efnsistorinin nahcstehcn, findet man die Haltung des Propstes Ubald K ogt ersitz unbegreiflich, da die. Versetzung deS Pfarrers Eichhorn, das einzige