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Freies Blatt · 1893-08-06 · 70 (6.8.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
70 (6.8.1893)
Date
1893-08-06
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Freies zeichnete, 4st -biö zum heutigen Tage nicht beseitigt. Im Zorne oder auS Uebermnth werfen „Herren" dem Bauer noch immer seine angeblich minderwerthige Abstammung vor und tituliren ihn: „Du, Cham!" Eine Hetze gegen Semiten könnte daher in Galizien leicht auch zu Bedrängnissen von edlen Söhnen Japhets den Anstoß geben . . . Der Psenner'sche „VolkSfrennd" hob mit Befriedigung hervor, daß auf dem Krakauer Katholikentage sich der tiefe, im polnischen Volke schlummernde Antisemitismus wiederholt zu elementarem Ausdrucke vurchgernngen habe. Allein wer »«and und Leute kennt und nicht im Trüben fischen will, muß zngcbcn, daß cs im Interesse Galiziens, nicht bloß in dem der Jude», läge, wenn der Antisemitismus dort nicht nur weiter schlummern, sondern in einen tiefen Schlaf versinken würde. Die Perwallungs- und Justizbeanilen in Galizien sind, wie , die polnischen Reichsralhsabgcordnetc» fast in jeder Bndgetdebalte klagend mit Geschäften überbürdet. Eine Blntheperiode des Antiseinilismiis in jenem Lande müßte jedoch aller Voraussicht nach das Arbeitsmaterial für die Aeniter so bedeutend vermehren, daß zu dessen Bewältigung kaum noch die Eivilbehördcn ausreichen wurde». Bei den Eigcnthünilichkeiren Galiziens, auf die wir ins Voranslehend,» hingcwiesen haben, wäre eS dort weit schwieriger als anderwärts, einen von antisemelischen Frevlerhänden gelegten Brand zu localisii'rn. Von dem Gerechtigkeitssinne, der Pflichttreue und der Thalkraft des Statthalters Grafe» Badeni ist demnach zu erwarten, daß er zwar die Freiheit der Meinungsäußerung seiner Standesgenosfen nicht beeinträchtigen, aber dennoch rechtzeitig cinschrktten werde, »m Unheil von unabsehbarer Tragweite;u verhüte». t'ft- * Scintle und Antisemitismus. •■inni einem angesehenen Pädagogen erhält die Berliner „Volks eiinng" eine Zuschrift, welche dafür eintrilt, daß die Schule den Antisemitismus bekämpfen solle. Ter Verfasser hat mit Rücksicht auf die Schnlzustünde in Preußen seine Vorschläge gemacht, aber ltfutiitis nn;.iiiilis paucn sie aucb für andere Länder. Er weist darauf hin, daß sich in den oberen Elaste» einiger Gnmnasien antisemitische Schüler Vereinigungen gebildet haben, nnd daß jüdische Schüler in höheren wie niederen Schulen mitunter von ihren christlichen Mitschülern ohne Grund geärgert, verspottet und verböhnt werden, und fährt dann fort: 'Wollte man diese Fälle auf ihre Entstchungsursache hin unter- >uchen, es stellte sich gewiß heraus, daß die Anregung dazu im clter lichen .»?au>e gegeben worden ist, weil der Vater oder ein sonstiges Mitglied der Familie antisemitische (Besinnung hegt und auS derselben vor den Kindern fein Hehl gemacht wird. Hier nun eine hcilsanie Gegenwirkung aiOziiübeu. ist Pflicht zunächst 'jedes Religionslehrers. Es bedarf hiezu im Unterrichte keiner weiischmcisigcn Auseinander fevungen, sondern nur kurzer, aber bestimmter Hinweise "auf das Ilnchristliche der ganzen auiiscmitischcn Bewegung, die um so nachhaltiger wirken werden, je aufrichtiger sie gemeint sind. An Gelegenheit dazu, soweit ste im Untcrrichlsstosi und seiner uothwcndigen Behandluugsweiic vielleicht bei den formalen Stuken der Vorbereitung, Verknüpfung nnd Anwendung gegeben sind, fehlt cs wahrlich nicht. Es sei nur -.uiucvl an die biblischen Geschichten von Abrahams Friedfertigkeit, r?u Raemi und Ruth, von Tavid und Jonathan, an die Gleichnistc vom barmherzigen Samariter und vom Schalksknecht, vor Allem an E-l'ristvS' selbst, an Sprüche wie Matth. 6, 14 und 15: So ihr den Mcn'che» ihre Fcbler vergebet, so wiph euch euer hinimlischer Vater auch vergeben: 1. Joh. 3, II: Lasten uns nicht lieben mit Worten, noch mit der Dringe, sondern mit der Th>t und mit der Wahrheit; an das 5 unk *. <»»ebok, die 5. Bitte, an Liedstrophen wie: Laß mich mit Federmann in Fried' und Freundschaft lebe» u. s w., oder: So Jemand ivrichi: ich liebe Gott, und haßt doch seine Brüder, der treibt mir Genes Wahrheit Svokt und reißt sic ganz darnieder. * Reck gccigiiclcr erscheint zu derartigen Belehrungen und Warnungc» ein anderes Unterrichisgebiel, die Geschichte, weil hier mehrfach direct von den Juden und ihren beklagcnswcrthcn Schicksalen die Rede ist. Las ganre Miiiclaltcr hindurch stehen ste in de» christlichen und iiiobamincdani'chen Ländern unter hartem Truck, der nur zeitweilig gemildert wird. -Es kommt mehrfach zu blutigest Verfolgungen, besonders :nr Zeit der Ärcnzzüge und bei Gelegenheit des schwarzen Todes, 134-^ bis 1350. in Teukschland. Sic werden in Ghettos verbannt und fiidrcu Jahrhunderte hindurch das traurigste Dasein von der Welk. Auch die brandenburgisch preußische Geschichte weist solche Partien ans. Tie Judenverfolgung unter Eurfürft Joachim I., die grausame Hinrichtung des Juden Vipvotb »ntrr Joachim Georg, die abermalige Blatt. , ' Nr. 70. Vertreibung der Juden aui§ den Marken unter seiner Regierung und das Märchen von den dem Münzmeister Friedrichs des Großen, Ephraim, zur i'aft gelegten Betrügereien. Werden diese Begebenheiten in der Schule auch immer so vorgetragen, wie eine gewisienhastc pragmatische Geschichtsbetrachtung sic auffasien wird, daß nämlich zumeist Mißtraue», Argwohn, Neid und Haß gegen die Besitzenden, als welche die Juden galten, und die unbestimmte, aber gerade deshalb um so fanatischer festgehaltene Ilcberzeugung, cs seien die Vermögen stets nur durch Bedrückung der Armen, durch llntcrschlcif und Betrug zusammengebracht worden, in ähnlicher Weise wie heute auch damals schon die Triebfeder» des Handelns bei der Verfolgung der Jude» gewesen? beider kommen Fälle vor, daß GeschichtSlchrcr im Tone trockenen keitfadcnstyls die Facta einfach erwähnen, wobei natürlich der ungezügelten Phantasie der Schüler der weiteste Spielraum gewährt wird und in den Köpfen derselben allerlei Zerrbilder entstehen. Schlimmer noch aber ist cs um die Sache bestellt, wenn die erwähnten Abschnitte aus der Geschichte mit einer gewissen Frivolität oder gar boshaftcu Schadenfreude vorgetragcn werden. DaS heißt schleichendes Gift in die empfänglichen Kindcrscclcn träufeln, aus denen dann nur eine unheilvolle Saat h.crvorsprießen kann. Treue Lehrer, denen das Wohl der Jugend und des Volkes, das Heil der bürgerlichen Gesell schaft und des Staates am Herzen liegt, werden daher bei dem bc treffenden Unterrichte recht vorsichtig verfahren, um ihrerseits dazu bcizutragcn, daß die offene, eiternde Wunde an dem Körper unserer Nation nicht noch schlimmer werde, sondern sich bald schließe und heile. Ta in manchen Schulen die Schüler der oberen Elasscn in allgc meinen Umrissen oder zusammenfasscndcn Ucbcrsichten auch Belehrungen über staatliche Einrichtungen nnd Entwicklung der Staalsvcrfassnng erhalten, so sei noch ans Eines aufmerksam gemacht. Es ist angesichts der staatsfeindlichen antisemitischen Agitation nothwcndig, die Schüler ans den Artikel 12 der preußischen Verfassungsurkunde und das Gesetz vom 3. Juli 1869 hinznwciscn, denen zufolge die jüdischen Unterthancn gleiche Rechte wie die christlichen haben und daher nicht mit anderen! Maße gemessen werden dürfen. «In Scstcrrcich wäre dem entsprechend auf die Staatsgrundgcsctzc hinzuwciscn. Die Red.) Der Regierung sei dies bisher auch noch nie in den Sinn gekommen, wohl aber den Antisemiten und denjenigen Parteien, welche jenen in ihrem rechtswidrigen Verhalten Vorschub leisten, oder sie durch zweideutiges Schweigen in der Meinung bestärken, als stinimten sic ihnen zu. Solche der Jugend im Unterricht zuthcil werdende Bclchrnugcn werde» hosfcntjich ihre Wirkung nicht verfehlen und als Erinnerung in späteren Jahren für das eigene Denken nnd Handeln eine Richtschnur bleiben. 'Noch ein Untcrrichtsgegcnstand darf nicht vergessen werden; cs ist das Deutsche, spccicll der Lcscbuchstofs. In der reichhaltigen Fülle der volksthümlichcn nnd classischcn Literalurstückc nnd der realistischen Aufsätze liegen wcrthvollc religiöse, sittliche, patriotische und ästhetische Bildungsmomcntc. Tic crstercn können, wo die Beziehung keine erkünstelte und gezwungene ist, gleichfalls für den in Rede stehenden Zweck fruchtbar gemacht werden. Es kommt nur, auch hier, wie bei dem Rcligions- und Geschichtsunterricht, darauf -ein, nach den Forde rungcn Herbart'schcr Pädagogik vielseitiges Interesse zu erregen, namentlich das fnmpalhclische nnd gesellschaftliche. Tenn jenes, als Theilnahmc au den einzelnen.Personen, ihren GcmüthSzuständcn, ihren Gefühlen und Strebungen, nimmt die Regungen auf, die cs in menschlichen Gcmüthcrn findet, nnd sucht den natürlichen Egoismus zu überwinde»; dieses wendet sich von den einzelnen Individuen hinweg ganzen Gruppen von Menschen, den Parteien, Ständen, Elasscn-, Sprach-, Glaubens- und Gcsinnungsgcnosicn nnd schließlich der Gesellschaft selbst zu, indem cs die Widersprüche derselben anszuglcichcn sucht und als Theilnahmc an dem allgemeinen Menschen wohl anftritt. Weil jedoch, schließt der Verfasser, die Person des Erziehers und Lehrers stets die zuverlässigste Garantie für das Gelingen aller pädagogischen Bestrebungen bildet, so lasse der Lehrer in Wort und Wandel auch bei jeder sonstigen Gelegenheit in n n d außerhalb der Schule leinen Z w e i f c l darüber obwalten, wie fern er selbst einer Bewegung steht, die unedel, nndcnlsch und u» christlich ist. Tcr Gärtncrtag.) Aus Gärtnertrcisen schreibt man uns über den hier abgehaltenen Gärtnertag: Tcr duftige Hauch, den die Erzcugnisic der Horticultur'ausströnien, die sprichwörtliche Symbolisirnng -alles Zarten, Formvollendeten und sittlich Reinen, und der rüde Ton der Wiener Antiscmitcnführer, deren Worte allzeit nach ihrer Gcbnrts -

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