Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 70 (6.8.1893)
- Date
- 1893-08-06
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Freies AbonnrmkiitSPrei»: I0an]jät)ii9 mit Poflzujendung . . fl- 2.50. Halbjährig fl- 1-25. Vierteljährig fl. —.05 Einzelne Nummern 4 kr. Nummer 70. Organ zur Abwehr des Antisemitismus. Erscheint an jedem Lonntage.. 'Jitimcltoit und Administration: Wien I. Seikerstätte 10. Wir», (». Auguli 1893. II. Jahrgang. Mit der hentigeu Numnitr erhalten nnsere Vcfcr die zwölfte Fortscynng des Werkes:?ic Jude» »ud der Jiitiskiiiitiriiiiis, Jsvael' unter: den Elationen von Hetze'ist etwas Neues, und inan muß das „Boll" doch amusiren,^ wenn man ihm Brot stets nur verspricht. Wird de.r Berliner - Antisemitismus d.i den Junkern stehen bleiben? Wir bezweifeln es sehr. ES dürften »och ganz andere Faclorcn im Reiche der Lottes-' ' furcht und frommen Sitte in die Vage kommen, die Worte des prächtigen Schillcr'schcn Eapuziners zu würdigen: \ ■ i Auf das Unrecht, da folgt da? Uebel, ' 2Sie die Thrän' auf den herben Zwiebel, > Himer dem U koiuim gleich das Web, ' - Das ist die Ordnung im ABL. Änatoke Leroy-Aeausicu v>ont fvauzöftfrfn’u Anstiteet. Ntn tilttrcttiidc Nlionncntcn erhalten ans Bcrlaiigcil die dereits rrschicnciicn Jortschnngcn nachgeliefert. f Berlin, Mion und Galizien. In den Autiseiiiilcnvcrsammlungc» an der Spree fährt mau fort, Stöcker jämmerlich;u mißhandeln, und es wäre begreiflich, wenn der Hofprcdigcr a. D. für sein licbeö Ich de» Schutz des Berliner Bereutes;ur Abwehr deö Antisemitismus anrufc» würde. Bisher ist das nicht geschehen, und. vielleicht komml es auch nicht dazu, den», sagte Stöcker auf Grund seiner Erfahrungen, Fatzke schlägt sich, Fatzke verträgt sich. Ahlwardt und Böckel haben einander die größte» Beleidigungen zugeschleudert und sind jetzt wieder Kampfgenossen. In Wien waren wir Zeugen der scheinbaren Entrüstung des „Deutschen Bolksblattes" über das Treiben Ernest Schneidcr's und der Zänkereien zwischen jenem Blatte und Herrn Pallai. Die Möglichkeit einer Herstellung erneuerter kameradschafl lichcr Bczichungcn zwischen Stöcker-Wagner und Ahlwardt-Bodcck ist durchaus nicht ausgeschlossen. Eincs aber steht fest: die in Berlin zur Geltung gelangte antisemitische. Praxis hat. ihren Wirkungskreis erweitert. Die Berhetzung sieht cs dort nicht mehr bloß auf Juden und liberale Ehristen ab, sondern auch auf Junker, Gcheimräthe, Doctoren und pensionirte Officiere. Das „Hepp! Hepp!" gilt auch denjenigen, welche dem Antisemitismus ihre Reverenz gemacht hatte», jedoch zum großen Thcile mit dem Hintergedanken, das freisinnige Bürgerthum zu schwächen und für sich durch Berlheuerung der Lebensmittel, Herabdrückung der | Löhne, landwirthschaftlicher Arbeiter, Exlra-Prümicn :c. Sonderoorthcile herauszuschlagen. „Ein Schuster als Führer thut es auch!" schreit ein ver krachter Kaufmann in Berliner Radauversammlunge», nachdem er über die langnasigcn Juden geschimpft hat, aber auch über die „hochnäsigen konservativen", bei denen er plötzlich „jüdischen Geist" entdeckt haben will, ein Berbrechen, dessen er die ehrsamen Schuster nicht verdächtigt. Seine Zuhörer stibeln ihm zu, und frenetischer Beifall erdröhnt, da er noch weiter geht und einen herzhaften Griff in die vollen Taschen der unverschuldeten Junker, dieser Getreide- und SchnapSwuchcrer, anrctzt. Der ewige Jute war, »ach einer Acnßerung deS freiwillig-gonveriiementnlen Berliner Blattes, Mn Reizmittel mehr; auch der feile „Judcnknechl" im öffentlichen Dienste oder im Lager der Fortschrittsparteien erzielte nicht mehr jene Wirkung, auf welche die den anlifcmitifchen Masse» gebotene» „tün onses" berechnet waren. Die Junker Es drängt sich die Frage auf, ob der AutiscmitiSmuö in Wien j einen gleichen Entwicklungsgang nehmen werde wie in iöaliit. i An Anzeichen hiefür fehlt es nicht. Es mangelt hier nicht an Leute», welche-^/t der ^>r Schau getragenen Abneigung gegen das alte Testa-nlKit sich keineswegs begnüge», sondern, wie sie sich vorsichtig auödrucke», überhaupt die palästinensische Art der Ain schauung durch die nordische ersetzen wolle». In hiesigen Antiscmitcnversammlungcn würde auch schon auf den Füisterzbischof von Wien alS ein Geschöpf der Judenschast hingedeulet. Wort führcr der Racenhetzcr haben hier ferner nicht, nur den Bice— Präsidenten des Abgeordnetenhauses, Dr Kälhrein, einenJuden- Elcricalen" genannt., sondern auch den PrGalen Treui'nfels als Rabbi verhöhnt. In antisemitischen Hetzblättern endlich begcgiwl mau bereits heftigen Auslassungen gegen die/Feudalen, welche, wie dieS erst neulich anläßlich des FulterauSfuhrverbotes der Fall war, des Eigennutzes und der Ucbervortheilung des Bolkes beschuldigt werde». So manche Symptome lassen also darauf schließen, daß Wien ein Schauspiel ungefähr derselben Manier dielen werde wie Berlin, wenn auch heute noch der antisemitische Mob von Organen der geistlichen und weltlichen Rückschrittler an der Leine geführt wird. Erschallen in Wien einmal die. Rufe: „Fort mit den Aristokraten,' die jüdische Berwandte haben! Fort mit den Advoc.iten, die so lange mit jüdischen Kreisen eng ver bunden waren!" — dann ist der Borschlag aus Eonsiseatio» des Besitzes der Juden, wie ihn Schneider zu . machciu. pflegt, eine jeder Anziehungskraft bare Halbheit. Die Begehrlrchteil der.anlisemitischen Menge wiry sohin ihr Augenmerk auch auf Güter ihter bisherigen Gönner lenken, gleichviel ob dieselben dies oder jenseits der Leitha liegen; sogar auf die Ersparnisse,' welche ge. wisse Bolkstribuncn ansainuicl», aber auf die Name» von Tanten, Schwestern und Basen verbuche» lassen, dürfte sich das Gelüst/ nach fremder Habe erstrecken. Indessen, mögen sich die Zustände in Wien wie immer ge stallen, mehr als Excesse von kurzer Dauer.sind nicht zu besorgen, und selbst solchen-kann eine intelligente großstädtische Polizei unter gewandter Leitung Vorbeugen.. Anders stehen die. Dinge fern vom Ecnlrnm des Reiches, namentlich in Galizien. Unbesonnen p:e digcn dort hochgeborene Herren cinrn wirthschafllichen Krieg gegen die Juden. Was kann Alles daraus werde»-? Welche Wendung in der Sache vermag dort ein zungenfertiger Agitator in der Ezamara , oder Soutane hcrbciführcn? Der Ruf: „Gegen Juden und' Junker!" wäre in Galizien nicht, neu. Schon, zu verschiedenen. Zeiten' ward er laut, und vor nicht ganz einem halben Jahr hundert folgten aufgchetzte Bauern einer Parole, die sich gegen die Junker allein richtete. Der Änlagonismns zwischen Edelmann und Bauer, welchen der polnische Adel einst sogar auf .eine verschiedene Abstammung zurücksührte, indem er sich als Japhels Geschlecht, das Bauernvolk aber als Nachkommen Ehams be