Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 69 (30.7.1893)
- Date
- 1893-07-30
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 6. Freies Blatt. bmiii gegen 7', llbr u>at das focal Hopf an Jiopf gefüllt. ÄlS gegen 8'/. Uhr Stöcker erschien, ivurde er mit Beifall. Pfeife» »nd Gcjohle empfange». Zn einer kirfe de» Saale» fallt t-i zu Rempeleien. Tie Ehristlich socialen wollten einen antneiniinche» Pfeifer an» dein Saale befördeln, die Parteigenosse» de» fevieren inieiveniricii aber in nicht mißzuvel stehender Beeise, so da» inan von den, Hinan»werfen vorläufig Abstand nabin. Endlich eröffnete der Boisitzende, Bnätdiuderineister Schulze, die Bersainmlung »nd crtheilte Herrn Stöcker da» Wort. Zn dte'em Äugeublick irnirke von den verichiekeusle» seiten gefchrien: ,,.8»r Ijie'chatieordnnng!" — 3 t oct fr: Ter Herr Borsitzende har mir da» Wort bereu» erlheilt, in 'vläiem Zolle kann Riemand »lehr da» Wort zur Geschäft»/ ordming erballen. «stürmische» Tbo. Beifall und färm. Rufe: Wir frage», ob »an, dem Bortrage eine freie Äusipiackie staltfinde» wird?) — «locker: 3a» ist iclbstverständlsib. (Rufe: Bei Zbne» ist da» nicht selbstverständlich, sie ichliesten, nachdeni sie geiproche», einfach die Bersaminlnng. Wir verlangen eine Garantie, daß eine freie Ti»e»ision stattfindet.) — «locker: fassen «io mich nur znnaänl ivrechen, alsdann soll Zedern, der sich znm Worte meldet, volle.Redefreiheit gewährt werden. tRuse: Schlauberger! färm f Rllr ungern babc ich Sie in dieier Znlilntze;n einer Berfa,nmlung eingeladen, die jüngslen Bolgange baden mich aber daz>l genölhigt.' lieber de» Ausfall der Wahl in Rensieiiin welden die Anti'einile» sehr erfreut iei». (Rufe: Za wohl! Ählwardt soll lebe» doch! Zorn er soll lebe» hoch!« Zch bin der Meinung, wir haben weder llriache zu riner beionderen Riedergechlagenbeit, noch Sie zu einer beionderen ZioNichleii (Rute To-k>! farm.» Ter Kampf im Wahllreise Reu Stettin war die traiiligste Erscheinung. die man sich nur denken fatut. («lnrinisäie» Hohn gelachter. Bei'all „nd farm, i Zch wnstte von vornherein, dass ich in Reu- Slelnn niiierlirgen iverde. , Slul liinches Hohngelächler, Beifall und furchtbarer Ru'e: Fauler Mumpin! Wesdalb gingen sie denn erst hin?» Mir wurde > o» den dortigen cdhrifiuäi soriaien da» Mandat ichon angeboleu, »och ehe an eine Än'io'ung de» Reichstage» zu denken war. (Rufe: Aber trotzdem durch' ge'allen' Zch bade auch von vornherein meine Eandidatnr nur als eine Zähl eandid.iinr beirachlet ,.Hohngelächler. Rute: Trauben und lauer! Fauler Mninpitz! 3chai>iber>,er!i sowohl Herr Ahlwaldk al» auch Herr Förster haben durch Perbieiiniig von Uiiwabrbeilen gesiegt. < slürimche, lang andallernde Pfuirufe. Rufe: Rau»! Ran»!', Zch niiist bekennen, ich habe es mit großer Freude be griistl, das; ich durch meine Aufstellung im Wahlkreise Re» Stettin Grlegenheil fand, ivirob! den Ählivardtiennl» als auch da» Böckelthlim z» bekäinplen , Stürmiut ec Beifall »nd langattdanernter betäubender färi». Rufe: Frechheit. Genie,»heu! Wir lafien ,,„» nicht befchimvfen. Raus! Ran»! Herunter von der Btibne! Wir haben genug gehört!, Herr Böckel halle schon lange vor der ReichSlag»a„flo>ii,!g geulirieben: er miiife mich an« meinem Wahlkreise siegen verdrängen. iRnie. TaS ivar auch Rechr.) Run, Herr Böckel bekam in siegen und ,ch II.i;<x» silinincn. Bei der Stichwahl empfahl Böckel den Änliiemilcn, für ineinen Gegcneandidateu, den Rational fiberalen Trcsler, zu stinimen. iRn'e: Pf,,,! Gemeinheit! füge. Furchtbarer, langandaiiernder Scandal.) Meine Herren! Zn dreier We>ie gehl e» nichk weiter. »Rufe: Tann provociren sie doch »iän!> Wir iverden die Ber'annnlung auf fünf Mlnulen Verlagen. Wenn alsdann die Antisemiten, die wir ja Älle> beim Rainen keiinen, weiter scandal machen follle», -c iverden wir von unserem Hansrechr Gebrauch machen. tHohngelächier. färm c Rach Wiedereröffnung der Beriammlnng fuhr Stöcker fort Was ich iiber Bocket iagle, lst unbestrellbar, ich war und biil daher gen ölh i gl, Bocke! bi» auf» Blnl;>l bekä »i pfen..,Pfuirufe, fürm.r Ter anli lemiliiche Rbgeoidirele Zimineriiiaini bal in einem Flugblatte ge>agl: Tie Eon servalivcn sine v.rstolll und vcniöckerr. c Slürmücher Beifall »nd heftiger färin Riii, : Ta b>i Zimnleiinann nur die Wahrheit geschrieben!' Wie ein Äntisemil!>- ein,.»» schreiben kann, ist mir unbegreiflich. Rufe: Erst recht! fäiiil.» Tie xamv'esarl Alnwardi's bai es mirzur Pflicht gemachl, auch bei der Rachwahl i» Ren Stettin zu cand diren, gleichviel, ob sieg oder Riederlage, »slürmifcher Bel'ail und l eflige P'uiriile, Pfei'en lind schreien, i lieber den heutigen Scandal na die cudenpreffe die größte Fronde empsinden ifarm. Ruse: Tara» sind «ie . .: ul. ' T'.'ii »ll livardt und H,xr Föistor haben mir der «chnapslnge de» Wahl l.e>: Re.i sl>!liN erobert «fang andauernder färm, Pfeifen lind schreie». Rufi ,>>. i ' .■;:! tiienieinhell!» Ter Borsivente läßt eine Pailfe einlrelen und toller: -.i,: ii i.iugeu Mauil Rainen» Traulmann auf, de» «aal zu verlasse». Rach »u .». m s.audal verlaßt dieser den «aal, kommt »edoch mehrmal» lttruck. v last .er s-andal immer von Reue»! losbricht. Endlich gelingt es Herr» Stecker, wieder zu Wvll;» kommen: Ich bin stetS öffentlich und privairm für Heir» Ähiwardt eiiigelrelcn. Zch muß denselben aber bl» a»'»B>nl bcko.liipfcil, nachdein er in einem Flugblatt verbreitet bat: Wenn der atme Mann einen Schnaps für i> Pf. trinkt, dann iniiß er 4' .. Pf. Steuer zahlen. «Rufe: Ta» stiinnil ja auch! färm.) — Stöcker: TaS sinnmt Nicht, da» ist eine füge. , Furchtbarer färm. Ruse: Ta hört doch aber Alles an'! Ählwardt >agt weiter: Wenn der reiche Mann für 1 Mark ein Glas Wein lrinkl. dann zahlt er nur!<» P- Steuer. lRufe: so ist es ja auch!) Zin Weitere» bat Ahlward: in einem Flugblatt geschrieben: Tie Eonicrvanven sind beiniilu, alle sleucrlast au! die armen feule abzuwälzen. tRuse: Pfui! 3o »st e» m auch! Tie conservalive Partei ist auch eine Judenpartc i! fang andanernöei fäim / Zch werde Ihnen den Beweis fuhren, daß Nr. 69. die Behauptungen Ahltvardt'S untvahr. sind, («türmische llnterbrechung. Rufe: Ähiwardt hat Recht, Ählwardt soll leben hoch! — Tie Antisemiten steigen aus Tische und «iühle und bringen aus Ählwardt ei» Hoch aus.) — Stöcker stellt eine Bercchnung aus. Danach ruht aus dem GlaS Schnaps eine Steuer von I'/, Pf. (Rufe: Der ztveile Miguel! RächstenS »vird Slöcker Finanz minister!» Wie kann Herr Ählwardt behaupten: die Eonservaliven seien beinüht, alle Steuerlast aus die armen feule abruwälzen? (Ruse: TaS ist doch wahr! färm ) Wir Conservativen haben im preußischen Abgeorbnetenhause jetzt Steuergcsetze geschasse», die gerade eine Belastung der Reichen und eine Entlastung der Ärmen bedeuten. (Heftiger färm Ruse: Fauler Mumpitz!) Ich gebe zu, daß die febenSiniltklzölle die armen ffille bedrücke». (Rufe: Äha!) Aber man darf doch nicht vergesien, daß aus deil inbireclen «leuern ei» großer Theil der Xosten der Nufall- und Jnvalidknversichernng bestritten wirb, (färm.) Herr Ählwardt ging aber »och weiter und sagte in einer im slieu-Stettiner Wahlkreise stattgesundeneil Bersainmlung: Der ländliche Grundbesitz müßte unter die armen feule vertheilt werden. (Stürmische Unterbrechung.) TaS ist doch ein demagogisches Treiben.'wie eS Ichlimnter nicht gedacht werden kann, («lüriktiiche, langandauernde Pfuirufe. Rufe: Fiechheii! Geineinheil! Schluß! Schluß!) Tas ist ja ein EoittinuniSmiiS, wie er selbst von den Social Demokralen niemals verfochten »vorde» ist. (färm.) Rachdem von anlisemiliicher Seite mit solch verwerslicheu Mittel» gekümpsl worden ist... . sFi„ck>lbarer, langantailernder färm, Pfeifen und Schreien.» Zch wiederhole, nachdem mit derartigen verwerflichen Mitteln von antiseinilischer Seile gekämpft worden ist, hielt ich es für meine Pflicht, der ich der Baler des AntisemiliSmu» genaintt weide (Rufe: Aber jetzt nicht mehr!»'! eincin solch demagogischen Treibe» enl gegenziilreteu. (Heftiger färin.) E» ist eines Änlssemite» unwürdig. (Stürmifche Unterbrechung. Rufe: Sie sind ja kein Änlisemii! Sie sind ja ei» Zu de» valron geworden!» ES schädigt i» höchste,» Maße die aniiscmitische Be weguiig, wenn in dieser Weise die Begehrlichkeit der Maffei, gereizt und die Besitzlosen gegen die Besitzenden ausgehetzt werden! (Furchtbarer färm. Ruse: Wer hat nnS denn z» Äntiseiniten gemacht?) Einem solche» Unsng muß mit aller Macht gesteuert nvrde». (fäNn.) Herr Böckel hat in Hessen rin Flugblatt verbreitet, in dein nicht ein Wort von bcii Zuden enthalte» ist Zu diesci» Flugblatt wirst er aber der Regierung vor, sie wolle durch Borspiegelung salicher Thalsacheli sich emen gefügigen Reichstag schaffen, (färm. Ruse: Ta l)at Böckel Rechr.) Herr Böckel hat schließlich die angebliche Borspiegelung falscher Tchaliachen gntgehcißen und für die Mililärvorlage gestiinml. (Ruse: DeckilngSfrage!» Die Teckstngsfrage ist bis heute noch nicht erledigt. Wenn ein Manu, wie Böckel, der an der Spitze der antisemitischen Fraclion steht, mit derartigen Waffen in de» Wahlkampf zieht, daun muß ich ihn doch al» politischer Man» mit allen Mittclit bekämpfen. (Furchtbarer, langandauernder färm. Ruse: Zst denn keine Polizei da? Die Bersainmlung war nämlich nicht polizeilich überwacht.) Böckel hat Herr» Ählwardt einen Fatzke genannt, wie konnle sich Ähl ward! unt solch einem Mann wieder befreunden? (Ruse:' Haben sich wieder vertragen!) Sie denken: Fatzke schlägt sich, Fatzke verträgt sich. «Slüritlischer Beifall und furchtbarer, laugandauernder färm. Rufe: Selber Fatzke!) Zch gönne sowohl Herrn Ählwardt als auch Herril Förster de» Sieg. «Ruf: Ra! Ra!) Zch beneide sie aber nicht, laß sie durch derartige fügen und Manöver ihre Mandate errungen haben. (Stürmischer Beifall.. Pfeife» und Schreien.) — „Schriftsteller" Willberg bemerkte, ebenfalls häufig durch färin unlerbrochen: er bedanre, daß Hofprediger Slöcker, den er stetS hochgeachlel habe, den Herren^ Ählwardt und Böckel fügen vorgeworseu habe, er dnrsle doch^- büchstcn» von Zrrthum sprechen. Zin Znleresse des deutsche» Bolle» liege es, wenn die «lreitan begraben werde — Stöcker erwiderte: Ehe der Znhalt der verlesenen Flugblätter u. s. w. nichtwiderrusen sei, könne die Streitaxt nicht begrabeil iverden. — Unler surchlbarein'färm betrat alsdann Restanraleur Bodeck die Tribüne. Tiefer griff ganz besonder» die Eomervativen a». die durch ein lügenhaftes Flugblatt den Abgeordneten Werner au« seinem Wahlkreise verdrängen wollten Tie Eonservaliven versichern schon seit viele» Zähren, daß sie für die Hebung der unteren Elaffen und de« Mittelstandes wirken wolle». Bisher ist es aber immer nur beim Lersprechkn geblieben. (Beifall »nd farm.) Herr Tr. Förster, fährt Bodeck fort, schrieb mir: Tie Agitation des Herr» Hof Prediger a. T. im Reu Stettiner Xreise spottete jeder Befchreibilng, ja sie war geradezn schmutzig. (Stürmischer Beifall und furchtbarer färm.) Der Herr. Hoiprediger a. D. sollte sich schämen.... Bei diesen Worten erhob sich rin wahrer Höllenlärm. Eine Anzahl fente stürmte ans Bodeck zu und versuchte ihn gewaliiam von der Tribüne zil ziehen. Dieser suchte sich mit einein Bierseidel zu veriheidigen. Äus der Tribüne entspann sich eine Hauerei. Alles drängle »ach der Tribüne. Tische »mb Stühle krachten. I» diesem Ehaos schloß der Borsitzende die Bersaminlnng. Zn verschiedenen Gegenden deS Saales kam es zu heftigen Rempeleien. Rur allmälig verließe» die Bersammelten den Saal iliiter dem Gesänge: „Teutschland, Deutschland über Alles". — Slöcker ernlel, was er gesäet hat, »nd mit Recht ward ihm, als er darüber klagte, daß man die Begehrlichkeit der Masten reize, die Besitzlosen gegen die Besitzenden aufhetze, die Antwort zutheil: Wer hat »ns denn zu Antiseiniten gemacht? („Ter Ütfolf im schafSllkidk "> Auch in einer spätere», Montag den 24 d. M. stangehabte» Berliner Anlisemileuverjammlung wurde Slöcker und