Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 69 (30.7.1893)
- Date
- 1893-07-30
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/4886575-5439157-5441437--0728-4887234- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Freie« Blatt. Seit* 5 Nr. 69. (Tic Juden in Lpanicu.) In einer Madrider Eorrcsponde»; der Berliner „Indischen Presse" wird über big Inden in Spanien Folgendes berichtet: Die Zahl der in Spanien lebenden Juden ist eine sehr geringe. Seit 1402, in welchem Jahre die Vertreibung süniintlichcr Juden auS Spanien erfolgte, bis in die jüngste Vergangenheit hat kein Jude auf der iberischen Halbinsel sich niedergelassen. Die von Ferdinand dein Katholischen und von Isabclla gegen die „Ketzer und Inden" erlassenen Gesetze blieben ofsiciell bis zum Jahre 1860 in Kraft und machten die Ansicdlung von Inden »»möglich. Seitdem im | Jahre 1860 die Constitution erlassen und die Religionsfreiheit pro ' clamirt wurde, wohnen einige wenige Juden in den verschiedenen Städten Spaniens zerstreut. Indessen ist nach wie vor eine öffentliche religiöse Procession, z. B. Aufzüge bei Hochzeiten, Leichenbegängnissen re. für Richlkatholikcn (Inden und Protestanten) nicht geradezu verboten, aber durch eine Polizeivcrordnung «»zulässig erklärt, weil gefürchtet wird, daß durch solche Kundgebungen der Fanatismus erregt und leicht Ruhestörungen hcrbcigcsührt werden könnte». Als im Jahre 1881 König Alfons XII. den Jude» die Rückkehr nach Spanien gestattete, um so das vor vier Jahrhunderten an ihren Borfahren begangene Unrecht zu sühnen, zog eine Anzahl jüdischer Familien »ach Toledo, mußte dasselbe aber bald wieder verlastc», weil der fanatische Pöbel sie daselbst nicht dnldcn wollte. In Toledo, dem Sitze des Fürstprimas, waren die beiden bedeutendsten Kirchen ans Synagogen in christliche Bcthänscr »mgcwandclt worden: cs soll sich noch das ganze Zubehör einer Synagoge, auch die Thorarollc», darin bcsindcn. Tic hochherzige Anregung des Don Isidoro t'opcj Lapnya, einem Thcil russischer Inden in Spanien eine neue Heimat zu schassen, scheiterte daran, daß eine Anzahl russischer Flüchtlinge vorzeitig, che auch nur die allerersten Borbcreitnngcn zur Berwirklichung des großangclcgtcn PlankS getroffen war, hichcr kam. Hier in Madrid wohnen ungefähr 40 jüdische Familien, darunter die Vertreter der Bankhäuser Rothschild nnd Erlanger. Dieselben nehme» hier eine geachtete Stellung ein, sehr zum Acrgcr gcwisier Kreise. So hat einst einer der ersten Geistlichen, der Residenz in seiner Predigt in häßlichen Ausfällen dagegen geeifert, daß christliche Damen, darunter Vertreterinnen der höchsten Kreise, in jüdischen Häusern verkehre». Die Sache hat viel von sich reden gemacht und mit der Versetzung des Geistlichen geendet. Es ist das iinmcrhi» ein Beweis für das Ansehen, welches die Juden in der Hauptstadt Spaniens genieße». Daß dies im Lande nicht weniger der Fall ist, ersehen Sic daraus, das; mehrere Inden Eonsulcn sind. In Eadix fand ich eine ganz beträchtliche Anzahl maurischer Juden, welche sich zu einer Art von Gemeinde zusammen gcthan und dieselbe durch ihre rührige Geschäftigkeit mit allen nöthigcn Institutionen ansgcstattct haben. Sic fristen ihre Eristcnz zumeist vom Pantossclhandcl. Auch in Huclva traf ich einige jüdische Familien: in dessen Nähe, in Rio Tinto, wird Bergbau nnd Mineralicnhandel getrieben, und auch die Juden nehmen daran Anthcil. Die größte jüdische Gemeinde der spanische» Halbinsel befindet sich in Gibraltar, wo gegen 5)000 Inden wohnen, die sechs Synagogen besitzen. Gibraltar gehört bekanntlich den Engländern, und hier hatte denn der Geist der Freiheit nnd Toleranz die Inden schon längst vo» allen Beschränkungen erlöst: Aber auch im übrigen, eigentlichen Spanien, wo znerst und am längsten Glaubenshaß und Glanbeiiszwang ihre SchreckenSfackel ge schwungcn, beginnt cS zu dämmern. lWic Bich aus der Gciiitindc ffctricbcn.) Die nichts weniger als judenfreundliche „Vocca' B otosa »ilor" erzählt, daß im Dorfe Ihancfchti bei Dorohoiu in der Moldau zwei jüdische Familien wie Vieh aus der Gemeinde getrieben wurde», nachdem deren Habe von Leuten des Primars aus den Häusern geschasst und auf das freie Feld geworfen worden war. Wie daS genannte Blatt bemerkt, begreife cS wohl den Bestand eines Gesetzes, welches fremden Vaga bunden den Aufcnthqlt in den Dörfer» verbietet. Die Art nnd Beeise, wie dieses Gesetz,aber jetzt vollzogen werde, richte sich nur gegen die ihren Lebensunterhalt mit härter Arbeit verdienenden einheimischen Jude». 2\us antisemitischen Vereinen und!?er sa,mulmigen. lSonntagsarbeit.» Die Agitation der Wiener Alitisemiie» ruht auch a» Sonntagen nicht; besonders fleißig waren sie am letzte» Sonntag, an welchem sie in-Kalksburg, in Maria-Laach, in Braunau am In» nnd in Groß Tajar bei der Arbeit waren. In Kalksbnrg, nicht etwa im Jesuitcnlloster, sondern in einem Wirthshause, verkündeten Lueger, Polzhofer und Schneider die' antisemitische Heilslehre. Daß namentlich Schneider bei dieser Gelegenheit wieder tinige erbauliche P.odeu seiner Wahrheitsliebe gab, ist setbstveiständlich Ben» Abmarsch vo» Kalksburg erstrahlte zur „Ehrung der ainisemiliichei, Sache" ei» Gebiiudeconipler, i» dein sich Kellereien eines WitibeS befinde», in einem, wie der antiscmilische Moniteur sich originell ansdrückt, „seenhzislen Lichterglanze". TaS Wirthsgewerbe ist im klebrigen da». einzige Geschäft, dem die Wiener Antisemiten nicht bloß Hilfe versprechen, sondern sic auch, wenigstens einzelnen Individuen, in Wirklichkeit gewähren. — „Hoch oben" am Janerling in Maria Laach unterhielt Bcrgani eine Banernverfammliina über die Wirk,amkeil des niederö.'.erreichifchen Landtages und die „schrittweisen vrsolgr der Antisemiten". Ter Bürgermeister von Maria-Laach sagte dann, wie Bergani'S Blatt knnd und z» wisik» lhut, „in warme» Worten de» Tank der Wähler ihrem hochgeschätzten- Abgeordneten nnd versicherte ihm unter dem Beifall der ganzen Bcrjammlung, daß sie Alle stets treu nnd unentwegt;» ihm stehen werde», er möge getrost ohne Rücksicht aus die viele» Feinde, die er da und dort habe, in dem Sinne für daS arbeitende Volk weiter wirke» wie bisher". Was welden wohl die „Unverfälschten" dazu sagen? Nach deren Ansicht erfreut sich ja PolonSki nur beim „Phönix" einer hohen Schätzung nnd hat seine bisherige GeschäftSpraxiS nur ihm gknützt. — In Br-aunau am In» gastirte vor einem relativ zahlretche» Publicum Paltai. Seine AgitationSrede enthielt auch hämische Bemerkungen über die de» Reactionäre» aller Schatlirungen nicht zusagenden Borkommnisse anläßlich der Enthüllung de« Hasner Denkmals in Ischl, nnd er prophezeite den Tod deS bereits im Abstcrbe» befindliche» Liberalismus. Pattai sollte das „Wahrsagen" ausgebe». Er hat ja auch daS Ende der Zeit für Agitationen angetiindigl nnd nuiß nun als cinnmis vovanvnr derjenigen, gegen welche jene Aniündigung eigentlich gerichtet war, AgitationSreisen machen. — In Groß-Tajar endlich bereitete Geßmann dem ewige» Turchsallscandidale» Navratil eine unbändigliche Freude. Er schilderte die ^Zustande im Abgeordnelenhause so, daß »ach dieser Schilderung die dort ans Znaini nnd Umgebung versaminelien Antisemiten dein Abgeordnete» Hübner ihr Mißtrauen auSsprachen. Ein unfchnldigeS Bergungen! Bei seinen Mandanten schadet eine solche Kundgebung Herr» Hübiipr gewiß nicht. — An demselben Tage versammelte» sich Ratin und andere rumänische Irredentisten in Hermannstadt nnd zogen dort gegen den magyarische» „IndenIiberalismuS" los, wobei sie sich auch zur Einichüchtcrnug desselbenauf ihre Wiener Gönner und Freunde beriefe». (Lossagung von den Tivoli-Brüdern.) Tie Radau-Antisemiten i» Preußen sägen sich allerorte» von den Tivoli Brüdern loS. In'einer Berliner Berfammlnng sprach Ahlivardt über daS Thema: „Der Anliseniitismns und die Eonsetvativen". Er ging »ainentlich aus einen Artikel ein, welchen die „Evangelische KirchenzeitNng" unter dem Titel „Klarheit" gegen ihn nnd seine Partei gerichtet »nd de» daS „Bolk" wörtlich abgedrnckt hatte. Wer de» Artikel geschrleben, sagte Ahlivardt, darüber könne wohl kein Zweifel obwalten. Er, Redner, habe de» Hofprediger Stöcker verehrt wie kein Anderer; daS Tischtuch sei aber schon zwischen ihnen eiitzwei geschnitten gewesen, als Stöcker erklärt habe, daß man eine Aushebung der Iudkiiemancipation heute nickst mehr anftreben könne. Bei Leute», die so denke», sei von Antisemitismus keine Rede. Tie legte» sich daS antisemitische Mäntelchen nur um, um Bauernfang darunter zu treibe». Sie möchten ans ungesetzlickstin Wege nur die Jude» ans dem höheren Justiz- und Schuldienst fernhalle», »m die Stellen für sich zu haben. Jetzt den Juden de» Eintritt in die Verwaltung und Armee it.T w. zu wehren find zu erschweren, sei ein Unrecht gegen die Inden. Und Unrecht wolle der Deutsche de» Inden auch nicht ihn». < Schallende Heiterkeit; ironische ZustinlinnngSrnse.*) Räher ans einzelne Stellen des erwähnte» Artikels eingehend, erklärte der Redner, daß er jetzt einsche, wie sehr er sich iin Eharaktcr des Herrn Stöcker geirrt habe. Er. müsse sich vo» solchen Leute» abwenden, die Einem die Hand drücken »nd gleich daraus ei» Bein stellen. Auch Herr jlieberinau» v. S onnen-berg habe ihm, dem Reinen, da» Schwert in den Rücken gestoßen »nd ihn unsähig zum Kamps machen wollen. TaS Ziel dieser Leute >ei, die Antiseiniteii zn Falle nnd Eonjervative an deren Stelle zubringen. He>r Stöcker, habe viel von den Juden gelernt. Mit welcheiii Rechte maßte sich Herr Stöcker a», über ihn. den- Redner, und Tr.' Böcke! ein Ketzergericht abzuhalten und ihnen Religigsiläl abjnsprechen'• Das sei eine Geineinheit erste» Ranges; DaS könne nur ein Hettchler, der daS Ehristeuthuni benütze, um politisch egoistische Zivecke z» vet folgen. Tic Eonservativen seien eine Ständepartei und. Schutzengel der Iudz». Bei de» nächsten Wahle» werden die echte» Antiseiniteii ganz Pommern erobern. «Sliirmischer^Beifall.) — I» Elberseld beschloß ein Parteitag der Anlisemite» „deutsch socialer" Färbung, bei keiner Wahl mehr ans die Tivoli Brüder Rück sicht zu nehme». (Ter „Iudknpatron" Stöcker.) Der Bruderzwist im Lager der reich» deutsche» Radau und Tivoli Antisemiten kam besaüder» scharf in ciucr Berliner Bersaminlnng zum Ausdruck, die von Anhängern Stöcker» einberuse» u»d vorigen Freitag abgchalten wurde. Da laut önenllicher Anlündigung Stöcker über die Wahl in Neu Stettin sprechen.wollte, so waren die Anti semiten Ahlwardt'scher Richtung i» Hellen-Haufen im BersammtungSloeal er schienen. Ans K Uhr AbendS war der Beginn der Bersammlung angesetzt, allein *) Für daS RechtSgefühl der Antisemiten ist wohl nichts bezeichnender, als daß die Erklärung, man wolle den Juden auch nicht Unrecht lhun, schallende Heiterkeit und ironische ZustimmungSkiindgebungeil hervorries. Tie Red. t