Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 69 (30.7.1893)
- Date
- 1893-07-30
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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feite XLYII. Beilage zum Freien Blatt, Mrgau überall in den östlichen Gegenden eine große Anzahl dieser Doetorcn verschiedener Grade, Maggid, Talmid, Hakhain, worunter viele, wie ehedem die Rabbiner selbst, von ihrer Hände Arbeit leben.'“) Diese talinudische Wissenschaft ist allerdings für uns ein eitel Ding. Sic scheint uns eine unfruchtbare-Gelahrtheit vou Worten und Formeln, (iiiic müßige und hohle Dialcctik, kindisch und greisenhaft zugleich. Diese kleinen polnischen Rabbiner von elf und zwölf Fahren, welche vor ihren bewundernden Glaubensgenossen allerhand Thesen über die bizarrsicit Porwürfc der talmudischen Kasuistik verfochten, haben für uns etwas kläglich Lächerliches. War diese Wisscnschafl vielleicht nutz- und wcrthlos bezüglich dessen, was sie lehrte, so war sie dies nicht allemal für den Geist, den sic bildete und schärfte. Es verhielt sich mit diesem pedantischen Unterricht in der Talmud-Thora oder der Melamcd wie mit der lateinischen Rede und dein imnüven Zeug in unseren Gymnasien.. Was für das Vcbeii nichts taugt, ist häufig dem Geist am dien lichsten. Die Gcmara hat während Jahrhunderten die Geisteskraft Israels BolligirHebungen unterworfen, welche ihre Behendigkeit noch erhöht haben. Derselbe Talmud, welcher sie in ein Eiscnmieder cinznschnüren schien, hat;» ihrer Schmcidignng beigelragen. Bian hat häufig die Bemerkung gemacht, daß dir Theologie für den Geist eine Abrichtnngsschule ist. Bon Tallcyrand bis Renan haben Diplomaten und Gelehrte, jene Alle, welche auf Seminaristenbänken gesessen, dieselben geistig schnctlkrästiger und gewandter verlassen. Wiederholt ist darauf hingewiesen worden, daß die theologischen Facultälcn piel zu dem wissenschaftlichen Bor rang Deutschlands bcigctrage» habe». Die Religionswissenschaft ist vielleicht das beste Instrument, um die Berfiandeskräfte scharf zu mache». Für Inden wie Ehristen ist dies gleich wahr. Die Erörterung der Ehalakhot, die Unterscheidung und die Bcrgleichung der Meinungen der Tanaim, selbst die Spitzfindigkeiten der rabbi nischcn Tialeetik haben de» israelitische» Geist geschärft. Sogar iin verflossenen Jahrhundert, zur Zeit des Berfalls und dcr'Foriilcl Herrschaft, als in den polnischen Jndenschaslcn die Pilpul- oder „Pfeffer kvrn"-Mclhode im Schwung war, haben die rabbiuifchen Schulen noch fortwährend die Spitze des Geistes Israels feiner zngefchliffcn. Geist und störper des Juden und solcherweise durch den Talmud ausaebildct worden. Umsomehr, als die Mischna nicht bloß eine theologische Abhandlung, sondern mehr »och einen juris und die Geniara einen Gesctzeseomincntar bildet. Das Rechts studium aber ist für den Bcrstand gleichfalls ein Schleifstein. Tie Schneide des jüdische» l^eifies ist denn auch scharf wie eine frisch geschliffene -lljngc. Anstalt sich in abstraetem Denken, ohne Thal sächlichkeit zu ergehen, üble sich der Scharfsinn der l^emara anslegcr vorzugsweise an eoneretcn thalsächlichen Fragen, an den Vcbcnsregcln und den mosaischen Satzungen. Die Haggada, der Vegcndcnlheil des Talmud, lieferte zugleich der Einbildnngskrast Israels Rahrung. D och das war nicht Alsts, das Feld der rabbi nischcn Studien war ein merkwürdig weites. Ich wüßte nicht, welcher Wissenszweig oder welche wissenschaftliche uöruudlehre iti den jüdischen Schulen nicht berührt worden wären. Mißachten wir nicht jene alten Rabbiner des Mittelalters inst den fremdartigen RaNien. Wenige unserer großen Scholastiker haben eine so viel seilige Bildung , besessen; vielleicht vor keinem unserer Sorbonne Gelehrten haben sich so weite Ausblicke nach so verschiedenen Rich tungcn aufgclhan. Der Rabbiner war kein Priester: seit der Zer störung des Tempels hat Israel keine Priester mehr im eigentlichen Sinne. Der Rabbiner war Gl'lehrter, Goltcsgclehrter und Rechts-! gelehrter zugleich, Roch mehr, er war auch zugleich Arzt, und z^var kraft des Talmud, in welchem. Heilkunde und Physiologie euien breiten Raum einnehmen.114) *4’) %2ief)e : „I/Kmpire iles Tsars et les Kusses-1, Bank III; la Religion. Buch IV, Lap. III. Siehe beispielsweise bei Tr. Rabbinowic;: ,.l.a Me.lecine <iu Talunul". zur Abwehr des Antisemitismus. Tie Beliebtheit der jüdischen Aerzle im Mittelalter ist bekannt-: ^nahezu alle waren Rabbiner, wie die Rabbiner fast säinnilltch Aerzle. Dfl war . der Rabbiner auch Mathematiker, Astronoin, wie Abraham Ben Ezra, gleichfalls kraft des Talmud und des' Glanbensgefctzcs, welches zur Bestimmung der Festlage ntid des Kalendersdie -Lcnnlniß vom Vaufe der Gestirne brauchte. Und <tte" ob k>ies noch iiicht genügte, war^n die Rabbiner sämmtlich Sprachenkenncr und fast Alle Reisende, die.mehrere Sprachen beherrschten und mehrere Böller kannten. Ta sie das Studium der lodten. Sprachen betrieben und die alten Schriftlcxle entziffern mußten, so waren sie nothwcndigcrweisc auch Grammatiker und mehr oder minder Sprachforscher. Biele sind große Uebersevungskünstler vordem Ewigen gewesen. Solchergestalt hat sich der Jude zum -Kärrner gemacht, ivetcher den Gedankcntransport zwischen Asien und Europa, zwischen dem Muselmann und dem Ehristen, zwischen der Philosophie "und der Wissenschast des Allerthums und der Scholastik des Mittelalters besorgte. In dem jüdischen Gelehrten, bei den Indios in Spanien namentlich, in dem Rabbinerdoelor steckte gcwphnlich noch ein philosophischer Dichter. Tics waren die meisten der großen Rabbiner des XI. und XII. Jahrhunderts, des goldenen Zeitalters der jüdischen Wissenschaft und Bleralur. So Rabbi Salomo» Jbn Gabirol, der Berfasscr der Fons ritm-, der Aviecbrou unserer Scholastiker, zugleich ein Erneuerer der hebräischen Poesie- und der Äiederherstellcr der Philosophie in Europa: so Rabbi Jehuda Hal'-vy, der Arzt von Toledo und der^Paläsrina Pilger, der Philosoph desKhosari und der Tichter der Zionide», dessen hebräische .Strophen über Jerusalem heute noch den -Lindern Israels Thrüncn entlocken: Jchuda Hal>-vy, „ein großer Dichter", den Heine besang, „ein Dickster von Gollesgnadcn".'") So Maiiuouides, von Allen der u>'rößtc, Moi>- Ben Maimu», der zweite Moses, gebürtig aus Eordova, erzogen in Marokko, begraben in Tiberias, der in feiner Jugend eine Zeillang Kaufmann gewesen, dann tzeibarzl der Sultane von Eairo, Fürst oder Ragid her cgyptischen Juden, Maimonides, der große Meläphyfiker Israelis, Gesetzgeber oder Berfasscr der Gefeyessaminlung des Jndenlhnms. Sellen hat der Mensch, die Mcnschenpstauze uueDilliieri sagte, einen reicheren Z'ebenssafl besessen und zahlreichere 'Schößlinge nach allen Richtungen getrieben: aber kurz ist die Blüthczcil gewesen, lieber das jüdische Geistesleben ist die wuchtige Glasglocke des «Ghetto gestülpt worden: oder es wurde vielmehr, gleich jene» Bäumen, welche die Ehincien zu ihrem Bergnügen in winzigen Töpfen ziehen, in einen engen Gartcnkübel eingeichlost'e», wo feinen Wurzeln das Erdreich fehlte. Was ist da Berwuudewlichcs, wenn dieser tRist etwas Bertrnppelles angenommen Halle? Allein, man brauchle ihn nur wieder in vol e Erde zu verpflanzen, und er ent faltete stch und trieb wcilhig ie ne freien Aeste. Wir staunen häufig über die vielseitigen Fähigkeiten der Juden, über ihre merkwürdige Veichligleil sich anzugseichc», über die Schnelligkeit, womit sie" sich alle unsere Keuuiuiüe und Methoden ancignen. Mil-, Unrecht wundern wir uns. Sic find durch Ber crbung, durch zweilauiendjähriges Geisteslurncn dazu vorbereitet worden. Wenn sie unsere Wifsenschaiteu in Angriff ^lehmenj so setzen sie de» Fuß nicht ans unbekannten Boden, sie kehren vielmehr nur auf ein Gebier zurück, welches ihre Borfahren bereits erforscht haben. Die Jahrhunderte haben Israel nicht nur für die Börsenschlachlen und den Sturmangriff auf die Glücksgüier ausgerüstet, sie haben cs auch für die wissenschaftlichen .Kämpfe und die Eroberungszügc des Gedankens mit Waffen versehen. Die schwer verständlichen Abhandlungen des Talmud und die alten rabb'inischen-Schuten haben cs für die zwei modernsten Sludicnzweigc vorgebildöt, gleichsam vorhcrbestimmt: für die gelehrten 1,:') „Fa, er um re ein groger Tichter, f teilt link F-aekel feiner Zelt . . ." Heine: Fehuea Ben .Ha>em>: Noiiianzero. - -