Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 69 (30.7.1893)
- Date
- 1893-07-30
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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feite XI.Yr. Beilage zum Freien Blatt, Megan zur Abwehr des Antisemitismus. mcntdnn erschöpft. Der Wechsler, der Geldhändler, der Raritätenkrämer, der Wucherer ifr nicht der einzige Urahn des modernen Juden. «Fr beiil-l noch einen Anderen, von uns weniger Gekannten, dem er jedoch nicht minder älmlich sieht. Es wäre Unrecht, ihil zu vergessen, denn in il,m ocrkörpcn sich die Ueberlicfcrnng Iuda's, der eigentliche Geilt Israels, während der Andere, der Geldzählcr, kaum mcbr als jene «bewerbe darstcllt, welche wir ihm ausgezwangen haben. Dieser älteste und thcuersie Urahn Israels ist der Rabbiner, der Schriftgelehrte, der Talmndist. Die Seele Jacobs ist ivälirend zwanzig Jahrhunderten nicht in Bankgeschäft und Börsenivucher ausgegange». Der Geldschachcr in für den Juden lange lediglich ei» Eristenzmittcl gewesen, das einzige, das man ihm gcflallele. Richt dem Zöllner oder dem Manne des Geldes aber wendeten sich die Achtung oder der Ehrgeiz der Söhne Juda's zu, sondern dem Rabbi, dem Ausleger des Gesetzes, dem Schriftgelelirten, dem Unterrichteten, dem Hakham. Israel ist das Bolk des lieiligeii Buches gewesen, elie es das Bolk der Wechselstube geworden. Es bat sich dessen allezeit erinnert. Seine Erziehung ist eine dovvelle gewesen : es bat zwei v eli rin ei st er verschiedenen «Geistes gehabt, deren Uiilerweistingen es zugleich empfangen bat. Während es unter der Leitung des Wechslers und des Geld- Händlers 'ich für das positive Rechnen, für die praktische Seite, die >iciiutuiiV der Dinge und Menschen heranbildelc, erhielt cs unter der Leitung des Rabbiners und des Hakham seine Aus. bildiuig in der theoretischen Forschung, in den geistigen Studien, in den wissenschaftlichen Abstraeliouen. Diese beiden Slrcbcns richiungen, welche sich das menschliche Leben streitig machen, fanden sich solcherweist' vereint und gleichsam nlileinander vergesellschaftet bei Israel. Und von den beiden Wegen, welche die Thätigkeit des Menschen beanspruchen, iü der geistig höherstehende allezeit der vom auserlesenen Tbeile Iuda's, von. jener anfäieincnd in male riellen Dörgen befangenen Raee, liöchsibewerlhele, mcistbegehrtc gewesen. Bei den Juden der allen Iudcnschaftcn hat der Bangnier allemal dem 'belehrten, der Geldmciisch dem Studienmenschen den Bortrill gelassen. Wenn dies bei Israel heute nicht immer der Fall mehr in. sp liegt es daran, weil Juda unter unserer Be rulirung von ''einer Ueberliescruug abgewichen ist. * Im X VIkl. Jahrhundert noch setzten die Juden Polens einen großen Ehrgeiz darein, in ihre Familie einem gelehrten Hakham auszunehmen. Die iiiachten sich siir ihre Töchter die kleinen: hoffnungs- -vollen Rabbiner streitig und wogen sie mit Gold am> -Es gab eine 'Art-Markt für diele zukünftigen «>'clchrlcn. Die Eltern brachten sie .gewissermaßen unter.Sen Hammer, und klug bercchnciidc Bälcr, wie jener Salomon Maimun's. gaben stc nur an den Meist bietenden ab.:l"i -Salomo» Maimun, der kleine Junge eines Schenkwirtlies in Litlhanen, Halle mit elf Jahren bereits mehrere 'Abnelinier gesunden. Der junge i^elehrle setzte seine Sludien im Hculse seiner Schwiegereltern kort. In Berlin -selbst verliebt sich die T echter eines reichen Banauiers in Mcncs Mendelfohn, den Sohn . k.s E. r.st.n der Thorarollen, rein auf seinen i^elekrtenrns hin. Dm .lüde be'iizl die Bewunderung für die Wissenschaft. Bon dem Edie: :-.s Enrus bis zu dem Sanhedrin zur Zeit Rapolcon's b--d! d-.s der hervorstechendstcii und stetigsten Züge des Inteiitli.iins. S-'i den Sovherim Palästinas und den Amoratm Babnl.. n.e :>r :X uieualilivus Israels, jener Mann, in welchem > Iaeob '..b r r.i.rr. ä :. d-.r Schringelelirte. Man nimmt es überall . wahr, NN Ta.:,:, d. der Bibel, sogar im Evangelium. r. ie Wis',:i'.i>as! in während zweitausend Jahren der einzige' anerkannte Llandesüiiier'chied. bei Israel gewesen. Dem Gelehrten kommen alle eAiren zu. - „Der «belehrte," sagt der Talmud, „kommt vor dem .'tönige: der gelehrte Zwitter vor dem unwissenden; ,. L.'.sii'.Sii '.A-UIINN-. d r.'beiioge'ctiicliie", ieeausg.-geben von R. P. Moritz. Berlin, I7NU-1T'.’.J Berg». ,»rät>: .Me>c1,ia,re Ser Juden". B Xl Z 142 bi.- I4ii Hohenpriester."')' — Welcher Gegensatz zu unseren Barbaren des Abendlandes, den Franken, den Gothen oder Langobarden! Diesem Grundsätze ist Isrbel alle seine Erniedrigungen hindurch treu geblieben. Wenn in christlichen oder inuselmännischen Landen eitle feindselige Hand seine Schüken schloß, segelten die Rabbiner über die Meere, um in der Ferne ihre Akademien wieder aufzuthun. So ist gleich dem ewigen Juden der Sage, die flackernde Leuchte j der jüdischen Wissenschaft alle zwei Jahrhunderte von einem Land j zum anderen ausgewandert "und vom Criciit zum Dccident, von > Süden nach Norden getragen worden. Wenn ein königliches Edict. > einem Inden eine dreimonatliche Frist zum-Bcrlasscn des Landes! stellte, wo feine Bätcr begraben und seine Kinder geboren worden,! so gab es keinen Schatz, den der Jude sorgfältiger davontrug, als ■ feine Bücher. Keine Flamme aller Ketzerverbrennungen, welche die , Tochter Zions cmporstelgen gesehen, hat soviel heiße Thränen! gekostet, wie jene Freudcnfeuer, in welche das Mittelalter die - Talmudrollen-hineingeschleudert halt Und zpr heutigen Stunde selbst, j der schmerzensreichsten für Israel seit jenem Bluturtheil, welches^! Torquemada den Eroberern von Granada erpreßt, kostet cs Juda > inmitten aller Gesetze, welche von Petersburg und Moskau auf . ihn herniedergehe», die größte Ueberwindung, sich in jene Berordnung zu ergeben, welche sich zwischen ihn und die Hochschulen drängt."^ lehren wir zli seinen Borsahrcn zurück. Stellen wir uns vor, was diese Gelehrten Iuda's und was ihre Wissenschaft gewesen. . Die Rabbi und die Hakham waren keine Stubengelehrten, die sich in ihre Akademie oder Schule einschlossen, sich von' der Masse! ihrer Glaubensgenossen absonderien und darum von ihrem Bolkc um so geehrter als unverstandener waren, keineswegs, sic sind jederzeit im engen und vertranten Berkehr mit dem größten -Theil Israels gestanden sie haben in Wirklichkeit seine Seele entwickelt ’ und seinen Geist gebildet. Sie sind wahrhaft seine Führer, seine Bcralher, seine Lehrmeister, seine Häupter gewesen. Das ganze Israel durchlränkle sich mit ihren Lehren und nahm leidenschaftlich für die verschiedenen wellciserndc» Schulen Partei. Alle Juden waren mehr oder minder Schristgelchrte, mehr oder weniger gebildet. Der schlechterdings ungebildete Jude, der I iunltnl-oio, wie die Italiener sagen, in allezeit selten gewesen. Bei Israel war der Unterricht jederzeit obligatorisch. Die Juden haben cs niemals so gehalten wie die Ehristen, wo. die Laien den Gelehrten die Wissenschaft überließen. Eine derartige THeilung wäre gegen den Geist des Iudenthums gewesen. In einem Sinne ist jeder Israelit Priester: jeder Jude wird zum Thorastudium verhalten. Alles, was man in dieser Hinsicht von der Reformation und dem Bibelstudium der Protestanten sagt, findet noch bessere -Anwendung aus die Juden und das Iudenthum. Das ist so wahr, dag die Synagoge „Schule" hieß. So ehemals bei unsere» ^uden der Grafschaft. Die polnischen Juden sagen jetzt noch die „Schule", die italienischen .«.triioia-. Während Generationen haben die Kinder, die Knaben wenigstens, die vom vierte» oder fünften Jahre au in die^Ehedcr geschickt wurden, im ^almud lesen gelernt. Heule noch bewährt dort, wo das jüdische Leben sich erhallen hat, mancher israelitische Handwerker oder Handelsmann in seinem Hiiuerladen irgend eine Talmudabhandliing auf, in welche . er sich des Abends nach dem Rcchnungsabschluß bei verschlossener Thüre verliest. In vielen Städten Dstcnropas, in Wilna, Berdil schcw, Warschau, Brodn, Ianu versammeln sich die jüdischen Arbeiter in ihren Klausen, um das «besetz zu studiren und darüber nach zusinne». Anstalt der Kneipe oder der Gesangvereine, welche anderswo ihresgleichen anlocken, gründen diese jüdischen Handwerker Ehebrolh für das Thorästudium. I^de Ehcbra hat ihren Maggid oder Borlei'er, den sic aus ihren Mitteln unterstützt. Man zählt 141 > Abhandlung Horajorh, UI. fiehe ..L'Kmj'ire de^Tsns et le-s. Uii^es“. Band III, Buch IV, Eap. III.