Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 69 (30.7.1893)
- Date
- 1893-07-30
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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Hkilllge 511111 Freirn Llatt, Organ zur Almirhr bcs Antirnnitismiis. Wien, I. Seiler llütte 10. Die Juden und der Antisemitismus. Israel unter den Nationen. a.'ön ilnatofc cieron-'£Sca«ficit; vom *rnii;öfHdicn 3'nnnit. Jlutorifirte Uctcncymiq. ll. *TC>rt»<ounfl. - tis in dies besonders im feiten fiiljlbav, wo feine ivälinv feiten sich frei entfalten können: 11m ans dem schmierigste», dem srömmelndsteit Orientjuden einen Westler und einen Pariser;» machen, bedarf es kaum meinals einer oder zwei (Generationen. Unter einer bisweilen schwerfälligen Außenseite birgt er die behen defie (Geisteskraft, die ich kenne. 5er Jude paßt und gleicht sich Allem an. Es ist dies seine beberrschende Fähigkeit, wurde Herr Taine sagen, »iäme er ans einen anderen Planeten, er würde sich nicht lange fremd suhlen. Diese Anvassnngsfähigkeit in alle» Dingen in von großer Bedeutung: ihr größtentheils verdanke» diese unscheinbaren Juden, die erst gestern emaneipirt worden, die Stellung, die sie bereits in der Welt cinnelnnen. Der Jude fügt sich in Alles, er ist;» Allem brauchbar, er suhlt sich überall wohl, und es gelingt ihm Alles. Zn dieser Geistesbehendigkeit,;u dieser Berstandsslinkheit ist er durch die Jahrhunderte gedrillt worden. Alles hat dazu beigetragen: seine historische Erziehung, die Bersolgnngen und die Demüthignngett, die er erduldet, die Bernssarten, zu welche» er vernrtheilt gewesen, die verschiedenen Eivilisationen und die verschiedenen Münder, Die er durchschritten hat. Meine Rare ist so harten Turnübungen des Geistes und »iörpers nnterworfeii worden. Der Jude erinnert an jene bedanernswerthen »linder, deren Gliedmaßen und »inochen für alle Gelenkigkeitsübnzigen förmlich gebrochen und ansgerenkt worden sind; er führt die ernannlichsten »iiinst reiterstückchen, die gefährlichsten Sprünge mit Leichtigkeit ans und kommt immer wieder auf die Füße zu stehen. Ein anderes Merkmal des jüdischen Geistes ist dessen »Uarheit, scharfe, Helle, Folgerichtigkeit. Der jüdische Geist'ist ein Präei siönsinstrnment, er arbeitet mit der Genauigkeit einer Waage. Der Grund ist auch hier einfach: er liegt in dem Veben seiner Bäter, in den Gewohnheiten und Fertigkeiten, welche ihm die von seinen Borsahren während achtzehn Jahrhunderten betriebenen (Erwerbe eifigeprägt haben. In Jedem unter uns leben seine Bäter fort; unsere Seele und unser Geist unterliegen nicht minder als unser Fleisch den BererbungSgesetzen. Erinnern wir uns daran, was die Borfahren des modernen Inden gewesen sind. Um ihn richtig zu verstehen, brauchen wir nur jene zu betrachten. Niemals hat das Enkelkind eine bessere Erklärung in seinen Bätern gefunden. Borzüge und Fehler der zeitgenössischen Israeliten wurzeln im Schoße der alten Juden des Mittelalters. Werfen wir auf diese fernen Ahnen einen Blick. Ohnehin ist das Geschlechtsregister des Inden leicht anfzustellen; man braucht dazu nicht die Archive seiner Ghettos zu vurchstöbern. Wir kennen seine Ahnen, einer derselben ist uns sogar geläufig; es ist dies der Pfänderverleiher, der Geldwechsler, der Raritätenhändler, der Äleiukrämer, der Trödler, der Faetor, der Mäkler, immer dieselbe Gestalt unter verschiedenen Namen und Eostümen durch fünfzig Generationen hindurch. Dies ist für uns der große Urahn, von welchem alle unsere Inden, Bettler wie Millionäre, Unenllivirle wie Berseinerle herstammen. Wir werden sofort feiten, daß er nicht der einzige ist, aber er in der Bekanntesie, der Hanptalm, wenn man so will. Der Jude hat viel von ilnn, für den Gein wie für den Eharakter. 1' Bon dieser langen Ahnenreil,e, welche dem Wechselgeschäsl, dem Schacher, deni Rechnen, der Ziffer ergeben war, hat der Jude de» . Pünktlichkeitsgeist, die Mlavlicii des Gedankens, die Schärfe - des Blickes, die Gewohnbeil, fiel, nicht durch die Außenseite be stechen zu lassen, überkommen. Der jüdische Manrinan» ist nicht leicht durch Worte und durch Schein kirre z» machen. - Seine Augen sind gewöhnt abzumessen, seine Hände abzuwägen. Er ist mißtrauisch, und das Beiläufige sagt ihm wenig zu. Man feite, wie der Wechsler mit den Geldstücken umgeltt: er prüft Metall und Prägung-, er läßt sie klingen, eontrvlirt das Gewicht, stellt fest, ob die Ränder beschnitten oder unversehrt sind. Man sehe den Edelsteinhändler, gleichfalls ein lange von den Inden betriebenes Gewerbe, wie er die Diamanten oder Rubinen dreht und wendet, sie unter allen Gesichtswinkeln betrachtet, ganz in der Ouilje,. dann entfernt, wie er sie beim Tages- oder beim vamuenlirfn funkeln läßt, indem er das Fleisch, die Durchsichtigkeit, den Glanz, die. Reinheit abschätzt. So verfährt der Jude mit Dingen und Ideen; er tveiß Alles nach feinem richtigen Werthe abznschätzen; er ist gegen -jede Bvrliebe aus der Hut. Diesen Präeisivnsgeist bringt der Jude überall mit, im Veben wie beim Geschäft, in der Wissenschaft nicht minder ime-.int Handel: es ist dies eine Stärke von ihm. Er besitzt mehr als irgend.wer Geschmack und Berstandniß für das Reale. Und wie die Dinge, so hat er auch die Menschen kennen gelernt. Er hat deren-so viele gesehen, jedes Alters,und jeder ZlW fititft, wie sie auf den Marktplatz kamen, in das Eontor seines Urgroßvaters, des Geldhändlers, oder wie sie bei einbrechender -Nacht verstohlen durch das 'niedrige Pförtlein seines Ur Urgroßvaters, des Pfänderverleihers, hineinhuschten. Große Herren oder kleine beute, Reichgewordene oder Berkrachte, Alle hat er sie gekannt: den Svieler, den Ehrgeizigen, den Berliebten, den Berschwender, den Geizhals, den Wüstling, den Unverdorbenen: er hat sie in aller-Begnem lichkeit beobachtet, in ihren Stunden des Afieetes, der Bedrängniß oder der Zeelenaugst, wo der Mensch sein Iüne.res nqckt aufdeckt. Junge und Altes Adelige und Bürgersleute, Städter und bandkeute, kamen und bettelten ihn um Borfchüfie an: er hat sie während 'Iahrhnnverlen mit Muße von oben bis unten betrachten können: find sie nicht Alle Israel's »iundschast gewesen'? Der Jude hat denn auch Witterung für die Menschen, er weiß sie zu fassen und zu beschwatzen. Bon seinen Borsahren, dem Mäkler, und dem Faetor, hat er gleicherweise die eindringlichen und schmeichlerischen Worte, das kaufmännische Geschick, die >ittnst, seine Waare ans zuputzen und seinem baden »tnnden zuznsühren, geerbt. An Ge wandtheit besitzt der Jude nicht seinesgleichen. Er weiß von langeher, daß die "Gelegenheit rasch jzrfaßt sein will, und Niemand kst behender bei der Jagd nach dem Glücke oder geschickter, es festzu halten. Braucht es gesagt zu werden? Er ist der festste Spürhund auf der Gulden- und Dneatenjagd. Wir selbst haben ihn dazu abgerichtet; er ist dazu gezüchtet worden, wie'ein englischer Hund für die Fuchshatz. ES ist unnütz, bei diesem natürlichen Geschick der Rare zu verweilen. Wir kennen es, wir laufen sogar Gefahr, seine Bedeutung zu übertreibe». Unter dieser Gestalt des Handelsmannes, des Geldjägers stellen wir uns den Juden am häufigsten vor, weil er uns gewöhnlich diese Seite zukehrl. Hüten wir uns! Bilden wir uns nicht ein, der Jude habe ti<$ jemals im Geld-