Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 69 (30.7.1893)
- Date
- 1893-07-30
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite N Nr. 69. _ Freies sogar am meisten. Ist die Börse aber nicht der Höllenpfnhl, dann sind auch nicht alle Börsebesuchcr, christliche oder jüdische, Teufel. . . . Jedenfalls find die jüdischen Spcculautcn »nr ei» Thcil der Spcculantenwelt, und wo eS keine oder nur wenige Indens gibt, da blüht der Giftbaum nicht minder. Er würde in Berlin weiter wachsen, blühen und gedeihen, auch wenn kein einziger Jude, da wäre, er würde genau denselben Segen stiften und dieselben giftigen Miasmen aus dünste». Nachdem der Verfasser hcrvorgchobc», das; die geschäftlichen Borwürfe, die man den Juden macht, soweit sie nicht von intcrcssirtcr Seite herrühren, zum großen Theil auf Unkenntniß der Gcschüftöentwicklnng beruhen, betont er den cigenthünilichen Uuistand, daß die Antisemiten an die Moral selbst gctvöhnlichcr Schacher- und (Mclb jubelt außerordentlich hohe, an die der Ehristcn ans den höchsten Höhen der Bildung und gesellschaftlichen Stellung geradezu unheimlich niedrige Ansprüche stellen. Er weist darauf hin, wie man antiscmitischcrseitS den Panamascandal gegen die. Juden zu vcrwcrthcn bemüht ist, und schließt das Eapitel mit folgenden Worten: Nach meiner vielleicht jüdischen Auffassung wäre der Panamascandal noch keine Judenaffairc, wenn hundert Herz und Rcinach und nur ein Tntzcnd Minister, Senatoren und Tcpntirter darin verwickelt wären, pn solchem Falle sind die Bestochenen, nicht die Bestechenden die Hanptübclthäter. Wenn ein Vcbcman» mit allen Künsten ein junges Mädchen verführt, das 'Naturtrieb, Leidenschaft, Eitelkeit, Uncrfahrenheit, Noth ihm in die Arme getrieben, dann hat. man Steine nur für die Berführtc. gegen de» Bcrführcr ist man sehr mildv. Wenn aber Minister, (Generale, Senatoren, Tcputirtc ohne jedes uiidcrc Motiv als gemeine (Geldgier nicht nur sich, sondern die Interessen des Batet" landcS verkaufen, sich von einigen reichen Juden, „verführen" lassen, dann hat die „Kreuzzcitn^g" nur oder doch hauptsächlich Steine für die jüdische» Bcrführcr. Ich meine, dieses Messen mit zweierlei Maß hat seine sehr gefährlichen Seiten. So lange cs sich nur um prosit lüstige jüdische Namschverküufcr und hineingefallenc christliche Närrinnen handelt, ist der Schaden vielleicht nicht so sehr groß, wenn er auch selbst da vorhanden ist. Aber cS könnten bedenkliche Zeiten kontmen, wo hochariftokratifchc Bcrthcidiger von Festungen! u. s. w. in einer unglückseligen Stunde daran denken könnten, daß die ncncstc Moral Milde übt gegen den Feilen und den Schurken nur in dem Geldgeber sieht. Freilich würde dann die wahre Moral schnell genug sich Anerkennting erzwingen, aber' eS wäre zu spät. Man hüte sich also vor zweierlei Maß, selbst wenn man eS nur zum Nachtheil der Inden anwendct. Tie Strafe bleibt nicht aus. (Alls der Äcwklilt E'Ilstllsitc.) Wir erhalten folgende Zuschrift: Tie „Socialrcformcr" jubeln, daß die polnischen Experten in der Gewerbe-EngnC-te sich dafüp. ausgesprochen haben, daß jüdischen Meistern verboten werden soll, christliche Lehrlinge zu halten. Wozu solche Bcrbote? Wenn die geplante „Reform" durchdringt, werden schon die Genossenschaften dafür sorgen, dciß cs überhaupt keine jüdischen Meister gebe. --r. (FlugschristkN.) Durch die Administration des „Freien Blattes" (Wien, I., Scilerstättc 10) können Gesinnungsgenossen folgende Broschüren gratis und franco beziehen: I. Bericht der zweiten Ge n er a lvcrsa in in l u n g des BercincS zur Abwehr des Anti-. semitiStnuS 1802. 2. Stenographisches Protokoll der am 13. October 1802 vom Bereit! zur Abwehr des Antifetnilisntus veranstalteten Protestversammlung. 3. „Die rechtliche Stellung der Inden in Oesterreich" von Tr. Gustav Heinrich Fall. Wien 1802. Berlag des BercincS zur Abwehr des Antisemitismus. 4. Bericht der dritten Generalversammlung des BercincS zur Abwehr des AntisemitisinnS 1803: — lim Wcitcrvcrbrcitung dieser Schriften unter Nicht gcsinnuugSgcnosicn wird gebeten! (Zm (koupü.) Wie das „Wiener Tagblatt" berichtet, benahm sich ein hiesiger Briefträger auf der Fahrt von Klosterneuburg nach Wien in excessivcr Weise. Er verkürzte sich die Zeit mit antisemitischen Schimpfereien, und als ihn Frauen darüber zur Rede stellten, ließ er sich eine schamlose Berlctzung der öffentlichen Sittlichkeit zu Schulden kommen. Ein Mitreisender GerichtSauScultant erklärte, er werde bei der Ankunft in Wien das Nationale des Excedcnicn durch die Polizei feststcllen lasten. Dieser entgegncte jedoch, er fei Detcctive und brauche nur sein Abzeichen hervorzunehmen, um in Wien alle im Eoupv Befindlichen arretiren zu lasten. Als aber der Zug hier in der Halle entlief, drängke der antisemitische Held sich plötzlich zur Eoup-'-thür und sprang noch während der Fahrt ab. Allein dadurch kani er nur aus dem Regen in die Traufe, denn ein Wachmann nahm ihn sofort wegen I Blatt. Uebertrelung der bahnpolizcilichc» Berordiinngen fest und brachte ihn ins JnspectionSzimmcr. Ter Gerichisausenltant und zwei Frauen schilderten sodann vor dem Eontütissür, wie sich der Briefträger während der Fahrt benotnutcn hatte. Tcrsclbe wird außer: der .bahnpolizeilichen Bestrafung sich nunmehr auch wegen Aninaßnng des Ehäraklfrs eines Tctcctivcs und wegen Bcrlctznng der ösfeutlichen Sittlichleit zu ver antworten haben. - (Furcht vor ciurr Znvasion jüdischcr Arrztc.i Ans >il>r-ge„ fnrt wird uns geschrieben: Ein hiesiges dreimal wöchentlich er scheinendes Blatt, „F reic. S t i mm rn", scheint zu glanbcu, die-Be völternng der VandcShanptstadt habe schon vergessen, daß der Jude * Tr Adolf F ischhof 22> Jahre lang in ihrer »»mittelbaren 'Nähe wohnte, während welcher Zeit er, trotz seines hohen Alters, jederzeit bereit war, einem jeden Kranke» ohne Unterschied des Standes nnd der Eonfession mit seinem ärztlichen Rathe beiznstehen, und daß er. zum Wohlc der leidenden Menschheit im Allgemeinen nnd der armen, arbeitenden Elaste insbesondere viel gethan hat. Sagte doch ein Arbeiterführer an seinem Sarge, aufrichtige Thrünen weinend, wörtlich: „Eigentlich sollten wir dir hier ein Monument errichten von Erz oder von Stein. Tics ist aber nicht nöthig, denn dein'Andenken in tief eingegrabcn in den Herzen aller Arbeiter, von welchen viele dir -ihr Veben, viele Arbeiterfrauen das Vcben und Gesundheit ihres Er nährcrs und ihrer Kinder zu danken haben. Tn warst ein Bater der Arbeiter, und aufrichtig wird dein Heimgang von uns beweint." Also obgenannteS Blatt scheint wirklich zu glanbc», Klagcnfurk habe schon einen Tr. Adolf Fischhof vergessen, der alS hervorragender Arzt ohne Eigennntz und ohne auch nur Tank zu wollen, während vieler Jahre hier und in der Umgebung eine scgcnsrciclh'. Thätigkeit entfaltete: denn sonst würde cö iirdjt in seiner TonncrSIagunmntcr von, 20. Juli Folgendes seinen Vcscrn anfsischeu: „Tie vacanle Professur der Ge burtShilfe an der hiesigen Hebammen Lehranstalt muß in der kürzesten Zeit besetzt werden. Mail sicht dieser Besetzung in ärztlichen-und auch außerürztlichcn Kreisen mit Spannung entgegen. Unter den achtzehn Bewerbern befindet sich nämlich auch ein israelitischer Arzt in Wie», dessen Aussichten für Erlangung der Stelle nicht die schlechtesten sein sollen. Für den Fall, als der Betreffende wirklich den hervorragenden Posten in Kärnten erhält, scheint uns die eine Folge bcdcntlich, daß er sich bestreben wird, ärztliche GlatibenSgenosten, deren eS ja in Wien und Nicderöstcrreich im Uebcrmaßc gibt, hercinzuzichen, wobei die eigenen Vandcökindcr zu kurz kämen. Ta nun, durch die seit einigen Jahren bestehenden Mcdicincr-Stipcndien crmnthigt, sich eine genügende Anzahl von Kärntnern dem ärztlichen Berufe zuwendet, so ist cs nur ein Gebot der Billigkeit, wenn für diese im Van de selbst Wirklings kreise geschaffen werden, beziehnngSwcisc solche ihnen vorbchaltc>rJ>lcit>en, - anstatt sie durch eine zu befürchtende Invasion von anderswo fh»a zähligen israelitischen Acrztcn zu beeinträchtigen. Wir und mit uns alle Kärntner hoffe», daß an die eingangs erwähnte '.'eh'rlanzel als würdiger Nachfolger des hochverehrten Professors Tr. Kraßnigg jener sehr befähigte heimatliche Bewerber, . welchen auch der '.'andesansfchnß >nima I<n>> Vorschlägen dürste. - berufen werde." Tie „Freien Stimmen" mögen immerhin/für den „sehr befähigten heimatliche» .Be Werber" Stimmung machen, al'er die Art, wie f(jihn von „siiditcher Eoncnrrenz" befreien wollen, ist auch, abgesehen -von der Erinnernng an das ärztliche Wirten Fifchhof'ch eines Blattes unwürdig, das eine liberale Bergangenheil hat und auch jetzt zeitweilig liberal schillert. •K I .. i'l'CtCr v. Pfilis.) A»S Prag wird berichtet: Ter Jl.'jährige Privatbeamtc Peter v. Mitis, eine der anlifeniitischen Bereinsgrösreii Böhmens, wurde bekanntlich am 20. Tecember v I. ans Prag flüchtig, nachdem er der Speditenrfirma Schenker X- Eomp. einen Betrag von mehr als 25,00 fl. defraudirt halte. Am 2-1. Juli tehtge er nun hichcr zurück und stellte sich, sreiivilli i der Behörde. Milis gibt an, daß er doö Geld nicht auf einmal, sondern in tlcinereu Beträgen innerhalb zweier Jahre veruntreut habe. Er.habe sich nach seiner Flucht in Triest und Wien aufgehalten. Er'fei dann von Triest zu Fuß »ach Madrid gegangen und von dort, da er keine Beschäftigung fand, wieder-'nach Prass zurückgckchrt. (Bestialität.) Tic tschechische Stadl Kolin war wieder der' Schauplatz eines cmpörcndcn Angriffes auf ein greises jüdisches-Ehe paar. Ein Bursche zeigte sitl; der antisemitifcheu Vehrc»' feiner Meister würdig, indem er ohne jede Beranlastung eine hochbclagie Fr»ü miß handelte, lieber dieses antisemitische FHcldenstttcklcin wird aus'Kolin berichtet: Am 23. d. M. gegen 8 Uhr Abends gingder 74jährigc Herr Josef Beutler mit seiner' bald 80 Jahre zählenden e'iittm' vor seinem Wohnhansc auf und ab. Ta stürzte sich plötzlich ein etwa 20jähriger 'Bursche auf das greife Paar, beschimpfte cS, warf cs zu Boden und entfloh. Ter Hausarzt Tr. Hermann constalirte bei